Zwischen Vergangenheit und Zukunft – Neue Perspektiven für das Werra-Kalirevier

Seit über 120 Jahren werden im Werratal Kalisalze abgebaut. Zahlreiche Schächte erschlossen den wertvollen Rohstoff, boten Generationen von Bergleuten sichere Arbeitsplätze und formten die Kultur einer ganzen Region. Wer heute mit offenen Augen durch Westthüringen und Osthessen fährt, erblickt diese Spuren überall. Egal, ob in Bad Salzungen, das nicht nur „Salz“ im Namen trägt, sondern auch mit seinem Gradierwerk die heilende Wirkung desselben nutzt, die mächtigen Fördertürme von K+S in Merkers oder aber die Namen von Sportvereinen wie der des Motorsportvereins MSC Kali Bad Salzungen – all das sind Resultate einer – wenn auch häufig verschlungenen – Erfolgsgeschichte.

Die sichtbarsten Wahrzeichen im Werrarevier sind allerdings ohne Zweifel die mächtigen weißen Halden. Monte Kali wird der auf Thüringer Seite genauso genannt, wie sein Zwillingsbruder bei Neuhof/Ellers auf der Hessischen Seite. Doch die beeindruckend anzusehenden Massive sind auch ein besorgniserregender Problemanzeiger. Denn ein Resultat des Rohstoffabbaus sind die anfallenden Abfallstoffe. Steinsalz oder Anhydrit, ja sogar Gipse, befinden sich in den zu Bergen aufgehäuften Halden. Aber am schwierigsten zu handhaben ist die flüssige Form der Abprodukte, Lauge genannt. Bislang wurden sie in Hessen einfach in die Erde im Untergrund verpresst und auf Seiten der DDR in die Flüsse geleitet. Dem soll nun Abhilfe geschaffen werden können. Deshalb ist die Geschichte der Rohstoffgewinnung noch lange nicht zu Ende, ganz im Gegenteil, nun wird ein neues Kapitel aufgeschlagen!

Auch heute – im Jahr 2020 – leben beinahe 4500 Bergleute direkt und beinahe doppelt so viele indirekt von dem, was sie tagtäglich in hochwertiger und mühevoller Arbeit der Erde abringen. Da sich die Kalivorkommen dabei sowohl auf das Territorium Hessens als auch auf das Thüringens erstrecken, ist für mich und alle Beteiligten völlig klar, dass aus diesem nicht zuletzt auch geographischen Faktum eine gemeinsame Verantwortung beider Landesregierungen für die Arbeitsplatz- aber auch Umweltsicherheit  des Kalireviers erwächst. Um beides miteinander in Einklang zu bringen, haben mein Amtskollege – Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier – und ich vor einem Monat den Staatsvertrag zur Änderung des bereits bestehenden Staatsvertrages zum grenzüberschreitenden Abbau von Salzen im Werra-Kalirevier unterzeichnet. Er regelt unter anderem nunmehr an zentraler Stelle die Frage danach, wie mit den Abwässern, die beim Abbau von Kalisalzen entstehen, umgegangen werden soll. Um einer weiteren Versalzung wertvoller Böden oder Gewässer wie beispielsweise der Werra wirksam einen Riegel vorzuschieben, ist jetzt geplant, die Salzlaugen in der stillgelegten Grube Springen im Wartburgkreis einzustapeln, d.h. sie einzudicken, aufzukonzentrieren, einzubringen und nicht mehr in höheren Bodenschichten zu „versenken“, um die bisherigen Umweltbelastungen abzuwenden. Denn nur, wenn schnell effiziente, kostenschonende und umfassende Entsorgungslösungen gefunden werden, kann K+S weiterhin arbeiten, damit die Arbeitsplätze tausender Kumpel sichern und gleichzeitig die Umweltbelastung reduzieren.

Dieses alles ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Transformationsprozess mitten in der laufenden Rohstoffgewinnungsphase.

Bevor allerdings der unterzeichnete Vertrag in Kraft treten kann, muss er noch von den Landtagen in Hessen und Thüringen ratifiziert werden. In der Landtagssitzung am gestrigen Freitag haben wir genau darüber diskutiert und den Vertrag zur Prüfung und hoffentlich baldigen Ratifizierung in den federführenden Umweltausschuss überwiesen. Meine Rede dazu finden Sie hier:

https://www.facebook.com/bodo.ramelow/videos/404293227280280/

Für mich, als jemanden, der in den frühen 1990er-Jahren vergeblich mit den Kalikumpels von Bischofferode um ihre Arbeits- aber auch Lebensaufgabe kämpfte, ist klar: Nie wieder darf es passieren, dass eine prosperierende Region aus Gründen kapitalistischer „Flur- und Marktbereinigungen“ abgehängt wird. Als Mahnung trage ich bis heute im Portmonee einen Aufkleber aus der damaligen Zeit. Auf ihm prangt der Schriftzug: „Hand in Hand.“ Dieses Motto sollte uns auch durch die kommenden Wochen tragen. An uns alle – die Landesregierung und die Parlamentarier – haben die Kumpels des Werrareviers eine Erwartung. Werden wir ihr gerecht, damit Kali in Westthüringen nicht nur eine große Vergangenheit, sondern auch eine große Zukunft haben kann! Glück auf!