Tarsus – Köln und zurück

Die ungewöhnliche Pilgerreise von Bundestagsabgeordneten fast aller Fraktionen und den offiziellen Würdenträgern der evangelischen und katholischen Amtskirche neigt sich dem Ende zu. Der letzte Tag in Ankara ist geprägt durch politische Gespräche, die durchaus als Beginn eines neuen, mit großem Tiefgang einhergehenden Dialogs bezeichnet werden kann.

Unsere Gesprächspartner im türkischen Parlament, Herr Murat Mercan, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, und Herr Yaşar Yakiş, der Vorsitzende des EU-
Harmonisierungausschusses im türkischen Parlament sowie Vertreter sämtlicher Parlamentsfraktionen sind erstaunt über die Zusammensetzung unserer Delegation aus Bundestagsabgeordneten und Kirchenvertretern. Die beiden Ausschussvorsitzenden gehören der Regierungspartei AKP an, und immer wieder wurde uns hinter vorgehaltener Hand sowohl in Istanbul als auch in Ankara zugeraunt, dass die AKP im Kern doch die schleichende Islamisierung des Landes betreiben würde. Schon beim Empfang des deutschen Gesandten in der Botschaft in Ankara teilten offenbar gute Kenner der türkischen politischen Szene diese Auffassung in der Verkürzung nicht.

Ein hochrangiges Mitglied des türkischen Verfassungsgerichtes erläuterte mir an dem Abend, dass die AKP eine Sammlungsbewegung sei, in der es auch islamische Tendenzen gäbe, dass es sich aber im Kern bei der derzeitigen Entwicklung in der Türkei um einen Konflikt von denjenigen handeln würde, die jahrzehntelang die führende und handelnde Oberschicht abbilden würden, und denen, die in den letzten 20 Jahren zu wirtschaftlichem Erfolg und persönlichem Wohlstand gekommen sind, aber quasi an den Schalthebeln der Macht nicht beteiligt werden. Offenbar steht die Türkei vor einer großen Erneuerungswelle, was die Institutionen und die Formen des Administrierens und Regierens angeht, und die AKP repräsentiert die aus diesem Prozess ausgegrenzten und häufig auch politisch benachteiligten Kräfte des Landes. Wie sagte ein Priester, der in der Türkei seit vielen Jahren tätig ist:
Seit 70 Jahren liegt über bestimmten Entscheidungsstrukturen ein dicker Eispanzer in diesem Land, und der hat begonnen zu schmelzen.

Ein Gesprächspartner aus dem Verfassungsgerichtshof hatte mir die Vision vorgetragen,
dass spätestens in 10 Jahren in der Türkei eine linke Regierung das Land regieren würde, wenn auch die religiösen Fragen unter Linken in der Türkei endlich entspannter und realistischer gesehen werden würden. Der Aufstieg der AKP ist tatsächlich mit der mangelnden Strahlkraft aller linken Kräfte des Landes erklärbar. Scheinbar sind in vielen Nationen dieser Erde die Verhältnisse in Bewegung geraten.

Bei den Gesprächen im Auswärtigen Ausschuss mit Herrn Murat Mercan mussten wir schon feststellen, dass er sich als AKP-Angehöriger und gläubiger Moslem sehr offensiv und sehr klar für eine positive Entwicklung der Religionsfreiheit ausspricht. Er ist es gewesen, der mit dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, dem Kollegen Polenz von der CDU, gemeinsam nach Tarsus gereist ist und dort entscheidende Weichen gestellt hat, damit Gottesdienste in der als Museum deklarierten Kirche möglich sind.
Er erläuterte uns auch seine Perspektive und wies darauf hin, dass so, wie türkische Imame
in Deutschland tätig sind, Priestern auch in der Türkei Arbeitsmöglichkeiten gewährt werden müssen. Sein Kernsatz lautete, dass man das Radikale nur unterbinden kann, wenn man den Dialog der Kulturen stärkt. Dies war eine Begründung dafür, dass er demonstrativ für das Paulus-Jahr die Initiative ergriffen hat, auch wenn ihm das heftige Kritik in den eigenen Reihen eingebracht hat. Er ergänzte, dass er sich mit der gleichen Intensität auch für die griechischstämmigen Türken einsetzen würde, und er bat darum, dass die konservativen Parteien Europas einen solchen Kurs aktiv begleiten sollten und die Türkei als Partner begreifen müssten auf dem Weg in die Europäische Gemeinschaft.

