„Schrei vor Glück“
Klingelt da was? „Schrei vor Glück“? Da war doch was! Was war denn da? Wenn man sich erinnert, dann war das vor vielen Jahren der Werbeslogan von Zalando. Mit „Schrei vor Glück“ begann der Werbefeldzug für die digitale Welt, um Schuhe in einer Form digital zu kaufen, wie es bis dahin nicht möglich war – jedenfalls nicht in Deutschland. Es war bei den skeptischen Deutschen ein ziemliches Wagnis, in das Thema Online-Handel groß einzusteigen. Ich erinnere mich, dass meine Gattin dieses Angebot sehr früh entdeckt hatte und sagte: „Das probiere ich mal, ich will mal sehen, wie das funktioniert.“
Am Anfang gab es eine hohe Zufriedenheit, wenn die beste aller Ehefrauen bei „Schrei vor Glück“ Ware angefordert und probiert hat. Für mich als Menschen, der aus dem Einzelhandel kommt, war die Entwicklung ein Hinweis darauf, dass sich die Welt gerade radikal verändert. „Schrei vor Glück“, was für eine Aussage! Über 13 Jahre ist das nun her, und ich erinnere mich gut, als Zalando die Entscheidung traf, außerhalb von Berlin ein erstes großes Logistikzentrum aufzubauen. Die Entscheidung fiel für Erfurt. In dem Kontext sei erwähnt, dass Erfurt faktisch der Mittelpunkt der Versanddienstleister für ganz Deutschland ist. Sehr viele Versender haben ihre Logistikzentren in und um Erfurt aufgebaut. Denn von hier, so die Argumentation der Unternehmen, könne man mit LKW aber auch die anderen Transportwegen den Versand am selben Tag in die ganze Bundesrepublik Deutschland gewährleisten. Es war also nicht erstaunlich, dass auch Zalando im Erfurter Güterverkehrszentrum Wurzeln schlug und sich ein passgenaues Lager und Versandzentrum aufbauen lies. Ein externer Planer, der ein maßgeschneidertes Versandzentrum aufbaute wurde beauftragt, und später – wie ich heute lesen muss – hat dann ein kommerzieller Geldgeber, der für einen Pensionsfonds das Kapital anlegt, die Betriebseinrichtungen aufgekauft und per Mietvertrag dem Versandhändler Zalando zur Verfügung gestellt. Man nennt das Externalisierung von Produktionsanlagen und -kosten. So verteilt man die Schlagkraft, damit der digitale Händler nicht so viel Kapital gebunden hat, als wenn er selbst gebaut hätte. Das Risiko wird auf verschiedene Schultern verteilt. Leider erleben die Partner gerade, dass man diesen Kooperationspartner, auch den Stuhl vor die Tür stellt. Die Worte „Schrei vor Glück“, die gehen mir seit Donnerstag vergangener Woche ununterbrochen durch den Kopf. Denn zum Erstaunen aller Mitarbeitenden in Erfurt im Zalando-Zentrum kam letzte Woche die schockierende Mitteilung, dass 2.700 Menschen, die direkt bei Zalando tätig sind, ihre Arbeit verlieren werden. Nach Einschätzung derer, die sich im Betrieb auskennen, muss man wohl noch rund 1.000 weitere Menschen dazurechnen, die im direkten oder indirekten Dienstleistungsverhältnis zu Zalando stehen und an den Standort Erfurt gekoppelt sind.
