Mit Mut und Innovation durch die Pandemie

Es gehört zu den sonderbaren Ambivalenzen in Krisenzeiten: das Nebeneinander von ökonomischer Existenzbedrohung und die oft unerwarteten Innovationsschüben im gesellschaftlichen, politischen, aber eben vor allem auch wirtschaftlichen Sektor.  In Anlehnung an den berühmten Historiker Reinhard Kosselleck hat sein Kollege Thomas Mergel Krisen einmal als „Töchter der Kritik“ bezeichnet. Im Falle von COVID19 scheint es mir genau umgekehrt zu sein.

Die grundstürzende Erfahrung eines plötzlichen und weitgehenden Herunterdrosselns des wirtschaftlichen Lebens – und zwar nicht im Landes-, sondern Weltmaßstab – zum Schutz der Gesundheit von Abermillionen Menschen hat in Wirtschaft und Gesellschaft Fragen auf die Tagesordnung gesetzt, die ihr kritisches Potenzial nun, ein halbes Jahr nach Beginn der COVID19-Pandemie, vollständig entfalten. Wie kann ich die wirtschaftliche Existenz meines Unternehmens und meiner Mitarbeiter sichern? Was tue ich, wenn meine Produkte – sei es weil die Nachfrage gesunken ist, sei es weil Lieferketten unterbrochen wurden – keine Abnehmer mehr finden oder gar nicht mehr hergestellt werden können? Auf welche endlich anzustoßenden technischen Innovationen verweist eine Krankheit  wie Sars Cov 2? Auf diese Fragen Antworten zu finden, ist auch für Thüringer Unternehmen und Firmen in der Krise überlebensnotwendig geworden.

Dabei ist die Ausgangslage im Osten Deutschlands nicht die schlechteste. Unser Bundesland, Thüringen, gilt seit Jahren und Jahrzehnten als ein Eldorado für kleine, eigentümergeführte und mittelständische Betriebe, die sich durch eine immense Innovationskraft und –freude auszeichnen. Häufig sind sie von Menschen gegründet worden, die schon einmal, nämlich in der Zeit der politischen Wende 1989/90, mit einer Transformationsphase konfrontiert waren, die nicht wartete, sondern Viele, die nicht Schritt halten konnten, zurückließ. Unter ihnen waren aber auch Betriebe, die nach der Wende aus Westdeutschland nach Thüringen übersiedelten, sei es, um eine Zweigniederlassung zu eröffnen, sei es, um in einer der unzähligen leerstehenden Werkshallen neu anzufangen. Nicht wenige von ihnen sehen sich nun abermals einer derartigen Situation ausgesetzt – und einige der Rezepte von damals funktionieren auch heute.

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder Firmen und Unternehmen besucht, die aus COVID19 richtige Schlussfolgerungen zu ziehen verstanden und dabei nicht nur einen großen Beitrag zur Bekämpfung von COVID19 geleistet, sondern auch viele Arbeitsplätze gesichert haben.

Ich denke dabei zum Beispiel an die Breckle Matratzenwerk GmbH in Weida, die sich in den vergangenen Jahren als Hersteller hochwertiger Matratzen einen guten Ruf erarbeitet hat und bereits Ende Februar – also noch bevor COVID19 im Bewusstsein der meisten Menschen zu einem Problem im Weltmaßstab wurde – einen Teil ihrer Produktion auf die Fertigung von Mund-Nasen-Schutz-Bedeckungen umstellte – zunächst im rein händischen, seit kurzem auch im voll maschinell automatisierten Verfahren. Über 600.000 FFP2-Masken und circa fünf Millionen OP-Masken sollen nunmehr monatlich die Weidaer Produktionshallen verlassen. Überhaupt hat sich das Thema „Mund-Nasen-Schutz-Bedeckung“ für Thüringer Firmen zu einem regelrechten Innovationsmotor entwickelt. So haben sich Breckle, die 3D-Schilling GmbH aus Sondershausen und ETM- International aus Saalburg gemeinsam mit der Wand & Reichwein GbR aus Berka/Werra, Metatex aus Rodeberg und der Thorey Textilveredelung GmbH aus Gera zu einem „Netzwerk Schutzmasken“ zusammengeschlossen, das sich der Entwicklung und Herstellung von zertifizierten Atemschutzmasken in und aus Thüringen verschrieben hat. Dabei profitieren solche explorativen Unternehmungen immens von dem technischen Know-How anderer Thüringer Betriebe, wie beispielsweise Ruhlamat in Gerstungen, der bereits im April 2020 eine Maskenautomatisierungs-Produktionslinie auflegen konnte.

