Buchenwald als Spiegel der Gegenwart
Der vergangene Samstagabend im Augustinerkloster Erfurt hallt in mir nach. Mehr als 150 Menschen waren gekommen, um gemeinsam über das neue Buch des Weimarer Fotografen Christian Rothe „Buchenwald – Im Dickicht des Ettersberges“ zu sprechen. Es ist ein Foto- und Essayband, aber vor allem ist er ein Spiegel. Einer, in den wir auch heute hineinschauen müssen, ob es uns gefällt oder nicht. Die Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Wäldern rund um das ehemalige Konzentrationslager zeigen keine historischen Szenen im engeren Sinne. Und doch erzählen sie Geschichte. Sie erzählen von Überlagerungen, von Schichten der Zeit: vom nationalsozialistischen Terror, vom sowjetischen Speziallager, von Erinnerung und von gegenwärtiger Schändung. Der Wald vergisst nicht. Aber er braucht Menschen, die hinschauen. Mehr zum Buch im ZDF Buchtipp
In der Diskussion mit Annegret Schüle, Heinrich Bedford-Strohm und Bischof Ulrich Neymeyer wurde mir erneut bewusst, wie sehr Geschichte nicht abgeschlossen ist. Schuld entsteht nicht nur durch aktives Tun, sondern ebenso durch Wegsehen, durch Schweigen, durch das bequeme Vertrauen darauf, dass „es schon nicht so schlimm kommen wird“. Genau dieses Vertrauen hat unsere Geschichte widerlegt. Meine eigenen Bezüge sind keine abstrakten. Sie liegen in meiner Familiengeschichte. Ein Großvater, der NSDAP-Mitglied war. Ein Vater, der als junger Mann Soldat der Wehrmacht wurde. Die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit hat mein politisches Handeln geprägt. Sie war ein Grund, warum ich mich an der Errichtung des Deserteursdenkmals auf dem Erfurter Petersberg beteiligt habe und weshalb ich mich für den Erinnerungsort Topf & Söhne eingesetzt habe: weil Verantwortung einen Ort braucht. Und Sichtbarkeit. Heute erleben wir erneut Tabubrüche. Wenn Rechtsextreme bewusst Orte der nationalsozialistischen Verfolgung instrumentalisieren, wenn Jahrestage mit kalkulierter Provokation gewählt werden, dann ist das kein Zufall. Es ist eine Strategie. Und sie zielt auf unsere Gewöhnung, auf unser Abwinken, auf unser Schweigen.
Wir führen längst keinen klassischen Streit mehr zwischen progressiv und konservativ. Wir stehen mitten in einer globalen Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Autokratie. Das ist keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Beschreibung der Lage. Gerade deshalb war mir der Ton dieses Abends so wichtig. Ernsthaft und wachsam, aber nicht verzweifelt. Wir müssen uns gegenseitig Mut machen, uns unterhaken. Und dabei fröhlich bleiben. Nicht naiv, sondern widerständig. Demokratie braucht nicht nur Argumente, sie braucht Menschen, die sie leben. Der lange, kräftige Beifall am Ende des Abends war für mich kein Applaus für ein Podium. Er war ein Zeichen, dass viele verstanden haben, dass Erinnerung keine Rückschau ist, sondern eine Aufgabe im Heute. Dafür bin ich dankbar. Und dafür lohnt es sich, weiterzumachen.

