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Anmut sparet nicht noch Mühe…

09. Mai 2019
Bodo Ramelow Texte

Ab und an ahne ich schon in dem Moment, in dem ich ein Interview gebe, dass die eine oder andere Aussage für Wirbel sorgen könnte aber was passiert, wenn ich die Frage stelle, ob nicht die Nationalhymne auch sinnstiftend sein müsste und darauf hinweise, dass aus meiner Sicht, die jetzige Hymne womöglich in dieser Hinsicht Schwächen hat, das hätte ich mir nicht vorstellen können. Seit heute morgen werden meine Social Media Kanäle bombardiert von Menschen, die meinen mir mitteilen zu müssen, dass eine Debatte darüber der nächste Schritt sei, Deutschland abzuschaffen.

Für die Interessierten zunächst nochmals die Antwort auf die Frage der „Rheinischen Post“:

„Eine Bilanz zu 30 Jahre Mauerfall: Welche Errungenschaften der DDR wurden Ihrer Ansicht nach vom Westen zerstört und fehlen jetzt?

Antwort: Das beginnt schon bei der Nationalhymne. Die verfassungsgebende Runde Tisch der DDR hatte vorgeschlagen, auf beide bestehenden Hymnen zu verzichten und gemeinsam eine neue zu wählen – nämlich die Kinderhymne von Brecht. Das wurde abgelehnt. Jetzt diskutieren wir darüber, ob Björn Höcke von der Thüringer AfD die erste Strophe unserer Hymne mitgesungen hat oder nicht, in der es um den von den Nazis missbrauchten Text geht, den Hoffmann von Fallersleben 1841 geschrieben hat. Ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden. Viele Ostdeutsche singen die Hymne aber nicht mit und ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten. Bisher hat dieser Wunsch leider immer nur für empörte Aufregung gesorgt.“

Die Geschichte unserer Nationalhymne, des Liedes der Deutschen, ist eine Geschichte von Brüchen. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben schrieb es 1841 auf Helgoland (was zu diesem Zeitpunkt englisch war) im Umfeld der sogenannten „Rheinkrise“ und in diesem Kontext ist ein Text entstanden, der später gleich mehrfach missbraucht wurde. War im Jahr 1841 mit „Deutschland, Deutschland über alles“ die positive Überwindung der deutschen Kleinstaaterei gemeint und die Sehnsucht nach einem einheitlichen Nationalstaat, so begann der Missbrauch schon im Ersten Weltkrieg, als die Legende entstand, dass junge Soldaten das Lied spontan gesungen hätten, als sie bei Ypern in Belgien in die Schlacht zogen.

Am 10. August 1922 dann wurde das Lied der Deutschen durch Erklärung von Reichspräsident Friedrich Ebert zur Nationalhymne und die Nationalsozialisten deuteten das Lied um zur Legitimation für ihre Weltherrschaftsgelüste und nutzten nur noch die erste Strophe in Verbindung mit dem Horst-Wessel-Lied. Und dieser Missbrauch bereitet mir bis heute Unbehagen, wenn die Nationalhymne unseres Landes auch in diesen Kontext gesetzt werden muss. Mit „Deutschland, Deutschland über alles“ brachte Deutschland Mord, Vernichtung, Vertreibung, Leid und Elend über ganz Europa!

Und deswegen wurde schon bei Gründung der Bundesrepublik 1949 diskutiert, ob nicht nach einer neuen Hymne gesucht werden solle. Vorschläge gab es viele von der „Ode an die Freude“ von Beethoven bis zur „Hymne an Deutschland“ von Schröder/Reutter. Erst am 6. Mai 1952 wurde mit der Veröffentlichung eines Briefwechsels zwischen Theodor Heuss und Konrad Adenauer die dritte Strophe des Deutschlandliedes die Nationalhymne der Bundesrepublik und in der DDR gab es mit „Auferstanden aus Ruinen“ von Becher und Eisler ohnehin eine eigene Hymne.

Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 entstand erneut die Frage nach der Nationalhymne. Viele Bürgerrechtler schlugen die „Kinderhymne“ von Bertolt Brecht „Anmut sparet nicht noch Mühe“ vor und der letztes Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maiziere, schlug vor die beiden Hymnen aus Ost und West zu verknüpfen. Schließlich wurde erneut, wie schon 1952, durch einen Briefwechsel zwischen Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker entschieden, dass die dritte Strophe des Deutschlandliedes die Nationalhymne sei.

Ich finde nichts anrüchiges daran, fast 30 Jahre später zu fragen, ob es nicht doch sinnvoll zu sein, die Einheit in Freiheit auch dadurch zu vollenden, dass wir den Mut zu einer neuen Hymne finden, die deutlich sinnstiftender in das jetzige Deutschland passt.

Und es geradezu absurd, mir deswegen vorzuwerfen, ich würde nun endgültig Deutschland abschaffen wollen. Nein, ich bin für eine Debatte, in welchen Kontext wir unser Land heute im 21. Jahrhundert stellen wollen. Sehen wir uns als Teil eines friedlichen, geeinten Europas oder geht es nicht den meisten, die mir vorwerfen, ich würde Deutschland abschaffen wollen, nicht eher darum, weiter von einem Deutschland vom Maas bis an die Memel zu träumen. Es ist jedenfalls interessant, was manche alles in die dritte Strophe unserer Hymne hineininterpretieren. Das sagt meines Erachtens mehr aus über die Geisteshaltung der Kommentatoren als darüber aus, ob es legitim ist, die Hymne zum Gegenstand einer Debatte zu machen. Ich darf darauf hinweisen, dass wir gestern den Tag der Befreiung begangen haben und die Völker Europas heute den Tag des Sieges über den Faschismus feiern. Wann, wenn nicht in einem solchen Kontext, macht es Sinn, über unser Nationalbewusstsein und auch über unsere Hymne nachzudenken.

Das Wirken von Höcke und anderen richtet sich gegen die Abgrenzungslinie, die in Deutschland immer gewirkt. Diese Trennlinie war der Holocaust. Mit der Rede von der 180°-Wende und vom „Schandmal“ in unserer Hauptstadt hat Höcke noch mal klar herausgestellt, dass für ihn diese Grenze nicht gilt.

Jetzt singt er die erste Strophe des „Liedes der Deutschen“ und will ein „Deutschland, Deutschland über alles“ damit unterstreichen. Mit dem bewussten Singen der ersten Strophe wird das nächste Tabu abgeräumt. Man wird das doch mal singen dürfen. Ich habe aber keine Lust, über Herrn Höcke zu lamentieren. Mein Vorschlag war eine positive Auflösung nach vorne.

„Und nicht über und nicht unter anderen Völkern wolln wir sehn“ heißt es in meinem favorisierten Text von Brecht. Und hier der ganze Text der Kinderhyme:  

Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
daß ein gutes Deutschland blühe,
wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin,
sondern ihre Hände reichen
uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein,
von der See bis zu den Alpen,
von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
so wie andern Völkern ihrs.

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8 Kommentare

Cornelia Minor

13. Juni 2019

Kombination aus Kinderhymne und Nationalhymne

Dem Beitrag von Herrn Hölker (9.5.19) kann ich mich nur anschließen.

Die Kinderhymne von Brecht wäre, verknüpft mit der Melodie von Haydn, eine gute und passende Nationalhymne.

Unsere sehr schöne bisherige Nationalhymne

passt als letzte Strophe gut dazu.

Einigkeit und Recht und Freiheit sind hohe Güter, die in unserer Nationalhymne ihre Berechtigung haben.

Mit einer solchen Kombination könnte ich mich identifizieren.

Außerdem würde damit die Verbindung der beiden ersten Strophen des Deutschlandliedes zur der 3. Strophe abgekoppelt und diese in einen neuen Kontext gestellt.


