Kann man Zeitgeschichte anrufen?

Zürich-Tel Aviv ein routinierter Flug. Der Service hapert ein bisschen, alle bekommen Essen nur ich nicht, da fängste doch an zu grübeln. Aber es hellt sich auf: fast alle anderen im Flugzeug hatten koscher bestellt und mir sagt mal wieder keiner was. Hätte ich das gewusst hätte ich das doch auch geordert. Beim Chanukka in Erfurt gibt’s auch immer leckeres koscheres Essen und israelischen Wein aus dem Norden. (Beides bekomme ich dann am Abend ohne es im Flugzeug ahnen zu können.)

Am Flughafen holt uns ein deutsch sprechender, toller Taxifahrer ab, er wird uns die Woche begleiten. Auf der Fahrt von Tel Aviv bis Jerusalem bekommen wir schon mal gute Erläuterungen. Dort ist eine komplett neue Stadt gebaut worden und da entsteht ein neues Autobahn-System mit gigantischem Autobahnkreuz. Hier wird eine riesige ICE-Strecke zwischen den beiden Großstädten gebaut und mit der neuen Siedlung verbunden und da entsteht gerade mitten in Jerusalem eine beeindruckende Hängebrücke für den ICE – sehr futuristisch, aber wohl dringend notwendig. Mein Bild eines Landes in ständiger Angst weicht einem Eindruck einer völlig aus dem Rahmen fallenden Landschaft. Hier brummt’s fällt mir dazu ein! Eine Metropolregion sucht ihre Einbettung.

Dann Ankunft im Zentrum der Liberalen Juden. Ein sehr schönes Zimmer wird uns eine Woche zur Verfügung stehen. Erster Hammer-Blick aus dem Fenster: Direkt in der Altstadt und Blick auf das Jaffator und die große Stadtmauer!

Nach dem Frischmachen werden wir von einem netten jungen Mann abgeholt. Er studiert am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und will Rabbi werden. Er begeleitet uns zum Sabbat in die Synagoge.

Dort der zweite Hammer: Eine freundliche ältere Dame, Avital Ben-Chorin (Witwe von Ben-Chorin, dem Gründer der Synagogengemeinde Har-El/die erste liberale Gemeinde Israels), begrüßt mich mit der Frage, woher ich denn komme. Ich sage ihr, dass ich in Erfurt zu Hause bin und schwups bin ich sprach- und fassungslos. Sie ist in Eisenach geboren, vor 85 Jahren und trägt mir gleich auf, Grüße an eine gute Seele in der Jüdischen Landesgemeinde zu bestellen. Sie kennt die Frau in Erfurt schon seit 1986, denn da war sie eine der wenigen noch Aktiven des jüdischen Lebens in Erfurt. Erst letztes Jahr ist sie bei der KAS in Erfurt zu einem Vortrag  gewesen. Mit diesen Worten wurde ich gleich so platziert, dass die energische aber sehr liebevolle Dame mir dann den ganzen Sabbat-Ablauf erklären konnte. Wieder bei mir was eingestürzt – alles deutlich in deutsch, damit ich es auch ja verstehe. Meine frühen Besuche in Frankreich habe ich in diesem Punkt sehr unangenehm in Erinnerung: Deutsch war tabu und mehrmals Anfang der 70-er musste ich mich als junger Kerl dann in Paris mal pauschal als Nazi beschimpfen lassen. Hier hatte ich Beklemmungen und siehe da – falsch! Wirklich Betroffene des Holocaust nehmen uns freundlich auf und fragen wie es in Deutschland geht und wen ich grüßen soll!

Nun bin ich vorsensibilisiert und rechne mit Allem. Genau die richtige Einstellung, als nächstes spricht mich ein freundlicher älterer Herr an und begrüßt mich wiederum auf deutsch. Er ist mein Gastgeber zum Sabbat-Essen und weiß auch schon, dass ich aus Thüringen bin. Er ist in Bamberg geboren und war als Kind immer in Oberhof zum Skifahren gewesen.

Auch hier setzt meine Menschenkenntnis wieder aus. Die Dame hätte ich 70–75 geschätzt und tatsächlich ist sie 85, den Herrn schätze ich lieber nicht, denn es stimmt auch nicht. Er fährt uns durch Jerusalem mit seinem Auto und erklärt sehr viel dazu. Während der Fahrt erfahre ich, dass er 82 und ein glänzender Kenner deutscher Geschichte ist. Aber er kennt auch jeden wichtigen oder gewichtigen Vertreter Israels. Viel lässt er sich über meine Arbeit, unsere neue Partei und die Entwicklung in Deutschland erzählen. Aber was er zu möglichen Friedensentwicklungen in Israel zu sagen hat, ist noch spannender, einfach faszinierend. Wenn man mit jemandem den Abend verbringen darf, der zu den wenigen 1000 Kindern gehört hat, die mit den Kindertransporten nach England durften und dessen Eltern dann noch in der Phase des Hitler-Stalinpaktes die kurze Phase der offenen Grenze zur SU nutzen konnten um über die SU nach China und von da über Japan noch bis Valparaiso lebend aus der deutschen Mordmachine rauszukommen. Da sitzt persönliche Betroffenheit am Tisch und plaudert über Olmert oder Staufenberg! Ich bin berührt über die Größe solcher Persönlichkeiten! Als Deutscher mit ihm über Frieden und Friedenshoffnung in Israel genauso reden zu können, wie über Nazis in deutschen Parlamenten und grassierenden Antisemitismus. Kein erhobener Zeigefinger, nur sachliche Fragen und wirklich kluge Einwürfe! Ein für mich überragender erster Abend in Israel!

Das Angebot steht, wenn ich Fragen hätte, bräuchte ich nur anrufen. Aber kann man einfach so bei einem Zeugen der schimmsten Zeitgeschichte anrufen? Ist das so einfach? “Mein Onkel war der Gründer der Angestelltengewerkschaft und er war derjenige, der beim Kapp-Putsch den Generalstreik ausrief!” Stimmt und in Berlin trägt ein Platz den Namen des Onkels – der Siegfried-Aufhäuser-Platz in Neukölln! Zeitgeschichte pur! Er selbst – er heißt übrigens Werner Loval – kümmert sich um junge Deutsche, die der jüdischen Geschichte mit ihrer ganzen Vielfalt nachgehen. Dafür hat er eine Stiftung auf den Weg gebracht, einen Preis ausgelobt und arbeitet so daran mit, das Bewusstsein am jüdischen Leben in Deutschland wach zu halten.

Wieviel solcher Menschen bräuchten wir, um uns unserer Geschichte und Verantwortung bewusst sein zu können. Ohne erhoben Zeigefinger! Einfach nur mit großer menschlicher Ausstrahlung. Für diesen ersten Tag in Israel bin ich tief dankbar! Eine Tiefe die berührt!