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30 Jahre HBV der DDR, 30 Jahre Währungsunion - Erinnerungen an eine Zeit des Umbruchs

01. Juli 2020
Bodo Ramelow Kultur

Das Jahr 2020 ist reich an Jubiläen, auch und gerade solchen, die in engem Zusammenhang zur deutschen Einheit stehen. Aus der Rückschau betrachtet mutet manches sehr fern, anderes wiederum so nah an, als sei es gestern gewesen. Als Gewerkschafter, der ich selbst Teil dieses Einigungsprozesses war, denke ich dabei vor allem an meine ersten Wochen im Frühjahr 1990 in Erfurt. Es muss der 28.02. gewesen sein, als ich zum ersten Mal als Gast zu einer Betriebsversammlung ins Centrum Warenhaus eingeladen war. Dieser Einladung folgte die Bitte meiner Gewerkschaft, der HBV (Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen), ich möge doch für die Dauer von drei Monaten ein Beratungsbüro in der DDR für Arbeitnehmerfragen betreuen. Aus diesen drei Monaten wurden nun 30 Jahre und Thüringen mein neues Zuhause.

Dass aller Anfang schwer ist, bewahrheitete sich auch bei unserer Arbeit in dieser Zeit des Wandels und der Neuordnung. So hatten wir zunächst – nachvollziehbarerweise – in der DDR keinen gewerkschaftlichen Ansprechpartner, dessen Zuschnitt auf unsere HBV gepasst hätte. Das machte Vieles schwieriger und Improvisationstalent, das während der Wende in nahezu allen Bereichen quasi Notwendigkeit war, prägte auch unsere alltägliche Arbeit. Schließlich wurde die HNG (Gewerkschaft Handel, Nahrung und Genuss)  der DDR unsere Partnergewerkschaft und gemeinsam mit einem Kollegen der NGG (Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten) aus Kassel starteten wir in unsere neue Aufgabe. Ich erinnere mich noch, dass unsere Zusammenarbeit  trotz der großen Herausforderungen sehr harmonisch verlief. Wir hatten unterschiedliche Aufgabenbereiche abgesteckt und ergänzten uns mit unseren Zuarbeiten füreinander sehr gut. In dieser Konstellation erlebten wir nun hautnah all die fundamentalen Veränderungen mit, die dem formalen Einigungsakt vorausgingen. Ich spreche vor allem von der Transformation der VEBs (Volkseigener Betrieb) in Kapitalgesellschaften, die auf den Grundlagen des bürgerlichen Rechts bauten – die Zeitgenossen sprachen von Modrow-Umwandlungen (- nicht zu verwechseln mit dem Treuhandgesetz, das zum 01.07.1990 in Kraft trat. Dort ging es tatsächlich nur noch um Abwicklung, Zerschlagung und Privatisierung). In diesen Prozess waren vor allem auch solche Firmen wie die Braugoldbrauerei, das Zentrum Warenhaus oder das Unternehmen Erfurter Lebensmittel Elmi einbezogen. Ich war insbesondere mit der Umwandlung der HO-Geschäfte und der Stabilisierung der Konsumgenossenschaften befasst.

 Freilich waren die Umstände schon aufregend genug. Hinzu gesellten sich aber dann auch zahllose Wendewehen, die oft auch ein nicht zu unterschätzendes Maß an krimineller Energie bei so manchem (vermeintlichen oder tatsächlichen) Investor freisetzten.

Es war dieser Hintergrund, vor dem wir am 23. Juni 1990 zusammen mit den neu gewählten Gewerkschaftsfunktionären aus den Betrieben zu einem großen Gewerkschaftskongress an den brandenburgischen Bogensee aufbrachen. Dort löste sich dann am Folgetag die HNG auf und aus einer wurden zwei Gewerkschaften – nämlich die HBV der DDR und die NGG der DDR, die wiederum im Herbst desselben Jahres auf je eigenen Gewerkschaftskonferenzen mit ihren Westpartnern fusionierten. Seinen Anfang nahm die neue HBV aber im Bogensee Ende Juni 1990 – also vor beinahe genau 30 Jahren.

Ebenfalls in diesen Zeitraum gehört die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, die sich am heutigen 01. Juli zum dreißigsten Mal jährt, wobei ich den Begriff „Sozialunion schon damals als „Etikettenschwindel“ bezeichnet habe. Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals von Kassel kommend auf der Autobahn Richtung Thüringen unterwegs war. Ab dem Grenzübergang zur DDR sah ich auf jeder Autobahnbrücke „bewaffnete Organe“ mit Maschinenpistolen stehen, die die Endloskolonne an Geldlastern überwachte, die, flankiert von unzähligen Polizeifahrzeugen, die D-Mark in den Osten bringen sollte. Und tatsächlich war die Stimmung in der DDR in jenen Tagen immens angespannt. Die Rufe „Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr.“ bildeten die Begleitmusik für die großen Hoffnungen, aber auch die bitteren Enttäuschungen, die mit dem Ankommen der D-Mark verbunden waren. Denn neben denen, die sich aufrichtig freuten und das neue, das sie mit der Einheitswährung verbanden, als Chance auf ein besseres Leben begriffen, gab es auch diejenigen, die um des bloßen Profit willens billige Westwaren in der DDR zu Fantasiepreisen verkauften. So konnte man durchaus erleben, dass ein Becher Jogurt, der im Westen 10 Pfennige kostete, plötzlich in Erfurt für 2 Mark im Regal stand. Meinen 01.07. verbrachte ich, wie eigentlich täglich, abends in einer Gaststätte am Moskauer Platz. Auf der Speisekarte hatte die Firmenleitung noch fix ein „D“ vor das „M“ gemalt und damit die neue Zeit eingeläutet. Das Restaurant war leer, aber angepflaumt wurde ich trotzdem. Man werde mich platzieren. Das Surreale dieser Situation werde ich wohl nicht mehr vergessen. Auch deshalb sind Tage wie der heutige Erinnerungstage, die uns deutlich vor Augen führen, was sich in den letzten 30 Jahren seit der Einheit wirklich alles verändert hat.

Gegenwärtig erleben wir ein ganz neues Einheitsgefühl – allerdings nicht im Zeichen der Freude, sondern im Zeichen von COVID19. Aber dazu mehr in meiner Bundesratsrede vom vorgestrigen Montag.

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