Auf die Nachfrage des evangelischen Prälaten Reimers, wie er denn die Bitte des griechisch-orthodoxen Patriarchen einschätzen würde, das Priesterseminar in der Türkei für die griechisch-orthodoxen Christen wieder zu ermöglichen und nicht nur die Rückgabe der Gebäude zu betreiben, antwortete er sehr erhellend. Er würde es sehr begrüßen, wenn es zwischen dem türkischen Staat und dem griechisch-orthodoxen Patriarchen einen gemeinsamen Weg geben würde, diesen religiös-theologischen Ausbildungsgang als Teil einer staatlichen Universität zu ermöglichen. Er glaubt aber nicht, dass es möglich sei, auf türkischem Boden derzeit eine – egal von welcher Religion oder Kirche betriebene ‑eigenständige Religionsausbildungsstätte zu ermöglichen, weil damit das filigrane Gleichgewicht im muslimischen Glaubensbereich gefährlich durcheinander gewürfelt werden würde. Würde der Staat dem Wunsch des Patriarchen folgen, gäbe es keinen Grund mehr, ähnliche muslimische und möglicherweise auch fundamentalistische Ausbildungszentren zu verhindern Man müsse nicht erst nach Pakistan schauen, um zu sehen, wohin so etwas führen würde. Aus diesem Grunde sei der Laizismus in der Türkei zwar für uns Deutsche gewöhnungsbedürftig, hätte aber seinen Sinn in der Hauptauseinandersetzung mit Fundamentalismus und Radikalismus. Einen Ausweg könnte man sehr wohl beschreiten, wenn in der rückübertragenen Einrichtung eine Fakultät einer Universität entstehen würde,
in der im staatlichen Zuständigkeitsbereich die Ausbildung z. B. für die türkische Sprache,
die Rechtswissenschaften etc. eingebettet wäre in einen theologischen Ausbildungsgang, auf den die griechisch-orthodoxe Kirche und das Patriarchat wesentlichen Einfluss hätten.
Es muss ein gemeinsamer Weg gefunden werden, um nicht in der Mehrheitsgesellschaft die Dämme brechen zu lassen für Entwicklungen, die dann niemand mehr aufhalten würde.

Welch ein Satz aus dem Mund eines AKP-Politikers, denke ich bei mir und werde noch mehr überrascht, als wir die Vertreter des EU-Harmonisierungsausschusses treffen.
Der Vorsitzende Yaşar Yakiş, der auch der AKP angehört, erläutert sehr allgemein den Weg im EU-Beitrittsverfahren und beschreibt sehr blumig, was alles schon erreicht sei.
Als er dann allerdings den Schlüsselsatz aussprach, dass es auf jedes Problem in der Türkei eine vernünftige Antwort und Lösung gäbe, man müsse nur an der zuständigen Stelle fragen, platze ich. Ich lasse sämtliche diplomatischen Formulierungen fallen und frage direkt und unmittelbar zurück, ob er mir auf die Frage, ob man das Museum in Tarsus wieder als Kirche widmet, daneben ein Pilgerzentrum zulässt, das Ganze ins Grundbuch einträgt und von staatlicher Seite alles unternimmt, dass Möglichkeiten geschaffen werden, dies alles umzusetzen, eine Antwort geben kann. Es ginge überhaupt nicht um Finanzierungen, weil das alles Angelegenheit der Kirchen wäre.

Dann rekapituliere ich unsere Gespräche mit dem Landrat von Tarsus, der uns gesagt hat, dafür sei Ankara zuständig, dem Vertreter der Religionsbehörde, der das auch alles begrüßen würde, aber sich für unzuständig erklärte, dem Generaldirektor der Stiftungsbehörde, der ausführte, dass alles im Rahmen des neuen Stiftungsrechtes möglich sei, aber die Frage der eigentumsrechtlichen Rückübertragung von ihm nicht beantwortet werden könne, weil er dafür nicht zuständig sei. Von allen Gesprächspartnern, die wir laienhaft für zuständig hielten, bekamen wir als Antwort, dass sie nicht zuständig seien, aber es sehr begrüßen würden, damit die abrahamitischen Religionen nebeneinander existieren könnten und der Zugang zu den Wurzeln des Christentums an authentischen Orten in der Türkei tatsächlich auch für Christen ermöglicht wird.

