Eine Begegnung mit Vergangenem
Vergangenen Sonntag hatte ich auf Einladung der Linken des Vogelsbergkreises die Gelegenheit, an einer Tour durch das jüdische Leben im Vogelsberg teilzunehmen. Eine Tour zu Orten, die mir alle sehr vertraut waren, mir dennoch Einblicke eröffneten, die mir bislang verschlossen geblieben waren:
In der Zeit von 1990 bis 2000 bin ich fast jedes Wochenende zwischen Marburg und Erfurt unterwegs gewesen, auf der Bundesstraße in Richtung Alsfeld, vorbei an Ober-Gleen und Angenrod. Besonders ins Auge gefallen ist mir in Angenrod immer eine Kurve: links eine Tierarztpraxis, rechts ein älteres Bauernhaus, ein kleines Gehöft, dessen Verfall über die Jahre immer deutlicher sichtbar wurde. Sehr markant war am Ende ein großer Baum, der fast aus dem Haus herausgewachsen ist und ein eingefallenes Dach, das dieses direkt an der Straße stehende Gebäude zunehmend erbärmlich wirken ließ. Und genau dieses Objekt, das ich so lange in Erinnerung getragen hatte, bildete nun den Ausgangspunkt unserer Tour durch das jüdische Leben im Vogelsbergkreis. Es handelt sich dabei um das SpeierHaus, das Haus der Familie Speier, errichtet um 1840 und tatsächlich bis 2018 im Eigentum der Familie beziehungsweise ihrer Erben. Allein dieser Umstand hat mich sehr erstaunt: Die Familie Speier blieb über all die Jahrzehnte im Grundbuch eingetragen. Während in den Städten jüdische Immobilien arisiert und geraubt wurden, war dieses SpeierHaus in Angenrod offenbar nicht bedeutsam genug, als dass jemand es sich unter den Nagel reißen wollte. Nach 1945 blieb es ein Haus für Geflüchtete. Noch bis in die 2000er Jahre hinein wurde das Gebäude offenbar genutzt. Deshalb erinnere ich mich auch so deutlich daran, wie ich den zunehmenden Verfall wahrgenommen habe, nachdem es endgültig leer stand.
Nun stehe ich selbst in diesem Wohnhaus der Familie Speier und erfahre vom Leiter des Gedenkortes sehr viel über die Familien und über das Landjudentum, das hier in Angenrod tatsächlich eine große Blüte erlebt hatte. Noch in den 1930er Jahren war Angenrod, gemessen an der Einwohnerzahl, der Ort mit dem größten jüdischen Bevölkerungsanteil in ganz Hessen. Die Familien wurden noch bis ins Jahr 1942 in der Gemeinde geduldet beziehungsweise verschont. Doch 1942 wandelte sich das Haus zu einem Ghettohaus. Die letzten Jüdinnen und Juden Angenrods wurden dort zusammengepfercht und von hier aus in die Konzentrationslager deportiert und ermordet. Es ist also ein Ort mit einer über 650-jährigen gemeinsamen Geschichte von Christen und Juden, eine Geschichte, die in diesem heute restaurierten und sanierten SpeierHaus eindrucksvoll sichtbar wird. Die Gestaltung ist auf wunderbare Weise gelungen: Einerseits wurde das Gebäude so hergerichtet, dass man sich vorstellen kann, wie die Familie gelebt hat und welche Personen mit dem Haus verbunden waren. Andererseits ist ein Teil des eingestürzten Hauses im Original erhalten geblieben, während ein neues Dach das gesamte kleine Fachwerkhaus heute zusammenhält. So ist in einer Stube die eingefallene Decke mitsamt dem Schutt sichtbar geblieben, ein Zeichen des Verfalls, an das ich mich gut erinnern konnte. Direkt daneben steht das Wiederauferstehen der Erinnerung an diejenigen, die hier einmal lebten und für den Ort von großer Bedeutung waren.
Es ist für mich eine doppelte Reise in die Vergangenheit: in meine persönliche, wenn ich früher nach Thüringen unterwegs war und in die Geschichte eines Landjudendorfes, in dem es eine vitale gemeinsame Lebensgemeinschaft von Christen und Juden gegeben hat. Die Tour führte weiter nach Ober-Gleen und Kirtorf. Auch hier das Erstaunen: Die Synagoge in Ober-Gleen ist fast vollständig erhalten geblieben, auch wenn sie nach 1945 als Schmiede genutzt wurde. Ich spreche mit Einwohnern von Ober-Gleen. Sie erzählen mir, wie sie als Kinder in der Schmiede gespielt haben, wie der große Raum aufgeheizt wurde und wie es klang, wenn die Schmiedehämmer auf das heiße Eisen niedergingen und eine ganz eigene „Musik“ in der ehemaligen Synagoge entstand. Dass die Gemeinde Kirtorf dieses Gebäude wieder übernommen hat, um es als Versammlungs- und Gedenkort herzurichten, ist bemerkenswert. Der Charakter der Synagoge wird heute wieder sichtbar, u.a. aufgrund zahlreicher Bilder aus der Region des Vogelsbergs zum Landjudentum. Aus der Maler-Werkstatt stammen Darstellungen von Rabbinern und Kantoren, die den Gottesdienst zelebrieren.
