12. Juli 201720:01

#ZukunftThüringen – Tag 4 – Unstrut-Hainich Kreis (12. Juli 2017)

Regen prasselt gegen grüne Sprossenfenster. Ich sitze in einer gemütlichen, umgebauten Scheune in Kirchheiligen. Vor mir eine mit Kaffee und selbstgebackenen Keksen eingedeckte Tafel. Ich bin Gast der Stiftung Landleben und im Begriff, einem Vortrag zur letzten Station der heutigen Tour zu lauschen. Vorher nehme ich aber nochmal einen kräftigen Schluck des hier hergestellten Apfelsafts und lasse den heutigen Tag vor meinem inneren Auge Revue passieren: 

 

Der Tag beginnt bei einem sehr vielversprechenden Thüringer Jungunternehmen, das eine Traditionsmarke wieder auferstehen lässt. Ich besuche die Firma Möve in Mühlhausen (genauer: die Möve Equipment & Design GmbH und die Möve Bikes GmbH).

 

Geschäftsführer Tobias Spröte gibt einen kleinen Überblick über das Unternehmen und seine Geschichte: Die Marke „Möve“ gibt es bereits seit 1897, als die Firma Walter & Co. GmbH Möve begann Fahrräder zu vertreiben. Seit 1930 lautete der Slogan „Im Flug durch’s Land mit Möve“. Bis 1961 wurden die Räder dann im VEB Möve-Werk Mühlhausen hergestellt. Danach passierte lange nichts.

 

Es sollte 2011 werden, bis die stillstehenden Werke wieder in Betrieb genommen wurden. „Schuld“ daran waren Tobias Spröte und Gordon Winter, zwei junge Ingenieure, die eigentlich in Baden-Württemberg tätig waren und beschlossen, in ihre Heimatstadt Mühlhausen zurückzukehren. „Es war unser Wille, den Standort Mühlhausen zu stärken“, sagt Herr Spröte. Die Markenrechte in diesem Bereich hatte er sich bereits vor einiger Zeit gesichert. Das Unterfangen begann mit dem Schwerpunkt Automatisierungs- aber auch Medizintechnik und gerade einmal vier Mitarbeiter/innen.

Mittlerweile sind es 26, viele von ihnen Top-Absolventen der Unis Ilmenau und Jena. Aber wie kam „Möve“ zurück zum Fahrradbau? „Zum einen aus persönlicher Liebe und Leidenschaft zum Fahrrad“, so der Geschäftsführer. Zum anderen durch den Impuls eines Leipziger Erfinders. Dieser mittlerweile 86-Jährige hatte auf einem Möve-Rad Fahrradfahren gelernt und legte den jungen Ingenieuren ein Getriebekonzept vor, das den „3-Uhr-Bereich“ des mechanischen Tretkurbelantriebs eines Fahrrads vergrößert und das Radeln somit sehr viel leichter macht. Diese „Easy Cycling Technology“, in der Zahnräder und Hebel optimal in einer Art „Mehrgelenk-Kurbel“ zusammenwirken zeichnet die neuen Möve-Bikes aus. 

 

Alle Möve Bikes werden in der EU gefertigt und in Mühlhausen montiert. Der Antrieb ist sogar „ein reiner Thüringer“. Aufgrund dieses, mit einem ansprechenden, modernen Design gepaarten Ideenreichtums, erhielt die Firma 2014 den 1. Platz im Thüringer Elevator Pitch und belegte 2015 Platz 11 beim Publikumspreis des XVIII. Innovationspreises. Darüber hinaus gewann „Möve“ 2016 den German Accelerator und somit u. a. eine dreimonatige Weiterbildungsreise ins Silicon Valley. 

 

Wie sieht die Zukunft aus? Seit drei Monaten sind die ersten Möve-Bikes erhältlich, gerade wird ein Händlernetzwerk in ganz Deutschland aufgebaut. Des Weiteren beschäftigt sich das Unternehmen mit der Entwicklung eines Carbon-Pendler-Bikes für den US-Markt und ist händeringend auf der Suche nach mehr Platz in Mühlhausen. „Wir müssen umziehen, Möve platzt aus allen Nähten“ sagt Herr Spröte. Und er hat Recht. Ein Streifzug durch drei Etagen des Hauses inkl. Werkstatt offenbart, dass das Unternehmen wächst. Jetzt will ich aber auch selbst eine Runde drehen und schwinge mich auf ein strahlend weißes Rad. Meine Tour um den Block findet zwar im Nieselregen statt, macht aber viel Spaß.

