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Eine Synagoge für Eisenberg!

03. Juni 2020
Bodo Ramelow Texte

Gestern sind wir in das Themenjahr „900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen“gestartet – ein Jubiläum, das keineswegs so selbstverständlich ist wie andere Jubiläen, die immer und überall im Festkalender auftauchen und wieder verschwinden. Nur, wer sich der wechselvollen Geschichte bewusst ist, die Jüdinnen und Juden in Thüringen, Deutschland und Europa durchlebten, kann ermessen, was für ein Geschenk es ist, dass wir ein solches Themenjahr gemeinsam mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern begehen können. Denn es waren Deutsche – unsere Vorfahren – die vor noch nicht einmal einem Menschenleben alles daran setzten, jüdisches Leben in Europa gänzlich auszulöschen.

Umso dankbarer und demütiger bin ich, dass ich gestern miterleben durfte, wie das kommende Jahr nicht nur bereits seine ersten Schatten vorauswirft, sondern immer mehr an Kontur gewinnt. Gemeinsam mit dem Gemeinderabbiner der Berliner Jüdischen Gemeinde Yitshak Ehrenberg und Thüringens Landesrabbiner Alexander Nachama nahm ich an einer Pressekonferenz in Eisenberg teil, bei der die hiesigen Waldkliniken den Bau einer eigenen Synagoge auf dem Klinikgelände verkündeten. Bald wird es jüdischen Patienten also möglich sein, sich in Eisenberg behandeln zu lassen ohne auf die Praktizierung ihres Glaubens verzichten zu müssen.

Doch nicht nur stilles, andächtiges Gotteshaus soll die neue Synagoge sein, sondern gleichzeitig auch ein Ort, an dem jüdisches Leben und jüdische Kultur in all seiner Vielfalt Wurzeln schlagen kann. Um das zu leisten – zumal es in Eisenberg selbst keine jüdische Gemeinde gibt – sind natürlich einige Kraftanstrengungen erforderlich, die die Berliner Gemeinde und Thüringer Landesgemeinde gemeinsam auf sich nehmen wollen. Eisenberg soll ein Signal werden für gelebte religiöse Vielfalt und Offenheit. Auch die Kliniken selbst werden einen kaum zu überschätzenden Beitrag leisten, indem sich auch ihre Krankenhausküche auf koscheres Essen spezialisieren soll, das nicht nur von jüdischen Patienten, sondern auch von Menschen aus der Region geordert werden kann. Damit würden wir dort Abhilfe schaffen, wo es in der Vergangenheit immer einmal wieder Schwierigkeiten gab – denn koscheres Essen ist in Thüringen gar nicht so einfach aufzutreiben.

Mit dem ambitionierten Vorhaben nimmt das Themenjahr nunmehr Fahrt auf – trotz COVID19. Dabei muss man sich meiner Meinung nach noch einmal die besondere historische Konstellation vor Augen führen, in der dieses Zentrum jüdischen Lebens entstehen soll. So haben wir in Erfurt nicht nur die älteste Synagoge auf europäischem Boden – die weithin bekannte „Alte Synagoge“- sondern jetzt auch die jüngste -  abgesehen davon, dass in Erfurt auch die einzige Synagoge steht, die zu DDR-Zeiten neu errichtet wurde.

 

Aktuell sucht das Projekt noch eifrige Spender, um möglichst rasch eine eigene Tora-Rolle anschaffen oder gar neu schreiben lassen zu können. Wie ein solches Vorhaben auch den interreligiösen Dialog fördern und die Geschwisterlichkeit der abrahamitischen Glaubensbrüder und –schwestern stärken kann, zeigt gerade das Beispiel Erfurt. Dort lassen die katholische und evangelische Kirche gerade eine neue Torarolle für die jüdische Landesgemeinde schreiben. Sollte dasselbe in Eisenberg auch gelingen, hätten wir bereits zwei – ein starkes Zeichen der Verbundenheit und des Zusammenhalts. Diese Geste ist vor allem auch deshalb so geschichtsträchtig, weil es am Tag der Reichspogromnacht vom 09.11.1938 mutige Menschen aus der katholischen Gemeinde Erfurts waren, die die Torarolle vor den Flammen im Dom in Sicherheit brachten. Solche leider viel zu seltenen Beispiele der Widerständigkeit in Zeiten des staatlich verordneten Antisemitismus und Terrors bewegen mich immer wieder.

Indem wir gestern den (inoffiziellen) Startschuss für das kommende Themenjahr geben, gehen wir gleichzeitig einen weiteren Schritt in Richtung eines neuen und doch stabilen Alltags. Noch am Vormittag wurde im Kabinett die Arbeit des Landeskrisenstabes eingestellt und die Steuerung der weiteren Pandemieabwehr an das Gesundheitsministerium übergeleitet, das ab morgen in weiterhin enger Fühlungnahme mit den Gesundheitsämtern agieren wird. Gleichzeitig tritt diese Woche das erste Mal der neu bestellte wissenschaftliche Beirat des Kabinetts zu Coronafragen zusammen, um seine Arbeit aufzunehmen.


Wir leben in ambivalenten Zeiten. Ereignisse wie die heutigen zeigen mir allerdings, dass wir nicht stehen bleiben dürfen und werden. Wir kehren in einen Alltag zurück. Behutsam und Schritt für Schritt. Dafür aber umso stetiger und bestimmter.

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