Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

Nachdenkliches von Heino Falcke - Ökologische Verantwortung in Coronazeiten

12. November 2020
Bodo Ramelow Kirche und Religion

Mein Mitstreiter aus Zeiten der Erfurter Erklärung, Propst Heino Falcke, war schon damals einer der klügsten und wichtigsten Mahner und Denker in unserem Umfeld und ein wortgewaltiger Vertreter einer solidarischen evangelischen Theologie. Seine Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit 2020, aber auch zu Ökologie und Bewahrung der Schöpfung in COVID19-Zeiten möchte ich einer breiten Leserschaft hiermit zur Verfügung stellen. Danke Heino!

Ökologische Verantwortung in Corona-Zeiten

Heino Falcke 3.10.2020

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich grüße Sie und freue mich, dass Sie sich zum Thema

Schöpfungsverantwortung gerade an diesem Tag versammeln. Alles

kreist heute um die Vereinigung von Ost- und Westdeutschland vor 30

Jahren - natürlich freudig. Was denn sonst?

Diese Thematik aber muss jetzt mit der Frage verkoppelt werden, die

damals weithin ausgeblendet wurde, uns jetzt aber auf den Nägeln

brennt: die Bewahrung der Schöpfung. So nannten wir es damals, heute

bedrängt es uns als Klimakrise und Corona-Pandemie.

Es bestreitet fast niemand mehr, dass die Vereinigung seitens der DDR

der Beitritt zur Bundesrepublik war. Es war ein Systemwechsel von Ost

nach West.

Die friedliche Revolution aber, die dem Beitritt vorausging, hatte einen

Systemwandel beider Systeme angestrebt, weil beide Systeme nicht

zukunftsfähig sind. Dieser Systemwandel orientierte sich an den drei

Leitkriterien Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Heute

würden wir, bedrängt von Pandemie und Klimakrise, das

Schöpfungsthema an die erste Stelle setzen.

Die Süddeutsche Zeitung vor einer Woche nannte die Doppelkrise „Das

teuflische Duo“ und fragte: „Wie hält man so viel Weltuntergang aus?“

(SZ 26/27. Sept. Titelseite )

Luisa Neubauer forderte kürzlich im Interview den Systemwandel.

Gegenfrage: „Kennen Sie ein besseres System?“ Antwort: „Warum soll

es nicht möglich sein aus der Dichotomie von Sozialismus und

Kapitalismus auszubrechen? Hey es ist ein neues Jahrhundert...es gibt

Ökonomen, die in solche Richtungen denken. Sobald aber jemand

vorschlägt, unser Wirtschaftssystem so zu verändern, dass es nicht mehr

unsere Existenz gefährdet, sagen die Leute gleich: Was? Sozialismus?“

(SZ 19/20.Sept. S.7)

Systemwandel also! Transformation!

Wir werden nachher besprechen, welche praktischen Schritte das in

verschiedenen Lebensbereichen erfordert.

Ich will in den mir bleibenden Minuten versuchen, an zwei biblische

Wahrheiten zu erinnern, die mir in den letzten Monaten besonders

wichtig wurden:

1. Habt Grundvertrauen in die Zukunft der Schöpfung.

2. Seid Haushalter, nicht Ausbeuter der Erde.

Zum ersten Punkt: In den letzten Monaten habe ich bisweilen echte Angst gespürt.

Zerstört unsere Zivilisation jetzt wirklich sich selbst und das Leben der

Erde mit? Migrationskrise, Klimakrise, nun auch noch diese

mörderische Pandemie, wie eine bösartige Nachäffung unserer

Globalisierung. Und in den Kernwaffenarsenalen liegt immer noch ein

Zerstörungspotential, ausreichend, die Erde mehrfach zu veröden.

Ist es so, dass die Angst in diesem Herbst wieder wächst?

Die Menschen der Bibel kennen diese Ängste vor dem Chaotischen und

Zerstörerischen in der Natur und der mörderischen Gewalt, die von

Menschen und ihren Mächten ausgeht. In den Klagepsalmen hören wir

die Stimme der Leidenden. Sie klagen ihre Ängste dem Gott, dessen

rettende Macht sie erfahren haben. Hält er nicht die ganze Welt in seiner

Hand und steht nicht alle Zeit in seinen Händen?

Ja, das bezeugt die Schöpfungsgeschichte. Sie ist eine Geschichte gegen

die Angst, gegen die Angst vor dem Chaos, dem Nichts und dem

Zunichtewerden. Sie stiftet ein Grundvertrauen, das den lähmenden,

angstbesetzten Erfahrungen standhält. Angst verschließt sich vor

der Zukunft. Grundvertrauen öffnet sich für sie, nimmt ihre Chancen

wahr und stellt sich ihren Gefahren.

