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Von Marburg nach Mechterstädt

04. Juni 2021
Bodo Ramelow Kultur

Am vergangenen Pfingstmontag besuchte ich eine für mich und meine Biografie sehr besondere Station der von der Frauenkirche organisierten „Orgelfahrten“, die auch in Thüringen Station machten. In einigen wunderschönen Kirchen oder gar auf Schloss Friedenstein hätte ich der herrlichen Orgel-Vesper lauschen können, die Matthias Grünert, der Kantor der Dresdner Frauenkirche, an den wunderbaren Instrumenten begleitete. Ich entschied mich ganz bewusst jedoch für die ebenso prächtige wie altehrwürdige Mechterstädter Marienkirche, die seit über 300 Jahren die Dächer dieses Ortes überragt.

Denn die Geschichte Mechterstädts ist unauslöschlich mit den Morden von Mechterstädt am 25. März 1920 verbunden. Eine Kurzfassung: Im Zuge des Kapp-Putsches und des Versuches konterrevolutionärer Generale die Weimarer Republik durch eine reaktionäre und autoritäre Diktatur zu ersetzen, kam es in weiten Teilen Deutschlands – besonders auch in Thüringen – im Frühjahr 1920 zu Generalstreiks kommunistischer, sozialistischer und anderer republikverteidigender Bevölkerungsschichten. Befürchtungen, streikende Arbeiter könnten revolutionäre Ziele verfolgen, animierten Reichwehrminister Noske, Freiwilligenverbände aufstellen zu lassen, die mit Waffengewalt gegen vermeintlich revolutionäre Streikende vorgehen sollten. Eine dieser Truppen wurde in Marburg gebildet und bestand aus örtlichen Korporierten und Burschenschaftern, die sowieso nicht gerade republikfreundlich gesinnt waren. Das sog. „Studentenkorps Marburg“, kurz StuKoMa, wurde nun nach Thüringen in Bewegung gesetzt und nahm in Mechterstädt 15 angebliche „Rädelsführer“ kommunistischer Aufständischer gefangen, die allesamt von den rechten Korporierten hingerichtet wurden. Der sich anschließenden Prozess gegen die Mitglieder des StuKoMa endete in einem handfesten Skandal. Einige wenige der Täter wurden zu lächerlich niedrigen Freiheitsstrafen verurteilt, das Gros der Angeklagten hingegen freigesprochen obgleich handfeste Beweise vorlagen, dass die Opfer nicht „auf der Flucht erschossen“, sondern gezielt und systematisch nach Misshandlungen exekutiert wurden.

Der Streit um die Erinnerung an diese Morde begleitete mich in meiner Zeit als Gewerkschafter in Marburg in den 1980er-Jahren quasi auf Schritt und Tritt. Wir waren eine kleine Gruppe, die die republikfeindlichen Aktivitäten der Marburger Burschenschafter thematisierte und der Opfer von Mechterstädt, die durch ihr Handeln die Republik vor rechten Putschisten bewahren wollten, gedachte. Dabei stießen wir auch noch in den 1980ern auf vehementen Widerstand aus den Reihen der nach wie vor in Marburg sehr präsenten und überaus aktiven schlagenden Verbindungen, die mit Händen und Füßen ihre Ahnherren verteidigen wollten. Es dauerte lange, sehr lange bis die „Morde von Mechterstädt“ auch in kritischer Perspektive ins öffentliche Bewusstsein geholt wurden. Als ich nach 1990 nach Thüringen wechselte, verfolgte mich die Geschichte weiter. Denn nach der Wende hatten die vielen  Burschenschaften in Deutschland Eisenach als einen ihrer zentralen Erinnerungsorte wiederentdeckt und pilgerten jedes Jahr zu tausenden an das Burschenschaftsdenkmal und auf die Wartburg – regelmäßig, um dort durch Absingen aller drei Strophen des Deutschlandliedes zu dokumentieren, dass vom revanchistischen Geist des StuKoMa noch Einiges in der jüngsten Geschichte dieser Männerbünde steckte.

Allein schon diese Vergangenheit, die mich mit dem Ort Mechterstädt verbindet, ließ mich den Entschluss fassen, dort auch die Orgelfahrt zu begleiten. Was ich bei meiner Zusage nicht wusste war freilich, dass ich noch wenige Stunden vorher Verwandte in Marburg besuchen würde und dort auf ein weiteres – nur neues – Stück der Marburger Militärgeschichte stoßen sollte.

Mitten im Marburger Schülerpark, unweit der Philosophischen Fakultät der Philipps-Universität, hatten in den 1920er-Jahren Veteranen der traditionsreichen Militäreinheit „Marburger Jäger“ ihren Gefallenen ein großes Denkmal errichtet. Dass diese Militäreinheit nicht nur bei den Kolonialkriegen in China und dem Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie „Deutsch-Südwest-Afrika“ beteiligt war, sondern auch im Ersten Weltkrieg Kriegsverbrechen gegen die belgische Zivilbevölkerung beging, wurden von diesem Denkmal und der Erinnerung an die Geschichte der „Jäger geflissentlich ignoriert. Die Suggestion des Denkmals: tapfere, unbescholtene Soldaten seien mutig in reiner Pflichterfüllung gefallen. Erinnerung an die Opfer der „Marburger Jäger“ oder ihrer Kriegsverbrechen? Fehlanzeige.

Umso bewegter war ich, als ich am Pfingstmontag, also genau vor meinem Besuch in Mechterstädt, bei einem Spaziergang mit meinen Marburger Familienmitgliedern im Schülerpark feststellen konnte, dass die Stadt Marburg zwischenzeitlich einen Wettbewerb ausgelobt hatte, um das Denkmal umzuwidmen und auch das Gedenken an die Opfer der „Jäger“ zu inkludieren. Auf dem beistehenden Foto ist zu sehen, auf welch kreativem Wege das nunmehr geschieht. Hohe Stahlstangen verdecken den direkten, also ungetrübten, Blick auf das Jägerdenkmal. An ihnen sind die Worte „Zur Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger“ angebracht.

Die Installation trägt den meiner Meinung nach sehr passenden Namen „Verblendung“. Keiner der Vorbeigehenden kann jetzt noch entspannt und unbeschwert über ruhmreiche, vllt. sogar tapfere Kämpfe nachsinnen, sondern wird unmittelbar auf die dunkle Seite der Geschichte hingewiesen.

Mir hat das Erlebnis in Marburg gezeigt, dass Kämpfe um Gedenken nie umsonst gekämpft werden und dass es sich lohnt für eine vielfältige und demokratische Erinnerungskultur zu streiten.

Diese Gedanken griff ich am Nachmittag dann bei meinem Grußwort in Mechterstädt auf. Ergebnis: Ein wunderbares musikalisches Erlebnis, an einem Ort, der dank einer reflektierten und demokratischen Gedenkarbeit ein wichtiges Kapitel meines politischen Lebens geworden ist. 

Saalburg - Marburg - Mechterstädt - Erfurt, eine interessante Fahrt am Pfingstmontag und durch meine eigene Erinnerungen an wichtigen Stationen in meinem Leben. Dafür Dank!

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