„Für völkische Gedanken ist im Christentum kein Platz“

Gestern Abend war ich zu Gast beim traditionellen Michaelsempfang der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin. Der Empfang steht seit vielen Jahren für den Austausch zwischen Kirche, Politik und Gesellschaft und für die gemeinsame Verantwortung für unser demokratisches Gemeinwesen. Für mich war damit auch eine kleine persönliche Erinnerung verbunden: Vor mehr als 20 Jahren saß ich nach einem langen Sitzungstag schon einmal in diesem Saal, damals einige Reihen hinter Angela Merkel. Gestern führte mich mein Platz in die erste Reihe. Viel Zeit liegt dazwischen. Im Mittelpunkt dieses Abends standen für mich jedoch die Worte von Bischof Dr. Heiner Wilmer. Seine Rede war ein kraftvolles und unmissverständliches Plädoyer für die Demokratie, für die unveräußerliche Würde jedes Menschen und für eine klare Haltung gegenüber denen, die beides infrage stellen. Für diese Klarheit und diesen wichtigen Impuls bin ich Bischof Dr. Heiner Wilmer sehr dankbar. Seine Rede möchte ich deshalb hier dokumentieren:


„Die Zukunft der Freiheit beginnt mit der Wahrheit.
Woran unsere Demokratie hängt“

Sehr geehrte Damen und Herren,

Berlin. Ein Mittwochmorgen. Kurz nach acht. Ich biege in die Friedrichstraße ein. Noch ein paar Minuten bis zum ersten Termin. Ich schaue mir das Treiben der Großstadt an. Vor einer Bäckerei hat sich eine kurze Schlange gebildet. Eine Frau bestellt zwei Schrippen, ein Croissant und einen Kaffee. Ein älterer Herr blättert durch einen Zeitschriftenstand. Er nimmt eine Tageszeitung in die Hand, blättert kurz darin und stellt sie zurück. Einige Meter weiter stehen Menschen dicht gedrängt und warten auf die Straßenbahn. Berlin beginnt seinen Tag. Wie jeden Morgen. Eigentlich ein kleines Wunder. Nicht, weil hier alles harmonisch wäre – Berlin wäre vermutlich selbst überrascht, so beschrieben zu werden. Die Menschen warten – meistens – an roten Ampeln. Sie lassen – nicht immer – andere zuerst aus der Straßenbahn aussteigen. Ja, sie nehmen meist Rücksicht, obwohl sie sich wahrscheinlich nie wieder begegnen werden. Ja, unser Zusammenleben beginnt nicht im Parlament, es beginnt auf dem Gehweg. Ein Detail habe ich Ihnen allerdings verschwiegen. Die Frau, die in der Bäckerei bezahlt: Ein kurzes Aufleuchten der Smartwatch genügt. Der ältere Herr, der die Zeitung zurückstellt: auf seinem Handy sind die Nachrichten längst zusammengefasst. Und die Menschen an der Haltestelle schauen auf ihr Display: Wann kommt die Bahn? Welche Verbindung spart drei Minuten? Irgendwann richtet sich fast jeder Blick auf einen Bildschirm. Und – ich gestehe – bei mir ist es nicht anders. Bevor ich diesen Gedanken vertiefe, möchte ich als Vorsitzender im Namen der gesamten Deutschen Bischofskonferenz Danke sagen. Natürlich danke ich Ihnen, dass Sie nach einem langen Tag unserer Einladung gefolgt sind. Vor allem aber danke ich Ihnen für Ihren täglichen Einsatz für unsere Gesellschaft. Ich bin dankbar für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Ihnen allen – in Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften ebenso wie in Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Sozialverbänden und der Zivilgesellschaft. Gemeinsam stehen wir für eine wehrhafte Demokratie ein. Gerade in Zeiten großer Herausforderungen braucht Verantwortung auch Empathie. Mir ist bewusst, dass dies nicht immer einfach zu vermitteln ist, da Empathie oft als Schwäche ausgelegt wird. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass hinter jeder Entscheidung Menschen stehen, die wie Sie Tag für Tag abwägen, ringen, zweifeln und entscheiden. Als katholische Kirche – und ich darf das sicher auch für unsere ökumenischen Geschwister sagen – sehen wir das. Und wir wissen: Verantwortung beginnt selten auf den großen Bühnen. Sie beginnt dort, wo Menschen sich dem Wohl anderer verpflichtet wissen. Dafür danke ich Ihnen ausdrücklich.

