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Immer locker bleiben

19. Oktober 2011
Bodo Ramelow Kirche und Religion, Partei, Politik, Programmdebatte

Mit meiner Reflektion des gestrigen Tages fang ich mal hinten an, nämlich mit der letzten Nacht. Da erreicht mich die Meldung „Ramelow erwägt Austritt aus Partei“. Ja, ich habe immer gesagt, eine Partei, die sich im weltanschaulichen Sinne als laizistisch oder atheistisch versteht – somit intolerant gegenüber Religionen auftritt – kann nicht meine Partei sein. Ich möchte, dass DIE LINKE auch weiterhin eine plurale Partei ist, in der verschiedene Weltanschauungen, Glauben und Nicht-Glauben ihren Platz haben. Insofern will ich mich von dem Interview gar nicht distanzieren. Aber nach dem Wochenende und der Parteivorstandssitzung habe ich keinerlei Befürchtungen mehr, dass es auf dem Parteitag Beschlüsse geben könnte, die aus der LINKEN eine Weltanschauungspartei machen. Insofern ist das Interview – zum Glück – von der realen Entwicklung überholt.

Ich hatte ja gestern schon hier geschrieben, dass Gesine Lötzsch und Klaus Ernst die Parteivorstandssitzung perfekt gemanagt haben und wir mit einem sehr guten Leitantrag in den Parteitag gehen, für den ich auch an jeder möglichen Stelle Werbung mache. Anders als es die Schlagzeile vom möglichen Parteiaustritt suggeriert, gehe ich mit sehr großer Zuversicht in das Parteitagswochenende. Wir werden einen fröhlichen, sonnigen Parteitag in unserem schönen Erfurt haben, davon gehe ich nach allem, was ich zuletzt von Genossinnen und Genossen gehört habe aus. Deshalb gilt: Immer locker bleiben.

Im Landtag, das will ich noch erwähnen, beschäftigt mich auch ganztägig die Parteitagsvorbereitung. Da geht’s vom einem Hintergrundgespräch ins nächste Vordergrundgespräch und wieder ins Hintergrundgespräch. Zwischendurch freue ich mich sehr über Post, die mich erreicht. Einmal bedankt sich Mobit (siehe Foto) für meinen Beitrag zur Jubiläumsfeier. Und dann erklärt sich Verdi ausdrücklich solidarisch mit mir wegen der Aufhebung meiner Immunität und sendet den Brief auch an die anderen Fraktionen im Haus. Danke für diese Unterstützung, die mir sehr wichtig ist!

Schließlich hier der am Wochenende im Parteivorstand einhellig verabschiedete Vorschlag zum Programmabschnitt Religion, den ich mittragen kann und daher hoffe, dass er so beschlossen wird:

Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften
DIE LINKE verteidigt das Recht aller Menschen auf ein Bekenntnis zu einer Weltanschauung oder Religion. Sie tritt ein für den Schutz weltanschaulicher und religiöser Minderheiten. Laizismus bedeutet für uns die notwendige institutionelle Trennung von Staat und Kirche. [51.19.7. – TÜ; PR.232.1. sinngemäß; PR.68.1. entfällt durch Streichung.]
Wir stellen uns unserer historischen Verantwortung und haben die Lehren aus dem in der DDR begangenen Unrecht gegenüber Gläubigen gezogen. Bereits im Jahr 1990 hat der Parteivorstand der PDS sich zur Verantwortung an einer verfehlten Politik der SED bekannt, die tragische Schicksale, Benachteiligung, Verdächtigung und ohnmächtige Betroffenheit auslöste und die Gläubigen, Kirchen und Religionsgemeinschaften um Versöhnung gebeten. [PR.89. – TÜ]
DIE LINKE achtet die Kirchen und Religionsgemeinschaften, ihre soziale Tätigkeit und ihre Unabhängigkeit.
Allerdings müssen die Grundrechte und Arbeitnehmerrechte auch in den Kirchen und Religionsgemeinschaften und in deren Einrichtungen Geltung haben, auch das Streikrecht und das Betriebsverfassungsgesetz [PR.93.3.].
Niemand, der sich nicht bekennt, darf in irgendeiner Weise benachteiligt werden. Wir wenden uns gegen jeglichen politischen Missbrauch von Religion. Schulen sollen Wissen über Religionen vermitteln und die wechselseitige Toleranz der Glaubensgemeinschaften fördern. Der Unterricht ist im Rahmen des Bildungsauftrags des Staates durch staatlich anerkannte Lehrkräfte zu leisten, unabhängig von kirchlicher oder religionsgemeinschaftlicher Einflussnahme. [PR.120., PR.232.3.]"

