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		<title>Bodo Ramelow</title>
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		<lastBuildDate>Thu, 24 Jan 2013 15:02:00 +0100</lastBuildDate>
		
		
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			<title>Linke Stellschrauben im Bundesrat</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/linke-stellschrauben-im-bundesrat-1/</link>
			<description> 	Systemrelevant ist auf jeden Fall das Verhältnis Föderalismus versus  Zentralstaat. In der...</description>
			<content:encoded><![CDATA[ 	Systemrelevant ist auf jeden Fall das Verhältnis Föderalismus versus  Zentralstaat. In der historischen Entwicklung, die Linke immer im Blick  haben müssen, ist sichtbar: je zentralistischer der deutsche Staat  gelenkt wurde, desto gefährlicher war er für seine Nachbarn.
 	Eingedenk dieser historischen Dimension ist der Föderalismus ein nicht  zu gering zu achtender Wert. Wenn man ihn allerdings bürokratisch  erstickt, wird er funktionslos. Und wenn er den Fortschritt sogar  verhindert – wie zum Beispiel bei der klassischen Schulbildung – wird er  sogar zu einer Gefahr, in diesem Fall für die Schülerinnen und Schüler.  Beim Thema Bildung sagen wir immer: in Europa existieren 17  rückwärtsgewandte Schulsysteme – 16 davon in Deutschland.<sup>1</sup>
 	Dies zeigt die Kehrseite des Föderalismus: Wenn er nur dazu benutzt  wird, Landesparlamente damit zu beschäftigen, über die Muster der Tapete  zu entscheiden, wann immer der Landtag neu tapeziert werden soll. Das  sogenannte &quot;Kooperationsverbot&quot;, das Verbot der Zusammenarbeit von Bund  und Ländern im Bereich der Bildung, ist im Jahr 2006 gegen den  erbitterten Widerstand unserer Bundestagsfraktion und aller  Landtagsfraktionen der LINKEN von der SPD wider besseres Wissen als  Grundgesetzänderung mitbeschlossen worden. Dieselbe katastrophale  Fehlentscheidung wurde in der Föderalismuskommission II mit der  sogenannten &quot;Schuldenbremse&quot; praktiziert, nach der die Haushalte von  Bund und Ländern grundsätzlich ohne Kredite auszugleichen sind  (Artikel&nbsp;109 Abs. 3 GG). Die SPD war nicht einmal bereit, die von uns  vorgeschlagene &quot;Steuersenkungsbremse&quot; – wer Steuersenkungen will, muss  aufzeigen, wie die dadurch entstehenden Ausfälle in den öffentlichen  Kassen ausgeglichen werden – mit in das Abstimmungspaket aufzunehmen, um  dessen fatale Eindimensionalität aufzubrechen.<sup>2</sup> Lediglich  das damals rot-rot regierte Berlin hat sich für diese Initiative  eingesetzt. Das rot-grüne Projekt einer Förderung der Ganztagsschulen  mit Mitteln aus dem Bundeshaushalt wurde von der SPD-Bundestagsfraktion  geopfert – als Preis für die Große Koalition. Die gleichen  Sozialdemokraten möchten nun das Grundgesetz ändern, das sie erst jüngst  wieder besseren Wissens auf den &quot;Wettbewerbsföderalismus&quot; umgestellt  haben.
 	Die negativen Wirkungen der durch die unregulierten Bank- und  Spekulationsmechanismen ausgelösten Finanzmarktkrise in Verbindung mit  der &quot;Schuldenbremse&quot; im Grundgesetz tragen am Ende die Kommunen.  Interessant ist, dass die gleichen Parteien, die für die  Grundgesetzänderung die Hand gehoben haben, auf der Lokalebene den  Eindruck erwecken, damit noch nie irgendetwas zu tun gehabt zu haben.
 	Die Partei DIE LINKE hat sich in diesen Fragen klar positioniert. Wir  sagen Nein zum &quot;Wettbewerbsföderalismus&quot;, Ja zu einem besser  finanzierten und kooperativ ausgestalteten Bildungssystem.
 	Wir sagen Nein zur &quot;Schuldenbremse&quot; und Ja zur Regulierung des  Bankensystems sowie zur wirksamen Unterbindung der Finanzspekulationen.
 	Wir sagen aber auch Ja zu einer großen Steuerreform, bei der die  Kommunen für ihre Aufgaben ausreichend finanziert sind und Vermögen  stärker besteuert werden.
 	Im sozialen Sicherungssystem braucht es einen flächendeckenden  gesetzlichen Mindestlohn, um die Teilung Ost-West und Nord-Süd zu  beenden, die ausschließlich zu einer Teilung in Arm und Reich führen. Es  mag ja sein, dass nach Niedersachsen in mancher Parteizentrale das alte  Lagerdenken wieder auf Hochglanz poliert wird: Rot-Grün versus  Schwarz-Gelb. Dies darf aber den Blick nicht verstellen, dass alle vier  damit in den Blick genommenen Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne)  sich im Laufe der letzten Jahrzehnte zueinander kompatibel verhalten  haben – und zwar in allen Koalitionskonstellationen.
 	Die Umstellung des grundgesetzlich gebotenen ausgleichenden und  kooperativen &nbsp;Föderalismus auf den &quot;Wettbewerbsföderalismus&quot; führt nur  dazu, dass keine Weichen für ein modernes Bildungssystem (kostenfreie  Bildung, Kitas, usw.) gestellt werden. Auch beim flächendeckenden  Mindestlohn wird es deutlich: So gleich soll es in Deutschland doch  nicht zugehen. Doch regionale Unterschiede, die in der Landschaft noch  begründet seien mögen, dürfen nicht Lebenswege negativ beeinflussen.
 	Lösungen sind möglich und machbar: Wenn gemeinsame Reformorientierungen  in den Vordergrund gestellt werden, wenn abgeklärt wird, wie eine  gemeinsame humanistische Vision für eine solidarische Gesellschaft  entwickelt werden kann.
 	Der Kampf gegen Armutsrenten und Armutslöhne ist ein zutiefst  humanistischer und kein ökologischer. Und längeres gemeinsames Lernen  sowie Inklusion statt Selektion in einem gut ausfinanzierten  Bildungssystem mit Schulen, die Lern- und Lebensort sind, ist zuförderst  humanistisch, aber in jedem Fall nachhaltig.
 	Es kommt also auf die Betrachtung an, welche Rolle der Föderalstaat  gegenüber allen Menschen in unserer Gesellschaft einnimmt. Wenn dann  Parteien mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen bereit sind, die  gleichen Stellschrauben zu bedienen, dann führt dies zu einem  Politikwechsel und nicht nur zu einem optischen Regierungswechsel.
 	Bereits die Landtagswahl in Niedersachsen verändert das Gefüge im  Bundesrat, dem Gremium, durch das die Länder bei der Gesetzgebung und  Verwaltung des Bundes und in Angelegenheiten der Europäischen Union  mitwirken. Die Gruppe der Landesregierungen, die aus SPD, DIE LINKE und  Bündnis 90/Die Grünen gebildet werden, gewinnt jetzt sechs Stimmen dazu.  Es wäre aber viel mehr zu erreichen. Dann nämlich, wenn sich die SPD  dazu entschließen würde, in den fünf Bundesländern, in denen im Moment  noch mit der CDU regiert (Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland,  Sachsen-Anhalt und Thüringen), neue Regierungspartner zu suchen. In  allen fünf Bundesländern hätten Koalitionen aus SPD, DIE LINKE und  Bündnis 90/Die Grünen eine Mehrheit. Die rot-rot-grün regierten Länder  hätten im Bundesrat eine starke Gestaltungsmehrheit von 54 zu 18  Stimmen, die verbliebenen fünf Bundesländer, in denen CDU/CSU und FDP  regieren, wären marginalisiert.
 	<br /> 	<sup>1</sup> <link http://www.youtube.com/watch?v=DgXoQjH_4Sc - linkExtern>Kommentar von Bodo Ramelow zur Föderalismusreform (2008)</link>
 	<sup>2</sup> <link http://www.youtube.com/watch?v=Hij7v2zVvDo - linkExtern>Rede von Bodo Ramelow im Bundestag: Schuldenbremse ist der falsche Weg (2009</link>)]]></content:encoded>
			<category>Grundsätze</category>
			<category>Texte</category>
			<category>Föderalismus</category>
			<category>Politisches</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 24 Jan 2013 15:02:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Staatsgeheimnisse um NSU</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/staatsgeheimnisse-um-nsu/</link>
			<description>Wie ich lernte, bei Verschwörungstheorien den wahren Kern zu suchen. Über das Zusammengehen von...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Eine Spur braunen Terrors zog sich durch Deutschland. Neun rassistische Morde mit derselben Waffe und die rätselhafte Hinrichtung einer Polizistin. Den neun ermordeten Gewerbetreibenden versagte man jede Ehre, ihnen und ihren Angehörigen schob man Mitschuld in die Schuhe. Die Beamtin starb im Dienst, ihr gewährte man ein Staatsbegräbnis. Die Gewerbetreibenden stammten aus der Türkei und aus Griechenland. Der Umgang des deutschen Staates mit den Opfern und ihren Angehörigen machte den Unterschied. Ausgangspunkt der Betrachtung zum »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) ist die ausländerfeindliche Grundhaltung in Deutschland und das teils rassistische Handeln staatlicher Stellen. Rassismus hat in einer Gesellschaft, in der soziale Brüche immer größer und dynamischer werden, eine Funktion. Man kann Feindbilder schaffen. Nach oben buckeln, nach unten treten – die alte deutsche Verhaltensweise wurde mit der »Vereinigung« wieder nationales Kulturgut.<br /><b><br />Exzentrische Westimporte</b><br /><br />Die Quellen des braunen Terrors sind vielfältig, es gibt keine monokausale Antwort. Nach der Öffnung der DDR-Grenzen kamen hochgefährliche Neonazis aus Westdeutschland auch nach Thüringen. Der frühere »Wehrsportgruppen«-Chef Karl-Heinz Hoffmann, der Rechtsterrorist Manfred Roeder oder der Nazimusik-Händler Thorsten Heise. Die Prediger der Naziideologie kamen bei jungen Leuten an, deren Orientierung verlorengegangen war. Das traditionelle Zusammenspiel zwischen Elternhaus, Schule, Jugend- und Freizeiteinrichtungen funktionierte nicht mehr. »Das Boot ist voll, Scheinasylanten raus« oder »Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg« – solche Parolen fanden dankbare Zuhörer. Wenn man den Entstehungsort des Kerns des späteren NSU aus Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sucht, stößt man auf einen Jugendklub in Jena. Heute erinnern sich Sozialarbeiter, daß sie die Radikalisierung spürten. Seinerzeit wurde geschwiegen. Das Konzept der »national befreiten Zone« zeigte Wirkung, Feindbilder wurden zentrales Element des Zusammengehörigkeitsgefühls. Aus Jugendlichen, die in ihrer Perspektivlosigkeit geschunden und getreten worden waren, entwickelten sich Schinder und Treter. Die Neonaziszene in der Region Jena, Saalfeld, Rudolstadt und Kahla hatte bundesweit gute Kontakte. Nahe Saalfeld wurde Mitte der 1990er Jahre in einer Gaststätte, die als brauner Sammelpunkt fungierte, der größte Thüringer Waffenfund seit 1945 ausgehoben. Doch wer gegen braunen Ungeist demonstrierte, bekam unter dem damaligen Innenminister Richard Dewes (SPD) Knüppel zwischen die Beine geworfen.<br /><br />Eine Quelle war der Staat, der »Verfassungsschützer«, Justizangehörige und Polizeikräfte nach Ostdeutschland versetzte. Dabei stand nicht unbedingt die A-Liga auf der Transferliste. Hier konnte man ungehemmt und unkontrolliert mit V-Leuten auf ganz besonders enge Art arbeiten und Spitzel gratifizieren, die ihren Lohn in die Neonaziszene brachten. Im NSU-Untersuchungsausschuß sagen die damaligen Bediensteten interessante Dinge. Wenn sie sich noch an etwas erinnern, dann an die Strategie »Nichts hören, nichts sehen, nichts wissen«. Der Beamte, der im Innenministerium von 1995 bis 2000 die Verantwortung für das Landeskriminalamt, die Polizei und den »Verfassungsschutz« trug, nennt sich eine »Primadonna«, die damaligen Amtsleiter von LKA und »Verfassungsschutz« gelten als Exzentriker. Die Thüringer Sicherheit lag also in den Händen einer Primadonna und zweier Exzentriker – niemand mag sich erinnern, warum.<br /><br />Der NSU war ein Netzwerk, eingebettet in ein braunes Umfeld. Gesichert ist, daß die Neonazi-Organisation »Blood and Honour« (B&amp;H) und deren Nachfolgestrukturen Bestandteil des Netzes waren. Der »Thüringer Heimatschutz« (THS) unter ihrem Gründer und V-Mann Tino Brandt war militantes Sammelbecken und Turbolader für den NSU. Karl-Heinz Hoffmann, Exchef der nach ihm benannten »Wehrsportgruppe«, tat seit der Wende so, als sei er nur der nette Unternehmer von nebenan. Kontakte nach Italien und in die Schweiz finden sich. Auch von dem in Thüringen aktiven Claus Nordbruch und dessen Farm in Südafrika gibt es Legendäres zu berichten. Der »Militärische Abschirmdienst« (MAD) hat in seinen Akten Berichte, daß Bundeswehrsoldaten dort Schießübungen absolvierten. Immer wieder treffen wir auf MAD-Akten, die zeigen, daß der THS vom Militärgeheimdienst ausgeforscht wurde. Es gibt Belege beim MAD, daß der stellvertretende Präsident des Thüringer »Verfassungsschutzes«, Peter-Jörg Nocken, regelmäßig informiert wurde. Doch beim Landesamt finden sich kaum Eingangsbelege. Auch Vertreter der internationalen Neonazi-Organisationen »Combat 18« und der »Ku Klux Klan« (KKK) waren in Thüringen aktiv. An einer Kreuzverbrennung – Kennzeichen des Klans – nahe dem Saaleort Kahla nahmen auch spätere NSU-Mitglieder teil. Ein früherer KKK-Führer sagt, man hatte bundesweit mehrere Polizisten unter den Mitgliedern. Auch in der Einheit der ermordeten Beamtin Michèle Kiesewetter gab es sie. Heute sagt man, sie hätten nur unter einer ideologischen Verirrung gelitten, tatsächlich aber soll einer aus ihrem Einsatzzug in Führungsfunktionen eingebunden gewesen, ein weiterer eine Zeitlang in Libyen als Ausbilder gewesen sein, was er bestreitet. Hier besteht der Verdacht der Verstrickung ins internationale Söldnerwesen.<br /><br /><b>Schlamperei, Rocker oder Gladio?</b><br /><br />Erstens Schlamperei. Das ist die Geschichte, die der Öffentlichkeit vorgeführt wird. Dazu findet sich zentnerweise Material. Jeden Tag tauchen neue Belege auf, daß die »Verfassungsschutz«-Ämter sich wechselseitig hintergangen haben, die Polizei ausgetrickst wurde und die Justiz entweder dumm gehalten, dumm gemacht oder zum Teil des Problems wurde. Manche Nationalkonservative in staatlichen Funktionen verharmlosten die Taten als »Dummejungenstreiche«. In Thüringen hat die Landesregierung die »Schäfer-Kommission«1 eingesetzt, um das Abtauchen der NSU-Terroristen und den Polizeieinsatz zur Verhaftung der drei zu untersuchen. Dadurch kam einiges zu Tage, was als »Schlamperei« abzuhandeln ist. Ein totales Organisationsversagen des Staates ist zu konstatieren.<br /><br />Zweitens finden sich Hinweise der wechselseitigen Durchdringung organisierter Kriminalität mit der Neonaziszene. Bei Razzien in Motorradclubs in Berlin fanden sich beispielsweise Spuren, die bis zu Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe reichen. Außerdem soll die Polizeibeamtin Kiesewetter an Rauschgiftermittlungen beteiligt gewesen sein. Unklar bleibt, warum ihr Patenonkel nach ihrer Hinrichtung davon sprach, daß es sich auch hier um die Serie der »Türkenmorde« handeln müsse. Weiteres konnten wir nicht erhellen.<br /><br />Drittens steht die Frage nach einer »ordnenden Hand« in den Behörden, die Frage nach dem »tiefen Staat«. Dabei tauchen die Stichworte »Stay behind« und »Gladio« auf. Schnell landet man bei Verschwörungstheorien. Doch seriöse Recherche bringt Erstaunliches ans Licht. Dazu gehört die Behauptung eines Zuträgers, während der Hinrichtung von Kiesewetter sei ein US-Geheimdienst in der Nähe gewesen. Diese anfangs spektakuläre Meldung verschwand aus den Medien und wurde mit Hinweisen auf die Unglaubwürdigkeit des Zeugen gekontert. Doch in einer Vernehmung des letzten Sonderkommissionsleiters, der den Fall Kiesewetter untersuchte, kommt ans Licht, daß ein Fahrzeug eines ausländischen Dienstes in der Nähe war.