Wissenschaft und Technik gestalten heute die Welt tiefgreifend und mit

weitreichenden Langzeitfolgen. Sie übernehmen damit eine so

weitgespannte Verantwortung für die Folgen ihrer Erfolge wie noch nie

in der Geschichte. Ein kleines Stück davon erleben wir gerade im

Umgang mit Corona!

Dafür aber braucht es das Grundvertrauen, den langen Atem, zähes

Dranbleiben, Korrekturbereitschaft, offene Kommunikation.

Zu diesem Grundvertrauen beizutragen, scheint mir die vielleicht

wichtigste Aufgabe der Kirche in Coronazeiten zu sein.

Damit komme ich aber schon zu dem zweiten Punkt:

Seid Haushalter nicht Ausbeuter der Erde

Die Schöpfungsgeschichte erzählt, dass Mann und Frau zum Ebenbild

Gottes geschaffen wurden. Sie bekommen den Auftrag, über alle

Lebewesen zu herrschen und die Erde zu bebauen und zu bewahren. Sie

sind die Mandatare, die Haushalter Gottes auf der Erde. Ihr Handeln im

kKeinen soll dem Handeln Gottes im Großen entsprechen wie ein Abbild

dem Urbild. Darin bewährt sich der Mensch als Ebenbild Gottes. Das ist

seine Menschenwürde. Das meint der Satz: “Machet euch die Erde

untertan!“ Ja, der Mensch muss sich auch wehren gegen das

Lebensfeindliche in Natur und Geschichte, aber wie der gute Herrscher,

der Leben schützend regiert.

Gleichwohl ein gefährlicher Satz! Das zeigt seine Auslegungsgeschichte.

In der frühen Neuzeit wurde der Herrschaftsauftrag im Sinn einer

absolutistischen Herrschaft des Menschen verstanden. Die rasant

fortschreitende Wissenschaft wurde das Instrument dieser Herrschaft.

„Wissen ist Macht“ hieß es nun. Sie macht den Menschen zum „Meister

und Besitzer der Natur“. Die belebte wie unbelebte Natur wurde so zum

Objekt dieser Machtausübung.

Seit etwa fünfzig Jahren spricht sich herum, wie mörderisch diese

Vergewaltigung der Natur für das Leben und die Zukunft unseres

Planeten ist. Es bildete sich eine Bewegung, fast so etwas wie eine

Erweckungsbewegung neuer Verantwortung für die Natur, für den

Frieden mit ihr und in ihr. Sie nannte sich Ökologie. Oikos ist das

griechische Wort für Haus. Ökologie meint also Haushalterschaft bzw.

Wissenschaft von der Haushalterschaft. Da ist also die säkulare Moderne

– ohne es zu wissen - zu der biblischen Schöpfungsgeschichte

Zurückgekehrt – nein besser: sie hat deren Konzept in die heutige Welt

übersetzt.

Die Ökologie hat schon viele Bereiche unseres Lebens nachhaltig

Verwandelt. Dass es hier aber um eine der fundamentalen Lebensfragen

unserer Welt geht, ist immer noch nicht wirklich angekommen - in der

Wirtschaft nicht, in der Politik nicht, und bei uns selbst wohl auch nur

halbherzig.

Aber jetzt meldet sich „Fridays for future“, die Schüler*innenbewegung.

Sie haben die unbestreitbare Kompetenz der Betroffenen, denn es geht

um ihre Lebenszukunft. Die Kompetenz der Betroffenen fordert die

politische Kompetenz heraus. Es geht nicht nur um einzelne Reformen

im alten politischen System.* Ich zitierte ja eingangs schon Luisa

Neubauer „es gilt das Wirtschaftssystem so zu verändern, dass es nicht

unsere Existenz gefährdet.“

Wird die Politik diesen Systemwandel schaffen? Die Kanzlerin meinte

bei der Vorstellung der Beschlüsse der Bundesregierung zu dieser Sache

fast achselzuckend: „Politik ist das mögliche“. Ein anderer Politiker

hatte vor etwa 40 Jahren z.Zt. der Friedensbewegung gesagt:

“ Gute Politik ist die Ermöglichung des Notwendigen.“ (Erhard Eppler )

Mit diesem guten Wort will ich schließen. Machen Sie gute Lokalpolitik,

gute Umweltpolitik, gute Schulpolitik, gute Kirchenpolitik usf.

Ich danke Ihnen.

 

*Fußnote:

„Das outsourcing aller Probleme an uns Klimaaktivisten ist nichts weiter

als eine gute Vermeidungsstrategie auf politischer Ebene...wir erleben

eben wie wir dabei an systemische Grenzen stoßen...am Ende werden wir

zwangsläufig in einem System landen, das nicht mehr der fossile

Kapitalismus ist, den wir kennen.“ (SZ 19/20 Sept.2020 S.7)

Neuer Kommentar

0 Kommentare