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Die Ironie des Konservatismus ist seine Wandlung

13. Oktober 2019
Bodo Ramelow Politik

Der Nachstehende Beitrag entstand für den Sammelband: "konservativ?!", der soeben im Duncker & Humblot Verlag erschienen ist.

Der Verlag stellt den Band so vor:

"Kaum ein Begriff polarisiert die Debatten mehr als der Begriff des Konservativen; ob man sich mit ihm positioniert oder gegen ihn – er lässt niemanden kalt. Und deshalb taucht dieser Essayband auch tief in die leidenschaftlichen Erfahrungswelten von Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern ein und versammelt ihre persönlichen (und nicht immer konservativen) Geschichten; Geschichten, die sich vielleicht nur abseits von der großen Öffentlichkeit so kunstvoll-diskret erzählen lassen, wie das hier geschieht. Herausgekommen sind dabei literarische Vignetten – mal berührend und witzig, mal polemisch und pointierend, immer lehrreich und klug –, welche deutlich machen, dass die Frage nach dem Konservativen nicht die eine, sondern viele gute Geschichten verlangt."

Ich habe sehr gern den folgenden Beitrag für den Band geschrieben:

Konservativ sein – im alltäglichen Gebrauch bedeutet das so viel wie wertbeständig zu sein, letztlich den Status quo zu verteidigen. Im politischen Kontext unserer Zeit setzt man das oft mit christdemokratischer Politik gleich und hakt es bisweilen auch gerne unter dem Begriff „bürgerliche Politik“ einfach ab. Ein näherer Blick lohnt sich aber in meinen Augen allemal. Immerhin scheint der Konservatismus nicht nur bei deutschen Konservativen unterschiedlicher Auslegung zu unterliegen, sondern wird auch innerhalb Europas tatsächlich sehr differenziert betrachtet. In Großbritannien wird darunter sicher etwas gänzlich anderes verstanden als in den USA oder in Ungarn. Je nach Land, Geschichte und Kultur verändert auch der Konservatismus seine Facetten. Welche Bewegung ihm gegenüber steht, muss dabei ebenso immer durch die Linse der örtlichen Gegebenheiten gesehen werden.

Scheinbar kann man den Zugang zu dieser Weltanschauung – so wir den Konservatismus maßgeblich als politische Ideologie sehen wollen – nur mit Verweis auf einen bestimmten historischen Fixpunkt verstehen. In Deutschland ist dieser Fixpunkt sicherlich die Entstehung der jungen Bundesrepublik unter christlich konservativen Bundeskanzlern wie Konrad Adenauer oder Ludwig Ehrhard. Bei ihnen kann man den ideellen deutschen Konservativen bis heute einordnen und erkennt, dass das Bekenntnis zur Marktwirtschaft für seine Anhänger wohl ebenso dazu gehört wie die Unterstützung der christlichen Kirche oder ein gelebter Verfassungspatriotismus, der als eine demokratische Errungenschaft erfahren wird und nie ohne die ohnmächtige Erfahrung auch vieler Konservativer aus der Zeit des autoritären, ja mörderischen Faschismus gesehen werden darf.

Dem will ich auch gar nicht wiedersprechen. Ich möchte nur auf einen Umstand hinweisen, der den Konservatismus vielleicht erst im Kontext europäischer Geschichte wirklich verständlich macht. Nach den langen Jahren des brutalen Massensterbens im Ersten Weltkrieg etablierte sich in Deutschland ein Zirkel von Intellektuellen, die sich der Idee der sogenannten „konservativen Revolution“ verschrieben hatte. Unter diesem bewusst gewählten Oxymoron verbargen sich die Ideen von Denkern wie Ernst Jünger, Oswald Spengler, Hugo von Hofmannsthal oder vieler weiterer, die auf unterschiedliche Arten – mal in Romanen, wie in Ernst Jüngers In Stahlgewittern, in Lyrik, wie bei Stefan George oder in den politischen Schriften von Edgar Julius Jung – ihre Ideenwelt offenbarten. Ihnen gemein war eine mehr oder weniger entwickelte Ideologie, die sich als explizit antidemokratisch, antiparlamentarisch, antiemanzipatorisch, antimodern, antisemitisch und natürlich als autoritär, nationalistisch, völkisch und rassistisch darstellte.

Heute werden ihre Ideen auf unheimliche Weise wieder durch die sogenannten „Identitären“ aufgegriffen. Die Denkschule der konservativen Revolution steht diesen „hippen Konservativen“ dankbar zur Verfügung, denn viele der ursprünglichen Mitglieder wurden am Ende Opfer der Nazis, die sich selbst generell als revolutionäre faschistische Partei sahen und somit den Konflikt mit der alten Ordnung suchten. Konservative waren ihnen ein Dorn im Auge. Als Beispiel dafür sei der Konflikt zwischen den österreichischen Dollfuß-Faschisten und den Nationalsozialisten genannt, deren Konflikt sich entlang der Frage bewegte, wie Konservative im noch jungen 20. Jahrhundert Politik zu machen gedachten und wie die Nazis die elementaren Fragen ihrer Zeit beantwortet sehen wollten.