Der Schock über die Nachricht war für mich ungeheuerlich. Ich hätte vor Wut heulen können, das gebe ich gerne zu! Als Ministerpräsident war ich vor einigen Jahren mit der Frage konfrontiert, ob ich dem Betrieb einen Besuch abstatte. Damals wollte ich der Einladung des Betriebes nicht folgen, da sie keinen Betriebsrat hatten. Dies ließ ich als Antwort zurücksenden: „Wenn ich eine Einladung von ihrem Betriebsrat bekomme, folge ich dieser mit Freude!“ Aber darüber hinaus ging es uns auch um das Thema tarifliche Bindung. Im Wahlkampf vor elf Jahren hatte ich immer wieder thematisiert, wie falsch ich es finde, dass sich die neuen Versandhändler nicht am Tarifvertrag des Einzelhandels beteiligen, den ich seit vielen Jahrzehnten immer wieder mit verhandelt habe und schon seit den Achtzigerjahren, in meinem früheren Leben als Einzelhändler in Hessen, als ehrenamtliches Gewerkschaftsmitglied mit erkämpft hatte. Dieser Tarifvertrag war immer ein Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel. In den traditionellen Welten gehörten damals Firmen wie Quelle, Neckermann, Otto, Witt-Weiden und viele andere Versandhändler dazu, die – weil sie Einzelhändler waren oder sind -, in den Kontext „Einzel- und Versandhandel“ gehört haben. Die Logik der damals tarifvertragschließenden Gewerkschaft HBV war, dass jeder, der mit dem Endkunden arbeitet, in diesen Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel gehört. Die Unterscheidung war immer der Großhandelstarifvertrag. Der galt für die Zulieferstufe, die den Einzelhändler beliefert. Diese Großhändler waren zum Beispiel EDEKA, REWE oder andere vergleichbare große Handelshäuser, die nicht direkt an den Kunden liefern, sondern deren Kunde der Einzelhandel war. Ich betone diese Unterscheidung, weil der Einzelhandelstarifvertrag in den ersten Jahren nach der Wende bis etwa 1996/`97auch in Thüringen allgemeinverbindlich war und damit ein Rechtsanspruch für alle Beschäftigten im Einzel- und Versandhandel bindend galt. In dieser Zeit entwickelten sich die ersten Dienstleister, zum Beispiel die IKEA-Ansiedlung. Man musste davon ausgehen, dass IKEA mit seinem Lagerhaus auch diesem Tarifvertrag unterliegt. Doch siehe da, es entpuppte sich ganz anders: Auf einmal war es die BLG, eine Firma der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft, die als Dienstleister das IKEA-Lager im Güterverkehrszentrum betreibt. Und damit sagte dann die Firma: Wir sind ja gar nicht IKEA, wir sind nur ein Dienstleister, der für IKEA arbeitet. Auch wenn in diesem Lagerhaus ausschließlich Arbeit für IKEA stattfindet. Das war das erste Mal, dass ich mit so einem Konflikt konfrontiert war. Das Gleiche fand dann im WDZ in Apfelstädt statt. Dorthin war das Zentrallager von Kaufhof externalisiert worden. Die neue Strategie: Die Zentrallager des Unternehmens wurden ausgegliedert und an einen Dienstleister aus dem Speditions- und Lagerhausbereich übergeben, die Firma FIEGE. Deswegen haben wir dann als Gewerkschaft bei FIEGE und IKEA Tarifauseinandersetzungen geführt, um sie tariflich so einzubinden, wie es für alle anderen Beschäftigten der vergleichbaren Tätigkeitsmerkmale auch gilt.
Das alles geht mir nun erneut durch den Kopf, wenn ich an Zalando denke. Das alles raste am letzten Donnerstag durch meinen Kopf, als mich die Nachricht erreichte, dass Zalando entschieden hat, den Standort Erfurt komplett zum 30. September 2026 zu schließen. Noch am gleichen Tag habe ich angefangen, mit den Kollegen der zuständigen Fachgewerkschaft ver.di, mit der ich bis heute verbunden bin, Kontakt aufzunehmen, um mich nach dem Sachstand zu erkundigen. Am nächsten Morgen, Freitagfrüh, war ich dann bei ver.di in der Erfurter Schillerstraße und hatte ein erstes Treffen mit Vertrauensleuten und Betriebsräten von Zalando. Sie berichteten, dass sie schockiert und paralysiert sind, weil sie bis Donnerstagfrüh nicht ahnten, was passieren würde. Wir haben darüber sehr intensiv geredet. Außerdem habe ich noch einmal eine Solidaritätserklärung abgegeben, eine Pressemeldung auf den Weg gebracht und in Richtung des gesamten Betriebsrats signalisiert, dass offenbar bei dem Vorgang so viele Fragen offen sind das Unternehmen mit der Belegschaft so nicht umgehen kann. Mir wurde im Zuge dieser Betrachtung und den wirtschaftlichen Informationen, die ich mir besorgen konnte, immer deutlicher: Das gesamte Zalando-Gebäude gehört überhaupt nicht der Firma Zalando selbst, es ist bis 2027 von einem Fremdeigentümer angemietet. Ob man möglicherweise mit dem Eigentümer über eine andere Entwicklung reden könnte, scheint nicht geprüft worden zu sein. Zudem habe ich mit der Thüringer Landesregierung – mit der Arbeitsministerin und der Finanzministerin – Kontakt aufgenommen und die Frage in den Raum gestellt, ob die Regierung unterstützen würde, wenn es bei Zalando Investitionen gäbe und der Betrieb in Erfurt umgestellt werden würde?. Das wurde von allen Seiten bejaht. Vorgestern Abend habe ich dann auch noch einmal mit dem Ministerpräsidenten Mario Voigt das Gespräch geführt. Von allen Seiten wird signalisiert: 1.) Wir sind schockiert, dass wir von dem Unternehmen nicht vorgewarnt wurden. 2.) Wir sind bereit, mit dem Betriebsrat daran zu arbeiten, Alternativen zur Stilllegung ins Gespräch zu bringen.
