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Ein Großer ist von uns gegangen!

18. Februar 2019
Bodo Ramelow Rechtsextremismus & Antisemitismus

Noch immer macht mich die Nachricht vom Samstag fassungslos. Wolfgang Nossen ist verstorben.

Obwohl ich um seine Krankheit wusste, obwohl wir oft auch über das Sterben sprachen, obwohl Wolfgang beim Kaffeetrinken die Frage beiläufig erwähnte, ob wir uns alsbald denn wieder sehen würden, obwohl er ab und an zwischen zwei Dialyseaufenthalten immer noch mal mit mir nach Berlin fuhr, obwohl, obwohl, obwohl.

Heute habe ich Gewissheit, Wolfgang Nossen ist von uns gegangen. Der Mahner und Ermunterer, der Gradlinige und manchmal auch der Grantelige. Mein väterlicher Freund hat die Augen zugemacht und muss sich mit seinem Körper nicht mehr quälen.

Der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Wolfgang Nossen, ist am Samstag im Alter von 88 Jahren verstorben. Wer sich den Lebensweg von Wolfgang Nossen ansieht, der wird an diesem Lebensweg all die Brüche und Unwägbarkeiten sehen können, die das Leben eines Juden im 20. Jahrhundert in Deutschland (und nicht nur da) mit sich brachte.

Wolfgang Nossen wurde 1931 in Breslau geboren, nur zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Seine Kindheit war geprägt von der Verfolgung jüdischen Lebens, von alltäglicher Diskriminierung, von Vertreibung und ganz bestimmt auch von vielen Ängsten. Aber mit viel Zuversicht, Lebensmut, mancher guten Idee und sicher auch viel Glück überlebte er mit seiner Familie das Ghetto von Breslau. Nach dem Krieg musste er im Ergebnis des Krieges Breslau verlassen und sich auf den Weg nach Westen machen.

Wie so viele andere kam er nach Thüringen und wieder war es nicht seine Entscheidung, dass er hier die Schule beendete und an der Schule die Liebe seines Lebens kennenlernte. Elisabeth. Durch die Ankunft der 400 überlebenden Juden aus Breslau entstand auch in Erfurt eine aktive jüdische Gemeinde. In Erfurt selbst haben nur 15 Jüdinnen und Juden den Holocaust überlebt. Aber Wolfgang Nossen wollte nicht bleiben. Ihn zog es nach Israel, den neu entstehenden jüdischen Staat. Von Beginn seiner Ankunft in Israel arbeitete er für den neuen Staat. Er wurde Offizier der israelischen Armee und hoffte, dass Elisabeth ihm folgen würde, doch seine Briefe erreichten sie nicht. Der Eiserne Vorhang hatte Europa geteilt und Ost und West voneinander abgeschottet.

Immer wieder kam Wolfgang Nossen auch nach Deutschland, 1977 kehrte er nach 30 Jahren endgültig zurück, ohne wirklich Fuß zu fassen. Doch vorher wollte er noch einmal Erfurt sehen und seine Jugendliebe, so hoffte er und diesmal war das Glück ihm hold und er blieb in Thüringen, wo er mit Elisabeth ein spätes gemeinsames Glück fand, nach über 40 Jahren. Eine wahrlich europäische Geschichte.

„Jetzt bin ich zu Hause in Erfurt und so bleibt das. Meine bessere Hälfte ist mit Leib und Seele Thüringerin. Ohne ihren Thüringer Wald kriegt sie keine Luft. Und wir sind beide sehr zufrieden, über den Lauf des Schicksals.“

Ohne Wolfgang Nossen wäre die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde in Thüringen nicht denkbar gewesen. Ein Mann voller Tatendrang, Energie, Lebensmut, Optimismus und Humor. Viel hat er in den Jahren von 1995 bis 2012 als Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde erreicht. Aber Wolfgang Nossen war immer auch ein Mann klarer Haltung und Positionen. Von Beginn an hatten in Thüringen jene seine aktive Unterstützung und Solidarität, die sich aktive gegen alle rechtsextremen und antisemitischen Einstellungen und Haltungen, Aufmärsche und Demos stellten. Welch ein Schock muss es für ihn, der das Grauen des Holocaust erlebt und überlebt hatte, gewesen sein, als im April 2000 ein Brandanschlag auf die Neue Synagoge in Erfurt von Neonazis verübt wurde. Aber auch hier stand er unerschrocken gemeinsam mit vielen Erfurterinnen und Erfurtern und setzte ein Zeichen.

