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In Gedenken an Theodor Neubauer

20. Dezember 2019
Bodo Ramelow Texte

Eisig kalt ist der Wind, der von den ersten Hängen des Inselsbergs hinunter nach Bad Tabarz zieht. Vereinzelt weht auch schon die eine oder andere Schneeflocke darin mit. Er drängt die Menschen enger zusammen, die an diesem Freitag – einem 13., wie es das Schicksal so will – mitten in Bad Tabarz zusammengekommen sind. Dicht gedrängt stehen sie im Halbkreis um den großen Grabstein in der Dorfmitte, der heute mit zahlreichen roten Nelken und den Flaggen des „Vereins der verfolgten des Nazisregimes – Bund der Antifaschisten“ (VVN-BdA) bekränzt ist. Hier hat Dr. Theodor Neubauer seine letzte Ruhe gefunden. Ermordet in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges für seine Überzeugungen und seine Haltung gegen den Faschismus. Gestern wäre er 129 Jahre alt geworden und deswegen trifft sich heute die Gemeinde hier, um ihrem wichtigsten ehemaligen Einwohner die Andacht zu gewähren.

Theodor Neubauer war so vieles in seinem Leben. Wissenschaftler und Widerstandskämpfer, Politiker im Thüringer Landtag, später sogar im Reichstag, Mitglied in USPD und KPD, Zeitungsmacher und zuletzt tragisches Opfer der faschistischen Gewaltherrschaft. Ihm zu Ehren taufte man in der DDR die pädagogische Hochschule in Erfurt auf seinen Namen, nach der Wende nannte man sie einfach Universität Erfurt. Dass sie einst den Namen Theodor Neubauers trug, ist dieser Tage nur wenigen Menschen bekannt. Mir persönlich war es immer schon wichtig, dass wir an die Menschen erinnern, die oftmals alles aufgegeben haben, um dem Rassenwahn und der Eroberungswut der Nazis etwas entgegen zu stellen und genau deswegen bin ich der Einladung nach Bad Tabarz an diesem kalten Dezembertag sehr gerne gefolgt.

Schon 1933 war Theo Neubauer als Mitglied und Reichstagsabgeordneter der KPD verhaftet worden und wurde als Zeuge vor die Gerichtsverhandlung über den Reichstagsbrand gehört. Seine aufrechte Haltung damals zogen Haft und Folter nach sich. Er überlebte das Gefängnis und sogar die Hölle von Buchenwald. 1939 wurde er entlassen und zog nach Bad Tabarz. Doch seinen Überzeugungen konnte er nicht entsagen. 1942 wurde er erneut verhaftet, weil er etwas über 1000 Flugblätter gegen Krieg und Faschismus in Umlauf gebracht hatte. Was heute in Zeiten globaler medialer Verbreitung nach wenig klingt, war in den 40er Jahren lebensgefährlich. Wegen „Hochverrat und Feindbegünstigung“ wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden schließlich am 5. Februar 1945 enthauptet.

Dabei hatte sein Leben anders begonnen. 31 Jahre zuvor war er noch kaisertreu und nationalistisch begeistert in den ersten Weltkrieg gezogen und hatte den Schrecken des Völkerschlachtens erfahren. Er erkannte seinen Irrtum, wandte diesem Pfad den Rücken zu, wurde SPD-Mitglied und ging schließlich mit der USPD in die KPD. Ein Leben voller Wendungen, vor dem ich großen Respekt habe. Es gehört viel dazu sich zu wandeln und mit den alten Gewissheiten zu brechen. Es müssen Überzeugungen sein, die unser Leben bestimmen und es ist meine tiefsitzende Überzeugung, dass das menschliche Leben das höchste aller Güter ist. Deswegen darf man nicht schweigen, wenn Menschen Unrecht getan wird und deswegen müssen wir an Menschen wie Theo Neubauer stets erinnern, die den höchsten Preis für ihre Überzeugungen gezahlt haben. Sie müssen uns Vorbild sein, damit sich die Verbrechen nicht wiederholen können.