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10 Kommentare

JMArouet

24. Oktober 2011

Ja, kirchliche Doktrin

Claudia Sievers,

 

Vor noch mehr kirchlichem Einfluss, da sei Gott vor ;-)

Ein Menschenbild, das den Menschen als von Geburt sündig sieht, wie Luther meinte, von Geburt böse, das ist ein Menschenbild, das ich masochistisch, also krank finde. - Natürlich steckt hinter allen Beispielen, die ich oben nannte, eine metaphysische Behauptung, dass ein Zellhaufen ohne Empfindungen und Interessen schon ein Mensch wäre - durch nichts als durch eine Behauptung und vielleicht eine Emotion gestützt - das führt zu gesetzgeberischen Konsequenzen, die allen aufgedrückt werden.

Es ist ja nichts gegen den freiwilligen Verzicht auf PID oder Sterbehilfe zu sagen. Aber daraus ein Verbot für alle zu machen ist Bevormundung. Das kann jeder leicht einsehen. Also tun Sie nicht so, als wäre Ihnen unklar, was ich sagen will.

Dieses Menschenbild, erbsündig und schon von der Befruchtung an zum Leben verdammt, das ist nicht meines und nicht das von vielen anderen. Wenn sich die Kirchen aus diesen Gesetzgebungsfragen heraushielten, dann würde man es ja noch ertragen können, dass wir sie durchfüttern müssen aus allgemeinen Steuergeldern für Religionsunterricht und theologische Fakultäten, die ja Keine freie Wissenschaft betreiben dürfen, sondern nur die, die dem Bischof gefällt. Allgemeines Steuergeld auch für Baulasten, für Militärseelsorge, für Einrichtungen, die fast ganz öffentlich finanziert sind, wo aber der Pastor zu 100% das Sagen hat.

Alles zusammengenommen fast eine halbe Milliarde jedes Jahr aus allgemeinen Steuermitteln, vgl. Violettbuch Kirchenfinanzen von Carsten Frerk, ISBN-13: 978-3865690395

Und dann muss sich unsereins dann noch von Kardinälen und Bischöfen, Meisner, Mixa, Müller, W.Huber, etc. blöd anreden lassen, obwohl sie alle aus Steuermitteln besoldet werden. - Da sage doch noch einer, die Kirchen und das Christentum wären nicht mehr mächtig - da sage noch einer, der Einfluss wäre doch sooo segensreich. - Im Gegentum.


Cludia Sievers

24. Oktober 2011

Kirchliche Doktrin????

" - überall wird die kirchliche Doktrin allen per Gesetz aufgezwungen."

Was für ein Unsinn. "Die" "kirchliche Doktrin" - was soll das sein? Die EKD-Denkschriften vielleicht? Man könnte froh sein, wenn davon mehr in die Politik einfliessen würde. Und auch sie sind im Diskurs entstanden, veränderbar, und als Anregung, nicht als Befehl zu verstehen. In Fällen, in denen Kirchen stark dogmatisch ausgerichtet sind, z.B. die katholische Kirche in Fragen der Abtreibung oder der Gleichstellung von Homosexuellen, ist ganz im Gegenteil gerade k e i n Einfluss auf die Gesetzgebung zu erkennen.

Der Spiegel - Link bezieht sich auf eine Umfrage in den USA, wo bekennende Atheisten eher in der Minderheit und unter den Gebildeteren zu finden sind. In Deutschland würde die Umfrage sicher andere Ergebnisse haben.


JMArouet

24. Oktober 2011

Wenn man nicht übereinstimmt, hat man keine Ahnung?

Hallo Claudia Sievers,

 

jeder ist christlichem Einfluss ausgesetzt. Durch die in Gesetze gegossenen Auffassung der Kirchen z.B. zur Stammzellenforschung, zur PID (hier kam eine Freigabe mit begründeten Einschränkungen gar nicht erst auf die Agenda, auf kirchlichen Einfluss hin), bei Patientenverfügung und Sterbehilfe - überall wird die kirchliche Doktrin allen per Gesetz aufgezwungen. Wer ist also nicht in der Lage, sich mit den Christentum auseinandersetzen zu müssen?

Und zum Thema Ahnung haben: www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,720441,00.html - und das deckt sich mit meinen Erfahrungen: Ich weiß meist mehr als die frommen Apologeten. Die haben oft keine Ahnung, und so manche sind deshalb noch drin, weil ihnen die Kenntnisse fehlen, oder die Voraussetzungen, diese Kenntnisse zu erwerben.

 

Es ist nichts verloren für diese Republik, wenn ein frommer aus den LINKEN austritt. Für die Kirchen ist es dann freilich ein Lobbyist weniger - und die plaziert sie ja möglichst überall.


Tino

22. Oktober 2011

Peinlich

Einfach nur noch peinlich... Man kann sich auch anders profilieren.


Claudia Sievers

20. Oktober 2011

Seufz.

Immer wieder diese dümmlichen, unwissenden Ressentiments..... Ein christliches Menschenbild hat nichts, aber auch gar nichts mit "Frömmelei" zu tun. Niemand wird gezwungen, sich mit Christentum, Religion und Religionen zu beschäftigen und kritisch auseinanderzusetzen. Aber worüber man nichts weiß, darüber sollte man schweigen; auf neudeutsch: einfach mal die Klappe halten.