Und immer auch stand er an der Seite des Staates Israel, den er mit aufgebaut hat und den er immer wieder verteidigte, ohne immer einer Meinung mit den Regierenden dort zu sein.

Ein erfülltes Leben hat Wolfgang Nossen gehabt, ein spätes Glück gefunden. Nun hat es sich vollendet und wir werden sein Andenken bewahren.

Der Umgang der demokratischen Parteien im Verhältnis zu Nazis, zu Antisemitismus, zu gruppenspezifischer Menschenfeindlichkeit in Thüringen ist geprägt von Wolfgang Nossen. Nach dem Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge hat er zum ersten Mal allen Parteivertretern gegenüber klar gemacht, was es heißt Haltung zu zeigen. Es fiel nicht allen leicht, aber der Anschlag auf die Synagoge hatte eine große Wirkung. Mit Dank schauen wir in Thüringen auf einen Menschen der es geschafft hat, alle zum Zusammenstehen zu bringen. Ja, ein wirklich Großer ist von uns gegangen.

Nur einen Herzens Wunsch konnte ich Wolfgang leider nicht erfüllen und das grämt mich. In Breslau wurden durch das Abraham Geiger Kolleg 2014 drei Kantoren und vier Rabbiner ordiniert und Wolfgang als aktiver Förderer des Kolleg und gebürtige Breslauer hatte den großen und verständlichen Wunsch dabei zu sein. Ich versuchte alles und nutzte alle Kanäle um den Wunsch zu ermöglichen. Der Bundesaußenminister Steinmeier würde dabei sein und ich kurbelte so lange, bis ich die Zusage bekam, dass Wolfgang in die Maschine des Außenministers darf. Er saß fertig angezogen in Erfurt und mein Wagen sollte ihn nach Berlin bringen. Leider kam die Zusage erst, als klar war, dass wir es nicht mehr nach Berlin schaffen werden. Ausnahmsweise flog die Flugbereitschaft und sogar pünktlich, aber Wolfgang konnte nur in Gedanken dabei sein. Es war und blieb die einzige Ordination ohne Wolfgang und ohne mich. Sonst waren wir immer zusammen dabei. Aber ab jetzt muss ich mich daran gewöhnen, Wolfgang bei diesen und vielen anderen Anlässen nur noch in Gedanken bei mir haben zu können. Tschüss Wolfgang und Danke!

Zumindest lege ich Dir ein Stein aufs Grab.

„Baruch dayan ha‘emet“

Wir brauchen ein umfassendes Konzept für Migration und Integration

15. Februar 2019
Bodo Ramelow Politik

Viele waren erstaunt, dass ausgerechnet Thüringen am vergangenen Freitag im Bundesrat den Antrag stellte, die Abstimmung zur Frage, ob die Maghreb-Staaten Algerien, Marokko und Tunesien sowie Georgien zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden, zu verschieben. Inhaltlich hatte sich unsere Landesregierung an sich festgelegt, diesem Antrag nicht zuzustimmen. Unsere Haltung zu diesem Thema ist eindeutig und hat sich nicht geändert: Wir sind dem Konstrukt sicherer Herkunftsstaaten gegenüber an sich skeptisch, weil es am Ende dazu führen kann, das individuelle Recht des Einzelnen zu unterlaufen, seinen Antrag auf politisches Asyl mit der notwendigen Gründlichkeit zu prüfen. Hinzu kommt, dass alle vier Länder nicht hinreichend sicherstellen können, dass es dort nicht zu massiven Verletzungen individueller und kollektiver Menschenrechte kommt. Allein die Verfolgung Homosexueller in den Maghreb-Staaten wäre Grund genug, im Moment die Einstufung dieser Länder als „sichere Herkunftsstaaten“ abzulehnen.

Trotzdem habe ich am Freitag im Bundesrat für die Thüringer Landesregierung den Antrag gestellt, die Abstimmung zu diesem Tagesordnungspunkt zu verschieben. Das hat bei Manchem zu Verwunderung geführt und auch zu Kritik, weil Thüringen damit scheinbar verhindert hat, dass der Gesetzentwurf der Bundesregierung endgültig scheitert. Angeblich sei ausgerechnet das rot-rot-grün regierte Thüringen der Großen Koalition in dieser Frage zur Seite gesprungen. Und die Medien spekulierten, dass ich das Thema aus dem Wahlkampf raushalten wollen würde.