<br /><br />Immer wieder kommt das Schreddern sensibler Akten ans Licht. Warum gibt es Wellen von Schredderaktionen, die fast gleichzeitig in mehreren Diensten stattfinden? Hinterher erklären Beamte, daß es sich um abgelaufene Aufbewahrungsfristen oder Datenschutz gehandelt habe. Soweit die Untersuchungsausschüsse Duploakten fanden oder auf Deckblätter geschredderter Akten stießen, wurde erkennbar, daß sie häufig internationale Bezüge hatten.<br /><br /><b>Geheime Staatsstrukturen</b><br /><br />In Bad Homburg wurde am 30. November 1989 Alfred Herrhausen ermordet. Der Bankmanager hatte seltsame Dinge vorgeschlagen, darunter einen Schuldenerlaß für Entwicklungsländer. Er forderte mehr Transparenz und Offenheit. Von Banken verlangte er verantwortungsvollen Umgang mit Macht. Er soll von der RAF der dritten Generation ermordet worden sein. Dazu empfiehlt sich die Lektüre des Buches »Das RAF-Phantom« von Gerhard Wisnewski und anderen. Dort trifft man auf einen Bekannten, Herrn Nocken, den späteren Vizepräsidenten des Thüringer »Verfassungsschutzes«. An ihn sollen damals Informationen des MAD gegangen sein, die sich in den Amtsakten nicht finden. Peter-Jörg Nocken soll laut Buch Kontaktperson zu dem V-Mann gewesen sein, der als Kronzeuge die RAF für den Herrhausen-Mord belastete, die Aussage widerrief und sagte, er sei vom »Verfassungsschutz« zur Falschaussage genötigt worden. Nocken und weitere Beamte aus Hessen wechselten später als geschlossene Gruppe nach Thüringen. Die Frage im Untersuchungsausschuß, ob er seinerzeit V-Mann-Führer des Kronzeugen war, verneinte er. Er habe den V-Mann aber öfter gesprochen. Das führte zur Prüfung, ob Nocken eventuell V-Mann-Führer eines Marcel D. aus Gera war, bis zum Verbot von B&amp;H deren Kassenwart und Sektionschef. Auch hier sagt Nocken, V-Mann-Führer sei er nicht gewesen, aber Gespräche habe es gegeben.<br /><br />Die Gruppe aus Hessen muß von jemandem angefordert und von jemandem versetzt worden sein. Irgendwer muß dafür gesorgt haben, daß sie in Thüringen ungestört arbeiten konnte. Nocken war es, der nach der Amtsenthebung des Geheimdienstchefs Helmut Roewer den NPD- und THS-Funktionär Brandt als V-Mann reaktivierte. Brandt hatte nach eigenen Aussagen 200000 DM vom »Verfassungsschutz« erhalten und das Geld in den Aufbau des THS investiert. Er betont, seine Stellung im THS sei durch das Eingreifen des »Verfassungsschutzes« gestärkt worden. Er erzählt, bei Observationen durch die Polizei sei hinter deren Observationswagen stets ein Fahrzeug des »Verfassungsschutzes« gefahren – um die Polizei zu observieren und ihn notfalls zu schützen. Fast alle Strafverfahren gegen ihn endeten ohne Konsequenzen. Was für eine Kumpanei hatte sich da aufgebaut?<br /><br />In einem Film des ZDF zum Überfall auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München äußerte ein früherer Beamter, daß seinerzeit – vor der Gründung der GSG 9 – eine Scharfschützen­einheit in Pullach wartete. Die Truppe soll zur geheimen NATO-Struktur »Stay Behind« gehört haben, die im Fall eines Krieges hinter den feindlichen Linien operieren sollte. Wenn es 1972 so eine Truppe gab, wer hatte dafür die Verantwortung, wo sind die Entscheidungsstellen, die derartige Geheimoperation koordinieren? Und gibt es eventuell nicht nur eine zufällige Kumpanei mit internationalen Söldnergruppen, sondern Interessenlagen, bei denen V-Leute in solche Strukturen eingeschleust werden? Das »Celler Loch« läßt grüßen. Erwähnt sei, daß die frühere graue Eminenz des Thüringer Sicherheitsapparates, der Staatssekretär Michael Lippert, direkt aus dem Bundesinnenministerium kam. Aus diesem Amt wurde auch der geheimnisvolle Roewer geholt, der die »Nocken-Brigade« kommandierte. Ist es wirklich soweit hergeholt, beim NSU Verbindungen zwischen rechtem Terror- und internationalen Söldnerstrukturen zu sehen?<br /><br />Wenn man Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe spektakulär untertauchen ließ, dann erklärt sich auch, warum die gesamten späteren Polizeimaßnahmen ziellos und hilflos waren, warum die vielen V-Männer eingesetzt waren, warum sich Polizisten und Geheimdienstler wechselseitig lahmlegten und warum Zielfahnder Aktennotizen mit der Bemerkung gefertigt haben, sie seien zwar immer am richtigen Ort gewesen, aber immer zur falschen Zeit. Im »Schäfer-Bericht«2 wird zitiert, wie ein V-Mann per SMS die Frage gestellt bekommt: »Was ist denn mit dem Bums?« Der Absender sei ein bekannter Neonazi gewesen. Benutzt wurde ein Handy, das auf das Innenministerium eines anderen Bundeslandes zugelassen war. Hat es sich hier um den Versuch gehandelt, aktiv Leute in solche Szenen abtauchen zu lassen, um mit ihnen Aufklärungsarbeit zu betreiben? Oder machte man gemeinsame Sachen mit internationalen Nazi- und Söldnerstrukturen, um ideologisch gefestigte Kader unter Waffen zu halten, die man – für was auch immer – einsetzen kann?<br /><br />Zum Ende des NSU gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Die Generalbundesanwaltschaft hat Polizeiprotokolle, Ermittlungsstände und Obduktionsberichte zum 4. November 2011 unter Verschluß genommen. Jetzt tröpfeln Informationen über die Medien, anderes kennen wir vom Hörensagen. Mir wurde nach dem 4. November durch Polizisten mitgeteilt, daß ihnen in Gotha und Eisenach Leute von MAD und Bundesnachrichtendienst (BND) auf den Füßen herumtrampelten. Auch zum ausgebrannten Wohnmobil ist Verblüffendes zu lesen. Auf Fotos vom Fahrzeuginneren sollen geschmolzene Spuren der Plexiglasfenster und Schmutz auf der Matratze zu erkennen sein sowie darauf ein nagelneuer, sauberer Rucksack. Dieser Rucksack war mit 23000 Euro aus einem Banküberfall gefüllt. Einen Monat später fand man dann »zusätzlich« im gleichen Rucksack auch Bekenner-DVDs des NSU – das ist mehr als nur eine kleine Sensation. Es gibt weitere Fragen. Warum war der Leiter der Polizeidirektion Gotha sehr früh der Meinung, daß alle Beteiligten noch sehr lange an den Erkenntnissen kauen würden? Warum hatte die Polizei Gotha Informationen zu allen heute vom NSU-Ermittlungsverfahren Betroffenen schon am Tag nach dem Wohnmobilbrand an die White­boards pinnen können? Warum sind alle Bombenspuren, alle Sprengstoffunde, alle Asservaten – sowohl in Köln als auch in Thüringen – nicht mehr existent? Die Herkunft von Sprengstoff kann man prüfen. Hätte das Ergebnis auf staatliche Stellen hingewiesen?<br /><br /><b>»Der Feind steht links«</b><br /><br />Das politische Konzept der Thüringer Landesregierung lautete: »Links gleich Rechts«. So konnte man Linke delegitimieren und Rechte verharmlosen. In der Mitte stand die sich bürgerlich gebende CDU. Doch tatsächlich stoßen wir in den Untersuchungsausschüssen auf Kumpanei der Sicherheitsbehörden mit Neonazis und den Gebrauch dieser Strukturen im politischen Kampf – und zwar bis in den parlamentarischen Raum. Der langjährige Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Wolfgang Nossen, hat einen bemerkenswerten Satz geprägt. Das eigentliche Problem in Deutschland bestehe darin, daß als Staatsräson gelte: Der Feind steht links, und Feinde werden mit allen zulässigen und sonstigen Mitteln bekämpft. Rechts sei die »buckelige Verwandschaft«, die könne man sich nun einmal nicht aussuchen – mit ihr gehe man etwas pfleglicher um. Der Thüringer Nazi und V-Mann Thomas Dienel brüstete sich, er habe Geld vom Amt bekommen, um Flugblätter gegen die Gewerkschaft »Handel, Banken und Versicherungen« (HBV) zu produzieren, deren Landesvorsitzender ich war. Man habe sogar beim Schreiben geholfen. An die Flugblätter erinnere ich mich gut, auch an die Verunglimpfung meines Stellvertreters Angelo Lucifero, der oft von Nazis bedroht wurde. In allen Briefkästen in Erfurt steckten diese Schmutzblätter, bezahlt mit Steuergeldern – eine staatlich finanzierte braune Kampagne. Und in Akten der NSU-Untersuchungsausschüsse finden sich Belege, daß der THS-Chef Brandt Störaktionen gegen die damalige PDS mit dem »Verfassungsschutz« abgesprochen habe.<br /><br />Als Zeuge im Prozeß gegen den Nazi Roeder, der in Erfurt die Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« überfallen hatte, erlebte ich Böhnhardt und Mundlos, die im Gerichtssaal saßen. Bis heute vergesse ich ihre Blicke nicht. Die Botschaft hieß: Wir wissen, wer du bist. Das erlebten wir immer wieder. Lucifero wurden am Auto die Bremsschläuche durchschnitten, ich bekam Besuch von Nazis, in unserer Geschäftsstelle brannte der Keller. Wenig später brach man in unser Gewerkschaftsbüro ein, gestohlen wurde nur mein Adressbuch. Einer der Täter war wegen NS-Propagandadelikten schon polizeilich registriert. Trotzdem hieß es, daß es ein normaler Einbruch gewesen sei. Und beim Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge gab es eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter, wo mir jemand mitteilt, daß ich mit meiner Ermordung zu rechnen habe. Der Täter war der gleiche, der den Brandsatz warf. Zur selben Zeit druckte die Thüringer CDU eine Broschüre gegen die »Erfurter Erklärung«, für die ich mich engagierte. Material dafür stammte aus Akten des »Verfassungsschutzes«. Herausgeber war der damalige CDU-Landesvorsitzende Bernhard Vogel. Kurz darauf gab die CDU-Gliederung »Christlich Demokratische Arbeitnehmerschaft« eine Broschüre gegen linke Gewerkschafter heraus. Auch da wurden Lucifero, der damalige Thüringer DGB-Vorsitzende Frank Spieth und ich verunglimpft. Wer denkt, das sei der letzte Furz des Kalten Krieges in Thüringen gewesen, täuscht sich. 2007 gab es eine Neuauflage.<br /><br />Der frühere Erfurter NPD-Kreisvorsitzende Kai-Uwe Trinkaus inszenierte drei Zersetzungskampagnen gegen Abgeordnete der Linkspartei. Über den Landesvorsitzenden Knut Korschewsky wurde behauptet, er sei ein mit Neonazis kooperierender Querfrontler. Der Stern sowie das Freie Wort und die Südthüringer Zeitung druckten willfährig die falschen Behauptungen des NPD-Funktionärs ab. Gegen die Abgeordnete Susanne Hennig versuchte der Neonazi, Stalking zu betreiben. Auf Anraten der Polizei erstattet sie Anzeige. Wochen später wurde der Abgeordnete Frank Kuschel Opfer der Machenschaften. Über die Jusos wurde ein Nazi als Praktikant in unsere Fraktion eingeschleust. Ein Fernsehjournalist enttarnte den Neonazi schnell. Assistiert von Trinkaus log er, der Abgeordnete sei zudringlich geworden. Trinkaus ließ die Katze aus dem Sack: Erst im
 Landtagswahlkampf 2009 wollte die NPD die Unterwanderung öffentlich machen. Heute wissen wir, daß Trinkaus in dieser Zeit bezahlter Spitzel des »Verfassungsschutzes« war. Er gibt an, seine Aktionen mit dem Amt verabredet zu haben.<br /><br />Wir gehen davon aus, daß die Behörde mindestens von den Aktionen wußte, denn sie waren in den Medien präsent. Ich weiß, daß am 22. Januar 2007 der damalige Präsident des Thüringer »Verfassungsschutzes« Thomas Sippel den damaligen Innenminister Karl-Heinz Gasser (CDU) über die Anwerbung von Trinkaus informierte.<br /><br />Am Beispiel von Thüringen läßt sich zeigen, wie »linke Verfassungsfeinde« von »Verfassungsschützern« konstruiert wurden, um sie anschließend bekämpfen zu können. Die eigentliche Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat sind solche unkontrollierbaren geheimen Strukturen. Wir sagen daher Nein zu jedem Geheimdienst. Was wäre passiert, hätte man in Deutschland mit ein und derselben Waffe drei Manager aus den USA oder Großbritannien erschossen? Ich bin davon überzeugt, daß es einen Aufstand der Mehrheitsgesellschaft gegeben hätte, der Sicherheitsapparat aufgebläht worden wäre und die Zeitung mit den vier großen Buchstaben den Kopf aller Innenminister gefordert hätte. Aber es waren ja »nur« acht türkische und ein griechischer Kleingewerbetreibender. Deshalb geht es auch um mehr, als nur um Aufklärung. Es geht um die Verantwortung dafür, daß Islamophobie, Antisemitismus und Rassismus bekämpft werden. Gegen braunen Ungeist Gesicht zu zeigen, muß Staatsräson werden. Das sind wir den Opfern rassistischer und rechter Gewalt schuldig.
Bodo Ramelow<br />
<br /><i>Anmerkungen</i>
<i><br />1. Thüringens Innenminister Jörg Geibert berief im November 2011 eine Kommission zur Untersuchung von Versäumnissen der Thüringer Sicherheits- und Justizbehörden ein. Geleitet wurde sie vom ehemaligen Bundesrichter Gerhard Schäfer (d. Red.).<br /></i>
<i>2. Am 15.2.2012 stellte die Kommission ihren Abschlußbericht vor (d. Red.).</i><br />]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Geheimdienste</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 11 Jan 2013 15:06:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Das Netz wird rot!</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/das-netz-wird-rot/</link>
			<description>Wir selbst sind die Medien! Nicht nur in den anstehenden Wahlkämpfen braucht DIE LINKE das Internet...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Die Präsidentenwahlen in den USA sind auch für deutsche Medien wieder  einmal Anlass, ausführlich über den Internet-Wahlkampf von Barack Obama  und Mitt Romney im Internet zu berichten. »Der Wahlkampf-Wahnsinn im  World Wide Web« (27.10.2012), so titelte »BILD online«. Und der  »Tagesspiegel« ernannte Obama dieser Tage wieder einmal zum »Online  Pionier« (26.10.2012). Zwar ist der US-Wahlkampf im Vergleich zu  Deutschland tatsächlich viel stärker durch Massenmedien, Inszenierungen  und auch durch das Internet geprägt. Doch der Online-Wahlkampf, der  hierzulande oftmals immer noch als große Neuigkeit verkauft wird, ist in  Wirklichkeit doch schon längst auch in Deutschland Alltag im  politischen Geschäft. Das Internet ist zu einem zentralen Medium und  Werkzeug der Kommunikation von Parteien sowie Politikerinnen und  Politikern geworden – nicht nur in Wahlkampfzeiten. Immer mehr Menschen  beziehen ihre Informationen aus dem Netz, ihr Alltag spielt sich immer  mehr auch in der digitalen Welt ab. Sie wollen auch hier mitreden und  mitbestimmen können. Die umfassende, ständige aktuelle und hochwertige  Präsenz im Internet von Parteien sowie ihren Kandidatinnen und  Kandidaten ist heute »nicht mehr Kür, sondern Pflicht«, wie die  »Frankfurter Allgemeine Zeitung« jüngst richtig feststellte  (27.10.2012). 
<b>Nachholbedarf in der Breite</b> 
Wer das kleine digitale Einmaleins nicht sicher beherrscht, der wird  über kurz oder lang das Nachsehen in der politischen und medialen Welt  haben. Denn auch hier hat sich eine »durch die digitale Revolution  geprägte Wählerschaft herausgebildet«, die sich in ihrer eigenen und  digitalen Lebenswelt bewegt, wie Benjamin-Immanuel Hoff zutreffend in  seinem Aufsatz »Abschied ohne Rückfahrkarte« beschreibt. Ihren  »parteiförmigen Ausdruck« haben viele dieser Menschen in der  »Piratenpartei« gefunden. 
