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„Wir feiern auch auf Gräbern“ – Von der Würdigung eines großen Thüringers

03. September 2020
Bodo Ramelow Kultur

Marius Müller-Westernhagen hat vor Jahrzehnten die Textzeile erdacht, „auch auf Gräbern tanzen zu sollen“ und das Feiern nicht vergessen zu sollen. In den vergangenen Tagen musste ich häufig an die Liedzeile aus einem der ganzen großen Songs der Wendezeit – „Freiheit“ – denken. Denn zu Beginn meines Sommerurlaubes am 20.08. besuchte ich wieder einmal einen der Heimatorte meiner Kindheit – Nieder-Wiesen. Grund des Besuches war ein doppelter: Gemeinsam mit zwei meiner drei Geschwister gedachte ich auf dem örtlichen Friedhof des 96. Geburtstages meiner Mutter Anni. Gleichzeitig nahmen wir auch ein zweites Mal Abschied von ihr, da nach 30jähriger Liegezeit das Familiengrab demnächst eingeebnet werden wird. Keiner von uns lebt mehr in der kleinen Gemeinde und die letzte noch verbliebene Spur der Familie Fresenius finden wir – dafür dauerhaft – in der örtlichen Kirche, in der an meinen bekannten Vorfahren, den Theologen Johann Philipp Fresenius, erinnert wird. Er war nicht nur ein bekannter Erweckungsprediger, sondern in seiner langen Frankfurter Pfarrerszeit auch derjenige, der 1748 die Eheleute Goethe traute und im Jahr darauf ihren kleinen Sohn, Johann Wolfgang, taufte.

Diese reiche Familiengeschichte der Fresenius‘, die über Jahrhunderte mit dem Ort Nieder-Wiesen verbunden war, endet damit nach über 260 Jahren. Gerade in Zeiten wie den heutigen – schnelllebig und häufig zu sehr am Hier und Jetzt ausgerichtet – erden Erlebnisse wie dieses ungemein. Sie rufen mir ins Gedächtnis, dass bei aller Vergänglichkeit des Lebens es doch zuvorderst auch an uns selbst liegt, ob und wie wir erinnern. Der Grabstein als stummer Künder des gelebten Lebens mag verschwunden sein – wir Kinder jedoch werden niemals vergessen, was uns mit dem Dörfchen in Rheinhessen verbindet. Es braucht nicht die großen Monumente oder Gesten – denn die Erinnerung selbst lebt vor allem in den Menschen, die bereit sind, sie zu bewahren.

Von diesem sehr privaten Erlebnis führt ein direkter Weg zu einem weiteren Grab, nämlich demjenigen des Vogelkundlers Reinhold Brehm in Barcelona. Er ist der vergessene Sohn des bekannten Ornithologen und Pfarrers Christian Ludwig Brehm (1787-1864), der im 19. Jahrhundert von seiner Pfarrstelle im thüringischen Renthendorf aus zu einem der bedeutendsten Vogelexperten Europas aufsteigen sollte. Seinem Ouevre und dem seines Sohnes Alfred, der sich besonders durch sein Nachschlagewerk „Brehms Tierleben“ als Zoologe selbst ein Denkmal für die Ewigkeit setzte, ist die heute im ehemaligen Familienanwesen in Renthendorf beheimatete Brehm-Gedenkstätte gewidmet. Sie besuchte ich vergangene Woche. Im Vorfeld dieses Termins stieß ich das erste Mal auf den Namen Reinhold Brehm (1830-1891). Nachdem der junge Reinhold im Jahr 1855 seinen Doktor der Medizin an der Universität Jena erworben hatte, begab er sich mit seinem Bruder Alfred auf eine beinahe zweijährige Spanienreise, die ihn so nachhaltig beeindruckte, dass er sich entschloss, seinen Lebensmittelpunkt als Arzt ganz auf die iberische Halbinsel zu verlegen. Dort avancierte er schnell zu einem der Gründerväter der spanischen Ornithologie und beschrieb als erster Wissenschaftler nicht nur den Kaiseradler, sondern auch den Steinkauz, die Theklalerche und viele andere spanische Vogelarten mehr. Am Ende seines Lebens verlegte Reinhold seinen Wohnsitz nach Barcelona, wo er schließlich im Jahr 1891 verstarb. In Deutschland ist dieser Spross des Brehm-Clans mittlerweile in Vergessenheit geraten, sicherlich nicht zuletzt, weil er die meiste Zeit seines Lebens, allerdings immer wieder unterbrochen von Besuchen in seiner thüringischen Heimat, in Spanien verbrachte. Umso erstaunter war ich, als ich von Bekannten erfuhr, dass das Grab Reinhold Brehms nach wie vor auf dem Friedhof Montjuic in Barcelona steht – in einem desolaten Zustand. Deshalb haben der Förderkreis Brehm e.V. und ich uns verständigt, dass wir pünktlich zum 130. Todestag des „spanischen Brehms“ sein Grab als Erinnerungsort für die Tradition der Thüringer Naturforschung in Spanien wieder herrichten wollen. Ich selbst werde privat einen Teil der notwendigen finanziellen Mittel beisteuern. 