Oder noch besser Helmut Gollwitzer lesen, z.B. hier: www.lebenshaus-alb.de/magazin/005439.html


Manfred Jannikoy

20. Oktober 2011

Drin bleiben!

Lieber Bodo, die Nachricht über deine "Austrittserwägung" hat mich heute doch ziemlich geschockt. Ich bin froh hier eine angenehmere Botschaft von dir zu lesen. Zu einer LINKEN gehören linke Christinnen und Christen der verschiedenen Konfessionen neben Gläubigen anderer Religionen und Atheistinnen und Atheisten selbstverständlich dazu. Wer gläubige Menschen bewusst von politischer Teilhabe ausgrenzen will ist meiner Ansicht nach nicht links. Ich hoffe, dass der Parteitag und die endgültige Fassung des Programms eine Einladung für mehr christliches Engagement innerhalb unserer Partei sein wird und ein entsprechendes Signal von Erfurt ausgeht. Für deine Arbeit innerhalb ;-) unserer Partei und in der Gesellschaft wünsche ich dir alles Gute und (auch als katholischer Christ :-)) Gottes Segen.


JMArouet

20. Oktober 2011

Dann geh' doch!

Wäre eine gute Idee, Bodo, wenn Du einfach die Linken mal links sein lässt und Deine Frömmelei in den vier Wänden auslebst, für die Du auch bezahlst, Miete oder Raten an die Bank. - Fromme Illusionen gibt es schon mehr als genug in dieser Welt - und die üblen Folgen für die nichtgläubigen Mitmenschen.


Mario Tille

19. Oktober 2011

Zusammenarbeit

Hallo Bodo,

 

war erstmal geschockt über Deine Idee aus der Partei auszutreten. Hat sich ja, falls Leitantrag angenommen wird dann auch erledigt. Denke einfach, das Du als Christ und ich als Buddhist mit Atheisten zusammenarbeiten können um gegen soziale Kälte zu kämpfen. Unsere Partei sollte duch die Atheisten und den Mitgliedern der verschiedensten Religionen zusammensetzen und jeder ob Atheist oder Mitglied einer Relegion für die Ziele der Partei eintreten. Denn

nur gemeinsam können wir etwas bewegen.

Dich Bodo möchte ich bitten die Partei nicht zu verlassen und ich wünsche mir, das Du uns als Fraktionsvorsetzender und Parteimitglied erhalten bleibst.

 

Viel Kraft und vorallen Gesundheit wünscht Dir Dein Genosse Mario aus Gera


"Eichsfelder Rote Socke"

19. Oktober 2011

Fußvolk

Hallo Bodo - immer wieder überraschend, mit welchen Themen die Medien bei Dir landen können; hast Du nicht hinreichend Erfahrungen dazu gesammelt?

Aber - so kurz vor dem Grundsatz-Parteitag fehlt ja vielleicht auch noch so ein "Schuß", um eventuell leichtfertige Delegierte zur Besinnung zu bringen.

Im Übrigen - sollte es tatsächlich übehaupt solche Gedanken geben, so würde ich mit solchen Vertretern gern mal diskutieren - und dann Dir möglicherweise folgen.Möge in Erfurt die politischen Ziele der LINKEN nicht zerredet werden auf "Nebenschauplätzen"- also guten Erfolg!


Achim Nickel

19. Oktober 2011

Dipl.-Ing.

Hallo Bodo,

ich bin erschrocken über Deinen in Aussicht gestellten Austritt aus unserer Partei. Ich war immer stolz und froh zu gleich, dass Du als bekennender Christ unsere LINKE in Thüringen so würdig vertrittst. Ich selbst gehöre keiner Konfession an. Ich bin immer davon ausgegangen, dass gerade diese Miteinander unsere Partei prägt und dass wir Praktiken aus der SED-Ära (es war auch meine) überwunden haben. Warum sollen nicht Christen und Atheisten gemeinsam in der LINKEN für Frieden und eine soziale Gesellschaft streiten. Das das möglich ist, hast doch gerade Du nachdrucksvoll bewiesen. Den Begriff Laizismus habe ich auf der letzten Landesausschusssitzung das erste mal gehört, als es um Bildung einer solchen AG in Thüringen ging Ich hatte zwar nicht den Eindruck, dass damit ein Keil zwischen Christen und Atheisten getrieben werden sollte. Wenn das aber darauf hinauslaufen sollte. so werde ich mit aller Kraft gegen solche Bestrebungen auftreten - auch als neues Mitglied des Parteiausschusses und Parteitagsdelegierter. Dich, lieber Bodo, möchte Ich einfach bitten, unsere Partei auch in den nächsten Jahren als Fraktions- und spaäter als Regierungschef zu vertreten. Dabei wünsche ich Dir viel Kraft und Gesundheit

Dein Genosse Achim Nickel vom Stadtverband Suhl