Mir geht es aber um etwas ganz Anderes. Weder habe ich Angst, im Wahlkampf über eine humane Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik zu reden, noch ging es mir darum, für die Bundesregierung die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Mich treibt um, dass wir uns in der Bundesrepublik um eine notwendige gesellschaftliche Debatte drücken, wie wir uns künftig aufstellen wollen. Sind wir bereit, uns der Herausforderung zu stellen, Zuwanderungsland zu werden und dafür die nötigen Voraussetzungen zu schaffen oder meinen wir weiter, dass uns Scheinlösungen helfen würden, an den eigentlichen Themenstellungen vorbeizukommen.

Werden wir konkret: 1.383 Menschen haben sich Ende Januar 2019 aus den vier betroffenen Ländern in Thüringen aufgehalten, davon waren zu diesem Zeitpunkt nur 133 vollziehbar ausreisepflichtig, also weniger als 10%. Von diesen 133 wiederum hatten 98 eine Duldung, bleiben also ganze 35 Personen, die wirklich ausreisepflichtig waren, also 2,5% der 1.383 insgesamt. Befassen wir uns also weiter mit 35 Personen in Thüringen und tun so, als seien die das große Problem oder kümmern wir uns um 1.350 Menschen und überlegen, welche konkreten Perspektiven wir Ihnen bieten können.

Ich bin schlicht dagegen weiter Scheinlösungen zu produzieren, die niemandem helfen, sondern nur neue Probleme schaffen. Die Einstufung der vier Länder zu sicheren Herkunftsländern hätte für die 98 Menschen mit einer Duldung bedeutet, dass sie von dem Moment an, das Recht verlieren, in Thüringen zu arbeiten. Wer kann das wollen? Niemand. Ich will nicht noch mehr Menschen in die Illegalität treiben, in inhumane Ausbeutungsverhältnisse, in eine Situation ohne jede Chance auf Integration.

Viele Menschen und Unternehmen in Thüringen sind inzwischen viel weiter als die politische Debatte. Ich darf darauf hinweisen, dass die Zahl der Beschäftigten nur noch aufgrund von Zuwanderung wächst. Der Anteil der deutschen Beschäftigten ist in Thüringen 2018 um 0,5 Prozent gesunken. Der Anteil der ausländischen Mitarbeiter stieg dagegen um 25 Prozent. Zurzeit arbeiten fast 40.000 Ausländer in Thüringer Unternehmen. Darunter waren vor allem Bürger aus anderen EU-Mitgliedsstaaten, aber auch rund 4.700 Flüchtlinge wie etwa aus Syrien. Dennoch: der Anteil der ausländischen Beschäftigten ist immer noch relativ niedrig. Im letzten Jahr lag er bei 4,9 Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt bei zwölf Prozent.

Und konkret: Ebenfalls letzte Woche ereilte mich der Hilferuf eines Thüringer Bauunternehmens. Ein Mitarbeiter, der aus einem sogenannten sicheren Herkunftsland stammt, arbeitet sei zwei Jahren in der Firma. Er steht für alles, was man erfolgreiche Integration nennen würde. Aber nun droht ihm die Abschiebung und dem Unternehmen der Verlust eines hervorragenden Mitarbeiters. Dieses Beispiel zeigt, dass wir endlich Lösungen brauchen, die Menschen Perspektiven bieten. Möglichkeiten und Chancen gibt es genug.

Das Asylrecht wird den wenigsten helfen aber andere Möglichkeiten gibt es in Deutschland derzeit kaum. Die Zugänge zu Ausbildung und Beruf sind eng limitiert. Es ist doch absurd, wenn ich Berufsausbildungszentren in Thüringen schließen muss, weil es kaum noch deutsche Azubis gibt und wir aber gleichzeitig vielen Jugendlichen die Chance geben könnten, einen Beruf zu erlernen, die deutsche Sprache zu lernen und damit Perspektiven zu schaffen. Nicht umsonst reise im April nach Vietnam, um auch darüber zu reden. Aber derzeit sind die bürokratischen Hürden dafür viel zu hoch.

