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Religion und DIE LINKE.–Gedanken zu einem Dauerthema

01. Juli 2021
Bodo Ramelow Kirche und Religion

Ich bin gläubiger Christ und Mitglied der Partei DIE LINKE. Das Stirnrunzeln vieler Menschen, sobald man auf diese schlichte Tatsache zu sprechen kommt, begleitet mich bereits mein gesamtes politisches Leben. Sozialismus – und dann auch noch parteiförmig organisierter – wird oft genug gleichgesetzt mit dem kämpferischen Atheismus der frühen Sowjetunion oder fehlerhaft ausgedeuteten Marx – Zitaten von „Religion als Opium des Volkes“.

Für mich galt aber immer und gilt auch noch heute die wunderbare Sentenz des sozialdemokratischen Kulturpolitikers Adolf Grimme:

„Ein Sozialist kann Christ sein, ein Christ muss Sozialist sein.“

Warum? Weil ich fest davon überzeugt bin, dass zentrale Werte des christlichen, aber auch bspw. jüdischen Welt- und Menschenbildes nichts anderes zum Ziel haben als das, wofür demokratische Sozialistinnen und Sozialisten seit langem kämpfen – eine Welt der Gleichen, in der Starke Schwache unterhaken, eine Welt der Geschwisterlichkeit und Mitmenschlichkeit, in der der Mensch immer Zweck sein muss, niemals Mittel sein darf.

Autoren wie der heute weithin vergessene Wilhelm Weitling buchstabierten bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus, worin die Schnittmengen zwischen kommunistischen und christlichen Ideen bestanden. Einer der frühestens Vordenker des Sozialismus, der jüdische Schriftsteller und Philosoph Moses Hess, träumte von einer Vereinigung von christlichem und jüdischem Glauben im Geiste sozialistischer Ideen. Und war es nicht Moses Mendelssohn, einer der Wegbereiter der Haskala („jüdische Aufklärung“), der sich für die Emanzipation und Gleichberechtigung der preußischen Juden einsetzte? Er war gläubiger Jude und wurde gleichzeitig zu einem engagierten Streiter für Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit.

In den 1950er-Jahren schließlich waren es vor allem mutige Männer und Frauen in Lateinamerika, die mit der Befreiungstheologie einen Glauben predigten, in dessen Zentrum das unterdrückte und entrechtete Individuum stand, dem die eigene Religiosität die Kraft und Legitimation geben sollte, Repression und Ausbeutung abzuschütteln. Und wer von uns kann sich nicht mehr an den Rostocker Parteitag der LINKE im Jahr 2010 erinnern als der nicaraguanische Freiheitskämpfer und Theologe Ernesto Cardenal zu uns sprach? Er war katholischer Christ, Priester und Sozialist. Er kämpfte in Nicaragua für die Demokratie und die Schwächsten der Gesellschaft. Für dieses Engagement wurde ihm vom Papst im Jahr 1985 die Ausübung seiner priesterlichen Ämter verboten. Er blieb fest im Glauben an eine gerechte Welt, weil für ihn ausgemacht war, dass nichts weniger Christ-Sein heißen durfte. Diese Begegnung hat mich tief geprägt.

Ich habe aus meinem Glauben nie einen Hehl gemacht und bin stolz darauf, dass ich im Jahr 2013 mit der Abraham-Geiger-Plakette – der höchsten Auszeichnung, die das liberale deutsche Judentum zu vergeben hat – ausgezeichnet wurde – unter anderem dafür, dass ich lange und intensiv daran gearbeitet habe, dass auch in Deutschland endlich wieder eine geregelte Rabbiner-Ausbildung stattfinden kann.

