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    31. Mai 201109:30

    Ein Sozialist kann Christ sein, ein Christ muss Sozialist sein

    Empfänge, vor allem die zum Jahresstart, sind meistens eher dröge Veranstaltungen. Die Gäste sehen es häufig als Pflichtveranstaltung an, den Einladern beim Formulieren ihrer Wünsche für das Jahr zuzuhören. Es geht ums Sehen und Gesehen-werden.

    Vor einigen Jahren habe ich einen Neujahrsempfang erlebt, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Die Thüringer Linke hatte ihren Empfang in das Erfurter Augustinerkloster verlegt und die Hausherrin, Pröpstin Elfriede Begrich, hatte ein Grußwort zugesagt. Bis dahin schon ungewöhnlich, aber nicht spektakulär. Pröpstin Begrich ließ es sich aber nicht nehmen, in ihrer Rede Adolf Grimme, den Namensgeber des bekannten Fernsehpreises, mit einer fast schon vergessenen Textstelle zu zitieren: „Ein Sozialist kann Christ sein, ein Christ muss Sozialist sein“. Das saß.

    Was in der Gegenwart große Verwunderung hervorruft, nämlich das Zusammendenken von sozialistischen und christlichen Werten, hat eine lange Tradition. Schon kurz nach der französischen Revolution und dem Beginn der Aufklärung sprachen sich christliche Denker dafür aus, dass der Glauben mit dem Einsatz für die Demokratie und die Republik verbunden werden müsse. Erwähnt sei der katholische Priester Félicité de Lamennais, der sich für seine revolutionären Schriften 1832 eine Rüge durch Papst Gregor XVI. einhandelte.

    Und während Karl Marx 1844 in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ seine bekannte Kritik an der Religion als „Opium des Volkes“ formulierte, arbeitete Wilhelm Weitling am „Evangelium der armen Sünder“. In dem 1845 veröffentlichten Text beschreibt Weitling den Zusammenhang von Ur-Christentum und Kommunismus und untermauert dies mit Bibel-Zitaten. So kommt er unter anderem zu der Aussage, Jesus lehre die Abschaffung des Eigentums. Im 20. Jahrhundert waren hierzulande Adolf Grimme und Dorothee Sölle vielleicht die bekanntesten religiösen Sozialisten, aber auch Martin Luther King muss in dieser Traditionslinie gesehen werden. Und nicht zuletzt sei auch auf das Ahlener Programm der CDU von 1947 verwiesen, in dem sich die Partei zum Ziel eines christlichen Sozialismus bekannte.

    Als Linker empfinde ich große Freude darüber, dass der Kirchentag nach Dresden kommt, und dieser kurze historische Abriss zeigt, dass ich mich in langer Tradition freue. Erstmalig wird der Kirchentag in Dresden stattfinden, zum zweiten Mal nach Leipzig 1997 in einem ostdeutschen Bundesland. Seit der Wiedervereinigung war Die Linke bzw. die PDS auf allen evangelischen Kirchentagen zu Gast und hat das Gespräch mit den Menschen gesucht. Der diesjährige Kirchentag steht unter der Losung „…denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“. Uns geht es darum zu zeigen, dass „Schätze“ der Gesellschaft – wie ein Leben in Würde und sozialer Sicherheit, intakte Umwelt, Arbeit, Bildung, Kultur – allen Menschen zugute kommen müssen. Darüber wollen wir sprechen. Der Kirchentag hat in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, was für kraftvolle gesellschaftliche und politische Impulse die evangelische Laienbewegung setzen kann. Die fünf Tage in Dresden können zu einem Zeichen gegen Atomkraft, gegen Rechtsextremismus, gegen Krieg werden – die Menschen haben es in der Hand. Wir wollen diesen Prozess nicht nur von außen beobachten.

    Die Diskussionen, die wir in Dresden führen wollen, drehen sich aber auch um die Rolle der Religion in der Gesellschaft. Es ist kein Geheimnis, dass sich die religiöse Landschaft in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Als das Grundgesetz geschrieben wurde, waren über 90 Prozent der Adressaten Mitglieder der christlichen Kirchen. Inzwischen sind es durch die Wiedervereinigung und zahlreiche Kirchenaustritte gerade noch 60 Prozent. Zugleich ist der Islam mit rund drei Millionen Anhängern zur drittgrößten Glaubensgemeinschaft hinter den beiden christlichen Kirchen in Deutschland herangewachsen, und die Zahl der Anhänger jüdischen Glaubens hat sich seit 1990 vervierfacht.

