Parlamentarische Erinnerungskultur: Stolpersteinverlegung für verfolgten Reichstagsabgeordneten Ernst Putz
Ernst Putz ist einer von mindestens 120 Reichstagsabgeordneten, die im Nationalsozialismus entrechtet und verfolgt, zur Flucht gezwungen oder ermordet wurden. Diese Woche durfte ich an der Verlegung eines Stolpersteins für Ernst Putz durch den Künstler Gunter Demnig vor seinem einstigen Wohn- und Elternhaus, dem Sinntalhof, in Bad Brückenau, mitwirken. Ich vertrat dabei die Stellvertreterinnen und Stellvertreter der Bundestagspräsidentin. Es war ein beeindruckendes Gedenken, getragen vom dortigen Arbeitskreis Stolpersteine, Schülerinnen und Schülern des Franz-Miltenberger-Gymnasiums und dem Ersten Bürgermeister von Bad Brückenau, Jan Marberg. Besonders gefreut hat es mich, dass dieses Gedenken auch überparteilich Zuspruch fand, durch die Anwesenheit der Kollegin aus dem Bundestag Sabine Dittmar (SPD), der bayerischen Landtagsabgeordneten Kerstin Celina (B90/Die Grünen) und Dr. Ludwig Spaenle (CSU), Antisemitismus-Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung.
Ernst Putz gehörte fünf Wahlperioden lang von 1924 bis 1933 dem Deutschen Reichstag als zunächst parteiloser Abgeordneter und dann Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an. Er war ein offenkundiger Freigeist und Kümmerer, inspiriert von den reformpädagogischen Ansätzen der 1920er Jahre. Er widmete sein Leben der Gesellschaft, ob in der bayerischen Rhön, in Thüringen oder in Berlin. Er war nach unserem heutigen Verständnis im besten Sinne ein couragierter Bürger und mutiger Politiker. Als ein prominenterer Abgeordneter seiner KPD-Fraktion setzte er sich vor allem für die verarmte Landbevölkerung und Kleinbauern ein. Er sah sich dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit wie auch dem gesellschaftlichen Fortschritt verpflichtet und pflegte Kontakte nicht zuletzt als Gründer und Vorsitzender des „Bundes schaffender Landwirte“ weit über sein eigenes politisches Lager hinaus.
Zwei Tage nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten verlor auch Ernst Putz sein Parlamentsmandat zuletzt als direktgewählter Abgeordneter für den Wahlkreis 25 infolge der von Reichspräsident Hindenburg verfügten Auflösung des Reichstags. In den am 5. März 1933 gewählten Reichstag konnte Ernst Putz nicht wieder einziehen, da alle 81 von der KPD erzielten Abgeordnetenmandate auf Grundlage der „Reichstagsbrandverordnung“ annulliert worden waren, wodurch sich die NSDAP eine Mehrheit im Reichstag sicherte. Die zunehmende nationalsozialistische Verfolgung von Oppositionellen zwang Ernst Putz unterzutauchen, bis er Mitte Juli 1933 von der Gestapo festgenommen wurde. Einen mutmaßlichen Schauprozess erwartend, kam Ernst Putz am 12. September 1933 im Zuchthaus Berlin-Moabit unter nicht abschließen geklärten Umständen ums Leben – einen Steinwurf entfernt vom Reichstag, dem er knapp neun Jahre als ein führender Abgeordneter seiner Fraktion angehört hatte.
Die Verfolgung des Reichstagsabgeordneten Ernst Putz in den ersten Monaten der nationalsozialistischen Herrschaft spiegelt für mich auf erschreckende Weise wider, wie schnell die Weimarer Republik zugunsten einer neuen gewalttätigen und diktatorischen gesellschaftlichen Ordnung aufgegeben wurde, in der die Verfolgung von politisch Andersdenkenden, Minderheiten und Oppositionellen zu einer mehrheitlich akzeptierten staatlichen Priorität wurde. Entsprechend mahnt uns sein Schicksal, antidemokratischen und totalitären Tendenzen in der Gegenwart mit aller Entschlossenheit entgegenzutreten und Menschen- und Bürgerrechte zu schützen. Diese Mahnung ist umso wichtiger, da der demokratische und freiheitliche Grundkonsens in unserer Gesellschaft immer brüchiger zu werden scheint und immer öfter Vergleiche zur Endphase der Weimarer Republik gezogen werden.
Die Stolpersteinverlegung für Ernst Putz war für mich zugleich Ausdruck einer beeindruckend lebendigen Erinnerungskultur in Bad Brückenau, wo bereits 46 Stolpersteinen zum Gedenken an die im Nationalsozialismus verfolgten jüdischen Bürgerinnen und Bürger auf Initiative eines Arbeitskreises von Schülerinnen und Schülern um den einstigen Lehrer am Franz-Miltenberger-Gymnasiums, Dirk Hönerlage, in den letzten Jahren verlegt wurden. Es ist ein Beispiel für gesellschaftliches Engagement, das auch Mut und Zuversicht macht!