DIE LINKE ist seit vielen Jahren erfolgreich und mit guten Ideen im  Internet unterwegs. Doch in der Breite unserer Partei haben wir noch  gemeinsam Nachholbedarf. Wir müssen auf allen Ebenen die notwendigen  digitalen Handwerkszeuge erlernen und stärker in unsere alltägliche  Arbeit einbeziehen. Wir müssen sie immer mitdenken und zu einem normalen  Bestandteil unserer Arbeitsabläufe machen. Dabei geht gleichermaßen um  die Handwerkszeuge für eine authentische, aktuelle, ansprechende und  überzeugende Öffentlichkeitsarbeit in den Sphären des Internet als auch  um die Handwerkszeuge, die politische Partizipation und gemeinsames und  kooperatives Arbeiten im Netz ermöglichen. Twitter, Facebook und  Youtube, das sind – neben den klassischen Websites – nur einige  Werkzeuge des sogenannten Web 2.0, mit denen wir Wählerinnen und Wähler  im Internet erreichen, informieren und – hoffentlich – zur Stimmabgabe  motivieren können. Eigene »Pads« zur gemeinsamen Erarbeitung von Texten,  eigene »Clouds« zur Speicherung unserer Daten auf eigenen Servern oder  eigene digitale Kalender zur Terminplanung können unsere Arbeit  effektiver machen und zugleich die Verfügungsgewalt über unsere Daten  verbessern. Die Debatte um und die Nutzung von partizipativen  Digitalwerkzeugen, zum Beispiel der freie Zugang zu Daten aus Verwaltung  und Wissenschaft (»Open Access«), Online-Petitionen oder Online-Foren  zu Bürgerhaushalten, sind nicht zuletzt auch kleine, wenn auch nicht  hinreichende Antworten auf das autoritär-neoliberale Krisenmanagement.  Die symbolische Ernennung von ein paar Netzbeauftragten und ein paar  twitternde Abgeordnete im Wahlkampf reichen nicht, um die digitalen  Herausforderungen zu meistern, vor denen wir stehen. 
Bis zur Bundestagswahl 2013 haben wir zwar noch knapp ein Jahr Zeit.  Doch unser Wahlkampf – egal ob in der digitalen oder der analogen Welt –  muss und wird vorher starten. Mit den Landtagswahlen in Niedersachsen  am 20. Januar 2013 und später in Bayern liegen zwei weitere wichtige  Etappen vor uns. Nutzen wir also die verbleibenden Wochen und Monate für  eine interne Fortbildungsoffensive und dafür, dass das Internet ein  Stück roter wird! 
Dafür ist es notwendig, die vielen bereits bestehenden Angebote  besser zu verzahnen, sie miteinander in Austausch zu bringen. An vielen  Stellen produzieren wir Inhalte, die auch digital angeboten werden. Wir  nutzen diesen »Content« jedoch zu wenig, wissen oftmals nicht einmal  davon. So geht Arbeit und Wissen in den unendlichen Weiten des Internets  verloren. Dabei bietet die Technik doch die Voraussetzungen und  Möglichkeiten dafür, den Austausch zu verbessern und zu automatisieren.  Notwendig ist es auch, die gedruckte Welt und die digitale Welt zusammen  zu denken. Dafür braucht es den politischen Willen in den Gremien  unserer Partei und in all unseren Strukturen. Wir dürfen hier nicht  weiter getrennt nebeneinander agieren, sondern der »Roten Familie« im  Netz ein Dach geben. 
<b>Unser Umfeld</b> 
Ein wichtiger Schritt ist es, die Praktikerinnen und Praktiker in  unserer Partei und aus unserem engen politischen und kulturellen Umfeld  zusammenzubringen: die Blogger/innen, die Nutzer/innen von twitter und  Facebook, die Betreiber/innen unserer Websites, die Aktiven der »Roten  Reporter« oder die Anbieterinnen und Anbieter von Livestreams unserer  Veranstaltungen. All jene, die mit dem digitalen Content der LINKEN  arbeiten, müssen sich regelmäßig austauschen, ihre Erfahrungen teilen  und unsere Angebote verzahnen und verbessern. Digitale  Einzelkämpfer/innen reichen nicht. Dafür sind Großveranstaltungen, wie  die jährliche Linke Medienakademie mit etwa 200 Seminaren und bis zu  2.000 TeilnehmerInnen, eine Möglichkeit. Mit dem »Roten Media Camp« am  2. und 3. Februar 2013 im Gebäude des »Neuen Deutschland« und der  Rosa-Luxemburg-Stiftung am Berliner Franz-Mehring-Platz wollen wir  gemeinsam mit der Partei und in Abstimmung mit dem Bundesgeschäftsführer  Matthias Höhn einen weiteren Treffpunkt und Ort des Austausches und des  Lernens schaffen. Ein Marktplatz der »Roten Familie« im Netz und des  Lernens für die anstehenden Wahlkämpfe. Kampagnenführung, Agendasetting,  Einführung in Öffentlichkeitsarbeit, Web 2.0 und »Soziale Netzwerke«,  »Linkes CMS«, Rhetorik und die Gestaltung unseres Auftritts im Wahlkampf  – vom Infostand bis zum Podium – können Angebote sein. 
Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer können sich über die Linke  Medienakademie auch mit zielgenauen Seminaren, Medien-Workshops und  Medien-Camps auf Länderebene versorgen. Gerade auch mit Blick auf die  Landtags- und Kommunalwahlen 2013 und 2014 sind das wichtige Angebote,  um in den Ländern und Kommunen die GenossInnen fit zu machen. Mit der  nächsten Runde der »Linken Medienakademie regional« im kommenden Herbst  haben wir dann kurz vor der Bundestagswahl noch einen weiteren Höhepunkt  der Debatte linker Medienpolitik und des praktischen Lernens und  Anwendens. Auch unsere eigenen Großveranstaltungen, Akademien und Camps  können wir stärker nutzen, um am praktischen Beispiel, wie der  Produktion von Veranstaltungszeitungen, praktische Erfahrungen zu  sammeln. 
<b>Konkrete Fortbildung</b> 
Neben der konkreten Fortbildungsarbeit und der Diskussion um  Medienpolitik erfüllt die Linke Medienakademie eine weitere Funktion.  Mit Diskussionsveranstaltungen wie dem »mediatuesday@taz«, der »Linken  Kinonacht« in Zusammenarbeit mit dem Berliner Landesverband unserer  Partei oder dem Kurzfilmwettbewerb kann es gelingen, die Kreise unserer  Partei zu erweitern. Es geht darum, ein kreatives und urbanes Milieu –  ein Teil der »Mosaik-Linken« – mit unseren Angeboten und Veranstaltungen  zu erreichen. 
Dass das Internet eine immer größere Rolle in unserem Alltag und  unserer politischen Arbeit spielt, ist unbestritten. Nicht allein in den  Wahlkämpfen braucht DIE LINKE Kompetenzen und Fähigkeiten, sich sicher,  selbstbewusst und erfolgreich in den digitalen Welten zu bewegen. Der  von der BAG Netzpolitik erarbeitete und vom Parteivorstand im September  2012 beschlossene Antrag »Die digitale LINKE ausbauen« ist eine gute  Grundlage für die weitere Arbeit. Nun gilt es, in die Offensive zu  kommen!
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<i>Bodo Ramelow ist Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag und Vorstandsmitglied der »Linken Medienakademie e.V.«.</i>]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 30 Nov 2012 14:11:00 +0100</pubDate>
			
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			<title>Ramelow im Interview:  Rechtsextemismus wurde verharmlost (Teil 1) / Vogel trägt die politische Verantwortung (Teil 2)</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/ramelow-im-interview-rechtsextemismus-wurde-verharmlost-teil-1-vogel-traegt-die-politische-ver/</link>
			<description>Die Arbeit des Erfurter Untersuchungsausschusses hat das Versagen der  Landesregierung in den 90er...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Die Arbeit des Erfurter Untersuchungsausschusses hat das Versagen der  Landesregierung in den 90er Jahren in Sachen Rechtsextremismus  schonungslos aufgedeckt. Aber es waren nicht nur die Innenminister, von  Franz Schuster über Richard Dewes bis hin zu Christian Köckert und  Andreas Trautvetter, die reihenweise versagt haben.
<br />Weimar. An  der Spitze der Landesregierung stand Bernhard Vogel . Dessen Rolle im  Zusammenhang mit dem Versagen der Sicherheitsbehörden in Thüringen  beleuchtet der Oppositionschef im Landtag, Bodo Ramelow , im  TLZ-Interview. Er kommt zu dem Schluss: &quot; Bernhard Vogel hat als  Ministerpräsident weggeguckt, wenn gegen Rechts verharmlost wurde.&quot;<br /><br /><i>Herr Ramelow, Sie waren immer Oppositionspolitiker in den Jahren des Thüringer Aufbaus..&nbsp;&nbsp;&nbsp;</i> <br /><br />Der  Aufbau ist rum. Wir sind jetzt in einer Phase der Stabilisierung und  der Konsolidierung, und wir müssen endlich anfangen, neue Wege zu gehen.<br /><br /><i>Aber  so gut waren Sie nicht, dass Sie das Versagen des Ministerpräsidenten  Vogel in der Sicherheitsfrage seinerzeit konsequent angeprangert hätten.  Als er verabschiedet wurde, haben Sie sich mit &quot;Respekt&quot; von ihm  verabschiedet. Allerdings haben Sie auch ein paar Freundlichkeiten  hinzugefügt, die nicht so freundlich waren. Im Kern jedoch haben Sie ja  seinen Werdegang sanktioniert, auch mit einer tiefen Verbeugung  garniert, wenn man auf die alten Fotos schaut.</i><br /><br />Ich habe eine  Angewohnheit, dass ich beim Handgeben und Begrüßen kurz mit dem Kopf  nicke. Daraus eine tiefe Verbeugung zu machen, ist doch eine ziemliche  Übertreibung.<br /><br /><i>Vielleicht war es mehr ironisch gemeint...</i><br /><br />Es  ist einfach eine Haltung. Sie werden ein identisches Foto aus dem  Vatikan finden, als der Heilige Vater mir die Hand gibt. Aber ich möchte  Bernhard Vogel natürlich nicht mit dem Papst auf eine Stufe stellen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;  <br /><br />
<h3>Geheimdienst redigierte Flugblätter</h3>
<i>Bleiben wir ernst. Sie haben großen Respekt geäußert, und das  einte ja die Demokraten, das kam ja seinerzeit auch ganz gut: der  Minimalkonsens war, dass Vogel eine große Aufbau-Zeit hinter sich hatte.  Das kann man ja auch heute noch nicht bestreiten.</i><br /><br />Der Punkt  des Respekts bezieht sich auf die Rolle, die er als Landesvater hatte.  Den Landesvater als Identifikationsfigur hat dieses Land in dieser Phase  offenbar dringend gebraucht, nachdem das Chaos unter und durch Josef  Duchac dazu geführt hatte, dass fast keine Handlungsfähigkeit mehr da  war. Das Problem war, dass hinter dem Landesvater-Gestus leider kein  verantwortlicher Ministerpräsident gestanden hat.<br /><br />Doch! Sie haben sogar den wirtschaftlichen Aufbau besonders gelobt! Da waren Sie sich auch einig.<br /><br />Ich  habe schon deutlich gesagt, dass die Arbeitsplatzentwicklung deutlich  hinter dem zurückstehe, was wir an Entwicklung bräuchten. Und ich habe  deutlich in dieser Abschiedsrede gesagt, dass Abwanderung und Verlust  von Arbeitsplätzen nicht gestoppt sind. Das ändert nichts an der  Tatsache, dass es gleichzeitig auch entscheidende Schritte in die  Zukunft gegeben hat.<br /><br /><i>Das stimmt. Die Abwanderung hat er geringgeschätzt. Das können wir bezeugen. Das hat er nicht erkannt.</i><br /><br />Er hat aber auch ideologisch das Rollenverständnis der Frau völlig falsch positioniert.<br /><br /><i>Wir  reden hier von den DDR-Frauen, die in großer Zahl in Arbeit standen.  Nach der Wende war es umgekehrt, die Herren der Schöpfung übernahmen die  Dominanz und heute laufen die Frauen immer noch hinter Arbeitsplätzen  her. Das meinen Sie doch?<br />   </i><br />Er hat damals gesagt, wenn in Thüringen die Erwerbsneigung der  Frau nicht so hoch wäre, sondern eher so hoch wie in Rheinland-Pfalz,  dann wäre die Arbeitslosigkeit in Thüringen ein Erfolg. Da habe ich  damals gesagt: Der Preis, die Frauen wieder an Heim und Herd zu  schicken, scheint mir viel zu bitter und viel zu hoch zu sein.<br /><br /><i>Bleiben  wir beim eingangs angeschnittenen Thema: Sie haben diese  Sicherheitsschwächen, die jetzt noch einmal deutlich hervortreten,  seinerzeit nicht klar beim Namen genannt.</i><br /><br />In der Abschiedsrede habe ich mich aus persönlichen Gründen davor gedrückt.<br /><br /><i>Sie wollten das Thema nicht besetzen, weil gegen Sie der Verfassungsschutz ermittelt hatte?</i><br /><br />Ich  war persönlich betroffen. Als Begründung für die Bespitzelung diente  eine angebliche Nähe zur DKP, wobei man mit meiner Unterschrift unter  der Solidaritätserklärung für das bundesweit bekannte  Berufsverbote-Opfer Herbert Bastian, einem Gastkommentar im &quot;Marburger  Echo&quot; und dem Abdruck meiner Hochzeitsannonce 1982 in der Zeitung  &quot;Unsere Zeit&quot; argumentierte.<br /><br /><i>Befangen?</i><br /><br />Ich fühlte  mich auch befangen, weil ich wusste, dass ich als Chef der Gewerkschaft  Handel, Banken und Versicherungen (HBV) mehrfach mit dem  Verfassungsschutz zu tun hatte. Ich will die Bedrohungen in dieser Zeit  einfach nur in Erinnerung rufen: Es gab einen Brand in der  Geschäftsstelle der HBV, es gab den Versuch, die Bremsschläuche des  Fahrzeugs meines Stellvertreters durchzuschneiden, es gab das  Abmontieren der Radmuttern an dessen Wagen, es gab Besuch von Neonazis  in dem Haus, in dem wir wohnten und so weiter.<br /><br /><i>Das haben aber nicht alles V-Leute des Verfassungsschutzes inszeniert?</i><br /><br />Mundlos  und Böhnhardt tauchten zum Einschüchtern bei meiner Zeugenvernehmung  zum Überfall auf die &quot;Wehrmachtsausstellung&quot; sogar im Gerichtssaal auf.  Der Neonazi und V-Mann Tino Brandt bekam viel Geld vom Amt. Und wie wir  heute wissen, spielt der V-Mann Thomas Dienel in Bezug auf die HBV eine  entscheidende Rolle. Er war damals in der rechtsextremen Szene eine der  führenden Figuren. Und er gibt heute auch gegenüber Ihrer Zeitung in  einem aktuellen Interview zu, dass die Flugblätter, die gegen die HBV  verbreitet wurden, vom Verfassungsschutz gegengelesen oder redigiert  wurden.<br /><br /><i>Im Klartext: Der Verfassungsschutz hat...<br />   </i><br />... die Flugblätter abgesegnet oder selber geschrieben oder  schreiben lassen. In der Welt der Geheimdienste ist eben vieles geheim.  Aber wir stoßen mittlerweile auf Widersprüche aus dieser Zeit, um die  sich Herr Vogel als Ministerpräsident offenkundig nie kümmern wollte.<br /><br /><i>Ja,  er hat gesagt: Er habe nie etwas auf den Tisch bekommen, er habe immer  nur alles aus der Zeitung gelesen natürlich aus der TLZ.</i><br /><br />Dabei  hat er gleichzeitig als CDU-Landesvorsitzender Materialien gegen die  PDS drucken lassen, auch als Wahlkampfbroschüren, die von Mitarbeitern  des Verfassungsschutzes oder aus dessen Quellen stammten. Das heißt, der  Verfassungsschutz wurde dann gebraucht, wenn er politisch gegen Links  eingesetzt wurde. Und Bernhard Vogel hat als Ministerpräsident  weggeguckt, wenn gegen Rechts verharmlost wurde.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br /><br />Das erleben  wir ja gerade im NSU-Untersuchungsausschuss. Die Einvernahmen von all  den ersten Zeugen, die wir hörten, waren so, dass man offenkundig die  Gefahr von Rechts einfach tabuisiert hat, einfach ausgeblendet hat, ganz  im Gegenteil: Es sind gezielt Quellen in Rechts angelegt, angezapft  worden, und es ist viel Geld in Rechts geflossen.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br /><br />
<h3>Links dämonisiert und Rechts verharmlost</h3>
