Die Verleihung des Abraham-Geiger-Preises 2022

Die Verleihung des Abraham-Geiger-Preises durch das gleichnamige Kolleg zählt zu den sich in schöner Regelmäßigkeit wiederholenden Terminen, denen ich jedes Mal mit Freude auf’s Neue entgegenfiebere – gerade auch, weil mich mit dem Abraham-Geiger-Kolleg eine besondere Geschichte verbindet.

Ich durfte in den 2000ern seinen Weg hin zur ersten deutschen Ausbildungsstätte für Rabbiner nach dem Zweiten Weltkrieg ein ganzes Stück begleiten und bin bis heute Mitglied im Stiftungsrat der Leo Baeck Foundation, die das Kolleg fördert.

Der Abraham-Geiger-Preis ehrt alle zwei Jahre Menschen, deren Handeln sich den Prinzipien und Werten verpflichtet fühlt, die der große Denker des liberalen Judentums, Abraham Geiger (1810–1874), als maßgeblich für eine humane Gesellschaft erkannte: die Gewissens- und Glaubensfreiheit sowie die Freiheit von Forschung, Lehre und Meinung, aber auch der interreligiöse Dialog. Dass dieser Preis an demjenigen Ort verliehen wird, an dem nach dem Zivilisationsbruch von Auschwitz erstmals seit 1942 in Deutschland wieder  Rabbiner ordiniert wurden, macht diese Veranstaltungen für mich nicht nur zu Feiern der Demut, sondern auch der Freude und Dankbarkeit darüber, dass im 21. Jahrhundert jüdisches Leben in Deutschland wieder feste Wurzeln geschlagen hat. Umso entscheidender ist es, dass wir an jedem Tag – auch jenseits von Festen der Fröhlichkeit –im Blick haben, dass Antisemitismus in den unterschiedlichsten Gewändern bis heute bis in die vielbeschworene „Mitte der Gesellschaft“ hinein salonfähig ist. Ihm entgegenzutreten ist Verpflichtung und Auftrag aller Demokraten.

Der diesjährige Preis wurde an den Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Kardinal Hollerich verliehen, den ich gestern Abend in einem Grußwort würdigen durfte. Der Kardinal hat sich in seiner langjährigen Arbeit in beeindruckender Weise um eine offene Gesellschaft verdient gemacht, die nicht wegsieht, wenn Kippas in der Öffentlichkeit nicht getragen werden können, die ihr Wort erhebt, wenn an den Außengrenzen der EU ein „neuer Egoismus“ um sich greift und flüchtenden Menschen nicht die rettende Hand der Geschwisterlichkeit gereicht wird.

Wie wenige andere steht Kardinal Hollerich für eine katholische Kirche im Aufbruch, die den Dialog mit anderen Religionen aktiv sucht und sich den Herausforderungen und Chancen einer immer bunter und pluraler werdenden Welt stellt. Sein Credo – einem alten jüdischen Sprichwort folgend – ist dabei so einfach wie beeindruckend in seiner Klarheit: „Berge können nicht zueinander kommen, Menschen schon.“

Es hat mich tief bewegt, diesen besonnenen und offenherzigen Mann kennenlernen zu dürfen – auch und gerade, weil er sich nicht davor scheut, in tagesaktuelle Debatten zu intervenieren. Er selbst überstand erst im letzten Jahr eine COVID19-Erkrankung und gab bereits aus dem Krankenbett zu verstehen, dass er sich, sobald er die Möglichkeit habe, sofort impfen lasse. Für ihn sei das Impfen eine Verpflichtung der Solidarität und Nächstenliebe. Es sind diese klaren Worte, die Jean-Claude Kardinal Hollerich zu einem wichtigen Motor des gesellschaftlichen und interreligiösen Dialogs machen, der auch nicht dort ins Stocken gerät, wo es einmal an die Grundsätzlichkeiten geht.

Dafür, für einen unvergesslichen Abend und ein großes Lebenswerk sage ich von Herzen: Danke!