Eine Kirche unter der Kirche?

Der Tag begann sehr schön. Ein gemütlicher Spaziergang zur Kirche, schönes Wetter und friedliche Stimmung. Wir kommen – für mich unerwartet – in ein Franziskaner Kloster. Ein großer schöner Gebäudekomplex. Eine Katholische Franziskaner Kirche, die aus der Kreuzfahrer Zeit stammt – einladend für Levatinische Christen, Menschen deren christliche Wurzeln rund ums östliche Mittelmeer seit Jahrhunderten bestehen. Aber welche Überraschung: Wir gehen nicht in die wunderschöne Kirche (die besichtigen wir nur kurz), sondern wir müssen durch ein Eisentor ins Untergeschoss, quasi in die Kellerräume. Zurück zu den Wurzeln der Christen? In Kellern und Katakomben – regt sich die Kirche im Untergrund? Unten angekommen werden wir überrascht mit einem übervollen Kirchraum. Ich schätze 500–600 Gläubige haben sich zum sonntäglichem Kirchgang in der chaldäischen Gemeinde versammelt. Der Gottesdienst findet in Aramäisch statt, der Sprache von Jesus Christus. Für meine Ohren ist es irgendwie ein arabisch-jüdischer Klang. Es berührt mein Herz zum ersten Mal in meinem Leben einen Gottesdienst in der Sprache Jesus zu erleben. Selbst wenn mir die Worte verschlossen bleiben, spüre ich den Glauben, der hier von der Gemeinde gelebt und ausgedrückt wird. Die Gemeinde besteht aus irakischen Flüchtlingen aber auch Chaldäisch-Türkischen Bürgern, die aus dem Osten des Landes so peu à peu vertrieben wurden. So treffen sich die im Christentum vereinten und aus Ihren Siedlungsgebieten vertriebenen Chaldäer im Gottesdienst in der Istanbuler Franziskaner Kirche. Aber warum nicht oben, sondern im Keller? Man habe oben irgendwie keine geeignete Zeit für chaldäische Gottesdienste gefunden, wird uns als Grund genannt. So spüre ich wieder mal, dass es auch bei den Christen Gläubige unterschiedlicher Gewichtungen (Klassen?) gibt!

Der Pfarrer begrüßt uns anschließend in Französischer Sprache und erklärt der Gemeinde, wer wir sind. Man sieht lächelnde Gesichter und freundliches Nicken. Wir fühlen uns aufgenommen. Diese Kirche – quasi im Untergrund (wenn auch nur unter einer anderen Kirche) – war mit der aramäischen Sprache und der chaldäischen Liturgie ein beeindruckendes Ereignis.

Abends treffen wir dann eine Gruppe der Irakischen Flüchtlinge und Monsignore Francois Yakan, den Istanbuler chaldäisch-katholischen Patriarchalvikar, in den Amtsräumen der Gemeinde. Dieses Gespräch hinterlässt bei mir bittere, tiefe Spuren in meiner Seele. Wir hören die Einzelberichte der Flüchtlinge aber es regt sich immer mehr die Frage in mir, was da im Irak geschehen ist. Ich höre und höre! Irgendwann frage ich direkt und nicht mehr diplomatisch: Stimmt mein Eindruck, dass der Irak Christenfrei gemacht wird?

Etwa 1,1 Millionen Christen waren vor Beginn des Krieges im Irak: Chaldäer, Syrisch-Ortodoxe, Protestanten, Katholiken. Für die Aramäer ist das Zweistromland Wiege der Kultur. Die Aramäische Bevölkerung lebte zwischen Iran, Irak und der Türkei. Von den Aramäern gab es dort noch vor 50 Jahren über 200.000 Gläubige, heute sind es vielleicht noch 3000. Die Gesamtzahl der Christen im Irak hat sich in den letzten Jahren nahezu halbiert. Entsprechend eindeutig ist die Antwort Yakans : „Ja, es ist eine religiöse Säuberung in vollem Gange.“ Eine tausendjährige Siedlungskultur befindet sich in galoppierender Aufllösung. Die Koalitionstruppen haben sehr schnell die Erdölanlagen besetzt und geschützt, aber die 5000-jährige Kultur war kein Schutzziel. Darin liege die Tragik, sagt unser Gesprächspartner. Ich denke, welch ein Wahnsinn! Da gibt ein US-Präsident das Kriegsziel als Kreuzzug gegen das Böse vor und im Ergebnis werden die Christen aus ihren ursprünglichen Kulturräumen vertrieben!

Eine bittere Erkenntnis! Der Krieg der Willigen hat Folgen, die niemand wahr haben will und die Flüchtlinge bezahlen den bitteren Preis.