<i>Man hat nie einen Schulterschluss gegen Rechts gewollt unter den  gewählten Demokraten, weil die PDS als undemokratisch galt. Sie gehörte  ausspioniert. Die Gefahr von Links wurde heraufbeschworen, und es musste  immer alles gleichgesetzt werden: Wenn es gegen Rechts ging, musste es  auch gegen Links gehen. Und diese Blindheit rächte sich.</i><br /><br />Das  war der gefährliche Fehler damals. Links ist gleich Rechts, hieß die  Formel. Damit hat man Links dämonisiert und Rechts verharmlost.  Gleichzeitig hat man darüber die ganzen ablehnenden und ausgrenzenden  Methoden entwickelt. Ich will ein Beispiel sagen: Brandanschlag auf die  Erfurter Synagoge im April 2000. Ich hatte damals als einer der Ersten,  der davon Kenntnis hatte, den Aufruf an die Öffentlichkeit gebracht:  Bitte, Menschen aus Erfurt und Umgebung, kommt zur Synagoge, zeigt Eure  Solidarität!<br /><br /><i>Innenminister Köckert tauchte nicht auf... Der kam nicht etwa aus dem Elsass, wo er gerade war, angeflogen...</i><br /><br />Die  CDU kam gar nicht. Der zuständige Innenminister reagierte nicht. Das  war an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Ich erinnere mich, dass  Ihre Zeitung es damals kritisch aufgegriffen hat. Danach bemühte man  sich, die Wahlkreisabgeordneten aus Erfurt in den Solidaritätskanon  einzubeziehen, immer mit dem Hinweis, die PDS sei ja da. Und weil die  PDS da sei, könne man nicht so einfach da hingehen. Bernhard Vogel kam  erst, als die Empörung groß wurde und man bemerkte, dass das bis Amerika  eine Riesenwelle auslöste.<br /><br /><i>In der TLZ stand, dass in New  York, in Warschau und in Tel Aviv darüber berichtet würde. Er hat dann  bald einen Besuch in Israel angekündigt...<br />   </i><br />... und hat sich mit seinem Dienstwagen in die damalige  Lichterkette fahren lassen. Er kam, stellte sich hin mit seinem  Dienstwagen und war genauso schnell wieder weg. Das war die Grundhaltung  damals: Links ist gleich Rechts. Und jetzt passierte was von Rechts,  was skandalös war, was nicht mehr zuzudecken war. Und wo ich zunehmend  den verfestigten Eindruck hatte, dass die Landesregierung unter der  Führung von Bernhard Vogel das alles nie genau wissen wollte, wenn der  vorherige Innenminister Schuster, der spätere Innenminister Dewes und  der dann spätere Innenminister Köckert bei diesen Themen nie involviert  waren.<br /><br />Schuster kann sich gar nicht erinnern, wie Herr Roewer ins  Amt gekommen ist. Richard Dewes kann sich an gar nichts mehr erinnern.  Und Herr Köckert hatte es sogar bestritten, als das NPD-Verbotsverfahren  in Karlsruhe scheiterte. Da hatten wir eine Landtagsdebatte, bei der  ich sehr klar die Landesregierung angegriffen und gesagt habe: Es waren  die V-Leute aus Thüringen, die das NPD-Verbotsverfahren zu Fall gebracht  haben. Das haben die Richter in den roten Roben in der mündlichen  Urteilsbegründung namentlich ausgeführt. Da stellte sich Köckert im  Beisein von Vogel hin und sagte, das sei nicht wahr. Und Vogel saß dabei  und schwieg.<br /><br /><i>Sie können den Innenminister Trautvetter noch  hinzufügen, der später regierte, der tatsächlich mal der TLZ sagte: &quot;Ich  habe mich nie für den Verfassungsschutz interessiert&quot;, mit einem  Bierpott in der Hand und lachte.&nbsp;&nbsp;&nbsp; </i><br /><br />Ja, das ist der Andreas  Trautvetter , der die Staatskanzlei vorher geführt hatte, als der ganze  Pilz-Skandal passiert ist, wo auch niemand irgendetwas gemerkt haben  will, und wo Bernhard Vogel anschließend bei der Zeugenvernehmung die  Unwahrheit gesagt hat. Ich habe dann Strafanzeige gegen Bernhard Vogel  gestellt. Diese ist dann abgelehnt worden mit dem Hinweis, dass es nicht  mündlich protokolliert worden sei.<br /><br />Dass Herr Vogel im  Zeugenstand nichts wusste, war nachweislich falsch, denn später tauchten  die schriftlichen Unterlagen zur persönlichen Unterrichtung Vogels auf.  Hintergrund: Im Pilz-Strafverfahren wurde Bernhard Vogel gefragt, ob er  irgendetwas zu dem Sachverhalt Pilz weiß, den Ankauf durch Thüringen  und all die wirtschaftspolitischen Hintergründe. Hier ging es doch um  Verstrickungen der Landesregierung in einen ungeheueren  Subventionsskandal.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br /><br />Der Unternehmer Pilz wollte in Thüringen  angeblich eine Produktionsstätte aufziehen ursprünglich das erste Joint  Venture DDR-Bundesrepublik , die CDs für den Weltmarkt herstellt. Dafür  hat Pilz in Thüringen Steuergelder in Millionenhöhe eingestrichen. Als  dann der Konkurs drohte, hat ein landeseigenes Unternehmen die CD-Fabrik  übernommen.<br /><br />
<h3>Seine Unterschrift steht unter der Urkunde</h3>
<i>Im Eichsfeld hielt Vogel jüngst eine Gastrede und behauptete  tatsächlich, man habe alles gegen Rechtsextremismus unternommen, was  denkbar gewesen sei...</i><br /><br />Diese Behauptung habe ich als sehr  empörend empfunden. Da wäre es besser gewesen, er hätte einfach  geschwiegen und würde sich dazu nicht mehr äußern, würde weiterhin die  Haltung an den Tag legen, nämlich zu Rechts zu schweigen und wenn  überhaupt nur verschwurbelt darüber zu reden. Da mache ich einen Bruch  zu heute und sage: Ich bin froh, dass es mittlerweile tatsächlich immer  wieder möglich ist, von der CDU bis zur Linken, gemeinsam Gesicht zu  zeigen gegen Rechts.<br /><br /><i>Das hat erst Frau Lieberknecht hervorgebracht.</i><br /><br />Eindeutig.  Das war in Pößneck, bei der ersten Veranstaltung nach ihrer Wahl zur  Ministerpräsidentin, da war sie diejenige, die ausdrücklich noch einmal  Wert darauf gelegt hat, dass alle gemeinsam mit auf das Podium gehen,  damit das Foto entsteht.<br /><br /><i>Da hörte die Eierei auf?</i><br /><br />Ab  diesem Zeitpunkt gab es eine Haltung. Da hatte sich die Lage noch nicht  verändert, weil die darunterliegenden Sicherheitsbehörden, über die wir  hier zu reden haben, immer noch so sind wie sie sind oder am Anfang  noch waren. Aber ich habe später einen CDU-Innenminister Huber erlebt,  der Wert darauf gelegt hat. Zum Beispiel bei diesem Übergriff, der im  Jahr zuvor auf der Teufelstal-Raststätte stattfand. Zur Erinnerung: Auf  der Rückfahrt von einer Großdemonstration gegen Neonazis in Dresden am  14. Februar 2009 sind Reisegruppen aus Hessen und Nordrhein-Westfalen in  der Nähe von Stadtroda von Rechtsextremisten angegriffen worden. Dies  war ein regelrechter Überfall von Neonazis auf die rückreisenden  Demonstrationsteilnehmer.<br /><br />Der damalige Innenminister Scherer  hatte danach erklärt, man könnte ja nicht überall Sicherheit geben. Das  fand ich einen bitteren Zynismus gegenüber denen, die da überfallen  wurden, und dem jungen Mann aus Kassel von der Gewerkschaft, der beinahe  totgeschlagen worden ist: dass man als CDU-Innenminister sagt, man  könne ja nicht überall sein. Als Huber danach Innenminister wurde, hat  er gesagt: Teufelstal-Raststätte darf sich nie mehr wiederholen. Ab  diesem Zeitpunkt waren die Bus-Konvois nach Dresden zu den  Antinaziaufmärschen immer von der Polizei begleitet. Es gab immer eine  Sicherheitspartnerschaft, es war immer geklärt, dass sich tatsächlich so  etwas nicht mehr wiederholen kann, zumindest nach menschlichem  Ermessen.<br /><br />Das war schon mal eine andere Haltung. Seitdem habe ich  jedenfalls erlebt, dass es im Innenministerium Ansprechpartner für uns  gab, mit denen man über Sicherheit reden konnte, denn es ist kein Spaß,  mit Nazis umgehen zu müssen. Ich habe mehrfach unter Polizeischutz  gestanden. Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge am 20. April 2000  haben meine Kinder durch Polizisten gelernt, wie man sich in einer  Wohnung verhält. Wie man Licht anmacht, wie man darauf achtet, dass man  erst die Gardinen zumacht. Einen solchen Lehrgang hätte ich gern meinen  Kindern erspart. Das hat die damalige Landesregierung nie interessiert,  sondern man war nur peinlichst darauf bedacht, ja nicht mit einem  PDS-Abgeordneten gemeinsam auf einem Bild zu sein.<br /><br />Diese falsche  Haltung ist in Sachsen heute immer noch an der Tagesordnung. Deswegen  hat auch Frau Lieberknecht nach dem NSU-Terror, nachdem die Toten in  Eisenach lagen, zumindest dafür gesorgt, dass die Schäfer-Kommission  eingesetzt wurde. In Sachsen hat man so getan, als hätte man das nicht  nötig. Es gab das Angebot von Thüringen, dass die Sachsen in der  Schäfer-Kommission mitarbeiten. Das ist von Sachsen abgelehnt worden.  Jetzt tritt der sächsische Verfassungsschutzpräsident zurück, weil man  Akten dort gefunden hat.<br /><i><br /> Sie wollen Vogel jetzt vor den Untersuchungsausschuss holen wegen eines  Details: Er soll dazu beitragen zu klären, wer Roewer ernannt hat. Die  Urkunde hat er selber unterschrieben.</i><br /><br />Der springende Punkt!  Hätte man uns das, was wir in den letzten Tagen vor dem  Untersuchungsausschuss in Thüringen erlebt haben, im Fernsehen als  Satireprogramm geliefert....<br /><br /><i>...es hatte einen hohen Unterhaltungswert, weil Roewer halt ein Spinner war. Aber zum Kern der Sache...</i><br /><br />Ob er ein Spinner war, weiß ich nicht, ob er in der Rolle, die er spielt, nicht gefährlich war und ist.<br /><br /><i>Sie glauben, Roewer spielt nur den Clown? Wenn Vogel die Urkunde unterschrieben hat, muss er sich das zurechnen lassen.</i><br /><br />Er  war der Ministerpräsident. Seine Unterschrift konnte man nicht gegen  seinen Willen draufsetzen. Und dass ein Minister, der zuständig war,  Franz Schuster, erklärt er war der Vertraute von Vogel , er könne sich  gar nicht erinnern, woher Herr Roewer kam und wie das alles kam...<br /><br /><i>Das ist nicht glaubwürdig!?</i><br /><br />Für mich ist weder die Vernehmung von Herrn Schuster noch die von Innenstaatssekretär Lippert glaubwürdig.<br /><br />
<h3>Noch kein Wort der Entschuldigung</h3>
<i>Am schlimmsten ist doch, dass sich keiner von denen  annäherungsweise bei den Opfern entschuldigt und mal den Halbsatz fallen  lässt: Vielleicht haben wir damals nicht alles richtig gemacht... Ein  bisschen Demut...</i><br /><br />Von den Personen, die in der Zeit  Verantwortung getragen haben, habe ich bis heute noch kein Wort der  Entschuldigung oder Reue gehört. Bereuen, dass man vielleicht einen  Fehler gemacht hat, aber einen Fehler, der für andere Menschen in  Deutschland tödlich wurde.<br /><br /><i>Haben Sie einen Fehler gemacht, dass Sie das damals nicht klar zur Sprache gebracht haben?</i><br /><br />In  den Fachdebatten haben wir es immer zur Sprache gebracht. Ich kann  Ihnen jetzt zwanzig andere Reden im Landtag dokumentieren, wo wir zum  Thema V-Leute, Verfassungsschutz auch klare Reden gehalten haben.<br /><br /><i>Als einzige Opposition, die SPD fiel ja aus.</i><br /><br />Die SPD hat in diesen Fragen immer Teile der Regierungsverantwortung mitgetragen.<br /><br /><i>Sie war ja zu Zeiten von Richard Dewes (SPD) in der Großen Koalition verbunden...</i><br /><br />...und  damit zuständig für die Verantwortung, warum ein Herr Roewer so weiter  machen konnte, warum er an dem zuständigen Abteilungsleiter im  Innenministerium vorbei direkt zum Minister gehen konnte. 
<h2>Teil 2 - Vogel trägt die politische Verantwortung<br /></h2>
<i>Herr Dewes war ja im U-Ausschuss ein - läppischer Auftritt.</i><br />   <br /> So habe ich ihn auch bei dem Karmrodt-Verfahren erlebt. Karmrodt war  Pressesprecher von Innenminister Köckert, da ging es um die Frage: Warum  konnten eigentlich die geheimen Inhalte von gestohlenen Computern, die  als Backups in der Geheimschutzstelle hinterlegt waren, in das Freie  Wort gelangen? Das ist ja unter Köckert passiert. Das Freie Wort hat das  abgedruckt. Aber die Quelle, woher das kam, wurde erst hinterher  bekannt. Es kam direkt aus dem Ministerium. Es war eine CD, die sich  Herr Köckert hat brennen lassen, und dafür wurde ein Beamter dann  versetzt.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />   <br /> 
<h3>Sündenböcke ständig gesucht</h3>
<i>Köckert wollte ein bisschen Klavier spielen?</i><br />   <br /> In Richtung Richard Dewes. Als dann Dewes als Zeuge vor Gericht  vernommen wurde, konnte er sich auch an nichts erinnern. Karmrodt  kriegte alles in die Schuhe geschoben. Das war immer die Grundhaltung  von Köckert. Irgendwie hat man das Gefühl, die Politiker, über die wir  hier reden, haben immer irgendwelche Sündenböcke gebraucht. Es gab auch  immer Sündenböcke.<br />   <br />   <i>Wieder zu Vogel!</i><br />   <br /> Ja, wie konnte Roewer nach Thüringen kommen, wer hat ihn geholt? Es gibt  einmal die Unterschrift des Ministerpräsidenten Bernhard Vogel . Dazu  muss er sich verhalten. Aber dazu gibt es auch einen Kabinettsvorlauf.  Und dieser Kabinettsvorlauf muss in den Untersuchungsausschuss, weil man  da sehen kann, wie alle Häuser informiert werden, wie die  Vorkoordinierung ist. Das Kabinett tritt ja nicht einfach nur zusammen,  weil Dienstag Dienstag ist. Sondern das Kabinett tritt zusammen aufgrund  einer Kabinettstagesordnung mit entsprechenden Vorlagen. Die sind von  den Abteilungsleitern aller Häuser vorher koordiniert.<br />   <br /> Dann tritt die Staatssekretärsrunde zusammen, und nach dieser Runde geht  es erst ins Kabinett. Da gibt es strenge Regeln, und an Hand dieser  Regeln muss man doch nachvollziehen können, wie ein Herr Roewer nach  Thüringen kam, wer ihn befürwortet hat. Und da stellt sich der damals  zuständige Fachstaatssekretär Lippert heute hin und sagt, er habe keine  Erinnerung.<br />   <i><br /> Ziemlich dreist!&nbsp;&nbsp;</i>&nbsp; <br />   <br /> Das ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Ich habe das Gefühl, dass  Lippert offenbar Roewer kannte aus der früheren Tätigkeit im  Bundesinnenministerium. Da werfen sich wiederum andere Fragen auf. Was  für eine Combo an Leuten haben wir hier gekriegt? Es wurde ja noch ein  weiterer Zeuge in den Untersuchungsausschuss geladen.<br />   <br />   <i>War es vielleicht eine alte Seilschaft?</i><br />   <br /> Ich will im Moment vage formulieren, man muss dann Peter Nocken noch  dazu nennen. Nocken hat an anderen Stellen in Deutschland schon seltsame  Rollen gespielt.<br />   <br />   <i>Wer war insofern Nocken?</i><br />   <br /> Nocken war der Vize von Herrn Roewer. Und als Roewer geschasst wurde,  war er derjenige, der kommissarisch das Amt führte und sofort Tino  Brandt wieder anschaltete. Nachdem die ganze Öffentlichkeit darüber  informiert wurde, dass Tino Brandt als V-Mann abgeschaltet worden sei,  hat Nocken ihn einfach wieder angeschaltet. Diese seltsamen Phänomene  sind es, glaube ich, die man genauer betrachten muss. Die Manöver, die  da unter der Decke stattfanden, sind natürlich nicht von Vogel  veranlasst worden. Das behaupte ich nicht. Ich gebe selbstverständlich  auch Vogel keine Schuld an den Morden in Deutschland.<br />   <br />   <i>Aber er hat die ganzen &quot;Pfeifen&quot; als Innenminister auch ernannt und  beschäftigt. Er hat nie gefragt: &quot;Was ist hier los? Ich will es genau  wissen und Sie sind mir persönlich haftbar für dieses und jenes...&quot; Das  nennt man Führung. Das ist ja des Entsetzliche, dass dieser in 30 Jahren  erfahrene Ministerpräsident hier nicht geführt hat, wo es darauf ankam.</i><br />   <br /> Offenbar hat er an dieser Stelle auch nicht führen wollen.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />   <br />   <i>Weil ihm das egal war? Helmut Schmidt hat ja schon mal gesagt, dass  er das, was er da vom Verfassungsschutz bekam, alles für Tango hielt.  Er wollte das alles nicht wissen.</i><br />   <br /> Nur: Wenn sich innerhalb einer solchen Haltung solche Geheimdienste  verselbstständigen, dann ist die Frage, wie viel Verantwortung tragen  die Regierenden am Ende für den NSU-Terror? Der NSU-Terror wäre ohne den  Thüringer Heimatschutz nicht erklärbar. Und der Thüringer Heimatschutz  wäre ohne diesen Verfassungsschutz nicht erklärbar und nicht ohne die  Geldmittel aus dem Verfassungsschutz.<br />   <br /> Und wenn es stimmt, was wir jetzt im Stundentakt erfahren über die  &quot;Operation Rennsteig&quot; in Thüringen, an der mehrere deutsche  Geheimdienste beteiligt waren, dass jedes zehnte Mitglied im Thüringer  Heimatschutz ein geführter V-Mann war mit staatlicher Subvention, mit  staatlicher Geldzuwendung, dann haben wir es mit der Erfindung, mit der  Initiierung, der Initialisierung einer Truppe zu tun, aus der  anschließend eine radikale Terrorgruppe entstanden ist.<br />   <br /> 