Uwe Kohla

05. Juni 2019

Nationalhymne: Menschlichkeit aus Recht und Freiheit

Ich fand Ihren Vorstoß für eine Nationalhymnentest etwas zu voreilig und ohne inhaltlichen Bezug, weil ich damals auch keine inhaltliche Verbindung zur gegenwärtigen "Verfassung" herstellen konnte, die bis auf die Präambel nicht anders lautet als vor dem Beitritt 1990. Um eine neue Hymne zu installieren, besser darüber nachzudenken wie die jetzigezu ändern wäre bedürfte es erst des Inhaltes einer Verfassung. Sollte sich das deutsche Volk gem. Art 1 (2) eine Verfassung auf der Grundlage des Grundgesetzes abgestimmt haben, stelle ich folgenden Text-Vorschlag zur Diskussion: Einigkeit und Recht und Freiheit,

führt zum Bund im eigenen Land.

Danach lasst uns alle streben,

jedes Menschen Herz und Hand

 

Menschlichkeit aus Recht und Freiheit

sind des Glückes Unterpfand,

blüht im Glanze dieses Glückes

ewiglich ein neues Land

 

I:Blüh‘ im Glanze dieses Glückes

blühe ewiglich aus Menschen Verstand:I


Martin Gartmann

10. Mai 2019

Excellente Antwort und Stellungnahme. Ich fürchte nur, dass sich nur wenige die sich aktuell über die irreführende Darstellung z.b. durch die JU aufregen, die Mühe machen diese auch zu lesen. Vom Verstehen ganz zu schweigen.


Petzold

10. Mai 2019

ehemalige DDR-Nationalhymne

Wie wäre es mit der Hymne der ehemaligen DDR, diese durfte auch nicht mehr gesungen werden, der Text beinhaltet aber die Nachkriegszeit und die Widervereinigung und die Hoffnung eines friedlichen Deutschland.

Ich bin kein Kommunist oder Sozialist, noch Anhänger der "Linken" aber ich finde den Text aktueller und besser als bei der heutigen Hymne. Ich weiß auch, dass dieser Vorschlag einen Aufschrei in der Politik geben würde. Aber rein Textmäßig entspricht sie dem heutigen Deutschland mehr als die Jetzige, man hätte sie 1990 schon ändern sollen.


Margit Marion Mädel

09. Mai 2019

Lieber Bodo,

Deine Gedanken sind richtig undlängst überfällig. Wenn die Menschen in sich kehren, können Sie eigentlich nur zu stimmen.

Gib ihnen Zeit.

 


H. Vogel

09. Mai 2019

Zur Hymne

Hallo Herr Ramelow.

Ihrer Vorstoß zur Debatte einer neuen Nationalhymne, und somit auch zur Identität unserer Bevölkerung, ist mutig und überfällig. Ich bin mit 16 Jahren von Dresden nach Franlfurt gezogen uns kenne nun seit 35 Jahren beide Teile diese Landes. Die unterscheide der Menschen in ihrer Lebensweise ist unverkennbar. Die Differenzen und auch unterschiedliche sozialisationen werden glatt gebügeln und die Übereinstimmungen der Menschen herbei gereden, um den Erfolg der Deutschen Einheit ins Schaufenster gestellt. Wir und damit meine ich alle Menschen dieses Landes, egal ob aus Dresden, Rostock, München, Belgrad oder Bagdad, sind Identität dieses Landes. "Wir" sind Karl der Großen, Wallenstein, Geschwister Scholl und Hildegard von Bingen.Wir sind mehr als BIP und Pisa, wir sind Menschen dieser Erde. Wir sind Mahnmal des schrecklichen Leids und auch Vorbild in unserer Welt. Wir sind Erbauer unsers Weges für die Zukunft unserer Enkel. Unsere Hymne muss die Vergangenheit und die wünschenswerte Zukunft unseres Landes wiederspiegel.

Machen sie Weiter so! Ihre linke Politik mit Augenmaß tut unseren Politischen Auseinandersetzungen gut.