Die Gemeinde in Ober-Gleen empfing mich ausgesprochen freundlich. Bürgermeister und Gemeindevorsteher nahmen mich mit in die Geschichte des Ortes und es ergaben sich auch hier persönliche Berührungspunkte. Meine Zeit in Marburg als Supermarktleiter kam zur Sprache, und jemand erinnerte sich an Menschen aus meinem damaligen Umfeld. Weiter ging es in den Vogelsberg hinein, in die Gemeinde Feldatal, zur Synagoge in Kestrich. Dort erwartete mich eine besondere Überraschung: Ein Weggefährte, mit dem ich vor über 40 Jahren einen Betriebsrat aufgebaut hatte, stand plötzlich vor mir. Er war inzwischen von Rabenau hierher gezogen, wieder kreuzten sich Lebenslinien. Das Besondere in dieser Synagoge in Kestrich ist die Art und Weise, wie sie erhalten worden ist. Tatsächlich sollte sie in der Reichspogromnacht abgebrannt werden. Die Bürger von Kestrich wehrten sich dagegen, weil die Bebauung so eng mit den Fachwerkhäusern drumherum war, dass die Gefahr bestand, das ganze Dorf könnte in Flammen aufgehen. Die Mordbanden und Zerstörungswütigen schleppten das Inventar der Synagoge auf den Sportplatz und zerschlugen es dort vor lauter Zerstörungswut. Was sich entfernen ließ, wurde verbrannt. Die Synagoge selbst wurde danach ihrer eigentlichen Bestimmung beraubt und anderweitig genutzt. Besonders eindrucksvoll ist, dass Synagoge, Mikwe und Schulhaus einst ein geschlossenes Ensemble einer Landjudengemeinschaft bildeten. Ehemalige jüdische Bewohner unterstützten den Ort in den 1920er Jahren sogar mit höheren Geldsummen. Insoweit gab es eine Ambivalenz, einerseits eine Ablehnung gegenüber dem Jüdischen in den 30er Jahren, also schon vor der Machtübertragung, andererseits ein über Jahrzehnte gewachsenes nachbarschaftliches Zusammenleben. In diesen Jahren waren es eher die Landjuden, die Deutschland geprägt haben, denn der Vertreibungsdruck in den Städten hatte schon massive Wirkung.
Zum Abschluss fuhren wir nach Grebenhain-Bermuthshain und besichtigten das MUNA-Museum in der alten Dorfschule. Dort wird die Geschichte der Munitionsfabriken erzählt, die ab 1936 das Deutsche Reich überzogen. Über 300 solcher Fabriken wurden aus dem Boden gestampft und das Deutsche Reich verschuldete sich in einer enormen Geschwindigkeit, um die Rüstungsproduktion hochzufahren. Über 300 solcher Munitionsfabriken wurden aus dem Boden gestampft, das Deutsche Reich verschuldete sich in einer enormen Geschwindigkeit, um die Rüstungsproduktion hochzufahren. Würde man es in heutige Werte umrechnen, wären 40 Prozent der damaligen Volkswirtschaft, die komplett in die Aufrüstung der Aggressionskriege investiert bzw. gepumpt wurden.
Der Museumsleiter erläuterte, dass die Planungen für diese Systembauten offenbar bereits in den Köpfen von Reichswehrgenerälen der 1920er Jahre entstanden waren. Gerade in der armen Vogelsbergregion, die in den 1920er Jahren vom Höfesterben geprägt war, fanden die Nationalsozialisten früh fruchtbaren Boden. Die Arbeit in der MUNA brachte vergleichsweise gute Einkommen, viele Menschen nahmen diese Beschäftigung freiwillig an und schwiegen über das, was dort aufgebaut wurde. Die Anlagen produzierten bis zuletzt. Am Ende sprengten die Nationalsozialisten selbst die vollgefüllten Bunker, um nichts in die Hände der Alliierten fallen zu lassen. All das macht deutlich, wie systematisch diese Entwicklung verlief und warum für mich Friedensethik und Friedenslogik eine so große Bedeutung haben. Militarisierung erzeugt am Ende eine Dynamik des Mitmachens, die allzu oft in eine tödliche Logik mündet.
So bleibt dieser Sonntag im Vogelsberg für mich eine eindrucksvolle Erfahrung und eine große Überraschung, wie viel jüdisches Leben hier präsent war und wie sehr man sich auch dort seit Jahren darum bemüht, das nicht ins Vergessen geraten zu lassen. Mein Dank gilt allen, die mir diesen mehrfachen Blick in die verschiedenen Ebenen der Vergangenheit ermöglicht haben.