In der deutschen Gesellschaft gibt es jedes Mal große Debatten, wenn eine Moschee gebaut wird. Zurzeit entzünden sich in Deutschland die Gemüter daran, ob zu einer Moschee wirklich große Minarette gebaut werden müssten, und der Moscheekampf in Köln oder in Berlin zeigt, wie aufgewühlt diese Frage in der deutschen Mehrheitsgesellschaft jedes Mal wieder debattiert wird. Die politisch Verantwortlichen in Deutschland haben sich über Parteigrenzen hinweg und teilweise unter großen inneren Zerwürfnissen letztendlich aber immer für die Akzeptanz entschieden. Das deutsche Baurecht kennt eben nur Fragen wie Größe, Kubatur, Statik, Traufhöhe etc. Religiöse oder gar ethische bzw. Gefühlsfragen sind mit dem Baurecht nicht vereinbar. Entweder wird ein Gebäude gebaut, weil es den entsprechenden baurechtlichen Bestimmungen entspricht, oder es kann eben nicht gebaut werden. Nachbarschaftsrechte, die auf Ethik, Religion oder Moral beruhen, sind in Deutschland nicht justiziabel. Ich freue mich deshalb, dass in Deutschland die Diskussion um Moscheen die Fragen nach einem europäischen Islam auf die Tagesordnung gebracht hat. So wie schon unser vorheriger Gesprächspartner Murat Mercan die Unterscheidung zum Radikalen vorgenommen hat, besteht diese gleiche Frage für uns in Deutschland auch. Fundamentalismus in jedwedem Gewand muss zurückgedrängt werden, damit man in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen ethnischen und ethischen Grundsätzen friedlich zusammenleben kann.

Aus diesem Grunde freue ich mich über die Zulassung der Moschee in Köln und frage, wie es meine Gesprächspartner nun mit der Kirche in Tarsus halten. Was für Köln gilt, muss auch für Tarsus gelten, sonst würde ich nicht verstehen, wie wir uns in der Europäischen Gemeinschaft zusammen aushalten wollen. Hierauf kam etwas sehr Verblüffendes. Herr Yaşar Yakiş verließ seine Rolle als Vorsitzender des Ausschusses, sprach als Mitglied der AKP zu uns und bestätigte ausdrücklich meinen Eindruck. In der EU müssten sich 400 Millionen Christen mit 70 Millionen Muslimen aushalten können, und das bedeute, dass auch 70 Millionen Muslime einige Hunderttausend Christen aushalten müssten. Dasselbe gelte selbstverständlich auch für Menschen, die sich an Religion überhaupt nicht gebunden fühlen. Und dann wurde ein, wie ich finde, großer Satz formuliert, nämlich dass es in der Türkei tatsächlich keine öffentliche Diskussion über diese Fragen gäbe und es deshalb gut sei, dass in Deutschland solche Fragen heftig, offen und öffentlich diskutiert werden. Es wäre gut, wenn es in der Türkei einen eben solchen harten, aber fairen Streit gäbe.
Außerdem wäre es gut, wenn langfristig das DIYNET, also die islamische Religionsbehörde, zu einer zivilen Organisation umgewandelt werden würde, und es wäre gut, wenn der Laizismus tatsächlich zu einer Trennung von Staat und Religion weiterentwickelt werden würde, mit einer normalen und selbstverständlichen Akzeptanz gegenüber Christen und Juden, aber auch gegenüber den Aleviten in der türkischen Republik. Hier gäbe es innerhalb der Türkei eindeutige Defizite. Er bedankt sich bei uns als Gesamtdelegation, denn es hätte ihn beeindruckt, dass wir partei- und religionsübergreifend reisen würden, um uns diesen Fragen nachdrücklich zu nähern. Dann sagte er noch, dass er tatsächlich nicht wüsste, welche Stelle zuständig wäre, um meine Fragen zu beantworten, sondern wir müssten dies alle zusammen weiter betreiben. Er lädt uns ein wiederzukommen und gemeinsam mit ihnen diese Prozesse voranzubringen. Es fiel kein einziges blumiges Wort mehr, mit dem hier Dinge irgendwie zugedeckt würden. Wir waren von dieser Offenheit positiv berührt, denn es war die Einladung zum Dialog.

Religion kann Teil der Lösung, aber darf nie Teil des Problems sein, geht es mir durch den Kopf. Und der Prozess zur Integration in die Europäische Gemeinschaft verlangt von uns, Fragen zu stellen, die wir auch gegen uns selber gelten lassen müssen. Insoweit ist der Streit um die Kölner Moschee dann ein guter Streit, wenn er zu einem ähnlichen öffentlichen Diskurs über die Kirche in Tarsus führt und wenn gleichzeitig diese Fragen beantwortet werden.
So hängen die Kölner Moschee und die Kirche in Tarsus wirklich zusammen!