Wozu aber dieser Exkurs? Ich möchte damit verdeutlichen, dass Konservatismus nicht einfach Konservatismus ist. Wie im Sozialismus und im Liberalismus (den anderen beiden großen Denkschulen des 19. Jahrhunderts) gibt es auch in ihm Ideenschulen, Strömungen und Fraktionen.

Konservativ sein heißt, seinen eigenen zu bewahrenden Fixpunkt zu definieren, sonst ist der Begriff hohl und niemand weiß, wofür er eigentlich steht. Ohne Zweifel ist es sehr ironisch, dass der Konservative – also der, der die Werte der Alten, die guten Sitten und die Moral, die uns mit unsichtbarem Band miteinander verbinden, hochzuhalten gedenkt – erstmal festlegen muss, was diese Werte aktuell sind. Nicht umsonst behaupten heute Rechtsnationale wie sie u. a. auch in der AfD anzutreffen sind, die wahren Konservativen zu sein; natürlich niemals ohne heftigen Widerspruch aus CDU und CSU zu ernten. Letztere sehen ihren Fixpunkt im Ursprung der Bundesrepublik zur „Stunde Null“ nach 1945; die anderen wohl eher im Nationalchauvinismus der konservativen Revolution.

Und ein glühender jesuitischer Ultramontanist des 19. Jahrhunderts hätte mit den Positionen aller beider wohl überhaupt gar nichts anfangen können: Wo ist der Kaiser und sein Heiliges Römisches Reich? Und warum erwähnt niemand den Papst und dass es der Heilige Stuhl sein muss, der am Ende über die Geschicke der Menschen zu bestimmen habe? Und was hätte wohl ein konservativer Kämpfer gegen Napoleon gesagt, wenn ihm ein moderner Konservativer erklärte, dass es seinen „konservativen Werten“ entspräche, die stetige Freundschaft mit dem französischen Volk zu suchen? Und muss es uns daher nicht auch befremdlich scheinen, dass die Konservativen dieser Tage mit Feuer und Flamme für Dinge einstehen, die ihren Vorfahren oftmals unter Einsatz von Leib und Leben abgerungen worden waren? Das allgemeine und gleiche Wahlrecht? Die Rechte von Frauen? Die Abschaffung des Ständestaates, ja der Leibeigenschaft? Die sozialen Rechte? Die Rechte von Gewerkschaften zur freien Assoziierung? Der soziale Wohlfahrtsstaat? Der Schutz von religiösen und sexuellen Minderheiten?

Es ist schon eine merkwürdige Tatsache, dass sich kaum eine Ideologie inhaltlich so sehr gewandelt zu haben scheint wie der Konservatismus, der doch angetreten ist, das Gute, Alte und Wahre zu beschützen. 200 Jahre später ist er kaum wiederzuerkennen. Auf der anderen Seite des ideologischen Koordinatensystems steht – für mich natürlich prägend – der Sozialismus. Die Ideen seines Übervaters lesen sich auch heute, 150 Jahre später, noch spannend.

1848 formulieren Karl Marx (zu diesem Zeitpunkt kaum 30 Jahre alt) und Friedrich Engels, ihr Kommunistisches Manifest. Darin fordern sie, dass „an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen eine Assoziation treten möge, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller sei“. Diese Aussage würden die meisten, die sich heute als links oder progressiv sehen, zwar unterschreiben, aber ein Blick in die Geschichte zeigt, dass diejenigen, die mit dem Manifest der Kommunisten in der einen Hand, in der anderen Hand viel zu oft den harten Knüppel des autoritären Staatssozialismus hielten. Das Ergebnis waren Gulag, Stasi, Eiserner Vorhang und zahllose Leben, die, dort wo sie nicht passend waren, passend gemacht worden sind. Von freier Entwicklung war in den ehemals realsozialistischen Ländern leidlich wenig zu spüren.

Dass es auch heute noch Linke gibt, die diese Entwicklungen bis aufs Blut bereit sind zu verteidigen, stimmt mich traurig und nachdenklich. Denn was heißt das denn für den alten Marx, der schon vier Jahre vor dem „Manifest“ in der „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ seinen eigenen kategorischen Imperativ formulierte, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist?

Das sind die Werte, auf die ich mich persönlich gerne – ganz konservativ – rückbesinne.

Gleichzeitig steht deswegen den Linken des 21. Jahrhunderts das Konservativsein schon doppelt nicht gut zu Gesicht. Die Geschichte warnt uns Linke nicht nur vor dem neuen und alten Konservatismus der Nationalisten, der Rassisten und Chauvinisten. Sie warnt eben auch vor dem eigenen Konservatismus. Nur wenn wir das nicht vergessen, wird Progressivität erst wirklich möglich.

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