Sich einen Wulff wählen

Bisher hieß es bei langen Wanderungen mitunter, dass man sich einen Wolf läuft – jetzt gibt es einen adäquaten Ausdruck für extralange Sitzungen: Sich einen Wulff wählen. Aber der Reihe nach.

Der Bundesversammlungsmittwoch begann sehr schön mit dem ökumenischen Gottesdienst. Viele sprachen mich im Nachhinein auf meine Fürbitte an, zeigten sich überrascht und erfreut und auch unsere Kandidatin Luc Jochimsen sagte mir im Nachhinein, dass ihr der Gottesdienst und mein Beitrag dazu gut gefallen haben.

Dann gingen wir gut gelaunt ins Reichstagsgebäude in der festen Überzeugung, dass spätestens nach drei Stunden die Sache gelaufen ist und wir uns wieder auf den Rückweg nach Thüringen machen können. Wie weithin bekannt ist, lief es aber völlig anders ab. Erst waren es 44, dann 28 und am Schluss immer noch 19 Wahlfrauen und ‑männer von FDP und Union, die einfach nicht das machen wollten, was Mutti sich gewünscht hatte. Für die Koalition und die Kanzlerin ist dieser Tag damit einfach nur eine große Niederlage, auch wenn es Christian Wulff auf den letzten Drücker noch geschafft hat.

Unsere Kandidatin hat trotz aller Unkenrufe bewiesen, dass ihre Bewerbung um das höchste Staatsamt richtig und wichtig war. Sie hat als einzige die Themenfelder Friedenspolitik und soziale Balance besetzt und war nicht zuletzt auch die einzige KandidatIN. Kurz: Sie war die wirkliche Alternative bei dieser Wahl. Dass das nicht nur unsere Delegierten so gesehen haben, beweist ihr Ergebnis im ersten Wahlgang. Mit 126 Stimmen bei 124 Wahlfrauen und –männern in unserer Delegation hat sie ein hervorragendes Ergebnis erreicht. Herzlichen Glückwunsch, liebe Luc!

Der zweite konservative Kandidat, Joachim Gauck, wollte zwar ein Kandidat aller sein, war es aber einfach nicht. Unsere Wählerschaft, der Frieden, soziale Freiheiten und Verständigung am Herzen liegen, fühlt sich durch ihn nicht repräsentiert. Folglich können wir als Vertreter unserer Wähler auch nicht für Joachim Gauck stimmen. Da helfen auch keine taktischen Spielchen weiter, die SPD und Grüne jetzt anstrengen. Das Addieren der Stimmen für Luc und Herrn Gauck aus dem ersten Wahlgang ist eine Milchmädchenrechnung, denn es werden Gegensätze zusammengerechnet, die nicht zusammenpassen. Fakt ist, dass selbst mit unseren Stimmen keine Mehrheit für Herrn Gauck dagewesen wäre.

Wenn mit einem Kandidaten ein Politikwechsel verkörpert werden soll, dann muss dieser Kandidat auch für eine andere Politik stehen. Wir haben SPD und Grünen Angebote gemacht, über einen gemeinsamen Kandidaten oder eine gemeinsame Kandidatin zu sprechen, der oder die eine echte Alternative zu Schwarz-Gelb darstellt. Die beiden Parteien haben es vorgezogen, mit ihrem Kandidaten eher bei Union und FDP um Stimmen zu werben, als bei uns. Jetzt auf den letzten Drücker von uns zu verlangen, dass wir mit in das Schmierentheater einsteigen, ist tatsächlich hanebüchen.