Zu Besuch in Seoul
Mit Südkorea verbindet uns nicht nur das das Bekenntnis zu gleichen Werten sondern auch die Erfahrung einer scheinbar unüberwindbaren tödlichen Grenze zwischen zwei Teilen eines Landes. Angesichts der heute bestehenden lebendigen deutsch-südkoreanischen Partnerschaft habe ich die Hauptsadt Seoul besucht, um die Kontakte zum südkoreanischen Parlament sowie zur dortigen Zivilgesellschaft zu pflegen. Mit der Vizepräsidentin des südkoreanischen Parlaments, Frau VNAM In-soon, konnte ich mich über Entwicklungen und Herausforderungen in Südkorea und Deutschland austauschen.

Besonders beeindruckt hat mich dabei zu erfahren, wie die Abgeordneten des südkoreanischen Parlaments („Guk Hoe“) innerhalb weniger Stunden den Kriegszustand beendet haben, den der frühere Präsident Südkoreas, Yoon Suk-yeol, am 3. Dezember 2024 überraschend verkündigt hatte. Abgeordnete mussten dabei über Militärabsperrungen klettern, um für eine Abstimmung zur Rücknahme des Kriegsrechtes ins Plenargebäude zu gelangen. Durch diese Abstimmung gelang es nicht nur die südkoreanische Demokratie zu retten, sondern auch eine Operation zur Einschüchterung der Opposition einschließlich einer Verhaftungswelle zu verhindert. Manchmal, so wurde mir nochmals bewusst, hängt eine Demokratie am seidenen Faden. Umso beruhigender ist es, dass Yoon Suk-yeol und weitere Verantwortlichen für diesen versuchten Staatsstreich nach umfangreichen Ermittlungen in einem Gerichtsverfahren zur Rechenschaft gezogen wurden, das im Februar 2026 mit Haftstrafen endete.
Besonderen Raum bei meinen Gesprächen nahmen die bei der deutschen Einheit gesammelten positiven wie auch negativen Erfahrungen ein, aber auch das gegenwärtige Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea. Diese Themen konnte ich mit dem Minister für Wiedervereinigung Südkoreas, Herrn CHUNG Dong-young, vertiefen, den ich im Oktober 2025 im Deutschen Bundestag empfangen hatte. Bei unserem Wiedersehen in Seoul konnte ich erahnen, welches großes Leid und menschlichen Entbehrungen die hermetische Teilung des Landes auch heute noch für die zwei Gesellschaften bedeuten muss. So ist es Familien in Nord- und Südkorea kaum möglich grenzüberschreitend in Kontakt zu bleiben, geschweige denn sich zu begegnen, ein dringender Wunsch, der leider auch für 80 Bürgerinnen und Bürger Südkorea im Alter von über 100 Jahren vorerst wohl unerfüllt bleiben dürfte.

Über die die Lebensbedingungen in Nordkorea und die dortige verehrende Menschenrechtslage konnte ich mich zudem bei einem Besuch des „Database Center for North Korean Human Rights” (NKDB) informieren. Besonders bewegt hat mich der Besuch des „National Museum of Korean Democracy“. Das Demokratiemuseum befindet sich in einem Mitte der 1970er Jahre gebauten Foltergefängnis, in dem während der südkoreanischen Militärdiktatur (1961-1987) vermeintliche Kommunisten gefoltert und auf das Schwerste misshandelt wurden. Zugleich war diese Repression gegen Studenten und Andersdenkende der Ausgangspunkt für eine landesweite Bewegung, die nach vielen Demonstrationen und Kämpfen zwischen 1979-1987 letztendlich zur Demokratisierung Südkorea führte. Beim Anblick der architektonischen Gestaltung des „Nam young-dong Anti-Communist Interrogation Office” und seiner Folterzellen musste ich an das Stasi-Gefängnis in der Erfurter Andreasstraße und weitere Haftanstalten der DDR denken. Die unter der Militärdiktatur angewandten Foltermethoden erinnerten mich aber auch an die nationalsozialistischen Verbrechen in Gestapo-Gefängnissen und Konzentrationslagern. Mir wurde über 10 000 Kilometer von Deutschland entfernt nochmals deutlich bewusst, wie sehr sich Diktaturen in der Anwendung verbrecherischer Gewalt und Menschenverachtung ähneln können, unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung und kultureller Unterschiede.
Zum Abschluss meines Aufenthaltes diskutierte ich im Goethe-Institut mit der Soziologin Dr. Hong Chang-Sook von der Seoul National University über Bruchlinien in der heutigen deutschen und südkoreanischen Gesellschaft. Dabei freute ich mich insbesondere über das rege Interesse des überwiegend jungen Publikums an der Podiumsdiskussion, die von Dr. Clemens Treter, dem Leiter des Goethe-Institut Korea, moderiert wurde. Bei meinem letzten Besuch in Südkorea, der in meiner Zeit als Ministerpräsident Thüringens stattfand, hatte ich den Austragungsort der olympischen Winterspiele besucht. Umso beeindruckter war ich diesmal von Seoul, einer hochmodernen Millionenstadt, an dessen Infrastruktur sich Deutschland ein Vorbild nehmen kann. Wie schön wäre es, so ging es mir durch den Kopf, wenn einer der vielen Schnellzüge eines Tages auch von Seoul nach Pjöngjang fahren würde. Leider wurde mir dabei aber auch bewusst, dass eine derartige grenzüberschreitende Verbindung gegenwärtig nur ein kühner Traum auf der südkoreanischen Halbinsel sein kann. Nach der Verabschiedung vom Botschafter Deutschlands, Georg Schmidt, der mich mit seinem Team begleitet hatte, wartete am Flughafen Seoul noch eine kleine Überraschung auf mich: Zurück nach München durfte ich mit einem Lufthansa Airbus 350 fliegen, der getauft war auf den Namen „Erfurt“.