Nicht zuletzt denke ich immer wieder gerne an zahllose Kirchentage, bei denen der Stand der Rosa-Luxemburg-Stiftung immer direkt in der Nähe desjenigen des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschland platziert war. Dieser Bund –in den 1920er-Jahren von engagierten evangelischen Sozialistinnen und Sozialisten gegründet – war bereits vor der Machtübergabe an die Faschisten im Jahr 1933 ein lauter Mahner für eine sozialistische Wirtschaft- und Gesellschaftsordnung, in der ein gegen christliche Werte verstoßender Egoismus aufgelöst werden sollte in ein System kollektiver Verantwortlichkeit und Solidarität. Den aufziehenden Nationalsozialismus lehnten die Bundesmitglieder als antichristliche Gewaltideologie ab und engagierten sich in pazifistischen Initiativen. Verboten und verfolgt von den NS-Machthabern wurde der Bund nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründet und ist bis heute eine starke Stimme im Konzert der christlichen Sozialisten und Sozialistinnen. Wie viele spannende und produktive Gespräche habe ich diesen Kirchentagen zu verdanken? Ungezählte.

Erst am vergangenen Wochenende habe ich abermals in einer Rede auf dem Landesparteitag von DIE LINKE.Thüringen in Sömmerda dargestellt, warum die Forderung nach einer Einhegung der kapitalistischen Verwertungslogik und die Betonung der Gemeinwohlverpflichtung von Vermögenden nicht nur ur-sozialistische, sondern auch ur-christliche Wurzeln hat und auf die Briefe von Paulus an seine Gemeinden aus der Bibel verwiesen. Dort schreibt der Apostel den Gläubigen ins Stammbuch:

„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Phil 2,3)

Ist es nicht dieser Gedanke, der Christinnen und Christen, aber auch andere Brüder und Schwestern der abrahamitischen Religionen sozialistischen Ideen anverwandeln kann? Ich denke ja. Religiosität und Glaube bedrohen die Arbeit an einer gerechten Welt nicht – im Gegenteil. Sie können ein Baustein (freilich einer unter vielen) sein, der die „Koalition der Solidarischen“ größer werden lässt.

Umso betrübter musste ich zur Kenntnis nehmen, dass auf demselben Parteitag an anderer Stelle die Delegierten eine Formulierung zum Religionsunterricht an Thüringer Schulen in das Landtagswahlprogramm aufgenommen haben, die meinen Überzeugungen als christlicher Sozialist widerspricht. Im Programm heißt es nunmehr:

"Der Religionsunterricht soll an staatlichen Schulen als Wahlpflichtfach abgesetzt und durch einen verpflichtenden Philosophie-Unterricht, bei dem die Beschäftigung mit Religions- und Ideologiekritik einen Schwerpunkt bildet, ersetzt werden. Der Besuch eines spezifischen Religionsunterrichts sollte darüber hinaus für alle Konfessionen als Wahlfach an staatlichen Schulen nach dem regulären Unterricht zusätzlich möglich sein."

 

Ich halte diese Forderung für verfehlt. Bereits die Formulierung, anstelle eines Wahlpflichtfaches Religion einen Philosophieunterricht zu installieren, der sich schwerpunktmäßig (!!) mit „Religionskritik“ zu befassen habe, insinuiert, dass über Religion vorrangig und in erster Linie im Modus der „Kritik“ gesprochen werden dürfe. Schon die sprachliche Komposition des Antrages ist kritikwürdig insofern, als dass sie Religion und Ideologie quasi gleichstellt und damit die Probleme, die gläubige Menschen mit derartigen Parallelisierungen zurecht haben, völlig ausblendet.

Religion erscheint aus dieser Perspektive als Sammelsurium an verstaubten Ideen, die nichts anderes als Verheerungen, Unterdrückung und Denkfaulheit produziert hätten. Dieses Herangehen ist allerdings – wie ich eingangs angerissen habe – nicht nur historisch falsch, sondern rückt viele Millionen Gläubige wenigstens in ein ungerechtfertigtes Zwielicht.

Diejenigen, die sich dann doch für ein Wahlfach „Religion“ nach ihrem verpflichtenden „Philosophie“-Unterricht entscheiden, sollen zusätzliche Schulstunden absitzen – auch das kein gutes Signal.

