Thüringer Essenskultur und warme Worte im ältesten Gasthaus Weimars – Ein Besuch im „Schwarzen Bären“

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Ein tolles Gasthaus in Weimar, wo man einen ehemaligen Ministerpräsidenten sehr gastfreundlich bedient hat.

Vergangene Woche nutzte ich die Gelegenheit für ein Mittagessen in Weimars Küchen und besuchte die Gaststätte „Zum Schwarzen Bären“ am Marktplatz zwischen Rathaus und Musikhochschule.

Sobald man den Raum mit seinem dunklen Holz und der Vertäfelung betritt, schlägt einem das Urige des Gebäudes sofort ins Gesicht. Man befindet sich in einem Raum mit Fachwerk und niedrigen Decken, der sich direkt heimelig anfühlt. Das Haus wirkt sicherlich nicht wie ein Neubau, dennoch gerate ich beim Erbauungsjahr des „Bären“ ins Staunen. Das Gebäude befindet sich seit 1540 an diesem Fleck und ist damit das älteste Gasthaus Weimars. Ein stolzes Alter. Nicht weit entfernt steht das ehemalige Wohnhaus des Renaissancemalers Lucas Cranach der Ältere und seines Sohnes. Als das Cranachhaus errichtet wurde, stand der schwarze Bär bereits seit zehn Jahren an seinem Platz. Ein Gasthaus mit viel Geschichte also. Über vier Jahrhunderte wurden in diesen Räumen Gäste bewirtet. 1926 legte man bei Restaurierungen einen Rundbogen frei, der im Renaissancestil mit Weimarer Travertin, einem Kalkstein aus dem Quartär, gefertigt wurde. Einen Steinbruch mit Travertin findet man im Weimarer Ortsteil Ehringsdorf. Wo heute noch ein archäologisches Freigelände besichtigt werden kann, hat bereits Johann Wolfgang von Goethe Gestein zusammengetragen. In seiner Sammlung befanden sich rund hundert Proben Travertin aus der Weimarer Umgebung. Der zweite Weltkrieg hinterließ auch in Weimars Innenstadt seine Spuren und der gastronomische Betrieb des Schwarzen Bären musste nach den Bombardierungen 1945 eingestellt werden. Bis in die 1990er Jahre regte sich in dem Gebäude nichts mehr. Kurz vor der Jahrtausendwende nahm man sich der ehemaligen Gaststätte an und nach aufwendigen Sanierungen konnten die Pforten schließlich 1999 wieder öffnen. Der aktuelle Wirt Konrad Irmisch übernahm den „Bären“ vor drei Jahren und führt den historischen Betrieb seitdem erfolgreich und mit neuen Ideen weiter.

So sitze ich nun 2025 auch im „Schwarzen Bären“, lasse den Blick aus dem großen Fenster des Fachwerkhauses über den Marktplatz schweifen und mir meinen Wirsingeintopf mit Kassler schmecken – zubereitet mit Produkten aus der Region, wie mir der Wirt im persönlichen Gespräch versicherte. Fleisch bekomme er aus Altengönna und Gemüse vom Lindenberghof direkt aus Weimar. Letztere bauen an Weimars östlichem Stadtrand frisches Gemüse an. Dass Wirt Irmisch die Küche mit überwiegend regionalen Produkten aus Thüringen betreibt und zusätzlich die Speisekarte um viele vegetarische und vegane Gerichte ergänzt, begrüße ich sehr. Über dem roten Torbogen ist in einem Relief zu lesen: „Das Haus steht in Gottes Hand, zum schwartzen Beren es genant.“ Unter der Abbildung eines Braunbären ist noch die Buchstabenfolge V.D.M.I.AE vermerkt. Dies steht für „Verbum Domini manet in aeternum“ und heißt so viel wie: das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit.

Auch an diesem Tag erlebe ich Weimar als Stadt der Begegnung und der Warmherzigkeit. Als ich den „Schwarzen Bären“ bereits verlassen hatte und im Begriff war in meinen Wagen zu steigen, rief mir ein junger Mann etwas zu. Er war zur gleichen Zeit wie ich in der Gaststätte eingekehrt und hatte mich wohl schon beim Mittagessen entdeckt. Er kam zu mir und erzählte, dass er, ein junger Schauspieler, von Berlin nach Weimar gekommen sei. Er spüre häufig schmerzlich die Unterschiede zwischen der großen weltoffenen Stadt und „kleinen“ thüringischen Weimar. Er wollte sich daher bei mir für meine politische Arbeit und meine Zeit als Ministerpräsident bedanken. Es lag Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit in seinen Worten. Während ich dem jungen Mann die Hand schüttelte und ihm antworten wollte, rief uns plötzlich ein Fahrradfahrer im Vorbeifahren etwas zu, der die Dankesworte wohl gehört hatte. „Kann ich nur zustimmen!“, sagte er mit ausgestrecktem Daumen und fuhr unbeirrt weiter. Wir mussten beide lachen. Ich schüttelte dem jungen Mann die Hand und bedankte mich ebenso bei ihm: „Die Politik, die ich in Berlin mache, die machen Sie hier im Theater.“ Danach stieg ich ins Auto und er ging zurück zu seinem Mittagstisch in den Schwarzen Bären.