Antifaschismus ist kein Verbrechen – Faschismus ist ein Verbrechen

Die Erinnerung an das Vermächtnis von Theo Neubauer wird hier am Fuße des Thüringer Waldes maßgeblich von der VVN-BdA getragen. Diese Menschen halten mit ihrem Engagement die Erinnerung am Leben, damit sie nicht einfach verlöscht. In Zeiten, wo es Menschen in unserem Land gibt, die sich wünschen, wir würden an diesen "Vogelschiss" Deutscher Geschichte, an Folter, Verschleppung, Krieg und Mord nicht mehr erinnern und dass wir im Gegenteil eine „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ bräuchten, sage ich: darum erst recht.

Die Arbeit, die hier geleistet wird, ist von unschätzbarem Wert und erfährt leider doch nur so wenig Anerkennung. Aktuell wird wieder über den VVN-BdA gesprochen – man möchte ihm die Gemeinnützigkeit und damit die Steuerfreiheit aberkennen. Ich halte das nicht nur für einen Schlag in den Rücken aller Genossinnen und Genossen, die sich für die Erinnerung an das dunkelste Kapitel europäischer Geschichte einsetzen, sondern auch für eine verantwortungslose Behinderung zivilgesellschaftlichen Engagements, das wir besonders jetzt brauchen. Es wäre ein skandalöser Vorgang, wenn ausgerechnet in dem Jahr, in dem Walter Lübcke kaltblütig ermordet wurde und die Menschen der jüdischen Gemeinde in Halle nur aufgrund ihrer soliden Türen der Katastrophe entgehen konnten, die aufrichtige Arbeit des VVN-BdA einen solchen Schlag versetzt bekäme. Ein schändlicher Vorgang, dem ich mit aller Kraft in Thüringen entgegen treten werde.

In Bad Tabarz erinnern jetzt zwei Glastafeln neben dem Grabstein, an das Wirken Theodor Neubauers. Sein Gedicht „Ich glaube…“ ist dort abgedruckt und mahnt auch alle zukünftigen Generationen mit seinen Worten:

„(…) Ich glaube an den Tag, an dem das Licht

der Sonne siegreich eure Nacht verjagt,

der Blindheit Band euch von den Augen reißt,

den harten Winter eures Unglücks bricht;

da leuchtend euch ein neuer Frühling tagt

und man euch, neugeboren, Menschen heißt.“

Eine große Ehrung und eine rührende Geste

Im Anschluss an das ehrende Gedenken, wurde mir noch eine besonders schöne Überraschung zuteil. Die Gemeinde Bad Tabarz verlieh mir die Theodor-Neubauer-Medaille in Erinnerung an dessen Leben und Wirken. Davon war ich ehrlich überrascht und habe mich sehr gefreut – es passiert nicht oft, dass ich Ehrungen dieser Art erhalte und ich werde sie im Gegenzug in Ehren halten, indem ich meine Arbeit auch weiterhin nach den Grundsätzen von Menschlichkeit, Demokratie und Nächstenliebe ausrichte. Ganz im Geiste Theo Neubauers.

Die Laudatio hielt übrigens meine Freundin und Genossin Dr. Heide Wildauer, deren kluge Worte mich sehr berührt haben. Deswegen habe ich auch beschlossen, sie hier mit abzudrucken:

Dr. Heide Wildauer: Laudatio zur Verleihung der Dr.-Theodor–Neubauer-Gedenkmünze an Bodo Ramelow

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow,

Sehr geehrter Herr Bürgermeister David Ortmann,

Sehr geehrter  Kreisvorsitzender des VVN und Bundes der Antifaschisten Gotha Martin Mürb,

Sehr geehrte, liebe Gäste,

wir alle haben es im Leben mit guten und mit weniger guten Tagen zu tun. Für mich ist heute ein sehr guter, ein glücklicher Tag. 

Glücklich bin ich, weil Dr. Theodor Neubauer, den wir heute hier würdigen, eine der Persönlichkeiten ist, zu denen ich mich am meisten hingezogen fühle. Als Pädagogin gelten mir seine wissenschaftlichen und bildungspolitischen Marksteine gleichermaßen als wahrhaft historische Leistungen und als aktueller Maßstab für politische Zielformulierungen.

Für Theodor Neubauers Charakter empfinde ich als politische Streiterin für die Verbesserung der gesellschaftlichen Dinge mehr als Respekt. Um den Preis des Lebens handelte er mit aller Konsequenz so, wie er es für richtig und notwendig hielt, um dem braunen Ungeist Einhalt zu gebieten. Ich verehre ihn.