Wer einen Asylantrag gestellt hat, kann den im Moment nicht zurücknehmen, ohne sein Aufenthaltsrecht zu verlieren. Wenn wir da endlich flexibel wären: Asylantrag zurückziehen und Arbeitserlaubnis erhalten. Bleiberecht statt Duldung. So wie es mit Kosovo und Albanien auch gelungen ist. Wer einen Arbeitsvertrag hat, der braucht auch keinerlei Asylverfahren. Wäre das für die Maghreb-Staaten nicht auch eine Lösung? Konzentrieren wir uns bitte auf pragmatische Lösungswege die humanitär sind, statt auf Scheinlösungen, die nur Menschen diskriminieren und auf Schikane gerichtet sind. Es ist Zeit über heilige Kühe und feste Dogmen neu zu reden! 

Wir brauchen einen Perspektivwechsel in diesem Bereich. In einer globalisierten Welt werden wir nicht umhin kommen, auch zuzulassen, dass Menschen sich aufmachen und für sich Lebensperspektiven außerhalb ihrer Heimat suchen. Das machen Deutsche so und warum wollen wir das anderen verwehren, noch dazu, wenn es einen Bedarf gibt. Und auf der anderen Seite ist es schlicht nicht mehr hinnehmbar, dass Menschen jahrelang warten müssen auf eine Entscheidung, ob Ihnen in Deutschland Asyl gewährt werden kann oder nicht. Und wenn der Entscheid negativ ausfällt, ist es aus meiner Sicht legitim zu schauen, ob es einen anderen Weg für diese Menschen gibt.

Deshalb habe ich am Freitag für eine Vertagung geworben, weil ich der Auffassung bin, dass es nicht reicht, einfach nur über einen Katalog irgendwelcher Staaten zu reden. Wir brauchen endlich eine ehrliche Diskussion über das Ausländer- und Flüchtlingsrecht insgesamt. Nur: Wenn man mit einem Dogma beginnt, dann kriegt man gar keine Verhandlungen. Ich habe deshalb die Hoffnung, dass wir es schaffen, vor allem gemeinsam mit Ländern, in denen die Grünen an der Regierung beteiligt sind wie Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Hessen, über diese praktischen Fragen zu reden. Ich werde jedenfalls am Ball bleiben.

In Gedanken in Madrid

12. Februar 2019
Bodo Ramelow Politik

Heute beginnt in Madrid vor dem Obersten Gerichtshof der Prozess gegen ein Dutzend führender Vertreter der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Unter anderem sind der ehemalige Vize-Regionalpräsident Oriol Junqueras, die ehemalige katalanische Parlamentspräsidentin, Carmé Forcadell sowie die die Anführer der beiden größten Unabhängigkeitsbewegungen ANC und Ómnium Cultural Jordi Sánchez und Jordi Cuixart.

Die Anklage lautet auf „Rebellion“, was für die Angeklagten Haftstrafen bis zu 25 Jahren bedeuten kann. Seit über einem Jahr sitzen die Angeklagten in Untersuchungshaft und auch der Prozess soll über drei Monate andauern.

„Rebellion“, lautet also der Vorwurf, der in Artikel 473 des spanischen Strafgesetzbuches geregelt ist. Entscheidend ist dabei, dass nach Auffassung vieler Juristen in Spanien Voraussetzung für die Erfüllung des Straftatbestandes ist, dass zu einem öffentlichen und vor allem zu einem gewaltsamen Aufstand gegen die demokratischen Institutionen aufgerufen wird. Wie immer man zu den Forderungen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung stehen mag aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass die katalanische Regionalregierung, die sie tragenden Parteien oder auch und Unabhängigkeitsbewegungen zu gewaltsamen Aktionen aufgerufen hätten.

Bekanntermaßen scheiterte der Antrag Spanien auf Auslieferung von Carles Puigdemont genau an dieser Frage. Das zuständige deutsche Oberlandesgericht in Schleswig kam zu dem Schluss, dass die vorgeworfenen Handlungen jedenfalls mit „Rebellion“ vergleichbare Strafrechtsnormen wie Hochverrat oder Landfriedensbruch nicht erfüllen würden.

Meine Auffassung zu den Forderungen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung habe ich mehrfach deutlich gemacht.

Zuletzt habe ich hier im Tagebuch dazu geschrieben.

Ich finde, dass Spanien aufgerufen ist, seine innerstaatliche Ordnung so zu gestalten, dass es einen wirklichen Föderalismus mit einem Interessenausgleich zwischen Zentralstaat und den einzelnen Teilstaaten gibt. Das ist ein Prozess, der nicht übermorgen abgeschlossen sein wird, der aber dringend begonnen werden sollte.