Vielleicht beginnt jede Epoche mit einer großen Erfindung. Und endet mit Gewohnheit, die so selbstverständlich wird, dass wir sie nicht mehr hinterfragen. Vielleicht beginnt der Verlust von Freiheit nicht erst dort, wo wir keine Entscheidungen mehr treffen dürfen, sondern viel früher. Wir delegieren unsere Urteile: den Weg, den wir gehen, die Nachrichten, die wir lesen, die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen. Und irgendwann schleicht sich ein Gedanke ein: Die Maschine wird schon wissen, was richtig für mich ist. Damit stellt sich eine unbequeme Frage: Was geschieht mit einer Demokratie, wenn ihre Bürgerinnen und Bürger das Urteilen verlernen? Denn die Versuchungen unserer Zeit kommen nicht als Diktatur. Sie erscheinen als vermeintlicher Komfort und vordergründige Effizienz. Tag für Tag begegnen uns regelrechte Heilsversprechen. Doch hinter vielen dieser Versprechen verbergen sich neue Abhängigkeiten. In Fratelli tutti betonte Papst Franziskus: „Die erdrückende Fülle von Information, die uns überschwemmt, bedeutet nicht mehr Weisheit.“ (FT 50) Genau deshalb dürfen wir unsere heutigen Debatten nicht auf Rechenleistung oder Regulierung reduzieren. Es braucht eine anthropologische Debatte. Papst Leo XIV. beginnt seine Enzyklika Magnifica humanitas deshalb auch nicht mit Algorithmen, sondern mit dem Menschen. „Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“ (MH 1) Der Turmbau zu Babel: kein Bauprojekt, sondern ein Bild der Menschheit. Er stand für die Überzeugung, der Mensch könne seine Zukunft allein aus eigener Macht hervorbringen. Schneller. Höher. Weiter. Aber ohne Maß. Ohne Beziehung. Und ohne Gott. Leo XIV. erinnert uns an einen Maßstab, der älter ist als jede digitale Revolution: Nicht alles, was der Mensch kann, dient auch dem Menschen. Denn Fortschritt bemisst sich nicht daran, ob unsere Werkzeuge klüger werden. Das werden sie sowieso. Das Zeitalter der Technikfeindlichkeit haben wir überwunden. Aber: Fortschritt entscheidet sich daran, ob der Mensch menschlicher wird.

Meine Damen und Herren, kennen Sie das „best-kept secret“ der katholischen Kirche? Nun, geheim ist es mittlerweile kaum noch. Es ist die katholische Soziallehre. Seit mehr als hundert Jahren bietet die katholische Soziallehre einen ebenso einfachen wie anspruchsvollen Orientierungsrahmen für das gesellschaftliche Zusammenleben und mahnt uns, die Menschlichkeit des Menschen nicht zu vergessen. Ihr Ausgangspunkt ist die Würde des Menschen. Genau dort setzt auch Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika an und stellt die Frage, woran sich unser Handeln orientiert. Denn Freiheit, verstanden als die Möglichkeit, alles tun und lassen zu können, genügt nicht. Eine Gesellschaft braucht Orientierung. Sie braucht Maßstäbe, nach denen Menschen urteilen und handeln können. Drei Gedanken dazu:

Erstens: Wahrheit ist die Infrastruktur der Freiheit. Eine freie Gesellschaft lebt davon, dass Menschen unterschiedliche Meinungen vertreten dürfen. Doch Freiheit setzt etwas voraus: eine gemeinsame Wirklichkeit. Und das ist keine neue Herausforderung des digitalen Zeitalters. Schon Hannah Arendt wies darauf hin, dass politische Freiheit ohne eine gemeinsame Grundlage von Tatsachen nicht bestehen kann. „Tatsachen sind der Gegenstand von Meinungen. (…) Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Information über die Tatsachen nicht garantiert ist.“ (Wahrheit und Politik, S. 23) Weitergedacht gilt: Werden Tatsachen verfälscht, unterdrückt oder durch Desinformation ersetzt, verliert die Meinungsfreiheit ihren demokratischen Sinn. Denn wenn Wahrheit beliebig wird, wird Freiheit beliebig. Bereits die Bibel entfaltet ein bemerkenswert aktuelles Verständnis von Wahrheit. Das hebräische Wort lautet אֱמֶת (‚emet). In der Tora bezeichnet ‚emet nicht nur die Übereinstimmung einer Aussage mit einem Sachverhalt, sondern umfasst auch die Bedeutungsfelder Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Treue. Wahrheit, ‚emet, besitzt im biblischen Denken dadurch eine relationale Dimension. Sie zeigt sich darin, dass etwas oder jemand verlässlich ist und Bestand hat. Das zeigt sich übrigens auch in der sprachlichen Verbindung zur hebräischen Wortfamilie אמן (‚mn/aman), aus der auch das Wort „Amen“ hervorgeht. Diese Wortfamilie steht für Festigkeit, Bestätigung und Verlässlichkeit. Wer „Amen“ sagt, bringt also zum einen zum Ausdruck: Das Gesagte stimmt. Und zum anderen: Darauf vertraue ich. Eine Gesellschaft braucht genau diese Dimension von Wahrheit: nicht nur überprüfbare Informationen, sondern auch Vertrauen in die Verlässlichkeit gemeinsamer Grundlagen.
Auch das Neue Testament greift die Frage nach der Wahrheit auf. Im Johannesevangelium stellt Pontius Pilatus angesichts der Worte Jesu – „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,37) – die berühmte Gegenfrage: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38). Was für ein Bild! Wahrheit – nicht nur als subjektive Überzeugung, sondern als Wirklichkeit, an der sich menschliche Urteile messen lassen.

Zweitens: Der Gegner der Freiheit ist die Angst. Der italienische Soziologe Carlo Bordoni beschreibt Angst als prägende politische und gesellschaftliche Kraft der Gegenwart. Traditionelle Sicherheiten werden brüchig; wodurch eine „liquide Gesellschaft“ entsteht, in der Unsicherheit zur dauerhaften Erfahrung wird. Bordoni zeigt, dass Staaten ihr Versprechen, umfassende Sicherheit gewährleisten zu können, zunehmend nicht mehr einlösen können. Der Mensch lebt deshalb nicht nur mit konkreten Gefahren, sondern auch mit der ständigen Erwartung möglicher Bedrohungen. Gerade darin liegt die politische Macht der Angst: Sie beeinflusst, wie Menschen die Welt wahrnehmen und politische Entscheidungen treffen. Angst verstärkt den Wunsch nach Gewissheit, nach einfachen Antworten, nach Heimat. Wo Menschen Unsicherheit erleben, wächst die Versuchung, komplexe Fragen auf eindeutige Lösungen zu reduzieren. Wer ist schuld? Wer verspricht Sicherheit? Und eben auch: Wer nimmt uns die Verantwortung ab? Die eigentliche Gefahr besteht also darin, dass Menschen aus Angst vor Unsicherheit bereit sind, einen Teil ihrer Freiheit aufzugeben und den Schutz äußerer Autoritäten zu suchen.


