Träumen wird man ja noch dürfen

Nun nähert sich die Reise dem Ende. So viele Anregungen, so viel zum Nachdenken und die Verabredungen für gemeinsame Projekte und konkrete Hilfe. Der Morgen beginnt mit einer Aufregung im Frühstücksraum. Turbulent geht es zu. Wo sonst fröhliche junge Menschen aus aller Welt sich tummeln, befindet sich heute eine größere Gruppe älterer Damen. Sie umringen heftig gestikulierend und auch laut rufend einen Herrn. Er schaut lächelnd, aber hilfesuchend um sich. Bis ich verstehe, es ist mein Gesprächspartner mit dem ich zum Frühstück verabredet bin. Shimon Shetreet der vormalige Religionsminister Israels und langjähriges Knesset Mitglied. Seine Vita liest sich wie das „Who is Who“ der Israelischen Politik. Mehrere Ministerämter in unterschiedlichen Kabinetten. Er besucht mich zum Frühstück und löst wegen seiner Popularität die Tumulte aus. Er lächelt bescheiden und holt sich das Frühstück am Buffet, wie alle andern auch.

Israels Politiker sind hemdsärmlig und sehr praktisch. Ein solcher Staat mit dieser Entstehungsgeschichte kann wohl auch keine anderen gebrauchen. Wir sprechen über das Verhältnis Staat und Religion. Bei der spürbaren Dominanz der Orthodoxen und der für mich verwirrenden Regelung, dass viele Fragen nicht vor staatlichen sondern vor geistlichen Gerichten abgehandelt werden, formuliere ich mein Unverständnis über diese Widersprüchlichkeiten. Herr Shetreet war es, der staatliche Zuschüsse in den Haushalt aufnahm um Flüge zum Heiraten nach Zypern mit zu bezuschussen. Es gibt kein staatliches Standesamt und keine Zivilehe in Israel. Unbegreiflich! Da leben Hunderttausende Staatsbürger und werden aus religiösen Gründen am Heiraten oder an der Scheidung gehindert. Wer religiös nicht als Jude gilt, darf nicht in Israel heiraten. Das Ober-Rabbinat bestimmt wer Jude ist und wer es eben nicht ist. Für mich unbegreiflich und auch völlig inakzeptabel. Die Trennung von Staat und Kirche sind für mich Wesensmerkmal eines aufgeklärten Staates, aber auch notwendig als Orientierungsmerkmal für eine Parlamentarische Demokratie. Kein Gottesstaat sondern Bürgerstaat, daraus leitet sich der aktive Staatsbürger ab.

Aber genau über solche Fragen reden wir ganz offen und Herr Shetreet erläutert mir die konstituierenden Bedingungen die zur Staatsgründung Israels eben auch gehören. Die religiöse Akzeptanz in ihrer Vielfältigkeit. Die Katholiken, Protestanten, Koppten, Orthodoxen. Christen in jeder Vielfältigkeit klären und richten ihres, die Muslime Ihres und eben die Juden das Ihrige. Da besticht eben so eine Zahlenreihe der christlichen Kirchen in Jerusalem. 33 unterschiedlichste und konkurrierende Kirchen, 17 Bischöfe und immerhin noch 6 Patriarchen. Dies alles ist Erbe in dem Staatsgebiet, welches als Heiliges Land bezeichnet wird. Ähnliches vollzieht sich bei Muslimen, Bahei und wer immer auch an diesem Fleck heiliger Erde residiert. Da wollte und konnte man kein Zivilgesetz an Stelle der religiösen Selbstbestimmung stellen.

Das Ober-Rabbinat ist als Regelungsinstanz schon unter der Türkischen Herrschaft eingeführt worden und steht eben nicht so einfach zur Disposition. Aber wer selbst als Jude nicht einer Orthodoxen Gemeinde angehört und es auch nicht will, sondern der konservativen oder progressiven Gemeinde sich zugehörig fühlt, der hat Pech gehabt! Wer aber als Israeli sekular ist, hat Oberpech. Wer angeheiratet ist und einem anderem Glauben angehört, sitzt zwischen allen Stühlen. Unfassbar! Es lohnt, sich mit den unterschiedlichsten Strömungen des Judentums zu beschäftigen, denn da wird ein wichtiger Schlüssel auch für den Frieden und die Offenheit der Israelischen Gesellschaft liegen. Ich ahne, dass die sozialistisch geprägten Träume der Gründer und ersten Siedler, von einem Israel für alle Juden, sich nicht vereinbaren lassen würde mit dem Bild eines jüdischen Staates unter der Hoheit des Ober-Rabbinats.

