Tage der Begegnung

Bevor ich über mein Wochenende schreibe, will ich zum Freitag noch nachtragen, dass ich abends noch zu einer Veranstaltung über Konsequenzen des 13. Februar in Jena war. Das war eine sehr interessante Runde, die sich mit verschiedenen Protestformen auseinandersetze – immer unter der Fragestellung, wie sich die Verbreitung von rassistischem Gedankengut stoppen lässt. Es gab viele unterschiedliche Blickwinkel und ich würde nicht alles unterschreiben wollen, was da gesagt wurde. Wahrscheinlich ging es aber einigen anderen mit meinen Positionen genauso. Ich denke, dass Steinewerfen grundsätzlich kein Argument ist, egal ob gegen Menschen oder Schaufensterscheiben. Wichtig ist aber vor allem, dass wir uns beim Protest gegen Nazis nicht auseinanderdividieren lassen. Ziviler Ungehorsam als Zeichen einer aktiven Zivilgesellschaft ist manchmal unumgänglich. Die erfolgreichen Sitzblockaden gegen das sogenannte „Fest der Völker“ belegen das. Deshalb freut es mich auch, dass in Jena noch über das ganze Wochenende weiter diskutiert wurde, wie sich der Protest weiter entwickeln lässt, um Nazis keine Chance zu geben.

Den Samstagvormittag verbringen wir mit einem schönen Spaziergang durch Erfurt. Dabei treffe ich eine Kollegin aus HBV-Zeiten, die gerade den Spargel für unsere abendliche Zusammenkunft einkauft. Einmal im Jahr – immer zur Spargelzeit – treffen sich nämlich in Erfurt die Kolleginnen und Kollegen, die vor 20 Jahren damit begonnen haben, hier die Gewerkschaft HBV aufzubauen.

Nach der Altstadt am Vormittag zieht es uns zum Samstagnachmittag in die Natur, aber die Dichte an Menschen, die wir kennen, scheint auch dort nicht niedriger zu sein. Wir treffen jedenfalls schon nach einigen Minuten einen befreundeten Architekt, den wir in den nächsten Tagen sowieso anrufen wollten, um nach einem Rat zu fragen. So können wir das gleich machen – auch gut. Weiter auf unserer Wanderung entdecken wir ein totes Reh, das offensichtlich gerade erst verendet ist. Unsere Vermutung wird bestätigt, da im nächsten Moment der Förster vorbeikommt und uns erklärt, dass das Tier wahrscheinlich von Hunden gejagt wurde und dann einen Hang hinunter gestürzt ist. Da der Förster mich erkennt, sind wir auch gleich beim Thema Hundeführerschein und der Frage, wie man eine vernünftige Tierhaltung absichern kann.

Abends bin ich dann bei dem eben schon angesprochenen Beisammensein der alten HBV-Kollegen. Wieder ist ein Jahr vergangen und wieder gibt es viele Storys auszutauschen. Das ist wirklich eine schöne Tradition und ich freue mich schon aufs nächste Jahr.

Der Sonntagvormittag soll eigentlich letzten Reisevorbereitungen gewidmet sein. Es findet sich aber eine andere Beschäftigung: Eine Nachrichtenagentur ruft mich an und teilt mit, dass die Junge Union den Rücktritt unserer Abgeordnetenkollegin gefordert hat, die sich am Freitag bei der Wahl im Landtag vertan hat. Die haben wohl echt nichts besseres zu tun. Seit dem Bratwurst-Flyer-Desaster im Wahlkampf war es auch ziemlich still um den CDU-Nachwuchs geworden. Dass aber ausgerechnet die JU nun fehlerfreie Politiker fordert, ist schon paradox. Da ist das Gedächtnis trotz des jugendlichen Alters offensichtlich schon sehr lückenhaft.

Am Nachmittag geht es zum Flughafen, von wo aus mich ein Nachtflug nach Ecuador bringen soll. Da werde ich unter anderem an der Konferenz zur Eröffnung des Regionalbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung teilnehmen. Wenn es die technischen Möglichkeiten zulassen, werde ich die Texte für das Tagebuch per E‑Mail nach Thüringen schicken. Falls es nicht klappt, wird es hoffentlich einige Gastbeiträge geben, damit das Tagebuch nicht ganz verwaist. Ich bin jedenfalls gespannt auf alles, was mich in Ecuador erwartet.