Drittens: Die Krisen unserer Zeit sind nicht primär Krisen der Politik, sondern ein postsäkularer Kulturkampf. Denn politische Konflikte entstehen selten aus dem Nichts. Ihnen gehen Veränderungen in unserem Denken, Urteilen und Sprechen über das Leben sowie in unserer Auffassung von Wirklichkeit voraus. Jürgen Habermas sprach schon 2001 vom „postsäkularen Zeitalter“. Ich würde heute noch einen Schritt weitergehen und von einem „postsäkularen Kulturkampf“ sprechen. Ständig präsent sind Fragen wie: Was trägt uns? Wie gehen wir miteinander um? Was darf ich anziehen? Was habe ich verdient? Und mittendrin merke ich: Der Faktor Religion ist wieder da. Er war nie weg, doch in unserer Welt wird er zunehmend wieder deutlicher erkennbar. Ohne den Faktor Religion werden wir keine ausreichenden Antworten finden.

Die Herausforderung besteht deshalb darin, wie Religiöse und Säkulare, die teilweise fundamental unterschiedlich sind, miteinander ins Gespräch kommen können. Der eigentliche Konflikt unserer Zeit ist deshalb ein Konflikt der Hermeneutik: Wie verstehen und deuten wir Wirklichkeit? Es gibt religiöse und weltanschauliche Deutungen, die auf die großen Kulturfragen unserer Zeit einfache Antworten versprechen, einen neuen Antichristen konstruieren und die Sehnsucht nach Orientierung sowie das Schutzbedürfnis vieler Menschen rücksichtslos instrumentalisieren. Dem treten wir als Kirche(n) entschieden entgegen. Wo der Glaube zur Ideologie wird und religiöse Sprache dazu dient, Angst zu schüren oder Menschen gegeneinander aufzubringen, verliert er seine Wahrheit.
Sehr geehrte Damen und Herren, wenn Freiheit Wahrheit braucht, wenn Angst Freiheit bedroht und wir uns in einem kulturellen Streit um die Deutung der Wirklichkeit befinden, dann stellt sich die entscheidende Frage: Welche Verantwortung folgt daraus für uns? Denn diese Auseinandersetzung ist nicht abstrakt. Sie entscheidet sich in dem politischen und kulturellen Raum, in dem wir leben. Für Wahrheiten statt Meinungen eintreten: Der oft ausgerufene Herbst der Reformen ist da, in dem zentrale Teile unseres privaten und öffentlichen Lebens auf der Tagesordnung stehen. Hier sind weitreichende und gegebenenfalls unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Und ich möchte Sie ermutigen: Unsere Gesellschaft lebt davon, dass Menschen bereit sind, ihre eigenen Überzeugungen immer wieder an der Wirklichkeit zu prüfen. Ja, Wahrheit beginnt mit der Bereitschaft zur Selbstkorrektur. Wer nur noch Bestätigung am Smartphone oder aus der Bevölkerung sucht, verliert die Fähigkeit zum Dialog. Wer dagegen nach Wahrheit sucht, übernimmt Verantwortung für den öffentlichen Diskurs, stärkt das Vertrauen und unsere Demokratie.

Die Wahl in Sachsen-Anhalt vor drei Tagen hat auf drastische Weise gezeigt, wie eine radikale Partei durch den Wählerwillen mit klarer Mehrheit demokratisch legitimiert wurde. Wie viele hier im Saal bin auch ich angesichts dieses Wahlergebnisses sprachlos – im ersten Moment. Aber ich bin entschlossen im weiteren Handeln: Die AfD ist nachweislich nationalistisch und völkisch eingestellt. Für dieses völkische Gedankengut ist weder in noch außerhalb von Gotteshäusern, weder im Christentum noch im Judentum, noch im Islam Platz. Ich wünsche mir sehr, dass die Wahrheit uns auch hier befreit, dumpfe Parolen entschlüsselt und Wahlversprechungen ohne jede realistische Grundlage entzaubert. Als Kirche ziehen wir uns nicht zurück. Im Gegenteil: Wir widersprechen, wenn Angst gegen Solidarität ausgespielt wird. Wir widersprechen, wenn Menschen gegeneinander in Stellung gebracht werden. Wir widersprechen, wenn demokratische Institutionen geschwächt werden. Das ist nicht links, das ist nichts rechts. Unser Maßstab ist weder Parteipolitik noch Ideologie, sondern das Evangelium und die damit verbundene unveräußerliche Würde jedes Menschen. Und ja, da dürfen und müssen wir auch manchmal anecken.