Insofern ist es sehr zu begrüßen, dass der spanische Premierminister Pedro Sánchez bemüht ist, mit Katalonien einen Dialog zu begonnen und einen neutralen Vermittler benennen will. Wie schwierig allein ein solcher Schritt ist, konnte man am Sonntag beobachten, als Konservative und Rechtsextreme Hand in Hand in Madrid gegen jedes Gesprächsangebot der spanischen Regierung an die katalanische Regionalregierung demonstrierten. Die tiefe Spaltung der spanischen Gesellschaft in dieser Frage wurde einmal mehr deutlich.

Umso wichtiger ist es, jeden Ansatz von Dialog und Gespräch zu befördern und zu unterstützen, ohne dabei von außen vermeintlich kluge Ratschläge zu erteilen. Aber meine Gedanken sind heute bei denen, die in Madrid vor Gericht stehen. Ich hoffe, dass sie ein faires und rechtstaatliches Verfahren erwarten können, wie es auch der spanische Premierminister Sánchez mehrfach garantiert hat. Meine Gedanken sind aber auch bei jenen Kräften in Madrid und Barcelona, die endlich in einen ernsthaften Dialog miteinander treten wollen, ohne Vorbedingungen und Ultimaten. Gespräche und Verhandlungen sind allemal besser als jeder Prozess.

Man muss das „nie wieder“ im Herzen tragen

28. Januar 2019
Bodo Ramelow Rechtsextremismus & Antisemitismus

Bojan Stekic
Bojan Stekic
ivan Ivanji, Serbian writer. Foto: Bojan Stekić. +38164-322-56-86

In diesen Stunden kehre ich von einer Reise zurück nach Hause nach Thüringen. Nach Belgrad hat sie mich geführt und nach Brüssel.

 

Langsam kommen die drei Gleichen in Sicht - das sichere Zeichen, dass ich wieder Zuhause bin. Während ich so durch die Fensterscheiben des Wagens in die schneebedeckte Landschaft blicke, denke ich über das nach, was mich die vergangenen Tage besonders beschäftigt hat: das Gedenken an diejenigen, die das schlimmste Verbrechen der europäischen Geschichte überlebt haben. An Auschwitz, an Buchenwald, an all das unselige Leid, dass von deutschem Boden aus Millionen Menschen das Leben, die Familie und die Heimat gekostet hat. Aber ich denke eben auch an diejenigen, die überlebt haben. Manche durch Glück - andere durch den unbändigen Willen zu überleben.

 

Einer von Ihnen war Ivan Ivanji. Am Samstag hatte ich die Ehre ihm - einem scharfsinnigen Schriftsteller und Diplomaten – anlässlich seines 90. Geburtstages den Thüringer Verdienstorden in Belgrad zu verleihen. Es war mir ein großes Privileg und eine ernste Verpflichtung, die ich, als Landesvater und als Mensch, einem gegenüber habe, der nicht nur Buchenwald, sondern auch die Todesmaschinerie Auschwitz überlebt hat.  1998 hielt er im ehemaligen KZ Buchenwald eine vielbeachtete Rede. Unter anderem sagte er damals:

„Buchenwald hat zu Weimar gehört, das ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Und Buchenwald gehört immer noch dazu. Das soll sicher auch Schillers Stuhl hier auf dem Ettersberg beweisen. So kommen Licht und Dunkel auf eine besondere Weise fast gleichzeitig zum Vorschein. Könnte es sogar gut sein, dass man in einer kleinen Stadt wie Weimar, dank der unmittelbaren Nachbarschaft deutscher Klassik und deutscher Mordlust, mehr darüber erfahren kann, welche Gegensätze die Art Homo sapiens genetisch in sich trägt?“

Erst am Freitag davor, dem 25. Januar, habe ich zum Gedenken an den Holocaust im Thüringer Landtag gesprochen. Vor den Überlebenden Eva Pusztai, Günter Pappenheim und Heinrich Rotmensch habe ich darüber gesprochen, wie wichtig die Erinnerung an die Opfer ist. Denn sie mahnt uns zu fragen, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Denn es ist unsere Verpflichtung gegenüber den Toten und besonders gegenüber denen, die überlebt haben, andauernd darauf hinzuweisen, wie engmaschig das Netz der Vernichtung auch in Thüringen gewesen ist. Man muss immerzu darüber sprechen. Über die Kindereuthanasie in Stadtroda, das kirchliche Entjudungsinstitut in Eisenach, oder die Tatsache, dass Auschwitz und die Ermordung von Millionen ohne das ingenieurswissenschaftliche Know-How aus dem Erfurter Betrieb Topf & Söhne gar nicht erst möglich gewesen wäre.