<h2>Respekt für Wolfgang Fiedler</h2>
Und wenn wir dann noch zur Kenntnis nehmen - über den  Bundestagsuntersuchungsausschuss konnten wir das ja erfahren -, dass der  italienische Geheimdienst schon 2003, also während die Mordserie lief,  die deutschen Sicherheitsbehörden davor gewarnt hat, dass es  rechtsterroristische Zellen in Deutschland gibt! Offenbar haben die  Sicherheitsbehörden daraus nichts gemacht. Wenn man dann abgleicht, auch  auf der Bundesebene - Stichwort Kölner Nagelbombenanschlag, Bönhardt  und Mundlos.<br />   <br /> Da sagte am nächsten Tag Otto Schily in alle Fernsehkameras: Ein  rechtsextremer, fremdenfeindlicher Hintergrund kann ausgeschlossen  werden. Das hat ihm ja jemand aufgeschrieben. Otto Schily hat sich  inzwischen dafür entschuldigt. Er hat jüngst gesagt: Wenn ich das damals  geahnt hätte, was wir heute wissen, dann weiß ich, dass ich einen  schweren Fehler gemacht habe. Diese Haltung fehlt mir bei allen  Thüringer Verantwortlichen bis heute.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />   <br />   <i>Frau Lieberknecht hat versprochen, dass bis unten hin  durchermittelt wird und die Untersuchungen wirklich bis dorthin geführt  werden. Mit welcher Konsequenz ist das möglich? Die Verantwortlichen,  über die wir hier reden, sind alle nicht mehr im Amt. Zurücktreten  können sie nicht mehr.</i><br />   <br /> Ich will jetzt mal einen ganz seltsamen Schulterschluss machen: Dass ich  das mal öffentlich sage, ist erstaunlich. Aber dass ein Wolfgang  Fiedler im Moment wirklich seine Aufgaben als Kontrollinstanz in einer  Form wahrnimmt, wie ich es noch nie erlebt habe, das nötigt mir großen  Respekt ab.<br />   <br /> 
<h3>Kontrolleure belogen</h3>
<i>Fiedler, über Jahre Vorsitzender des Innenausschusses für CDU,  gilt als Rechtsausleger und Choleriker. Sie meinen: Jetzt hat er  plötzlich begriffen?&nbsp;&nbsp;&nbsp; </i><br />   <br /> Ja. Er merkt, dass Entscheidendes, was er in seinem politischen Leben  nach der Wende verteidigt hat, wie ein Kartenhaus zusammenbricht, wenn  man so belogen wird. Da er der Kontrolleur ist und sich ein Kontrolleur  natürlich noch mehr belogen fühlt, kann ich das gut verstehen.<br />   <br />   <i>Er ist Kontrolleur der Parlamentarischen Kontroll-Kommission PKK.</i><br />   <br /> Ja, die den Geheimdienst kontrollieren soll. Wir haben als Linke immer  gesagt, dieser Geheimdienst ist nicht kontrollierbar. Da bin ich jetzt  bei der Schlussfolgerung für mich bzw. für uns. Wir sagen: Das Geheime  im Geheimdienst und in den Sicherheitsbehörden muss abgeschafft werden.  Diese geheimen Strukturen sind nicht parlamentarisch-demokratisch  kontrollierbar.<br />   <br /> Es geht gar nicht darum, ideologisch irgendetwas abzuschaffen, sondern  sich mit einem demokratie-grundsätzlichen Problem zu beschäftigen: Ob  verdeckte Ermittler - ich rede nicht von V-Leuten oder Vertrauensleuten  oder Zuträgern oder bezahlten Spitzeln, ich rede von Beamten, die als  verdeckte Ermittler arbeiten. Wenn das der Preis dafür ist, dass sie  Straftaten begehen müssen, um ihre Identität nicht aufzugeben, dann  liegt da ein schwerer Fehler.<br />   <i><br /> Der Bundesinnenminister ist da unterwegs und sagt, wir müssen das  grundsätzlich neu ordnen, neu aufbauen - vermutlich auch in Thüringen.</i><br />   <br /> Er kommt aber zu einer ganz anderen Schlussfolgerung. Er möchte eine  Bundesbehörde haben, die dann wieder als Geheimdienst operiert. Die  deutschen Erfahrungen lassen mich da zumindest alarmiert sein, wenn es  Monsterbehörden gibt, die mit Geheimdienstbefugnissen arbeiten. Ein  Stichwort möchte ich am Schluss wenigstens noch sagen, denn dazu ist  fast noch nichts herausgefunden worden: Was hat von Anfang an der  Bundesnachrichtendienst hier in Thüringen gemacht? Diese Frage treibt  mich quälend um.<br />   <br /> Ich weiß, nachdem die beiden tot im Camper in Eisenach lagen, dass der  Bundesnachrichtendienst und der militärische Abschirmdienst hier in  Thüringen waren. Und sich offenbar auch in den ermittelnden Behörden  bewegt haben. Das haben mir zumindest Polizisten, vor denen ich hohen  Respekt für ihre Arbeit habe, berichtet. Und die Frage, was der  Auslandsgeheimdienst bei diesen Dingen hier treibt, ist mir  unbegreiflich.<br />   <br />   <i>Sie meinen: der für das Ausland zuständige Bundesnachrichtendienst.  Der militärische Abschirmdienst ist ja auch eigenständig: Die arbeiten  eigenständig! Ihr Tun in dieser Frage wurde bis heute überhaupt nicht  transparent gemacht?</i><br />   <br /> Zum militärischen Abschirmdienst wissen wir ja jetzt, dass er in die  Operation Rennsteig mit einbezogen war. Das ist aktenkundig, und das  können wir im Untersuchungsausschuss sehen. Das hat eine Logik, weil  einige von den Akteuren selber beim Militär zu diesem Zeitpunkt waren,  ihren Bundeswehrdienst absolviert haben und so weiter. Und es gab schon  immer eine Affinität von Nazis oder Rechtsradikalen, eine militärische  Karriere zu machen, weil man dann anschließend leichter an  Waffenberechtigungen kommt, wenn man eine Bundeswehrausbildung hat.  Deswegen gibt es da ja auch eine Form, über die wir auch politisch reden  müssen, dass die Bewaffnung der Nazis endlich beendet werden muss, die  legale Bewaffnung.<br />   <br />   <i>In Bremen hat man da mittlerweile längst Konsequenzen gezogen.</i><br />   <br /> Ja. In Thüringen fängt man jetzt an, Konsequenzen zu ziehen. Damit sind  wir auf der Ebene: Was müsste man tun? Wer ideologisch auffällig  geworden ist und strafrechtlich verurteilt worden ist, auch wegen  Propagandadelikten, darf einfach keine Waffenberechtigung mehr haben.  Der muss gleichgestellt werden mit jemandem, der seine Ehefrau schlägt  und damit auch seine Waffenberechtigung verliert.<br />   <br />   <i>Das ist aber nur ein Randthema.</i><br />   <br /> Das eigentliche Thema ist: Diese Sicherheitsarchitektur darf nicht mehr  Geheimdienst werden, sondern sie muss transparenter werden. Und wir  müssen uns tatsächlich mehr mit Gefährdungspotentialen beschäftigen.  Hätten wir uns mal mit dem Thüringer Heimatschutz als  Gefährdungspotential beschäftigt! Hätten wir uns mal mit &quot;blood and  honour&quot; beschäftigt.<br />   <br /> 
<h3>Ein Blick in die TLZ hätte genügt</h3>
<p class="indent">Ein Stichwort: Marcel D. ist durch Ihre Zeitung damals  aufgedeckt worden. Marcel D. war bei &quot;blood and honour&quot; der  Sektionsleiter Thüringen. Er war gleichzeitig der Bundesschatzmeister  einer Organisation, die bis ins rechtsextremistische internationale  Milieu so perfekt vernetzt war, dass sie beim &quot;Fest der Völker&quot; in Jena  immer die internationalen Rechtsterroristen und Rechtsextremisten  hierher gebracht hat.<br />   <br /> Dieser Marcel D., und das stand dankenswerterweise in der TLZ, kriegte,  nachdem &quot;blood and honour&quot; vom Bundesinnenministerium verboten worden  war, Besuch vom Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz. Peter Nocken,  der stellvertretende Präsident des Landesamtes, hat Marcel D.  persönlich geführt. Erst nach diesem Besuch kam die Hausdurchsuchung  durch die Polizei. Die Polizei hat damals in ihrem Protokoll vermerkt,  eine so saubere Wohnung hätten sie noch nie vorgefunden. Alles das, was  Herr Roewer offiziell abstreitet. In Wirklichkeit ist es so: Ein Blick  in die TLZ von damals wird jeden Leser nochmal daran erinnern, dass das  alles lesbar war. Und auch da hat die Landesregierung nicht reagiert.<br />   <br />   <i>Obwohl das Herr Vogel ja auch alles gelesen hat. Er wusste es aus der Zeitung, wie er ja erklärt hat.</i><br />   <br /> Dann hätte er handeln müssen. Und da sind wir wieder bei der politischen Frage.<br />   <br />   <i>Damit sind wir am Ende der Laufbahn von Herrn Vogel, die eine  solche düstere Wendung nimmt. Für ihn eine schreckliche Erfahrung. Ist  es nicht ein bisschen verständlich, dass er da zögert, diesen Nimbus der  Geschichte wirklich zu verlassen und dem Sockel zu entsteigen?</i><br />   <br /> Ich zitiere mal die Schlussbemerkungen meiner Rede zum Abschied von  Vogel, als er unter, wie ich finde, Bruch der Verfassung seine Amtszeit  vorzeitig beendete, um den Kronprinzen Dieter Althaus aus wahltaktischen  Gründen ein Jahr vor Ende der Amtszeit zu installieren. Damals habe ich  gesagt: &quot;Es muss auch erlaubt sein, die Person zu kritisieren für die  Amtszeit, für die Rechenschaft abzulegen ist und über die wir unseren  Rechenschaftsbericht abzulegen hatten, und nicht den Schatten, den er  wirft, durch die großen Scheinwerfer, die auf einmal eine Riesenperson  zeigen.&quot; Das bezog sich auf Bernhard Vogel .<br />   <br /> Die Amtszeit von Bernhard Vogel war so überdimensioniert. Er war  sozusagen der Überlandesvater. Aber der Ministerpräsident, über den ich  zu reden hatte, der hat an vielen Stellen einfach nicht gehandelt. Und  diese Verantwortung trägt er, und auch die für Herrn Roewer trägt er und  niemand anderes. Und auch für die Generalamnesie aller seiner Minister  und Staatssekretäre trägt er ganz alleine die Verantwortung, denn er war  der Chef, und darüber wird im Untersuchungsausschuss zu reden sein.<br />   <br />   <i>Kann Bernhard Vogel den Auftritt im Untersuchungsausschuss ablehnen?&nbsp;&nbsp;&nbsp; </i><br />   <br /> Nach meinem Dafürhalten kann er es zumindest politisch nicht ablehnen.  Denn er ist derjenige, der die Richtlinienkompetenz und die  Richtlinienverantwortung für all das hatte. Und Bernhard Vogel steht  nicht außerhalb der Rechtsordnung, und er ist kein Heiliger. Er ist  vielmehr ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und er ist ein  Parteipolitiker, er war nämlich der CDU-Landesvorsitzende. Und man muss  einfach sagen: Wer Fehler begangen hat durch Wegschauen oder  Unterlassen, hat auch Verantwortung und hat damit auch Schuld auf sich  geladen.</p>]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Geheimdienste</category>
			<category>Demokratie</category>
			<category>Politisches</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 25 Jul 2012 18:31:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Ein jammernder Piraten-Bundesgeschäftsführer, ein „Shit-Stürmchen“ und eine entlarvende Auseinandersetzung</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/ein-jammernder-piraten-bundesgeschaeftsfuehrer-ein-shit-stuermchen-und-eine-entlarvende-ausei-1/</link>
			<description>Die Partei DIE LINKE hat dies mit dem Satz auf den Punkt gebracht: „Hartz IV ist Armut per...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal">Die Partei DIE LINKE hat dies mit dem Satz auf den Punkt gebracht: „Hartz IV ist Armut per Gesetz!“. Dafür sind wir von CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen immer gescholten worden, denn dies sei eine radikale Ablehnung des Hartz-IV-Systems.</p>
<p class="MsoNormal">Jawohl, genau das ist unsere politische Grundhaltung! Ein Repressionssystem, das mit angeblichen staatlichen Wohltaten Menschen immer nur knapp um das Existenzminimum herum dahin vegetieren lässt, aber für eine Teilhabe am gesamten gesellschaftlichen System keinen Raum lässt - das ist faktisch wie eine zynische „Stilllegungsprämie“, damit man einerseits Menschen still stellt und andererseits so abhängig macht, dass sie willfährig werden innerhalb dieses Repressionssystems.</p>
<p class="MsoNormal">Mit einem Rechtsanspruch auf einen aktivierenden Sozialstaat hat dies überhaupt nichts zu tun. Mit Gesellschaftskritik oder gar Entwürfen zur Überwindung dieser kapitalistischen Verwertungslogik, die einen Teil der Menschen krank macht wegen Überstunden und andere Menschen krank macht wegen Langzeitarbeitslosigkeit, hat der Artikel in der <i>FAZ</i> überhaupt nichts zu tun.</p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Es findet sich auch keine Kritik von Johannes Ponader, dem politischen Bundesgeschäftsführer der Piratenpartei, an diesem Repressionssystem und an der „Hartz“-Gesetzgebung. Ganz im Gegenteil! Er verharmlost die Angelegenheit noch, indem er behauptet, dass er sich ja geweigert habe, sich bei einer Fernseh-Talkshow als „Hartz-IV“-Bezieher bezeichnen zu lassen. Mit einer verworrenen Argumentation weist er zwar auf kriminelle Machenschaften von Namensgeber Peter Hartz hin, flüchtet sich aber in die Formulierung, dass er ALG-II-Bezieher sei – als ob sich mit der Benutzung dieser synonymen Bezeichnung irgendetwas an seinem rechtlichen Status und am Repressionssystem ändert.</p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Nicht nur deshalb ist meine Sicht auf den <i>FAZ</i>-Artikel sehr kritisch. Ponader stellt sein persönliches Schicksal in den Mittelpunkt, um damit offenbar Mitleid zu erwecken – Mitleid aber nicht mit Arbeitslosen, sondern mit dem politischer Geschäftsführer einer Bundespartei, die mittlerweile in mehreren Parlamenten vertreten ist und anstrebt, in den Bundestag einzuziehen. Dazu kommen die Unschärfen seiner Geschichte: Ponader führt an, zwischen den Zeiten des Bezugs von ALG-II immer wieder „Geld verdient“ und „Steuern bezahlt“ zu haben. „So wie es aussieht, werde ich in Kürze genug Einkommen haben, um vom Jobcenter unabhängig zu sein“, heißt es am Ende der Geschichte. Das passt nicht zur deklaratorischen Überschrift. </p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Wer aber das „Hartz-IV“-System nur anders nennen will, wer eine Bundespartei führt und sich gleichzeitig als „Hartz-IV“-Bezieher (oder „Aufstocker“?) seine politische Funktion aus den Sozialkassen bezahlen lassen will, hat meines Erachtens die Kernthemen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung unserer Zeit nicht begriffen.</p>
<p class="MsoNormal">Gesetzlicher Mindestlohn, Aktivierung von Tarifkämpfen, demokratische Arbeitnehmerrechte, ein einklagbares Recht auf Arbeit, eine radikale Arbeitszeitverkürzung und die Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums wären die richtigen Antworten und nicht die bloße Individualisierung der Probleme mit dem Jobcenter.</p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Aber welch einen Frevel habe ich begangen, dass ich es wagte, diese seltsamen Positionen des Bundesgeschäftsführers der Piraten öffentlich zu kritisieren? In den sozialen Netzwerken gab es Kritik – an mir. Denn im digitalen Zeitalter finden sich offenkundig genügend Kenner von Twitter und Facebook – aber zu wenige, die sich mit gesetzlichem Mindestlohn, Tarifkämpfen, Umverteilung und einer Radikalkritik am System der „Hartz-IV“-Regeln und sämtlicher „Hartz“-Gesetze auskennen. </p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Wer wie Ponader in einer solchen gesellschaftlichen Auseinandersetzung durch Individualisierung Mitleid erwecken will, um im politischen Wettbewerb Punkte gegen DIE LINKE zu sammeln, eine gesellschaftskritische Partei, die die herrschenden Verhältnisse deutlich kritisiert und für deren Überwindung eintritt, der muss es auch aushalten, für diese Individualisierung kritisch angesprochen zu werden.</p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Worin unterscheidet sich der Bundesgeschäftsführer der Piraten von Zehntausenden Betroffenen? Wenn er eine Partei führt, muss er die Grundlagen der Parteifinanzierung kennen. Er muss wissen, dass der Staat auch seiner Partei für jeden Beitrags-Euro entsprechende Mittel dazu legt, damit das hauptamtliche Personal bezahlt wird. </p>
<p class="MsoNormal">Wenn man die Finanzierung der Parteiarbeit aber den Sozialkassen aufbürdet, hat dies mit der Überwindung von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen nichts zu tun.</p>
