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Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

03. Oktober 2020
Bodo Ramelow Texte

Am 03.10.1990 trat die DDR – nach einem wahren Verhandlungsmarathon zwischen dem deutschen Oststaat, der BRD und den Alliierten inkl. Sowjetunion – dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Als „Tag der Deutschen Einheit“ begehen wir seitdem alljährlich diesen Feiertag. 

Für viele Politiker und Intellektuelle war mit dem Oktobertag des Jahres 1990 eine jahrhundertelang unbeantwortet gebliebene „Deutsche Frage“ an ihr folgerichtiges Ende gekommen. Dabei spannten nicht wenige einen weiten Bogen. In diese Meistererzählung schienen sich alle Stationen einer vermeintlich kontinuierlich ablaufenden deutschen Geschichte ganz natürlich einzupassen – die Kleinstaaterei des beginnenden 19. Jahrhunderts, die gewaltsame Einigung unter Bismarck zum militaristischen „ruhelosen Reich“ (Michael Stürmer), die Weimarer Republik als erste Demokratie auf deutschem Boden, der Nationalsozialismus und der auf ewig mit ihm verbundene Zivilisationsbruch von Auschwitz im Rahmen eines von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieges und schließlich als seine Konsequenz die deutsche Zweistaatlichkeit zwischen 1949 und 1990. Das, was der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama für die gesamte Welt nach dem Ende des sog. „Ost-West-Konfliktes“ als „Ende der Geschichte“ bezeichnet hatte – nämlich der Sieg des westlichen Demokratiemodelles im globalen Maßstab – schien auf das vereinigte Deutschland ganz besonders zuzutreffen. Wie ein Siegel auf mannigfaltige Irrungen und Wirrungen schien die Einheit unter den Auspizien des westdeutschen Politik- und Demokratiekonzepts die deutsche Geschichte zu beschließen.

Schnell wurde mir als jemandem, der diese Zeit der politischen Wende als aus Hessen Zugereister hautnah in Thüringen miterleben durfte, jedoch klar, dass Willy Brandts bis heute berührender Satz: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“ nicht das letzte Wort der Geschichte gewesen sein konnte. Denn in vierzig Jahren Teilung hatten sich nicht nur in der Theorie, sondern auch tatsächlich zwei deutsche Staaten entwickelt, die ab den späten 1960er-Jahren zunehmend und häufig in Abgrenzung zueinander nach Identitäten als eigenständige Gesellschaftssysteme strebten. Im Westen geschah dies in einem demokratischen – wenn auch lange Zeit strukturkonservativen und mit ehemaligen NS-Tätern bis in höchste Staatsämter durchsetzten – Staat, im Osten unter der Vorherrschaft einer Ein-Parteiendiktatur und der Mitläuferschaft der sog. Blockparteien, wo Abweichung drakonisch geahndet wurde. Hinzu traten einander diametral entgegenlaufende Wirtschaftssysteme und – wie beispielsweise ein Blick auf die Rolle von Frauen zeigt – sehr unterschiedliche mentalitätsgeschichtliche Entwicklungen.

Dieses alles im Jahr 1990 „wiedervereinigen“ zu wollen, war nicht nur ein überaus ambitioniertes, sondern gleichsam bisweilen ahistorisches Projekt, da schon der Begriff „Wiedervereinigung“ die o.g. einander eher zuwiderlaufenden Prozesse von 40 Jahren Teilung glaubte, verneinen zu können. 

Um nicht falsch verstanden zu werden: Dass wir heute, ausgehend vom mutigen Aufstehen der Ostdeutschen in Berlin, Plauen, Leipzig und anderswo, gemeinsam in einem Land leben können, das nicht von Mauer und Stacheldraht durchschnitten ist, ist und bleibt für mich dauerhaft ein Grund zur Freude. Und doch: Der nach 1990 unternommene Versuch, einen Großteil all dessen, was in 40 Jahren Ostdeutsche geschaffen hatten ohne Diskussion ad acta zu legen und unter der Decke einer vermeintlichen (west-)deutschen „Normalentwicklung“ zu begraben, hat Konsequenzen gezeitigt, an denen wir uns bis heute abzuarbeiten haben. Treuhand und die häufig erbarmungslose Abwicklung der ostdeutschen Wirtschaft gehören ebenso zu diesem Erbe, wie die nie stattgefundene Debatte über eine Synthese von ost-und westdeutscher Kultur oder der rassistische Hass, der nach 1990 in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und anderswo ausbrach und der seinen Gipfel in der faschistischen Mord- und Terrorserie des NSU fand (,die im Übrigen gern in Westdeutschland als rein ostdeutsches Problem beiseite geschoben wird). Dieses alles muss eine ehrliche Bilanz von 30 Jahren Einheit beinhalten.

In Thüringen habe ich seit 1990 erlebt, wie sich viele Menschen aus den Umbrüchen, Erschütterungen und Transformationsprozessen heraus eine neue Existenz aufgebaut und – trotz vieler Diskriminierungen  („Jammer-Ossis“, „Man musste denen erstmal arbeiten beibringen.“, „Alles musste man denen sagen und nicht mal für den Soli sind sie dankbar.“ etc.)- unseren Freistaat zu einem prosperierenden, weltoffenen und anziehenden Mittelpunkt Deutschlands gemacht haben. Allerdings habe ich auch gesehen, dass viele Thüringerinnen und Thüringer zurückgelassen wurden, keinen Anschluss mehr fanden und um die Früchte von vierzig Jahren  realer Lebens- und Arbeitszeit in der ehemaligen DDR betrogen wurden.

Diese ambivalenten Erinnerungen begleiten mich heute auf meiner Reise nach Potsdam zu den zentralen Feierlichkeiten anlässlich des Tages der Deutschen Einheit. Lassen Sie uns heute fröhlich, aber auch bedächtig sein und uns noch einmal vergegenwärtigen: Die Einheit war und ist nicht das Ende der deutschen Geschichte. Sie weist mit den vielen unbeantworteten Fragen, die sie aufgeworfen hat, in die Zukunft und fordert uns alle auf, an einem Land, einem Europa und einer Welt mitzuarbeiten, in der Gleichheit und Freiheit nicht den Wenigen vorbehalten bleiben, sondern den Vielen ermöglicht werden!

Überdies: Im Osten hätten wir Antworten auf Problemlagen, die uns als Gesamtdeutschland betreffen. Um nur einige Schlagworte zu nennen: längeres gemeinsames Lernen, eine gute Kinderbetreuung bis zu 10 Stunden täglich, Polikliniken im ländlichen Raum inkl. Schwester Agnes. Darüber vorurteilsfrei ins Gespräch zu kommen ist heute – dreißig Jahre nach der Einheit – notwendiger denn je. Unser gemeinsames Glas ist in meinen Augen mehr als nur halbvoll. In diesem Sinne: Prosit auf die Deutsche Einheit!

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