Ich habe mich gefreut, als der Betriebsrat fragte, ob ich zu seiner Sitzung komme könnte, um ihnen meine Sicht zu erläutern und auch meine Fragen zu klären. Denn eines ist doch klar: So wie es Zalando tat, so geht man mit Betriebsräten nicht um! Um es fachlich zu sagen: Der Paragraph 111 des Betriebsverfassungsgesetzes sieht zwingend eine Interessensausgleichsverhandlung vor. Dabei müssen auf sämtliche Fragen, die die Arbeitnehmervertretung und die der Wirtschaftsausschuss hat, Informationen umfassend und mit Unterlagen prüfbar vorgelegt werden müssen, um sie bearbeiten zu können. Möglicherweise sind dazu auch externe Berater und Analytiker mit einzubeziehen, die auf der Seite der Arbeitnehmer die Fragen vertiefend überprüfen. Wenn man den Maßstab anlegt, mit dem Zalando offenkundig arbeiten will, dann wäre das der Maßstab des neu gebauten Versandzentrums in Gießen. Denn Zalando schließt hier in Erfurt und will in Gießen neu eröffnen. Und auch für Gießen hat man offenkundig bereits Fördergelder beantragt und genehmigt bekommen. Das heißt: Der Standort Erfurt, der mit viel Fördergeld begleitet worden ist, wird weggeschmissen und eine Ruine bleibt übrig. Denn das, was in Erfurt gebaut worden ist, ist maßgeschneidert für Zalando und ausschließlich für deren Notwendigkeiten, was an Abläufen gebraucht wird. Das ist nicht vergleichbar mit irgendeiner leeren Halle, in die man einfach ein paar andere Container hineinstellt. Deswegen bin ich froh, dass der Betriebsrat jetzt die Belegschaft informiert hat, dass er bisher weder gehört worden ist noch beteiligt war. Und ich bin froh, dass der Betriebsrat nicht kampflos die Flinte ins Korn wirft, sondern all diese Fragen bearbeiten will – und dass er – streng nach der Maxime „Schrei nach Glück“ – jetzt nach dem Glück ruft! Denn das kann möglicherweise erkämpft werden, wenn man systematisch die Frage aufwirft, ob eine alternative Form von Umbau und Neupositionierung den Standort Erfurt sichern könnte. Der Slogan des Betriebsrates heißt: „Wir kämpfen um unseren Standort, wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz.“
Ich bleibe dabei: Wer einmal „Schrei nach Glück“ als großen Slogan ausgegeben hat, der sollte an das Glück der 2.700 Menschen und Familien denken, deren Glück er gerade zerstört. Und wer, wie die Gründer von Zalando, mit dem Geld, das sie durch Zalando verdient haben, eine Stiftung gründen haben, mit der man in Ostdeutschland Change-Management betreiben will und Start-Ups begleitet – wer also den Osten Deutschlands stärken will, aber seinen einzigen ostdeutschen Standort schließt -, der muss sich fragen lassen, wie moralisch es ist, das auch in Ostdeutschland verdiente Geld einzusetzen, um die Schäden zu beseitigen, die man selbst erzeugt hat? Das ist nicht „Schrei nach Glück“, das ist eine Frage nach Moral und Verantwortung. An die Zalando-Gründer habe ich eine Frage: Glauben Sie, dass Sie angesichts von 2.700 fleißigen Menschen und ihren Familien, die durch ihre tägliche Arbeit den Mehrwert des Unternehmens erzeugen, nicht auch eine Verantwortung für sie haben? Und da gilt das Grundgesetz: Eigentum verpflichtet! Doch offenkundig entledigt man sich hier des Eigentums und damit auch der Verantwortung. Man nimmt den Vorteil, den Mehrwert zu generieren mit, und will mit dem Zerstören von 2.700 Beschäftigungsverhältnissen einen zusätzlichen Gewinn von 100 Millionen generieren, den die Wirtschaftszeitungen sehen, die sich über die Zielstellung des Unternehmens äußern. Wer also mit der Vernichtung von Lebensentwürfen einen Mehrwert von 100 Millionen als zusätzlichen Gewinn erzeugen will, der muss sich nach seinem moralischen Kompass fragen lassen. Insoweit danke ich dem Betriebsrat, dass er Mut macht und dass er sagt: Lass uns gemeinsam suchen nach dem Glück, bevor es ganz verloren gegangen ist. Denn es bleibt der Satz: Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.