Zu dieser beeindruckenden spanisch-thüringischen Verflechtungsbeziehung gehört jedoch ein weiterer überraschender Fakt. So wurde die evangelische Kirche in Barcelona von einem Erfurter Architekten erbaut. Die dort Gottesdienst feiernde deutsche evangelische Auslandsgemeinde wird noch heute von einem Erfurter Pfarrer seelsorgerisch betreut, mit dem ich seit Jahren freundschaftlich verbunden bin. Spontan nahm ich mit ihm – sein Name ist Holger Lübs – Kontakt auf, übersandte ihm sämtliche Unterlagen zum Grab von Ronaldo Brehm – einen spannenden und hochanregenden Text von Michael Theuring-Kolbe habe ich angehangen - und sofort bekam ich die Rückmeldung, dass man sich der Sache gern annehme. Innerhalb weniger Tage war ein Steinmetz beauftragt, ein Kostenvoranschlag lag vor und ich hatte das notwendige Geld überwiesen. Und so konnten wir quasi über Nacht die brüchig gewordenen Stellen der symbolischen Brücke, die Thüringen und Barcelona miteinander verbindet, wieder ausbessern. Holger Lübs wird nach der Fertigstellung des Projektes für mich ein Gebinde niederlegen und einen Segen sprechen. Manchmal braucht es nur wenige Menschen und ein klares Ziel vor Augen, um Dinge zu schaffen, die als kleine Wunder erscheinen. 

Wenn ich deshalb in der Überschrift dieses Beitrages vom „Feiern auf Gräbern“ spreche, meine ich damit nicht etwa, dass wir den Tod von Menschen feiern sollten. Die Gräber wie dasjenige Brehms müssen wir viel eher als plastische Erinnerungsorte verstehen, in denen sich ein vergangenes Leben materialisiert, das es ob seiner Verdienste für Forschung und Wissenschaft mehr als verdient, feierlich geehrt zu werden – durch das regelmäßige und dauerhafte Erinnern. Soziologen und Historiker wie Maurice Halbwachs oder Pierre Nora haben dabei immer wieder die formative Rolle betont, die Rituale oder konkrete Orte bei der Herstellung eines kollektiven Gedächtnisses von Gesellschaften spielen und uns damit deutlich darauf hingewiesen, dass Erinnerung nicht einfach da ist, sondern von uns Menschen maßgeblich geschaffen wird. Wir entscheiden mir unserem täglichen Tun darüber, an was sich die Generationen nach uns  erinnern werden. Ich nehme bewusst an diesem Prozess teil!

Am Ende bleibt das, was uns Marius Müller-Westernhagen mit seinem großen Song ans Herzen legt – versäumen wir nicht, zu feiern. Feiern wir das Leben, ehren wir die Gräber!

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