Jenseits von Maskenherstellung und ihrem Vertrieb haben sich einige andere Firmen dem großen Problemkreis „Veranstaltungsdurchführung unter COVID19-Bedingungen“ angenommen. So konnte ich gestern in Harth-Pöllnitz „Cleanstage“ – ein nagelneues Konzept der  Firmen Boxmeisters, mkf und „hygienemarkt24“ – in Augenschein nehmen. In einem Standard-Schifffrachtcontainer wird ein kompletter COVID19-Gesundheitscheck inklusive Fiebermessung und Handdesinfektion durchgeführt. Erst, wenn sämtliche Schritte durchlaufen sind und Fiebrigkeit nicht festgestellt werden konnte, entsperrt ein eingebautes Drehkreuz und Zuschauer können Zutritt zur Kulturveranstaltung oder ins Fußballstadion erhalten – ein spannendes Gemeinschaftsprojekt, das nunmehr u.a.  verschiedenen Fußballligen präsentiert werden soll. Dass die drei Innovatoren sich überhaupt erst finden konnten, verdanken  sie nicht zuletzt der Landesgliederung des BVMV, der behutsam und dennoch rasch richtige Partner zusammengebracht hat.

Erst heute Morgen hatte ich Gelegenheit die Firma Schulz und Berger Luft- und Verfahrenstechnik GmbH in Altenburg zu besuchen. Seit über 70 Jahren ist eine Spezialität des inhabergeführten Betriebes die Sicherung und Produktion sauberer Luft an verschiedensten Arbeitsplätzen. Diese Expertise zahlt sich nun in Corona-Zeiten aus. Nach einigen Monaten Forschungsphase haben die Altenburger mit ihrem neuen Produkt „Virusfrei 1200“ nunmehr ein Zuluftgerät zum Patent angemeldet, dass in unterschiedlichsten räumlichen Umgebungen virus-, keim- und bakterienfreie Luft produzieren und so die Gefahr einer Sars-Cov 2-Infektion durch Aerosole signifikant verringern kann. Die Prototypen, die ich besichtigen und unter denen ich zwei Stunden sitzen durfte, haben mich sehr überzeugt. 2.000 Kubimeter Raumluft werden in der Stunde umgewälzt und keimfrei gemacht. Aber der Clou ist ein Antivirenschirm aus einem ständigen Luftschleier. Wer dahinter arbeitet, braucht weder einen Spuckschutz aus Plexiglas, noch eine Maske. Aber beide Funktionen sind  entscheidend. Die Viren und Bakterien werden herausgefiltert, die Luft sehr unauffällig umgeschlagen und hinter dem Schleier wird die dahinter stehende oder sitzende Person geschützt. Eine lehrende Person kann problemlos geschützt werden und Schüler oder Studenten können sich frei im Raum bewegen. In einem Gericht sitzen die Richter hinter dem Schleier und der Gerichtssaal ist virenfrei. Eine Person an der Kasse und die Kassenzone könnte so ebenfalls sorglos ihre Tätigkeit verrichten. Dieser Luftschleier ist durch herkömmliche Aerosole nicht zu durchdringen, auch in Aerosolwolken nicht.

Die Liste dieser Projekte ließe sich lange fortführen und müsste noch um ganz andere Wirtschaftszweige erweitert werden. Ich habe in den letzten Monaten aber einmal mehr meine Meinung bestätigt gesehen, dass 30 Jahre Transformationsprozess seit 1990 nicht nur Geschichten von Treuhand und Marginalisierung, sondern eben auch von unbedingtem Willen zu Innovation und Respekt geschrieben haben. Die Kühnheit und Forschungsleistung von Thüringer Unternehmen, die einen nicht unerheblichen Beitrag zur Bekämpfung der COVID19-Pandemie leisten und beinahe en passant Thüringen weiter als technologisches Innovationsmusterland im Herzen Europas verankern, lässt mich Kraft und Zuversicht schöpfen, dass wir gemeinsam gestärkt aus dem Jahr 2020 hervorgehen werden!