<p class="MsoNormal">Deshalb bleibe ich bei meiner Kritik an den Piraten und an ihrem Bundesgeschäftsführer Ponader.</p>
<p class="MsoNormal">Wer „Hartz IV“ nicht abschaffen und überwinden will, wer lediglich allgemein vom bedingungslosen Grundeinkommen spricht, wer gesellschaftliche Verteilungskämpfe für irrelevant hält, sollte nicht den Anschein erwecken, in dieser Gesellschaft linke Positionen zu besetzen.</p>
<p class="MsoNormal">Dazu stehe ich und deshalb lasse ich auch gern ein „Shit-Stürmchen“ im Twitterkanal mit 140 Zeilen über mich rauschen. Gleichzeitig lade ich die Twitter- und Facebook-Nutzer ein, in eine gesellschaftspolitische Debatte mit mir einzutreten, anstatt nur als „Abfangjäger“ kritischer Positionen im Internet unterwegs zu sein.</p>
<p class="MsoNormal">Ich jedenfalls fühle mich aufgefordert, weiter an einem politischen Kurs von links zu arbeiten und bedanke mich für alle Zuschriften im Twitter- und Facebook-Kanal.</p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Mir geht es, das sei hier betont, nicht darum, Herrn Ponader persönlich zu nahe zu treten, seine in dem Artikel geäußerte Empörung am Umgang der „Bundesagentur für Arbeit“ mit ihm zu bezweifeln oder zu relativieren. Als Bundesgeschäftsführer einer politischen Partei muss er aber die Fundamente der Parteienfinanzierung kennen und daraus politische Schlussfolgerungen ziehen können. Das unterscheidet uns.</p>
<p class="MsoNormal">&nbsp;</p>
<p class="MsoNormal">Bodo Ramelow</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
Zum weiterlesen, wie sich 2010 die Spenden an die Parteien in Thüringen zusammen gesetzt haben: <link ../fileadmin/bodoramelow/Dokumente/Parteienfinanzierung2010.pdf - - "SONSTIGES, Parteienfinanzierung2010, Parteienfinanzierung2010.pdf, 85 KB">Reiche Partei – arme Partei; Spender für teure Wahlkampf-Finanzierung bleiben in der Regel im Hintergrund</link>
Unsere Fraktionäre unterstützen zusätzlich mit ihren Diäten soziale und kulturelle Projekte und Vereine: <link http://www.die-linke-thl.de/politik/alternative_54/ _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">Alternative 54 e. V.</link>
<b>Das schreiben andere:</b>
<link http://joergrupp.de/der-scheinheilige-pirat/ _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">Der Grüne Jörg Rupp - der scheinheilige Pirat</link><br />
]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Politisches</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 05 Jul 2012 14:13:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Dekonstruktion einer Kampagne: Wie „Feinde Israels“ erfunden werden</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/dekonstruktion-einer-kampagne-wie-feinde-israels-erfunden-werden-1/</link>
			<description>Die „Nahostkommission“ der katholischen Organisation „Pax Christi“ initiiert im Mai 2012 eine...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Die „Nahostkommission“ der katholischen Organisation „Pax Christi“ initiiert im Mai 2012 eine Aktion „Besatzung schmeckt bitter“. Man wolle „Verbraucher/innen darauf aufmerksam machen, dass Obst und Gemüse mit der Ursprungsangabe „Israel“ vielfach aus völkerrechtswidrigen Siedlungen stammt“, heißt es dazu auf der Homepage der Organisation. Weiter wird erläutert: „Verzichten Sie – bis die Kennzeichnungspflicht erfüllt ist – auf Lebensmittel, die die unklare Ursprungsangabe „Israel“ tragen, wenn es sich dabei um Siedlungsprodukte handeln könnte. Kaufen Sie nur Produkte, von denen Sie sicher wissen, dass sie aus Israel stammen.“ (1)<br />In einer späteren Pressemitteilung, als Reaktion auf Kritik, wird eine weitere Begründung angeführt: „Völkerrechtswidrige Siedlungen, in denen gewinnbringend investiert und produziert wird, sind aus Sicht von pax christi ein Hindernis für einen gerechten Frieden.“ (2)<br /><br />„Pax Christi“ ist nach eigenen Angaben „als katholische Friedensbewegung regional, überregional und international tätig“. Weltweit seien „über 60.000 Frauen und Männer Mitglieder von pax christi“, in Deutschland habe die Bewegung Mitte 2006 über 4.500 Mitglieder gezählt. Die Arbeit von Gruppen und Einzelmitglieder, die sich eigene Schwerpunkte wählen, werde „in allen Bistümern Deutschlands durch pax christi-Bistumsstellen unterstützt“.(3) Die Organisation beteiligt sich am Ökumenischen Friedensdienst des Weltkirchenrats in Palästina und Israel (EAPPI).(4)<br /><br />Den Aufruf „Besatzung schmeckt bitter“ unterzeichnet auch der Jenaer Oberbürgermeister Dr. Albecht Schröter. Der Aufruf ist ist wegen seiner Fehlinterpretierbarkeit und seiner Undifferenziertheit sehr umstritten und fand in Thüringen keine weiteren Unterzeichner. <br /><br />Am 30.5.2012 veröffentlicht der Journalist Benjamin Weinthal in der englischsprachigen israelischen Zeitung„Jerusalem Post“ einen Artikel mit heftiger Kritik an Schröter, in welchem es heißt: „Führende deutsche Nichtregierungsorganisationen klagten den Sozialdemokratischen Bürgermeister von Jena im Bundesland Thüringen, Albrecht Schröter, wegen der Unterstützung des Boykotts israelischer Produkte an, der so aggressiv ist, dass er die Nazi-Kampagne „Kauf nicht bei Juden“ wiederholt und zur Delegitimierung des jüdischen Staates beiträgt“.(5) Der Titel von Weinthals Artikel lautet „Nichtregierungorganisationen: Israel-Boykott des deutschen Bürgermeisters ist antisemitisch“.(6)<br />Weinthal wird auf der Homepage der Zeitung als Europa-Korrespondent der Jerusalem Post vorgestellt, der in Berlin lebt.(7) Verschwiegen wird in seinem Artikel: es handelt sich nicht um einen Boykottaufruf, sondern um das Plädoyer zum Kaufverzicht bei Waren, die aus völkerrechtswidrigen Siedlungen stammen.<br /><br />Am 3.6. folgt ein Online-Artikel Weinthals auf der Homepage der „Jerusalem Post“: Kevin Zdiara (der bereits im Artikel vom 30.5. als jemand vorgestellt wird, der sich bezüglich Schröter per E-Mail der „Jerusalem Post“ mitteilte), stellvertretender Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft (DIG) in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt, habe den Boykottaufruf mit dem Slogan der Nazizeit „Kauft nicht bei Juden“ gleichgesetzt.(8)<br />Zitiert wird von Weinthal in diesem Beitrag auch Vera Lengsfeld. Die hatte sich am 1.6.2012 auf der Homepage des Blogs „Achse des Guten“ zum Thema geäußert. Ihr Hauptvorwurf an Schröter: „Immer mehr deutsche Lokalpolitiker fühlen sich berufen, sich zu Israel zu positionieren. Auch Jenas wieder gewählter Oberbürgermeister Schröter fühlt sich mit den Problemen der Stadt, etwa die Waffenlieferungen aus Jena an die NSU, nicht ausgelastet. Deshalb hat er sich eine Nebentätigkeit als Israel-Kritiker zugelegt.“ (9) Selbst Lengsfelds völlig irrer Vorwurf der „Waffenlieferungen aus Jena“ an die Neonazi-Terrorgruppe NSU wird von Weinthal übernommen und sogar noch zugespitzt: der Bürgermeister habe versagt, die Ressourcen der Stadt gebündelt einzusetzen, um Waffenlieferungen an eine Neonazi-Terrorgruppe zu verhindern.(10) Obwohl diese Behauptungen an sich schon absurd sind, wird noch dazu von Lengsfeld wie Weinthal verschwiegen, dass die späteren NSU-Terroristen schon längst untergetaucht waren und in Sachsen lebten, als sie sich für ihre Verbrechen bewaffneten.<br /><br />In einem weiteren Artikel in der „Jerusalem Post“ schreibt Weinthal am 5.6., Schröter habe einen Aufruf der „linksradikalen Nichtregierungsorganisation Pax Christi“ unterzeichnet.(11) In einem Beitrag mit ganz ähnlichem Inhalt, kurz darauf in der deutschsprachigen „Jüdischen Allgemeinen“ veröffentlicht, wagt es Weinthal nicht, seinen hiesigen Lesern diese unzutreffende Kategorisierung unterzujubeln. Hier ist wertungsfrei von „der katholischen Friedensbewegung Pax Christi“ die Rede.(12)<br /><br />Weinthal, 1968 geboren (13), hat an der New York University und der University of Cambridge (England) graduiert.(14) Er war 2006/2007 Teilnehmer des 8. Jahrgangs der Europäischen Journalisten-Fellowships der Freien Universität Berlin. Dort hat er das Projekt „Linker Antisemitismus: Versuch einer Analyse“ bearbeitet.(15) Er schreibt nicht nur für die „Jerusalem Post“, sondern u.a. auch für den „Tagesspiegel“, „The Weekly Standard“ (Washington), „Foreign Policy“ und weitere Zeitungen und Zeitschriften.<br />Offenbar ist Weinthal nicht nur journalistisch tätig. So wird er von der in Washington ansässigen „Foundation for Defense of Democracies“ als Wissenschaftlicher Mitarbeiter geführt.(16) Die Stiftung wurde nach eigenen Angaben nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gegründet. Zu ihrem derzeitigen „Beratenden Ausschuss“ gehören u.a. der langjährige CIA-Mitarbeitender (stellvertretender Direktor) und Geheimdienstchef des US-Bundesbehörde Homeland-Security, Charles E. Allen, zwei frühere hochrangige FBI-Mitarbeiter, darunter ein stellvertretender Direktor, sowie ein Viersternegeneral und ehemaliger Kommandeur des US Marine Corps.(17)<br />Zum Führungsgremium „Leadership Council“ der Stiftung zählen u.a. der frühere CIA-Direktor James Woolsey, der frühere FBI-Direktor Louis J. Freeh sowie Robert McFarlane, Sicherheitsberater von Präsident Ronald Reagan und einer der Hauptprotagonisten der „Iran-Contra-Affäre“.(18) Bei manchen seiner Artikel (u.a. in „The Weekly Standard“) wird Weinthal als Mitarbeiter dieser „Foundation for Defense of Democracies“ präsentiert.(19)<br /><br />Ein Kronzeuge gegen Schröter in den vier genannten Artikeln Weinthals ist Kevin Zdiara.<br />Der hatte schon am 27.5. auf der Homepage „Achse des Guten“ gegen Schröter wegen dessen Unterstützung für den „Pax Christi“-Aufruf heftig polemisiert. Hier dürfte auch der Beginn der gegen Schröter gerichteten Kampagne liegen.<br />Doch Zdiara, Graduiertenstudent an der Universität Erfurt (20), arbeitet sich schon seit längerem in einer obsessiv anmutenden Form an Schröter ab. Als der Jenaer Oberbürgermeister im November 2011 etwa mit dem „Preis für Zivilcourage“ des Förderkreises des Holocaust-Denkmals in Berlin und der dortigen Jüdischen Gemeinde ausgezeichnet wird, kommentiert Zdiara am 19.11.2011 auf der Homepage der „Achse des Guten“ hämisch, der gegen Neonazis gerichtete „Aktionismus Schröters fiele zumindest noch unter eine sehr weite Definition des Preises“.(21)<br /><br />Die „Thüringische Landeszeitung“ berichtet am 6.6.2012 über anonyme Schmähungen und offene Drohungen gegen Schröter. Zudem werde „Schröter weiterhin von der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen (...) aufgefordert, seine Unterschrift beim Pax-Christi-Aufruf zurückzuziehen. Dies geschieht auch mit dem Hinweis, dass die Jenaer NPD „mit einem Schmunzeln“ Schröters Appell zur Kenntnis genommen hat.“ (22) In dem Bericht wird auch Bodo Ramelow, Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag, zitiert, den diese Art der Kritik an Schröter empöre: „Das ist nicht mehr sachgerecht“, so der Politiker.<br /><br />Ramelow erreicht auf seinem Dienstrechner eine E-Mail eines Absenders, der sich Benjamin Weinthal nennt und vorgibt, Journalist der „Jerusalem Post“ zu sein. Ramelow teilt ihm am 8.6.2012 mit: „Mich trennt zu Albrecht Schröder lediglich der Aufruf von Pax Christi, denn in seiner Undifferenziertheit und in seiner Pauschalität finde ich den Aufruf falsch und nicht zielführend. Über diesen Aufruf ist zu diskutieren und die freie Meinungsäußerung gebietet es, auch und gerade sachlich dies zu tun. Nun aber Herr Schröder zum Antisemiten zu stempeln, ihn und seine Familie anzugreifen und das Klima durch solche Debatten zu verlassen, ist genauso falsch wie der Pax Christi Aufruf.“ Damit ist auch Ramelow, ohne es zu wissen, endgültig ins Visier von Strippenziehern und deren Handlangerngeraten, denen es um alles andere geht als um eine sachliche Diskussion des Aufrufs und eine differenzierte Sicht auf Schröter.<br /><br />Es kommt auf Bitten des Vorsitzenden der DIG Erfurt zu einem Treffen, bei dem eine „Gemeinsame Erklärung“ formuliert wird: „Am 10.6. fand im Zusammenhang mit der Debatte, die durch den Aufruf von pax christi&nbsp; vom 22.5. d.J. ausgelöst worden war, ein offenes und konstruktives Gespräch zwischen Martin Borowsky (Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Erfurt - DIG), Reinhard Schramm (stellv. Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen), Bodo Ramelow (Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag) und Albrecht Schröter (Oberbürgermeister in Jena) statt. (...) Gemeinsam sind die Gesprächspartner davon überzeugt, dass nur die Einhaltung von Völker- und Menschenrechten den von allen ersehnten Frieden im Nahen Osten sichern wird. Deshalb stehen Gewalt – wie der Beschuss israelischer Siedlungen – als auch der Verstoß gegen internationales Recht – wie die Errichtung illegaler Siedlungen – dem Frieden und einer Zwei-Staaten-Lösung entgegen.“ (23) Ein „konstruktives Gespräch“ und als dessen Ergebnis Gemeinsamkeiten mit Schröter und nicht dessen Stigmatisierung als „Antisemit“ – bei den Strippenziehern und ihren Handlangern müssen die Alarmglocken geläutet haben.<br /><br />Der Gegenschlag folgt. Henryk M. Broder, einer der Besitzer der Homepage „Achse des Guten“ (bei der man nicht selten die „Achse des guten Geschmacks“ sehr weiträumig umschifft), wird dort am 15.6.2012 höchstselbst publizistisch tätig. Die „Gemeinsame Erklärung“ und ihre vier Unterzeichner werden von Broder recht ungnädig abgeputzt: „Nun haben ausgerechnet der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Erfurt - DIG, Martin Borowsky, und der stellvertretende Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, eine „gemeinsame Erklärung“ zugunsten des Jenaer OB Martin Schröter abgegeben und ihm persilscheinmäßig bescheingt, kein Antisemit zu sein. Das ist er in der Tat nicht, weil er viel zu jung ist, um jemals in der NSDAP, der Waffen-SS oder irgendeinem anderen sozialen Netzwerk im 3. Reich mitgemacht haben. Er ist nur ein depperter Sozialdemokrat, der einen Beitrag zur Lösung der Palästinafrage leisten möchte, obwohl er es bis jetzt nicht einmal geschafft hat, die Neonazi-Frage vor seiner eigenen Haustür zu lösen.“ (24) Doch Broder behauptet zudem noch: „Diese „gemeinsame Erklärung“ wurde von Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender der SED/PDS/Linkspartei im Thüringer Landtag eingefädelt. Auch Ramelow ist kein Antisemit, er hat sogar „Freunde“ in Israel, auf die er sich gerne beruft, er ist nicht einmal ein Ossi, aber er hat die Ossi-Nummer voll drauf.“ Laut Angabe auf der Homepage ist Broders Text 11.35 Uhr veröffentlicht worden. Das ist nicht ganz unwichtig.<br /><br />Ramelow erhält kurz darauf eine E-Mail von dem Absender, der sich ihm gegenüber Benjamin Weinthal nennt und dessen Mail-Adresse zur „Jerusalem Post“ gehören soll. Der macht Ramelow auf Broders Vorwürfe aufmerksam und nach fragt nach seiner Meinung zu Broders Text. Ramelow antwortet diesem Phantom-Weinthal per Mail.<br /><br />Am späten Abend des 15.6. folgt ein weiterer Artikel Broders, laut Zeitangabe auf der Homepage der vorgeblichen „Achse des Guten“ 23.32 Uhr veröffentlicht. Er trägt den Titel „Eine ganz übele Methode!“<br />Broder leitet ein, Ramelow habe „den arroganten, rechthaberischen und weinerlichen Ossi-Ton (...) schon gut drauf“, denn als Reaktion auf seinen, Broders, Text von 11.35 Uhr habe Ramelow einem Journalisten etwas mitgeteilt.