Glücklich stimmt mich auch, dass in einem Land, dessen Wählerwille sich zu einem Viertel rechtsextrem äußert, die Gemeinde Bad Tabarz – vom Bürgermeister, über Gemeindevertreter und engagierte Bürgerinnen und Bürger bis zu Schülerinnen und Schülern der früher Theodor-Neubauer genannten Schule – , dass all sie mit ziviler Courage nicht nur an der Würdigung eines Antifaschisten festhalten, sondern diese bewusst verstärken. Indem das Ehrenmal heute Flügel erhält, soll sich Theo Neubauers Geist kraftvoll in die Gesellschaft schwingen.

Nicht zuletzt macht es mich natürlich froh und glücklich, mit Bodo Ramelow einen Ministerpräsidenten zu haben, der genau diesem Ansinnen Priorität in seinem Terminkalender einräumt und der der Enthüllung der Flügelsteine die Würde eines Staatsakts verleiht.

Gestern wäre Theo Neubauer 129 Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag kommen Jahr für Jahr alte und junge Menschen aus Bad Tabarz, aus dem ganzen Kreis Gotha und zum Teil von weither, um ihm an seinem Ehrenmal zu gratulieren. Zu Recht!

Er gehört zu den wenigen Menschen, die es mehr als verdient haben, nicht vergessen zu werden. Und: Die zu vergessen wir uns bei Strafe des Untergangs der Demokratie nicht leisten dürfen. Das vollständige Erbe des ganz besonderen Lehrers und Wissenschaftlers, des politischen Kämpfers und begnadeten Redners, des Antifaschisten, des Familienvaters, des Menschen von höchstem Charakteradel auch nur annähernd erfassen zu wollen – das füllt Bände.

 Wer sich für Kinderrechte und Bildung engagiert, kommt an ihm nicht vorbei.

Wer das Soziale ins Zentrum seiner Anstrengungen genommen hat, wird bei ihm wertvolle historische Daten und Fakten über unsere Landeshauptstadt finden.

Wer gegen den Krieg kämpft, kann Kraft aus ihm schöpfen.

Denn er kämpfte mit noch größerer Leidenschaft, nachdem sein Sohn auf dem Schlachtfeld des Zweiten Weltkrieges einen sinnlosen Tod gestorben war.

Die um Gendergerechtigkeit ringen werden sich freuen, dass er starke Frauen zu seinen Partnerinnen wählte, unter ihnen die Bauhaus-Fotografin Lucia Moholy,

also eine Intellektuelle auf der Höhe ihrer Zeit.

Das zeigt ja: Großartige Männer lassen sich sehr gern auf starke Frauen ein.

Nächstes Jahr steht mit dem 130. ein runder Geburtstag Theo Neubauers ins Haus. Wo ich das kann, werde ich dies zum Anlass nehmen, um seiner Biografie in eigenen Bildungs- und Diskursveranstaltungen gründlich nachzuforschen und diese Erkenntnisse auch Bad Tabarz anzubieten. 

Heute befindet sich unser Ministerpräsident Bodo Ramelow unter den Gästen. Deshalb möchte ich mich darauf konzentrieren, an einigen Punkte heraus zu stellen, warum das wichtig und richtig ist.

Jetzt wird unser Ministerpräsident natürlich eindeutig als Linker identifiziert. Als er 1990 nach Thüringen kam brachte er zweifellos linke Gesinnung und soziales Engagement mit. Als Gewerkschaftler, damals Landesvorsitzender der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen – heute ver.di, flossen ihm die demokratischen Möglichkeiten freier Meinungsäußerung buchstäblich im Blut. An uns sogenannten Nachfolgekommunisten und tatsächlichen SED-Erben fand er durchaus einiges zu kritisieren. Und dennoch:

Von den ersten Tagen an standen wir gemeinsam auf Plätzen, liefen wir gemeinsam durch Straßen um unsere Stimmen zu erheben gegen den ersten Golfkrieg im Jahr 1991, gegen die rechtsextreme Welle zu Beginn der 1990er Jahre, die mit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen ihren bestürzenden Höhepunkt fand, gegen sozialen Kahlschlag.

Als 1993 die Kali-Kumpel von Bischofferode um den Erhalt ihrer Grube hungerten, als wir zu Tausenden an den Toren der Schächte demonstrierten, konnte der blutjunge Gewerkschaftssekretär Bodo Ramelow die Schließung nicht verhindern. Mit entschlossener Zähigkeit handelte er aber einen guten Sozialplan für sie aus.