Über diese unerträglichen Dinge müssen wir sprechen, denn wir müssen Antworten haben. Ich schließe mich der Präsidentin des Thüringer Landtages, Frau Birgit Diezel, vollkommen an, wenn sie, wie auf der Gedenkveranstaltung im Landtag vergangenen Freitag sagt: Es kann und es wird keinen Schlussstrich unter das Erinnern an die sechs Millionen Opfer geben.

Erst vor wenigen Wochen war ich auf der Beerdigung von Ottomar Rothmann. Und im September habe ich geholfen Kurt Pappenheim zu Grabe zu tragen. Alle Beide waren Überlebende des KZ Buchenwald und hochverdiente Zeitzeugen, die ihr ganzes restliches Leben der Aufklärung über die Verbrechen der Nazis verschrieben hatten.

Langsam gehen die auch die Letzten von uns, die als Zeugen vermitteln konnten, zu welch grauenhaften Taten Menschen fähig sein können. In einer Zeit, in der die Erinnerung mangels derer, die sie bezeugen können, zu verblassen droht, ist es von unschätzbarer Bedeutung, dass wir Nachkommen das aussprechen, was ausgesprochen werden muss.

Bernd Edelmann
Bernd Edelmann
Bernd Edelmann
Bernd Edelmann

Die Überlebenden von Buchenwald haben 1945 geschworen:

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.“

Diesem Schwur fühle auch ich mich verpflichtet. Und auch dem berühmten „nie wieder“. Aber ich sage auch: das „Nie wieder“ müssen wir jeden Tag mit Bedeutung erfüllen. Es sollte nicht nur auf Plakaten und Transparenten stehen, sondern wir müssen es in unseren Herzen tragen. So habe ich es auch vor den Überlebenden im Thüringer Landtag gesagt.

 

Unsere gemeinsame Verantwortung ist die Gleiche geblieben. Die Erinnerung an die Opfer mahnt uns, wie wir unsere Demokratie gestalten wollen und gebietet uns die Essenz unserer Verfassung zu verteidigen. Denn die allgemeinen Menschenrechte, die in ihr verankert sind, sind die Fundamente unserer Gesellschaftsordnung.

Es sind diese Fragen, die mich umtreiben, in den vergangenen Tagen. Ich bleibe meinem Kurs weiter treu. Das schulde ich denen, die das Werk der Zerstörung überlebt haben.

Was lange währt, wird endlich gut….

29. Dezember 2018
Bodo Ramelow Texte

Anfang 2017 erreichte mich eine Postkarte aus Blintendorf, einem Ortsteil der Stadt Gefell, direkt an der A9 und kurz vor der Grenze zu Bayern. Auf der Karte stand: „Herzliche Grüße aus Blintendorf, Thüringen, dem ersten Ort an der A9, von Bayern aus kommend.“ Nicht nur mir hatte der Ortsteilbürgermeister, Bernd Vetter, diese Karte geschrieben, sondern auch der Bundeskanzlerin und dem Landrat des Saale-Orla-Kreises, Thomas Fügmann. Auf der Karte zu sehen ein Abrisshaus, eine Ruine, wirklich unschön

Und Herr Vetter beließ es nicht bei dieser Postkarte, sondern verband das ganze in der örtlichen Presse mit dem Hinweis, dass in Blintendorf Zustände wie in Aleppo herrschen würden. Eine wohl gewollte provokante Übertreibung, denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es irgendeinen Ort in Thüringen gibt, der auch nur ansatzweise mit Aleppo und der Situation dort vergleichbar ist. Ich wollte mir selbst ein Bild machen und nutzte einen Sonntagsspaziergang, um Blintendorf einen Besuch abzustatten. Gefunden habe ich einen wunderbar gepflegten Ort, mit einer Kirche, einem Gemeindehaus, alles offenkundig gut in Schuss und bestens gepflegt. Das in Rede stehende Haus konnte ich nicht auf Anhieb identifizieren und den Bürgermeister, bei dem ich klingelte, traf ich auch nicht an.