 

Ich mache mich dann auf dem Weg zur nächsten Station dem Rittergut Lützensommern. Die Ortschaft wurde 1251 erstmals erwähnt und gehört seit 1951 zur Gemeinde Kutzleben. Das hier befindliche Rittergut lag 1990 fast vollständig in Trümmern und ist heute, nach liebevollen und aufwändigen Renovierungsarbeiten, der Sitz eines Tagungshauses. Hier werden Camps, Kinderfreizeiten, Klassenfahrten, Tagungen, Seminare und Ferienlager veranstaltet. Die Bildungs- und Begegnungsstätte ist offen für Kinder und Jugendliche aller Länder und Gesellschaftsschichten. 

 

Eine Kindergartengruppe bringt mir ein fröhliches Ständchen, bevor es für sie zum Fischstäbchenessen geht. Dieter John, Geschäftsführer des Ritterguts, führt mich über das Gelände und erzählt mir, welche Schwerpunkte er in Zukunft setzen will. Auch hier in Lützensommern sind die Auswirkungen des demografischen Wandels stark zu spüren. Das Rittergut möchte daher seine regionale, nachhaltige und zukunftsorientierte Ausrichtung stärken. Das soll durch die Gründung einer Kindertagesstätte und ggf. durch die Schaffung eines „Tante Emma Ladens“ auf dem Gut geschehen. Gleichzeitig sollen verstärkt Zukunftsthemen, wie die Stärkung der Medienkompetenz der jungen Besucher/innen, in den Fokus rücken. Nachdem wir im gemütlichen Speisesaal mit Gartenblick gespeist haben, wird es auch schon Zeit mich zu verabschieden. 

 

Und schwups bin ich wieder am Anfang… an der Kaffeetafel der Stiftung Landleben. Hier erhalte ich einen Überblick über die Stiftung, die Projekte in der Region um Blankenburg, Kirchheiligen, Sundhausen und Tottleben realisiert. Das beinhaltet zunächst das, was man sich unter „Landleben“ vorstellt (Marktfrucht- und Futterbau, Milcherzeugung, Schweinezucht, Schäferei, Landfleischerei, Weidewirtschaft…), aber auch eine ganze Menge mehr.

 

Im Zentrum der Stiftungstätigkeit steht der Wunsch, gemeinnützige Verantwortung zu übernehmen, ein attraktives Wohnen für Jung und Alt, eine nachhaltige Entwicklung des ländlichen Umfelds, ein Bildungs- und Betreuungsangebot vor Ort und Heimatpflege zu gewährleisten. Der Vorsitzende, Frank Baumgarten, äußert das hiesige Empfinden: „Wenn wir uns nicht selber kümmern, werden wir überplant.“ Er fügt jedoch hinzu: „Es macht Spaß, ländliche Entwicklung gestalten zu dürfen und nicht zu müssen.“

 

Bei meiner anschließenden Diskussion mit Bürgermeistern und Ehrenamtlichen wird deutlich, dass der demografische Wandel die wichtigste dörfliche Herausforderung ist. Die Stiftung Landleben versucht seit 2010, brachliegende Immobilien abzureißen oder, sofern die Bausubstanz geeignet ist, als „Nestbauprojekte“ für junge Paare und Familien anzubieten. Zugleich wurden altengerechte Bungalows errichtet, die ältere Mitbürger/innen gegen ihre größeren und aufwändig zu pflegenden Häuser „tauschen“ sollten. Mit viel Mühe wird eine Schule in privater Trägerschaft gehalten, um Kinder und Jugendliche an die Region zu binden. Zugleich arbeitet man hier an der „Willkommenskultur“ der Alteingesessenen, sprich: an ihrer Bereitschaft, neue Mitbürger/innen offen und herzlich in die Dorfgemeinschaften aufzunehmen. 

 

Ein weiteres zukunftsweisendes Projekt ist das Projekt „Landengel“. Es fußt auf einer im Auftrag der Stiftung durchgeführten Studie, die ergab, dass die Dörfer eines einheitlichen Ansprechpartners in Angelegenheiten der Daseinsvorsorge und des Aufbau eines Gesundheits- und Pflegenetzwerkes bedürfen. Hierzu sollen bald „Landambulatorien“ als zentraler Ort für Haus- und Fachärzt/innen, eine Apotheke, einen Pflegedienst und weitere zentrale Ansprechpartner dienen. Bürgerfahrdienste könnten dann bspw. chronisch Kranke zu festen Sprechstunden ins Landambulatorium bringen.

 

Auf dem Rückweg nach Erfurt denke ich über den gemeinsamen Nenner meiner heutigen Stationen nach. Ich bin heute Menschen begegnet, die sich – ganz individuell, aber mit Herzblut - dafür einsetzen, ihre Heimat im Zeichen des demographischen Wandels zukunftsfest zu machen. Das macht Mut. Und gute Laune auf #ZukunftThüringen.

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