Liebe Freunde,

sehr geehrte Gäste,

dass man, wie Bodo Ramelow es tat und tut, am bis 1989 als politisches System praktizierten Sozialismus wirklich Wesentliches kritisieren muss, hat mir vor fast genau 30 Jahren den Atem verschlagen.

An einem Tag im Dezember listete das Neue Deutschland auf mehreren Seiten, in der Größe winziger Kleinanzeigen, Namen über Namen von Kommunisten auf, die unter Stalin ermordet wurden oder in seinen Gulags zu Tode gekommen waren. Es ist die größte Tragödie der kommunistischen Antifaschisten, dass sie nicht nur, wie der noch im Februar 1945 hingerichtete Theodor Neubauer, von Hitler ermordet und vernichtet worden waren. Unzählige ihrer kritischsten und klügsten Köpfe sind auch Stalin zum Opfer gefallen.

Vor Jahrzehnten schon ging der Literaturwissenschaftler Hans Mayer der feststellenden Frage nach, dass und warum dennoch ein historischer Wärmestrom von den Kommunisten ausging. Selbst viele, die ihre eigene Haut am stalinistischen System verbrannten, hielten an der Idee fest. Der  jüngst gezeigte Film „Und der Zukunft zugewandt“, wie auch Schriften von Überlebenden wie Ruge, Leonhard, Lochthofen u. a. geben einen Eindruck von den damit verbundenen seelischen Nöten und Abgründen.

Wir ehren Theo Neubauer ohne zu wissen, ob er die DDR ausgehalten hätte.

Wenn wir Menschen würdigen wollen, die Neubauers Geist in den Auseinandersetzungen der Gegenwart am Leben halten und zur Wirkung bringen, dann verbietet sich ungebrochene Kontinuität zu DDR-Traditionen. Deshalb soll - heute erstmalig - eben nicht wie damals eine Dr.-Theodor-Neubauer-Medaille für verdienstvolle Lehrer  verliehen werden. Die Idee des Bad-Tabarzer Gemeinderats, das würdigende Symbol bescheiden „Münze“ zu nennen, ihm durch die Initiations-Übergabe an einen Ministerpräsidenten mit sehr hohen Verdiensten aber großes Gewicht zu verleihen, diese Idee ist mir unendlich sympathisch.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle ein persönliches Wort:

Ich bin Bodo Ramelow dankbar, dass er sich Tag für Tag auf die Grund-Tragödie der Kommunisten sowie der in der DDR sozialisierten Sozialisten einlässt, dass er mit Fingerspitzengefühl alles dafür tut, um den Antagonismus zwischen Idee und System auf höherer Ebene durch vernünftiges praktisches Handeln zu lösen.

Sicher haben Sie, liebe Anwesende, seinen beharrlich immer wieder ebenso kritisch wie differenziert geübten Umgang mit dem Rechtssystem der DDR im Ohr und die turbulenten Koalitionsverhandlungen der ersten Rot-Rot-Grünen Landesregierung in Erinnerung. Da saßen die Mitglieder der SPD und von Bündnis90/Die Grünen den Nachfolgern einer Partei am Kabinettstisch gegenüber, gegen die sie sich aus Protest gegründet hatten. Die Situation war und ist gleichnishaft für die Probleme und Konflikte, mit denen wir es jetzt zu tun haben und die in Zukunft in nicht geringerer Intensität auf uns warten.

Nur, wenn die Einen die Kraft zur Selbstkorrektur aufbringen und die anderen die ebenso große Kraft, die dann geänderten Menschen als Mitstreiter anzunehmen, entsteht die viel größere gemeinsame Kraft, die nötig ist, um die Welt zum Besseren zu bewegen.

Wir brauchen sie dringend, die emotionale Reife und die soziale Kompetenz, in die Theo Neubauer seinen Intellekt, die Energie und den Elan seines Lebens investiert hat.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Bodo,

die Art deines politischen Engagements macht dich zu einem posthumen Freund und Mitstreiter von Theo Neubauer. Halte die Münze (Gedenkmünze)  in Ehren, habe Erfolg mit der Minderheitsregierung, auch die Kraft und den Witz, die du für das Experiment brauchst. Bleib uns bei allem gesund.

Ich gratuliere von Herzen.

Bad Tabarz, am 13. Dezember 2019

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