(25) Dann wird in Broders Artikel Ramelows Mail an denjenigen, der sich ihm gegenüber als Journalist Weinthal ausgegeben hatte, im Volltext abgedruckt:<br /><br />„= Mehr als seltsam! <br />Es geht wohl die Phantasie mit Herrn Broder durch,denn die Darstellungen der Abläufe sind einfach falsch! <br />Weder habe ich das Gespräch eingefädelt,noch ist der Text von mir! <br />Aber es wundert mich nicht wie hier Ehrverletzend und Unlauter vorgegangen wird! Herr Broder merkt nicht einmal das alle (also auch ich) den Pax Christi Aufruf falsch finden und ablehnen und Herr Schröter eine sehr einschränkende Bewertung mit dem Gespräch vorgenommen hat,die jetzt auch von Pax Christi so verbreitet werden muss.&nbsp; Auch habe ich die Sätze zum Gesprächsklima überhaupt nicht formuliert(wie ich auch den Rest nicht formuliert habe)....so will man jedenfalls behaupten wer Feinde von Israel seien oder als Feinde selbst definieren um sie dann besser zu bekämpfen! Ich finde das eine übele Methode! Wer gibt Herrn Broder das Recht über meine Freunde in Israel sich so zu äußern? Warum ist Herr Schröter jetzt ein Antisemit und ich ein Antizionist? Ist Herr Broder der Geschmacksbestimmer oder der Oberzensor? Warum stellt er sich über Herrn Prof Schramm? Bei der Vita der Familie Schramm ist das schon sehr mies! <br />Bodo Ramelow =“<br /><br />Der Mail-Schreiber, der als Benjamin Weinthal und Journalist der „Jerusalem Post“ bei Ramelow anfragte, hat also die Antworten, zu denen er Ramelow überhaupt erst animiert hat, an einen Dritten weitergeleitet, noch dazu an denjenigen, um den es geht – nämlich an Broder. Oder wie ist Broder sonst innerhalb kurzer Zeit an die Antworten gekommen? Nutzt er selbst den Namen Benjamin Weinthal und eine Mail-Adresse der „Jerusalem Post“? Broder veröffentlicht nämlich in seinem Beitrag eine weitere Mail von Ramelow an denjenigen, der sich als Weinthal vorgestellt hat, im Volltext. Darin heißt es u.a.: „= Sehr geehrter Herr XYZ, <br />Ich bitte Sie diesen Kontakt zu löschen und nicht mehr zu benutzen! <br />Wenn Sie Fragen an mich haben bitte ich Sie meine Dienstadresse zu benutzen,bzw kontaktieren Sie meine Pressestelle!“ (26)<br />Anonymisiert hat Broder lediglich den Namen des Journalisten („XYZ“), der bei Ramelow angefragt hatte. Der nannte sich Ramelow gegenüber „Weinthal“.<br />Auch die Mail eines Mitglieds der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Erfurt an einen Journalisten, in der es heißt, mit „Herrn Ramelow und Herrn Schröter sind wir als DIG seit vielen Jahren im Kampf gegen den Rechtsextremismus verbunden“, veröffentlicht Broder in seinem Beitrag am 15.6., kurz vor Mitternacht. Adressat der Mail war wiederum ein Benjamin Weinthal. Dieser unseriöse „Journalist“, dem Berufsethik und Vertrauensschutz offenbar nichts gelten, gibt, ohne bei den Verfassern um Erlaubnis zu fragen, komplette E-Mails mit vertraulichem Inhalt sozusagen im Akkord an Dritte weiter!<br /><br />Daraufhin schreibt am 17.6. bei Twitter ein Nutzer namens „Kevin“ mit dem Account @kzdiara „Ich bepiss’ mich, Broder vs Ramelow“ und verlinkt auf den Artikel „Eine ganz übele Methode!“ auf der Homepage der unguten „Achse des Guten“. Retweetet wird das u.a. von einem Twitter-Nutzer namens Benjamin Weinthal (Twitter-Account @BenWeinthal).<br /><br />Am gleichen Tag hat auch Zdiara wieder einmal einen eigenen Beitrag bei der „Achse des Guten“ (bei der es sich eher um eine „Axt des alles andere als Guten“ handelt) untergebracht. Dort formuliert er zunächst sachlich: „Am 10. Juni verabschiedeten Bodo Ramelow (Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Thüringer Landtag), Reinhard Schramm (stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde in Thüringen), Martin Borowsky (Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Erfurt) und Albrecht Schröter eine gemeinsame Erklärung.“ Weiter heißt es in Zdiaras Text: „Im Mai 2012 unterzeichnete Schröter einen Boykottaufruf von Pax Christi, der u.a. vom Autor dieses Textes kritisiert wurde. Diese Kritik wurde von der Jerusalem Post, der Jüdischen Allgemeinen und anderen Medien aufgegriffen.“ Ungesagt bleibt: Autor der Beiträge zu diesem Thema für „Jerusalem Post“ und „Jüdische Allgemeine“ war jeweils Benjamin Weinthal, für die „Jerusalem Post“ darüber hinaus in einem Fall Zdiara selbst. Doch der Student will auf etwas anderes hinaus: „Schröter sah sich durch einen Artikel in der Jerusalem Post vom 30. Mai als „Antisemit verunglimpft“, wie er in einer Stellungnahme schrieb. Doch eine genaue Lektüre des Artikels zeigt, dass weder der Journalist Schröter als solchen bezeichnet noch einer der im Artikel zitierten Schröter-Kritiker.“ (27) Dann wäre allerdings Weinthals reißerische Artikelüberschrift „Nichtregierungorganisationen: Israel-Boykott des deutschen Bürgermeisters ist antisemitisch“ (28) ein ganz falsches Etikett?<br />Besonders perfide: Zdiara selbst hat am 9.6. auf dem englischsprachigen israelischen Internetportal „ynetnews“ behauptet, jemand wie Schröter „versinnbildlicht den „neuen“ Antisemitismus in Deutschland“. Dieser Antisemitismus komme „mit einem Lächeln und behaupte, sich nur für „Menschenrechte“ einzusetzen“.(29) Das hindert Zdiara nicht, Schröter in einem am 14.6.2012 veröffentlichten Interview mit der Zeitschrift „jungle world“ vorzuwerfen: „Er stellt sich als Opfer einer Kampagne dar, die ihn als Antisemiten stigmatisieren wolle.“ (30)<br /><br />Warum also dieser erneute unfaire Angriff auf Schröter? Zdiara wird sehr deutlich: „Albrecht Schröter hat sich um den Kampf gegen Rechts verdient gemacht. Das ist aber hinsichtlich des Verhältnisses zum jüdischen Staat nicht von Belang.“ (31) Es geht um das Verhältnis zum Staat, nicht um das Verhältnis zu Juden – diese Aussage Zdiaras ist wichtig, um den Kern der Kampagne zu verstehen!<br /><br />Auch Henryk M. Broder veröffentlicht am 17.6. einen Beitrag. Der ist wieder gegen Ramelow gerichtet und besteht nur noch aus persönlicher Herabwürdigung. Ramelow, über Broders Schmähungen („mit der Rechtschreibung und der Zeichensetzung hapert es noch ein wenig“, „So also äußert sich die deutsche Bildungskatastrophe. Aber für den Fraktionsvorsitz der SED/PDS/Linkspartei im Landtag von Thüringen reicht es allemal. Wer dort einen Blutwurz von einer Lutherrose unterscheiden kann, gilt schon als Intellektueller.“) empört, hat als Reaktion auf den „Mitternachtstext“ vom 15.6. getwittert: „Henryk M. Broder heißt bei mir ab sofort ‘Sudelbroder!’ Ich bin bekennender Legastheniker und er ein Hetzer!” Broder macht daraus Antisemitismus: „Von einem polnischen Juden lässt er sich schon gar nicht vorführen. Da wachen seine besten Reflexe auf: Sudelbroder, Hetzer. Hieß das früher nicht Volksschädling?“ Broder endet gewohnt krawallig und droht: „Und nun zurück nach Osterholz-Scharmbeck, zu Grünkohl und Roter Grütze, Du Ladenschwengel aus dem Geschlecht Fresenius, bevor ich mich vergesse!“ (32) Nun ist die Zuschreibung „Sudel-Broder“ aber von „Sudel-Ede“ (33) abgeleitet, dem Schmähnamen des berüchtigten SED-Fernsehpropagandisten Karl-Eduard von Schnitzler. Das hat Broder, der sonst eigenem Bekunden nach in der „Gemeinsamen Erklärung“ einen Text erschnüffelt, der „wie ein Kommunique des Politbüros der KPdSU zur Zeit von Leonid Breschnew“ (34) klinge, nicht einmal bemerkt! Oder wollte es nicht bemerken, denn das passt ja einfach nicht in seine Kampagne. Ironischer Farbtupfer in einer ansonsten höchst unappetitlichen Angelegenheit.<br /><br />Die Kampagne ist jedenfalls umgeschwenkt, Hauptziel ist nun nicht mehr Schröter, sondern Ramelow.<br /><br />Broder wettert schon am 18.6. nochmals gegen „die üblichen losen Assoziationen von Gutmenschen“. Der von ihm ausgemachte Hauptfeind steht jetzt ganz vorn: „Zuletzt haben Bodo Ramelow (SED), Martin Borowsky (Deutsch-Israelische Gesellschaft), Reinhard Schramm (Jüdische Landesgemeinde Thüringen) und Albrecht Schröter (OB von Jena) eine „gemeinsame Erklärung“ abgegeben, die sich liest wie ein Kommunique des Politbüros der KPdSU zur Zeit von Leonid Breschnew. Hinter den Kulissen ist aber die wilde Wutz los.“ Den Beweis bleibt Broder allerdings schuldig, denn diese „wilde Wutz“ gibt es eben nicht, trotz aller Bemühungen von Zdiara, trotz aller Kettenmails von Pseudo-Weinthal, der reihum Statements einsammelt und weiterverteilt, um sie wiederum kommentieren und von Broder veröffentlichen zu lassen, trotz aller Bemühungen von Broder, mit immer neuen Schmähungen und der Veröffentlichung fremder E-Mails zu provozieren. Auch diesmal wird von Broder eine Mail abgedruckt, die ein Journalist erhalten hat (wahrscheinlich Weinthal), sie kommt aus der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens.(35)<br /><br />Was auffällt: Anscheinend ähnelt das Vorgehen gegen Schröter und Ramelow nicht zufällig den Kampagnen gegen den renommierten Historiker Wolfgang Benz, langjähriger Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ der TU Berlin, und gegen Hilde Scheidt (Bündnis 90/Die Grünen), Bürgermeisterin von Aachen. Hinsichtlich des Vorgehens gegen Benz hat die Journalistin Sabine Pamperrien in ihrem lesenswerten Beitrag „Anatomie einer Kampagne“, die das Vorgehen detailliert nachzeichnet, betont: „Der Fall Benz ist entscheidend für die Diskussion um die Zukunft des Journalismus.“ (36)<br />Scheidt wiederum hatte als Mitglied der Deutsch-israelischen Gesellschaft Aachen dagegen protestiert, dass die ihren Ehrenpreis ausgerechnet an Broder vergibt und sich so dessen Wut zugezogen.(37) Broder habe sich durch „üble Hetze“ gegenüber Israel-Kritikern hervorgetan, hatte Scheidt seinerzeit betont.(38)<br />In beiden Fällen waren teils die gleichen Protagonisten tätig, bei Benz wie bei Scheidt traten Broder und Weinthal auf (die Ehrenpreis-Laudatorin in Aachen gab Vera Lengsfeld, die dort Broders Intoleranz besonders hervorhob (39)).<br />Broder hat eine Parallelität in einem Beitrag am 15.6. sogar indirekt bestätigt: „Bleibt nur noch ein Problem: Jena sucht eine Partnerstadt in Israel, um sich von dem Ruf, eine Hochburg der Neonazi-Szene zu sein, zu rehabilitieren. Falls daraus nix wird, weil sich der schlechte Ruf der Stadt sogar bis nach Israel rumgesprochen hat, empfehlen wir eine diesbezügliche Anfrage in Aachen. Dort hat man das gleiche Problem und eine sehr kooperationsbereite grüne Bürgermeisterin.“ (40)<br />Der Journalist Alan Posener hat Broder und Weinthal zudem als „Strippenzieher der Kampagne gegen den Expertenkreis“ (41) bezeichnet – gemeint ist der „Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus“ des Deutschen Bundestages. Auch hier haben sich beide offenbar entsprechend aufgeführt, folgt man Poseners Einschätzung: „Wer sich ihrem Ansinnen widersetzt, hat mit Diffamierung zu rechnen.“ Posener weiter: „Jedoch haben sie nicht das Recht, sich als unabhängige Journalisten (im Falle Weinthals) (...) oder unabhängige beleidigte Leberwürste (im Falle Broders) auszugeben. Sie sind Partei, und sie sollten das offen bekennen.“<br />Dem ist nur noch eines hinzuzufügen, die Erbärmlichkeit, die diese Kampagne kennzeichnet: Die von den Strippenziehern selbst angezettelte und mit dubiosen Mitteln weiter befeuerte Kampagne wird (vor allem in ausländischen Zeitungen) zu einer „bundesweiten Kontroverse“ (42) hochstilisiert, Äußerungen ihres Handlangers Zdiara werden zur Reaktion „führender deutscher Nichtregierungsorganisationen“ aufgeblasen.<br /><br />Und warum nun die Kampagnen ausgerechnet gegen Schröter und gegen Ramelow? Es bleibt vor allem ein schlimmer Verdacht: anscheinend machen Strippenzieher wie Handlanger – Broder, Phantom-Weinthal und Zdiara – wegen des Engagements der zwei Politiker gegen Neonazis und für das Erinnern an die im Holocaust ermordeten europäischen Juden gegen beide mobil.<br /><br />Zdiara hat mehrfach klar gemacht, nur Hohn für derlei Engagement übrig zu haben. Als Angela Merkel israelische Siedlungspläne in Gilo in Ostjerusalem kritisiert, kommentiert Zdiara am 2.10.2011 auf der Homepage der grenzwertigen „Achse des Guten“: „Was für eine Infamie! Kein Aufschrei von Hobby-Historikern, die jedes Jahr den Opfer des deutschen Judenmords gedenken, goldene Pflastersteine in den Gehweg einlassen, Straßen nach deutschen Juden umbenennen und längst vergangene und ermordete jüdische Kultur feiern. Alle routinierten Antifaschisten lässt es kalt, dass eine deutsche Bundeskanzlerin es wagt, vom jüdischen Staat ein Wohn- und Bauverbot für Juden in der israelischen Hauptstadt zu fordern.“ (43) Nun ist die Hauptstadtfrage international heftig umstritten. Tel Aviv ist aus diesem Grund Botschaftssitz. Aber was stören solche Nebensächlichkeiten, wenn man sprachlich Ostjerusalem gleich mit zum israelischen Staatsgebiet erklärt.*<br />
Noch perfider hat Zdiara Schröter angegriffen, nachdem der mit dem Toleranzpreis ausgezeichnet worden ist. In Zdiaras Text, natürlich ebenfalls auf der Homepage der „Achse des Guten“ veröffentlicht, heißt es: „Parteien des „konservativen Spektrums“ hätten über Jahre Rechtsextremismus nicht ernst genommen, so Schröter im Deutschlandradio, sie hätten diesen sogar verharmlost. Das ist harter Tobak, erklärt sich wohl aber vor allem anderem aus Schröters Vorstellung, wie der Kampf gegen Rechts zu laufen hat. Denn der Jenaer Oberbürgermeister setzt sich zwar für Meinungsfreiheit ein, aber nicht für alle. Die widerliche Nazibrut hat, selbst wenn es gerichtlich erlaubt ist, für ihn nicht das Recht, sich öffentlich zu äußern.“ (44) Dieser Text erscheint am 19.11.2011, die Zeitungen sind gerade voll mit Berichten über die Neonazi-Terrorgruppe NSU und das Versagen der Sicherheitsbehörden!<br />Dieser Zdiara, der seine Magisterarbeit ausgerechnet über „Pluralismus, Intersubjektivität und Toleranz“ angefertigt hat und der angesichts des Toleranzpreises für Schröter das Recht von Neonazis auf Meinungsfreiheit betont, denunziert nur zwei Monate später, am 26.1.2012, wieder auf der „Achse des Guten“, Menschen, die ihre Meinung äußern wollen und wahrlich keine Nazis sind: „In Berlin versammeln sich Menschen, die Israel aus tiefster Überzeugung hassen, um angeblich der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft über die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost bis zur Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft werden in der Nähe des Deutschen Historischen Museums alle zusammenkommen, die in Deutschland in Sachen Israelhass Rang und Namen haben.“ (45) Was für ein Weltbild!<br /><br />Auch Weinthal hat sich am 23.4.2012 in einem Artikel im Blog „The Corner“ der „National Review Online“ sehr deutlich erklärt: „Die Deutschen zitieren bei Veranstaltungen zur Erinnerung an den Holocaust häufig die Phrase „Es im Keim ersticken“ [gemeint ist: „Wehret den Anfängen“, H.C.M.]. Aber bei den Deutschen und anderen Europäern bezieht „es“ sich auf den Aufstieg des Neofaschismus in den modernen, industriellen Nationen in Europa, und nicht auf die repressive islamistische Regierungen des Iran oder deren Stellvertreter Hamas in Gaza und die Hisbollah im Libanon.“ (46)<br /><br />Wird also das Engagement gegen Neonazis und für das Andenken an die im Holocaust ermordeten europäischen Juden bewusst diskreditiert, da es nach Ansicht von Zdiara und Weinthal in eine falsche Richtung führt? Schlimmer noch: wird der, der sich selbst ernannten höchsten und letzten Instanzen (Broder) nicht unterwirft, einfach generell als „Antisemit“ denunziert?<br /><br />Noch bis zum 26.6.2012 laufen Mail eines Benjamin Weinthal mit der Mail-Adresse der „Jerusalem Post“ (benn@jpost.com) bei Bodo Ramelow ein (gefragt wird u.a.: „Wie finden Sie die neue Kritik von Herrn Broder an Ihnen?“, „Haben Sie Nazi-Sprache gegen Herrn Broder verwendet?“), dessen Anworten werden, trotz der mehrfach geäußerten Forderung, sie nicht an Dritte weiterzugeben, von den „Achsen-“Mächten auf wundersame Weise veröffentlicht. Wird hier der Name einer angesehenen Tageszeitung für private Spielchen missbraucht? Auch der mehrmals von Ramelow geäußerten Forderung, sich überhaupt erst einmal prüfbar zu identifizieren, kommt Pseudo-Weinthal nicht nach. Verhält sich so ein Journalist? Ist das Journalismus?<br /><br />Doch diese Masche läuft inzwischen leer, da man sie erkennt. Einem Mitglied der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen war im Zusammenhang mit der „Gemeinsamen Erklärung“ von Broder per E-Mail vorgeworfen wurde, es sei „zum alibi-juden ernannt“ worden. Originalton Broder: „kann man sie für solche gelegenheiten buchen?“<br />Das Mitglied der Jüdischen Landesgemeinde hat sich jetzt an Weinthal gewandt: „Bitte schreiben Sie mir nicht&nbsp; mehr und schicken Sie mir auch&nbsp; keine Kopien. Ich bin enttaeuscht von Ihnen und Menschen wie Herrn Broder. (...) Wir sind stolz,&nbsp; gerade in der jungen Generation in Thueringen im Kampf gegen Antisemitismus und im Verstaändnis fuer Israel Beachtliches erreicht zu haben. Wir Juden werden das mit unseren zahlreichen nichtjuedischen Freunden in Thueringen weiter tun. Aber bitten lassen Sie und Ihr Umfeld uns in Ruhe. Ohne es zu wissen und zu wollen, beginnen Sie zu zerstören , was wir mit Herz im Kampf gegen Antisemitismus und im Verstaendnis für Israel aufgebaut haben. Nochmals, ich will nichts mehr von Ihrer Art Journalismus und Ihren Mitstreitern erleben.“<br /><br />Hermann Christian Mohro<br />