    Nicht erst seit Thilo Sarrazins kruden Thesen wird gerade die Integration der Muslime häufig zum Problemfall erklärt. Ist der Glaube also ein Hinderungsgrund für das friedvolle Zusammenleben unserer Gesellschaft und die Religion Teil des großen Integrationsproblems? Das Gegenteil ist der Fall. Religion kann Teil der Lösung gesellschaftlicher Konflikte sein. Aber dazu müssen wir offene Fragen benennen und miteinander bereden: Wie steht es um die Gleichberechtigung der Religionsgemeinschaften gegenüber dem Staat, zum Beispiel in den Bereichen Religionsunterricht, theologische Ausbildung oder Seelsorge? Wie verhält sich der Staat zu innerreligiösen Belangen wie dem Arbeitsrecht? Und was wird aus den besonderen Entscheidungs- und Finanzrechten der Kirchen, die wohl nicht mehr zeitgemäß sind? Letztlich müssen wir klären, ob es im Verhältnis von Staat und Religionen mehrheitsfähige Reformansätze gibt.

    Diese Fragen wollen wir im Dialog angehen, denn Religionspolitik muss zuallererst auf Kommunikation setzen. Wozu einseitige Regulierungsversuche des Staates führen können, haben viele Gläubige in der Vergangenheit leidvoll erfahren müssen. Zum Dialog gehört aber auch, Kritikwürdiges offen anzusprechen. In mehreren Glaubensrichtungen gibt es fundamentalistische Strömungen, die beispielsweise Homosexualität nicht tolerieren. Diese Homophobie nehmen wir nicht kommentarlos hin. Ebenso gibt es Strömungen, die eine Gleichstellung der Frau für falsch halten, weil sie in Rollenbildern verhaftet sind, die denen der Emanzipation widersprechen. Auch das verlangt Widerspruch, und den wollen wir nicht scheuen.

    Empfänge können sehr dröge sein. Das müssen sie aber nicht, wenn man sich Gäste einlädt, die Spannendes zu erzählen haben. Die Linke beginnt den Kirchentag mit einem Empfang am Mittwochabend im Hotel Westin Bellevue am Elbufer. Reden wird neben Gregor Gysi Prof. Konrad Raiser, der ehemalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen. Was wir da zu hören bekommen, wird sicher nichts Alltägliches sein. Interessierte Gäste sind herzlich willkommen. Ebenso wie am Freitagnachmittag ab 15 Uhr in der Theaterruine Dresden (Hechtstraße), wo der Autor dieses Artikels mit Rabbiner Walter Homolka, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime Aiman Mazyek, der Bundestagsabgeordneten Christine Buchholz und Alt-Pröpstin Elfriede Begrich diskutieren wird. Informationen zu diesen und weiteren Veranstaltungen findet man im Kirchentagsblog der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

    http://kirchentag.blog.rosalux.de

    Kommentare

    Klaus Buschendorf
    3. Juni 201117:06
    Zu "Sozialisten können Christen sein, ein Christ muss Sozialist sein"

    Lieber Genosse Ramelow,


    von Deiner Überschrift bin ich begeistert. Sie erinnert mich im entfernten Sinn an Nathans Ringparabel aus Lessings Drama "Nathan, der Weise". Solchen Vordenkern geben wir in unserer linken Auseinandersetzung viel zu wenig Raum. Aber einzig dieser Weg ist es, der ermöglicht, viele Menschen hinter einem Ziel zu versammeln, die Gesellschaft zu verändern. Und ohne diese Einheit geht es nicht.


    Du stellst in Deinem Artikel dar, wie die verschiedensten Glaubensgemeinschaften nach einem Weg des gemeinsamen Handelns suchen sollten. Dem stimme ich zu. Das werden wahrscheinlich alle ehrlichen Menschen tun. Wir dürfen aber nicht die Augen davor verschließen, dass diese Gemeinschaften von anderen Kräften, welche sich im Verborgenen, Scheinheiligen aufhalten, benutzt werden, die Menschen zu trennen. Wenn wir also diese Einheit zwischen den Gemeinschaften schaffen wollen, müssen wir auch diejenigen benennen, die gerade das Gegenteil, eben die Spaltung der Menschen, wollen! Und wir müssen die Wege aufzeigen, ihre Methodik, wie sie es tun! Wäre dies nicht so, gäbe es gar keine Probleme der Zusammenarbeit, denn in allen Gemeinschaften sind Thesen des Miteinander in viel größerer Zahl anzutreffen als des Abgrenzens, des Unterscheidens.