Christoph Hölker

09. Mai 2019

Neue Nationalhymne

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Ramelow, diese Idee (Die Kinderhymne von Bertold Brecht aus dem Jahre 1950) in unsere bisherige Nationalhymne (die dritte Strophe von dem Lied DAS LIED DER DEUTSCHEN) ergänzend zu integrieren habe ich damals (im August 2016) an den Deutschen Bundestag (Fachbereich: Zeitgeschichte) und dann auch an den Bundespräsidenten geschrieben (nach dem 19. März 2017 an den Herrn Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier). Ich habe das Ganze am Samstag, den 17. Juni 2017 nach dem Staatsakt zum 64. Jahrestag des 17. Juni 1953 auf dem Urnenfriedhof in der Seestraße in Berlin-Wedding MÜNDLICH gegenüber der Frau BRIGITTE ZYPRIES (SPD) und gegenüber der Frau PETRA PAU (DIE LINKE) angesprochen und vorgeschlagen. Und das Ganze ist damals im Sande verlaufen. DIESE Idee kam mir damals im August 2016 in den Sinn weil wir am 6. August 2016 das Jubiläum 225 Jahre Brandenburger Tor von und in Berlin hatten, dann am 14. August 2016 den 60. Todestag von BERTOLD BRECHT hatten, und im Zusammenhang damit (mit dem 60. Todestag von Bertold Brecht) kam mir DIE KINDERHYMNE von Bertold Brecht in den Sinn. Und wir hatten am 26. August 2016 das Jubiläum 175 Jahre DAS LIED DER DEUTSCHEN (3 Strophen) im Exil auf der Insel HELGOLAND von Heinrich August von Fallersleben gedichtet bzw. geschrieben. Die Melodie ist aus dem Kaiserquartett von Joseph Haydn (der 2. Satz) im Jahre 1797 komponiert (Gott erhalt uns Franz den Kaiser ...) Und im Zusammenhang mit diesen 3 Daten kam mir dann diese Idee in den Sinn . Ich habe davor irgendwann festgestellt, daß die Melodie

von Joseph Haydn paßt auch genau auf den Text von der Kinderhymne von Bertolt Brecht PASST. Ich dache ZUERST Die Kinderhymne von Bertolt Brecht und anschließend dann sofort der Text von unserer bisherigen Nationalhymne und alles Vertont mit der Melodie aus dem 2. Satz aus dem Kaiserquartett von Joseph Haydn. Ich habe das auch dem Herrn ERICH BURMEISTER von der Partei DIE LINKE in der Stadt Recklinghausen und dem Herrn Dr. MATTHIAS KORDES vom Stadtarchiv Recklinghausen mitgeteilt. Und das Ganze dann OHNE Ergebnis. Viele herzliche Grüße von Christoph Hölker aus 45657 Recklinghausen /Waisenhausstraße 6 / Handy-Nr.: 0178 - 6265727 / Mein Geburtsdatum: Samstag, der 1. Oktober 1960 um 22.10 Uhr und das Datum von meiner Geburts-URKUNDE ist Montag, der 3. Oktober 1960). Recklinghausen, den 9. Mai 2019 / PS.: Ich habe mir dabei auch folgendes gedacht: Im WESTEN Deutschlands ist die Kinderhymne von Bertold Brecht so gut wie unbekannt und im OSTEN ist die Kinderhymne einigermaßen bekannt. Das könnte dann auch ein Beitrag für die INNERE Einheit Deutschlands sein und DIE RECHTEN in Deutschland hätten dann KEINE Möglichkeit mehr DIE NATIONALHYMNE VON DEUTSCHLAND für ihre Zwecke zu benutzen und mißbrauchen. Und wir nennen dann das Ganze (so mein Vorschlag) DIE NATIONALHYMNE DER DEUTSCHEN und NICHT mehr DAS LIED DER DEUTSCHEN.


Tobias Aust

09. Mai 2019

Der Text ist um vieles besser als der von Hoffmann von Fallersleben. Leider wird er wohl abgeschmettert, da er vom roten Brecht kommt.

Immerhin müsste man bei diesem Text die Melodien nicht ändern, da Brecht bewusst so gedichtet hat, dass man die Melodie von Haydn weiter verwenden könnte (2 Strophen für eine musikalische Strophe).