„1000 Buchen“: Wo Erinnerung Wurzeln schlägt

Grußwort von Bodo Ramelow zur 100. Pflanzaktion des inklusiven Gedenkprojekts „1000 Buchen“
des Lebenshilfe-Werks Weimar/ Apolda e. V.


Sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde von „1000 Buchen“,

leider ist es mir heute nicht möglich, persönlich bei Ihnen in Weimar zu sein. Aber ich bin in Gedanken bei Ihnen und bei einem Projekt, das mich schon seit vielen Jahren begleitet und dem ich mich bis heute sehr verbunden fühle. Ich durfte „1000 Buchen“ über viele Jahre hinweg immer wieder erleben, war selbst bei Pflanzaktionen dabei und habe viele der Menschen kennengelernt, die dieses besondere Projekt mit Leben füllen. Und heute kommen Sie bereits zur 100. Pflanzaktion zusammen. Das ist ein schöner Anlass, um einmal Danke zu sagen und auch, um sich bewusst zu machen, was hier über viele Jahre gewachsen ist. Denn „1000 Buchen“ ist für mich weit mehr als das Pflanzen von Bäumen. Jeder dieser Bäume erinnert an Menschen, denen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihre Rechte, ihre Freiheit, ihre Würde und schließlich ihr Leben genommen wurden. An die Opfer von Buchenwald und der Todesmärsche, aber auch an Menschen mit Behinderung, die von den Nationalsozialisten ausgegrenzt, entrechtet und ermordet wurden. Hinter jedem Baum steht damit eine menschliche Geschichte. Und genau darin liegt für mich die besondere Kraft dieses Projektes. Erinnerung bekommt einen konkreten Ort. Die Bäume stehen dort, wo Menschen leben, arbeiten, zur Schule gehen, ihren Alltag verbringen. Man geht an ihnen vorbei, sieht sie wachsen und vielleicht bleibt jemand stehen und fragt: Warum steht dieser Baum hier? Dann beginnt ein Gespräch. Und so wird Geschichte weitergetragen. Das ist gerade hier in Thüringen von besonderer Bedeutung.

work-sans-regular14-912x1140

Buchenwald gehört zu unserer Geschichte. Und aus dieser Geschichte erwächst für uns eine Verantwortung, die nicht irgendwann endet. Denn auch heute müssen wir erleben, dass Menschen ausgegrenzt und herabgewürdigt werden. Wir erleben Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Wir erleben Versuche, Menschen wieder danach zu unterscheiden, wer angeblich dazugehört und wer nicht. Dem müssen wir widersprechen. Für mich heißt Erinnern deshalb immer auch: Haltung in der Gegenwart zeigen. Für die Würde jedes einzelnen Menschen. Für Respekt. Für eine offene Gesellschaft. Und für eine Demokratie, in der alle Menschen ihren Platz haben. Dass „1000 Buchen“ ein Projekt des Lebenshilfe-Werks Weimar/Apolda e.V. ist, gehört für mich ganz wesentlich dazu. Denn hier gestalten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam. Sie erinnern gemeinsam, übernehmen Verantwortung und zeigen ganz praktisch, was Teilhabe bedeutet: nicht über Menschen zu sprechen, sondern miteinander etwas zu schaffen. Dafür steht die Lebenshilfe auch weit über dieses Projekt hinaus. Sie hilft dabei, Barrieren abzubauen, sichtbare Barrieren, aber eben auch die in unseren Köpfen. Sie schafft Möglichkeiten für Selbstbestimmung und Teilhabe und trägt damit jeden Tag zu einem menschlichen und offenen Thüringen bei. Auch dafür möchte ich heute ausdrücklich Danke sagen.


Ich habe bei „1000 Buchen“ aber auch erlebt, dass dieses Engagement angegriffen wurde. Gedenkbäume wurden beschädigt und zerstört. Das hat mich sehr wütend gemacht. Noch stärker in Erinnerung geblieben ist mir allerdings die Reaktion darauf: Die Menschen haben sich nicht einschüchtern lassen. Sie haben weitergemacht. Es kamen neue Unterstützerinnen und Unterstützer hinzu, Patenschaften wurden übernommen und neue Bäume gepflanzt. Für mich war das ein starkes Zeichen. Denn Demokratie zeigt sich nicht nur in großen Worten. Sie zeigt sich auch darin, was Menschen tun, wenn andere zerstören, ausgrenzen oder einschüchtern wollen. Sie zeigt sich darin, nicht wegzusehen. Und weiterzumachen. Dass Sie heute zur 100. Pflanzaktion zusammenkommen, ist deshalb auch ein Zeichen dieser Beharrlichkeit. Mein Dank gilt allen, die „1000 Buchen“ über die vielen Jahre getragen haben, den Menschen mit und ohne Behinderung, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Lebenshilfe-Werks, den vielen Baumpatinnen und Baumpaten und all denen, die dieses Projekt unterstützt haben und weiter unterstützen. Und lieber Herr Dr. von der Weiden, Ihnen danke ich herzlich für die Übernahme der heutigen Baumpatenschaft. Dem Baum, den Sie heute gemeinsam pflanzen, wünsche ich, dass er wächst, starke Wurzeln bekommt und sehr alt wird. Und ich wünsche mir, dass auch in vielen Jahren Menschen vor ihm stehen und wissen, warum er dort steht. Dass sie die Geschichten weitererzählen. Und dass sie verstehen: Erinnerung hat immer etwas mit uns selbst und mit der Gesellschaft zu tun, in der wir leben wollen.

Eine Gesellschaft, die die Würde jedes Menschen achtet. Die Verschiedenheit nicht als Bedrohung begreift. Und die ihre Demokratie verteidigt. In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen sehr herzlich zur 100. Pflanzaktion. Bleiben Sie beharrlich. Machen Sie weiter.
Ich bleibe Ihnen und „1000 Buchen“ verbunden.

Herzliche Grüße,


Bodo Ramelow