    Ich habe jetzt die verschiedenen Glaubensgemeinschaften benannt - aber das ist unvollständig. Man muss bei realer Einschätzung der Situation die so genannten "Konfessionslosen" in diese Überlegungen einbeziehen. Im Sinne der Herstellung einer großen Einheit der Menschen zur Veränderung der Gesellschaft ist es belanglos, an "welchen" Gott der Einzelne glaubt, oder ob er an keinen Gott glaubt. Die Veränderung der Gesellschaft ist ein diesseitiges Problem. Jesus von Nazareth hatte deshalb so große Wirkung in seiner Zeit, weil er sich zuerst der diesseitigen Probleme seiner Zeit widmete. Damit gewann er die Menschen. Sie jubelten ihm zu, als er am Palmsonntag in Jerusalem einzig. Erst als sein Satz: "Mein Königreich ist nicht von dieser Welt!" in das Bewusstsein der Menschen drang, ihr Glaube an einen Erlöser von der römischen Herrschaft erschüttert wurde, konnte ihr Sinneswandel geschehen. Enttäuschung darüber, dass sie ein nahes, erkennbares Ziel mit einem weit entfernten, unbestimmbaren Ziel tauschen sollten, führte zur Duldung der Verurteilung durch die Hohen Priester, zum Vorzug eines Mörders bei der Begnadigung durch den römischen Statthalter.


    Dass sich die christliche Lehre dennoch durchsetzte (oder gerade, weil sein Schöpfer starb), ist ein langwieriger Prozess gewesen, denn seine Zeitgenossen nicht ahnen konnten und von dem sie auch nichts hatten. Wir leben im Heute, übertragen: zwischen Palmsonntag und Karfreitag. Wollen wir die heutigen Menschen für die Veränderung der Gesellschaft gewinnen, müssen wir uns den heutigen Bedürfnissen zuwenden. Sonst geht es uns auch wieder wie Jesus von Nazareth - der eigentlich nichts erreichte! Denn nur der Zufall (oder Gottes Wille - die Wortwahl für das Ereignis ist eigentlich belanglos!) der späteren Wandlung eines Saulus zum Paulus ließ die christliche Lehre über Jahrhunderte wachsen und uns jetzt das heutige Abendland erleben.


    Aber: Wer von den Zeitgenossen, damals wie heute, will so lange warten? Er kann es doch gar nicht, denn sein Leben ist begrenzt! Also sollten wir uns mehr den Problemen zuwenden, welche den Menschen auf den Nägeln brennen: Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Konzernherrschaft im Hintergrund. Wir müssen die Methoden aufklären, wie die Menschen gespalten werden und als Gegenstück auf Solidarität setzen - wie das Brecht in seinem "Solidaritätslied" so eindringlich tut! Eine neue Moral, die an christlicher Nächstenliebe als Tugend anknüpft, sollten wir propagieren und nach ihr handeln! Kein Taktieren mit den Mächtigen der Zeit, keine "Regierungsfähigkeit" darf angestrebt werden, sondern nur das, was den Menschen auf der Straße heute wirklich nützt!


    Jesus von Nazareth hat in seiner Wirkungszeit keine Kompromisse gekannt. Seine Bergpredigt zeigte eine weite Zeit voraus. Aber das für die Menschen Naheliegende hat er gering geachtet. Man kann sagen: Das war sein Auftrag - er war Gottes Sohn. Aber wir heute sind das nicht! Wir müssen Naheliegendes beachten, wenn wir verändern wollen. Und das Naheliegende ist: Sicherung der menschlichen Existenz, Schaffung einer solidarischen Moral, Aufklärung über die wirklich in der Welt um die Macht rangelnden Clans, ihre Methoden der Täuschung, ihre Mittel dazu.


    Sonst bleibt alles eitel, was wir tun.



    Mit solidarischem Gruß

    Klaus Buschendorf

     

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