Sehen wir uns nunmehr die in Thüringen geltenden Regelungen an, wird für mich noch deutlicher, warum programmatische Vorstöße wie der genannte aus meiner Sicht nicht notwendig sind. Heute gilt, dass jede Schülerin und jeder Schüler in Thüringen das Recht hat, sich im Rahmen eines Wahlpflicht-Systems entweder für die Teilnahme am konfessionsgebundenen Religionsunterricht oder an einem nicht-konfessionellen Ethik-Unterricht zu entscheiden. Egal, welchen Weg man wählt – sowohl im Ethik- als auch im Religionsunterricht wird im Kernbereich ausführlichst und inhaltlich kaum voneinander unterscheidbar den Schülerinnen und Schülern in tiefer Einblick in die verschiedensten philosophischen Denktraditionen ebenso vermittelt wie ein detailliertes Studium anderer Weltreligionen angeboten. Dabei wird Kritisches nicht ausgespart, aber auch nicht permanent der sprichwörtliche Teufel an die Wand gemalt. Menschen sind zum Guten wie zum Bösen fähig. Und gerade deshalb sind im Namen der Religion ebenso Verbrechen begangen worden, wie in ihrem Namen Großes und Beeindruckendes geschaffen wurde. Dieses zu vermitteln, heißt reflektiert und trotzdem respektvoll mit religiösen Bekenntnissen umzugehen.

Auch das Grundgesetz schützt den Religionsunterricht in Art.7 – ebenso wie der Kirchenstaatsvertrag zwischen den evangelischen Kirchen und dem Freistaat Thüringen in Art.5 und der Staatsvertrag zwischen katholischer Kirche und dem Freistaat Thüringen in Art. 12. Keiner aber – und genau das wird durch das Wahlpflicht-System abgesichert – darf gezwungen werden, einen Religionsunterricht zu besuchen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses fein austarierte und sensible System keiner grundlegenden Änderung bedarf, da es den Bedürfnissen sowohl religiöser als auch nicht-religiöser Menschen in einem demokratischen und freiheitlichen Staat entsprechen kann.

Der respektvolle Umgang mit religiösen Bekenntnissen ist für mich – und zwar nicht nur als gläubiger Christ – eine Selbstverständlichkeit und ich bin dankbar für das große Vertrauen, dass mir die Vertreter der Religionsgemeinschaften entgegenbringen. DIE LINKE. ist eine Partei des demokratischen Sozialismus. Demokratischer Sozialismus bedeutet für mich aber auch „Denken ohne Geländer“ (Hannah Arendt). Bauen wir keine Geländer. Es braucht sie nicht.

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Einige meiner zentralen Texte zum Thema „Religion“ finden sich unter folgenden Links:

 

https://www.freitag.de/autoren/freiheitsliebender/gott-und-die-welt-gespraech-mit-bodo-ramelow - Gespräch über das Bundestagswahlprogramm DIE LINKE. 2013 und meine Kritik an bestimmten religionsfeindlichen Ansichten innerhalb der Partei

 

https://www.bodo-ramelow.de/index.php?id=28975&no_cache=1&tx_news_pi1[news]=4547&tx_news_pi1[controller]=News&tx_news_pi1[action]=detail – Mein Kommentar zur Vereinbarkeit von sozialistischen und christlichen Werten in der Sächsischen Zeitung anlässlich des Kirchentages 2011 in Dresden

 

Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde…, in: Fink, Ilsegret; Hildebrandt, Cornelia (Hrsg.): Kämpfe für eine solidarische Welt. Theologie der Befreiung und demokratischer Sozialismus im Dialog, Berlin 2010, S.121-128, Web-Link: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/rls_papers/rls-paper_Solidarische_Welt-inhalt.pdf  - Entlang der häufig missbrauchten und fehlinterpretierten „Opiums“-Metapher habe ich im verlinkten Text auszubuchstabieren versucht, wo und wie sich in Fragen nach globaler Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung im 21. Jahrhundert solidarische Bündnisse zwischen religiösen und sozialistischen Akteuren anbahnen lassen.

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