Weil heute die „Gay Pride“ in Jerusalem stattfindet, geht es mir durch den Kopf, das die Steine fundamentalistischer Muslime gemeinsam mit orthodoxen Juden als größter gemeinsamen Nenner gegen Lesben und Schwulen ein Anzeichen dafür sind, dass zu einem modernen aufgeklärten Staat Toleranz und Schutz auch gegen anders Lebende gehören muss. Da sind die Initiativen von Uri Regev und Anat Hofman genau die Richtigen. Also muss es auch in Israel möglich sein, auf die verschiedensten Arten Jude sein zu können!

Da erinnere ich mich an die Holzleiter an der Front der Grabeskirche (160 Jahre Krach und Streit). An den offenen Streit, den der Staat Ägypten mit Israel führt, wegen dem vermeintlichen Recht der Koppten, die Gebäude auf der Grabeskirche zu nutzen. Ein Gebäude in denen die Äthiopischen Christen seit Jahrzehnten wohnen und die Ägyptische Forderung, die Kontrolle über die Grabeskirche ausüben zu wollen (angeborenes Recht der Koppten, was allerdings sowohl die Griechisch Orthodoxen, als auch die Armenischen Christen total bestreiten). Erinnere mich an einen verschwundenen goldenen Nagel in Bethlehem, der den Krimkrieg ausgelöst hat. Dann wird klar, warum der Staat Israel gut beraten ist, sich aus all dem herauszuhalten.

Warum im arabischen Teil die Araber entscheiden, wer die Sanierung der Mauern ihres Viertels vornimmt. Kein Jude darf das, nur Araber! Warum es klug ist, den Schlüssel für die Grabeskirche von einem Araber verwalten zu lassen. Sehr klug! Die Christen können sich nicht einigen, wer die vor 160 Jahren stehen gelassene Leiter herunterholt, also passt eine Arabische Familie auf den Schlüssel der Christen auf. Sehr gute Idee! Vielleicht sollte man diesen Gedanken weiterführen. Ein Großjerusalem unter der Oberaufsicht von Hindu’s? Es zeigt mir aber, dass mehr zu bedenken ist. Die abrahamitischen Religionen müssen sich respektieren und aushalten. Wir müssen lernen mit den Augen des anderen zu sehen, wie es der Lateinische Patriarch am Anfang der Konferenz gesagt hat. Aber dabei auch das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren, das moderne aufgeklärte Staatsbürger auch einen solchen Staat brauchen. Das gilt für die Israelis und die Palästinänser gleichermaßen. Der unheiligen Allianz der Fundamentalisten muss sich eine Allianz friedensbewegter Liberaler, Sozialdemokraten, Kommunisten, Konservativer, Juden, Christen, Muslime, Araber, Europäer, Asiaten, Israelis, Amerikaner, Russen entgegen stellen.

Erst wenn die „Gay Pride“ ohne Angriffe in Jerusalem aber auch in Gaza marschieren könnte, wenn jeder der will, in Israel heiraten oder sich auch scheiden lassen kann, wenn gläubige Frauen an der Klagemauer singen dürfen, wenn der Tempelberg für alle Gläubigen offen ist ‚ohne das als Vorbedingung die Moscheen geschleift werden, wenn Platz ist für alle Menschen, alle Gläubigen in Jerusalem, aber auch die Leiter von der Grabeskirche auf bitten der Christen von einem Bahei heruntergenommen wird, dann nähern wir uns dem, was mich in meinem Glauben bewegt. Etwas, was höher ist als ein Stein, eine Leiter, Gräber, Felsen, Olivenbäumen, ein Berg, eine Synagoge, Kirche oder Mosche. Bei meinem Gott ist für alle Platz. Aber überhaupt kein Platz, um in seinem Namen anderen Menschen das Leben zu nehmen!

Habe ich jetzt das Jerusalemsyndrom? Aber träumen wird man ja noch dürfen, bei so einer Reise nach Jerusalem.