Deutschland und Europa eine Seele geben: Jacques Delors, einer der Väter der europäischen Einigung, formulierte es 1992 mit einem Satz, der heute aktueller ist denn je: „Wenn es uns nicht gelingt, Europa eine Seele, eine Spiritualität und eine tiefere Bedeutung geben, dann wird das Spiel verloren sein.“ (Summary of Addresses by President Delors to the Churches, Nr. 704E/92) Er gab Europa damals noch zehn Jahre. Delors war bewusst, dass Europa und die EU nicht allein durch Verträge, Institutionen oder wirtschaftliche Interessen zusammengehalten werden können. Es braucht ein gemeinsames Verständnis davon, was den Menschen ausmacht und welche Werte unser Zusammenleben tragen. Und wir stellen uns entschieden gegen Positionen, die uns genau diese gemeinsamen Werte absprechen, wie wir sie auch an diesem Wochenende wieder hören mussten. Europa lebt aus seinen geistigen Quellen – aus Jerusalem, Athen und Rom, so war Delors überzeugt. Diese Quellen im digitalen Zeitalter wieder und wieder neu auszubuchstabieren, das ist unsere Aufgabe, und so für eine menschenwürdige Bundesrepublik, ein Europa und die Welt einzutreten. Als Prüfstein unserer Gesellschaft für die Ärmsten der Armen da sein: Mit seinem Blick auf die Armen, die Ausgegrenzten und die Schutzbedürftigen knüpft Papst Leo XIV. an eine lange Tradition der Katholischen Soziallehre an. Die Option für die Armen ist keine Randfrage, sondern Ausdruck des Menschenbildes der katholischen Soziallehre. Der Mensch besitzt seine Würde nicht aufgrund seiner Leistung, Herkunft oder seines Nutzens für die Gesellschaft. Er besitzt sie allein, weil er Mensch ist. Aus dieser Überzeugung erwachsen die Grundprinzipien der Katholischen Soziallehre: das Gemeinwohl, das den Menschen nie auf Einzelinteressen reduziert, die Solidarität, die den Starken an die Seite des Schwachen stellt, und die Subsidiarität, die die Verantwortung dort stärkt, wo Menschen ihr Leben selbst gestalten können. Sie alle konkretisieren die Überzeugung, dass Freiheit immer auch Verantwortung für andere bedeutet.

Deshalb entscheidet sich die Zukunft unserer Demokratie nicht an der technischen Innovation. Sie entscheidet sich daran, wie wir den Menschen in den großen Krisen unserer Zeit begegnen: den Opfern des Krieges in der Ukraine, im Nahen Osten und im Sudan; den Millionen Menschen, die durch die Folgen des Klimawandels gestorben sind oder vor ihnen fliehen; und denen, die unter den extrem gewachsenen Ungleichheiten leiden – zwischen den Generationen, zwischen Nord und Süd sowie zwischen Arm und Reich. Und ich ergänze: Wie wir den Menschen begegnen, die jetzt völkisches Gedankengut in Sachsen-Anhalt und bei den anstehenden Wahlen verbreiten, und denen, die als Erste unter diesem leiden. Nicht Technik und Wachstum machen frei. Nicht einmal Mehrheiten machen frei. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh 8,32) Auch unsere Demokratie braucht mehr Wahrheit, sodass das Vertrauen wächst, erst dann wird auch unsere Freiheit wieder wachsen. Kurz gesagt: Mehr Amen beten, mehr Amen sagen und so zum Ausdruck bringen: Das stimmt so. Und: Dir vertraue ich.

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