<i>* Ursprüngliche Formulierung am 2.7.2012 präzisiert, vielen Dank für die freundlichen Hinweise aus Tel Aviv.</i>
<p class="bodytext"><b>Nachtrag 19.7.2012</b>: Phantom-Weinthal hat sich  wieder bei Bodo Ramelow gemeldet und ihm mitgeteilt: &quot;Sie haben bis  Freitag um 1700 Uhr meine Anfrage zu beantworten.&quot; Hier findet sich die <link http://www.thueringenlinks.de/fileadmin/thueringen-links/Weinthal_fordert.pdf - - "Weinthal_fordert.pdf (32 KB)">Mail-Zumutung</link> dieses &quot;Journalisten&quot; (PDF). </p>
<p class="bodytext"><b>Nachtrag 23.7.2012</b>: Die Kampagne geht weiter. Am 22.7.2012 hat Benjamin Weinthal auf der Homepage der „Jerusalem Post“ erneut einen <link http://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=278404 _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">Artikel</link>  nach seinem bekannten Strickmuster veröffentlicht.  „Hauptbelastungszeuge“ gegen Bodo Ramelow, der diesmal namentlich von  Weinthal attackiert wird, ist – man vermutet es schon – der  unvermeidliche Kevin Zdiara. Dessen angebliche Bedeutung ist in den  letzten Tagen trotz seines Rückzugs aus dem Erfurter Vorstand der  Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) und der Twitter-Ankündigung, er  wolle aufgrund seiner Erlebnisse am liebsten in die USA auswandern,  sogar noch gewachsen. Student Zdiara firmiert in Weinthals trüber  Buchstabensuppe inzwischen als jemand, der „bundesweit von  proisraelischen Aktivisten als einer von Israels treuesten Unterstützern  angesehen wird“ („Zdiara, widely viewed by pro-Israel activists across  Germany as one of Israel’s most robust supporters“). Außerdem diesmal im  Visier des dubiosen „Journalisten“ und Kettenmail-Spezialisten  Weinthal: Reinhold Robbe, Bundesvorsitzender der DIG, Martin Borowsky,  Vorsitzender der DIG Erfurt, Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter  und der CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz. </p>
 Auch im israelischen Internetportal „Aretz Sheva“ <link http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/158131#.UA0XAaMld31 _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">verbreitet</link>  sich seit dem 23.7.2012 der zunehmend neurotisch wirkende Kevin Zdiara.  Hier gibt er die Gruselgeschichte zum Besten, Bodo Ramelow habe in der  DIG Erfurt gegen ihn intrigiert. Im Vorspann des Beitrags wird der  Eindruck erweckt, Zdiara sei stellvertretender Vorsitzender der gesamten  DIG („a vice-chairman of DIG“) gewesen. Hinsichtlich der DIG Erfurt  versteigt sich Zdiara zu der denunziatorischen Behauptung, es handle  sich um „eine Organisation, der es wichtiger ist, mit Israel-Hassern zu  kooperieren, anstatt sie anzugreifen“ („an organization that thinks  cooperating with Israel-haters is more important than confronting  them“).
<br /><b>V.i.S.d.P. für diesen Text: Bodo Ramelow<br /></b>
<br />(1) http://www.paxchristi.de/nahost.infos.2/nahost.infos.2.2/nahost.infos.2.2.3/index.html<br />(2) http://www.paxchristi.de/news/kurzmeldungen/one.news.km/index.html?entry=page.news.km.859<br />(3) http://www.paxchristi.de/paxchristi.2/arbeit.2/index.html<br />(4) http://www.paxchristi.de/nahost.infos.2/index.html<br />(5) http://www.jpost.com/LandedPages/PrintArticle.aspx?id=271950 „Leading German NGOs on Tuesday accused Social Democratic Mayor Albrecht Schröter , from the city of Jena in the state of Thuringia, of advocating a boycott of Israeli products that is so aggressive it recalls the Nazi-era campaign “Don’t buy from Jews” and contributes to the delegitimization of the Jewish state.”<br />(6) „NGOs: German mayor’s Israel boycott anti-Semitic“.<br />(7) http://www.jpost.com/Authors/AuthorPage.aspx?id=48 „Benjamin Weinthal is a European correspondent at The Jerusalem Post.&nbsp; He is based in Berlin, Germany. “<br />(8) http://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=272452 „Kevin Zdiara, deputy chairman of the German-Israel friendship society (DIG) in Thuringia’s capital Erfurt, equated the boycott effort with the Nazi-era slogan „Don’t Buy from Jews.” “<br />(9) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/will_jenas_ob_die_stadt_judenwarenrein_halten/<br />(10) http://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=272452 „The mayor failed to focus the city’s resources on preventing the delivery of weapons to a neo-Nazi terrorist group”.<br />(11) http://www.jpost.com/LandedPages/PrintArticle.aspx?id=272813 „left-wing NGO Pax Christi“.<br />(12) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13170<br />(13) http://www.perlentaucher.de/ptautor/benjamin-weinthal.html<br />(14) http://www.jpost.com/Authors/AuthorPage.aspx?id=48<br />(15) http://www.polsoz.fu-berlin.de/kommwiss/institut/journalistenkolleg/ejf/fellows/fellows_06_07/index.html<br />(16) http://www.defenddemocracy.org/about-fdd/team-overview/research-fellow/<br />(17) Vgl. http://www.defenddemocracy.org/about-fdd/team-overview/category/board-of-advisors<br />(18) Vgl. http://www.defenddemocracy.org/about-fdd/team-overview/category/leadership-council<br />(19) Vgl. http://www.weeklystandard.com/author/benjamin-weinthal<br />(20) Vgl. http://www.uni-erfurt.de/max-weber-kolleg/personenverzeichnis/kevin-zdiara/<br />(21) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_richtige_preis_fuer_den_richtigen_mann/<br />(22) http://www.tlz.de/web/zgt/politik/detail/-/specific/Nach-Pax-Christi-Aufruf-Massive-Verbalangriffe-auf-Jenas-OB-2042429165<br />(23) http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/zurueck/texte/artikel/gemeinsame-erklaerung/<br />(24) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/nicht_nur_sauber/<br />(25) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/eine_ganz_uebele_methode/<br />(26) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/eine_ganz_uebele_methode/<br />(27) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/gefuehlt_wie_brueder/<br />(28) http://www.jpost.com/LandedPages/PrintArticle.aspx?id=271950 „NGOs: German mayor’s Israel boycott anti-Semitic“.<br />(29) http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4240101,00.html „Someone like Schröter is emblematic of the „new“ anti-Semitism in Germany. It comes with a smile and claims to only care for „human rights“.“<br />(30) http://jungle-world.com/artikel/2012/24/45645.html<br />(31) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/gefuehlt_wie_brueder/<br />(32) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/graf_bobby_gibt_sich_die_ehre/<br />(33) Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Eduard_von_Schnitzler<br />(34) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/kleiner_mann_was_tun/<br />(35) Vgl. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/kleiner_mann_was_tun/<br />(36) http://starke-meinungen.de/blog/2010/09/16/anatomie-einer-kampagne/<br />(37) Vgl. http://www.aweyermann.de/aus-der-giftkche-henryk-m-broder-und-die-jagd-auf-hilde-scheidt/.<br />(38) http://www.aachener-zeitung.de/artikel/1949941<br />(39) Vgl. http://www.dig-aachen.de/dig-aachen-new/Laudatio%20Vera%20Lengsfeld.htm<br />(40) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/nicht_nur_sauber/<br />(41) http://starke-meinungen.de/blog/2009/12/08/was-ist-los-in-der-antisemitismuskommission-des-bundestags/<br />(42) Der Titel des „Jerusalem Post“-Artikels von Weinthal vom 3.6.2012 lautete: „German controversy over Israel boycott“.<br />(43) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/frech_wie_angela/<br />(44) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_richtige_preis_fuer_den_richtigen_mann/<br />(45) <link Http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/zivilisation_oder_barbarei/>http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/zivilisation_oder_barbarei/</link> Student Zdiara hat sich als „Gastautor“ der „Achse des Guten“ auch an „den Überzeugungstätern bei der Süddeutschen Zeitung“ sowie am CDU-Bundestagsabgeordneten Ruprecht Polenz abgearbeitet, vgl. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_sz_macht_sich_sorgen_um_die_demokratie_in_israel/ sowie http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/polenz_in_den_fussstapfen_von_steiner/<br />(46) <link http://www.nationalreview.com/corner/296800/have-we-learned-holocaust-benjamin-weinthal>http://www.nationalreview.com/corner/296800/have-we-learned-holocaust-benjamin-weinthal</link> „The Germans frequently invoke the phrase “nip it in the bud” at Holocaust remembrance events in the Federal Republic. But to Germans and other Europeans, „it“ refers to the rise of neo-Nazi fascism in the modern, industrial nations of Europe, rather than the repressive Islamist governments of Iran, or its proxies Hamas in Gaza and Hezbollah in Lebanon. “
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<h2>Was andere da​zu schreiben:</h2>
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<ul><li><link http://www.nzz.ch/meinung/debatte/die-wahren-feinde-israels-1.17235815 _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">Die wahren Feinde Israels Gastkommentar von Avraham Burg, früherer Sprecher der Knesset, auf nzz.ch</link></li></ul>
<ul><li><media 9850>Deklaration: Auf Produkte aus den Siedlungen gehört kein «Made in Israel»-Etikett - Die Siedlungen sind nicht Israel</media><media 9850> (von Alon Liel)</media></li></ul>
<ul><li><media 9850>HEKS-Themendossier - Güter aus israelischen Siedlungen im Sortiment der Schweiz Grossverteiler</media></li></ul>]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Grundsätze</category>
			<category>Politisches</category>
			<category>Demokratie</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 28 Jun 2012 16:53:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Offener Brief von Bodo Ramelow an Patrick Kurth (FDP)</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/offener-brief-von-bodo-ramelow-an-patrick-kurth-fdp-1/</link>
			<description>Sehr geehrter Herr Patrick Kurth,in der Tat -  Ihr Brief trägt einen „grenzwertigen“ Charakter und...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">Sehr geehrter Herr Patrick Kurth,<br /><br />in der Tat -  Ihr Brief trägt einen „grenzwertigen“ Charakter und zeigt mir, auf  welch seltsame Art Sie mittlerweile als Geschmacksbestimmer des  Stammtisches tätig werden wollen.<br />Tatsächlich ist der 17. Juni ein  wichtiges Datum in der deutschen Geschichte, und die 59. Wiederkehr der  Ereignisse in der damaligen Stalin-Allee sowie die daraus resultierenden  Proteste sind für mich nach wie vor starke Argumente, mit denen sich  DIE LINKE auseinandersetzen muss. <br /> </p>
<p class="bodytext">Der Bundestagsabgeordnete, der für die PDS  kandidiert hat - der Schriftsteller Stefan Heym - hat in seinem Buch „5  Tage im Juni“ eine für mich spannende Lektüre geschaffen jenseits der  harten Fakten, um mit der Romanfigur dem Leser eine Möglichkeit zu  geben, sich selbst in das Geschehen einzuordnen. Dass in der DDR dieses  Buch zwar in den 50er Jahren in einer Vorfassung noch abgedruckt wurde,  später aber nicht mehr zugelassen war, zeigt, wie engstirnig die  DDR-Oberen zum Thema 17. Juni agiert haben. <br />Ich glaube aber kaum,  dass Sie ernsthaft mit mir darüber reden wollen, denn als  Generalsekretär einer Blockpartei hätten Sie dann auch Gelegenheit, über  den LDPD-Teil selbst zu reflektieren.<br /> </p>
<p class="bodytext">Unabhängig davon weiß ich aber überhaupt nicht, in  welcher Eigenschaft Sie mir diesen seltsamen und mehr als grenzwertigen  Brief schreiben.<br />Dass Sie mich sogar auffordern, auf meine Lesung aus  dem Buch „Made in Thüringen? - Nazi-Terror und  Verfassungsschutz-Skandal“ (VSA-Verlag) zu verzichten und zudem meine  Lesung überhaupt nicht am 17. Juni stattfinden wird, zeigt nur, dass es  Ihnen weder um differenzierte Sichten noch um den 17. Juni selber geht,  sondern offenbar um Ihre Form, sich nur des Themas zu bemächtigen.<br /> </p>
<p class="bodytext">Ich könnte Ihnen genauso dringlich jetzt die Frage  vorlegen, wie Sie und Ihre schlagende Verbindung sich zu den Ereignissen  von Eisenach stellen, die erst vor wenigen Tagen passiert sind. Da Sie  aktives Mitglied der „Germania Jena“ sind, die - soweit ich weiß - nicht  in der DB vertreten ist, frage ich Sie deshalb nach Ihrer  burschenschaftlichen Sicht, ob es legitim ist, Herrn Bonhoeffer heute so  zu bezichtigen, wie es die Vertreter der DB getan haben und wie es der  Mehrheitsbeschluss anschließend sogar noch faktisch bekräftigt hat.<br /> </p>
<p class="bodytext">Da Sie aber von der DB als aktiver Burschenschaftler  im Deutschen Bundestag präsentiert wurden, bezieht sich zumindest die  DB auf Sie und deshalb meine Frage, wie geschmacklos diese Provokation  durch die Burschenschaftsorganisation zu werten ist, die tatsächlich den  gesellschaftlichen Grundkonsens in Deutschland mit Füßen tritt. Dies,  was Burschenschafter nun öffentlich angerichtet haben, überschreitet die  Grenzen des gesellschaftlich Erträglichen, um es mit Ihren Worten zu  qualifizieren. Ihrer Stellungnahme sehe ich entgegen.<br />Eine letzte  Frage habe ich allerdings auch an Sie als Thüringer  Bundestagsabgeordneten und als Generalsekretär einer Partei, die von  Thüringerinnen und Thüringern gewählt werden möchte: Verlangen Sie auch,  dass das am gleichen Tag stattfindende Krämerbrückenfest eingestellt  wird? Oder verlangen Sie von mir, dass ich - falls ich zum  Krämerbrückenfest gehen möchte - dort nicht hingehen darf? Oder  verlangen Sie, dass der 17. Juni zu einem stillen Gedenktag wird, an dem  Feiern in genereller Art verboten sein sollen oder geht es Ihnen nur  darum, dass meine Partei am 17. Juni, am Tag des Mauerbaus oder an  anderen Gedenktagen der DDR nicht feiern darf, damit es generell keine  Irritationen gibt?<br /> </p>
<p class="bodytext">Bedeutet das, dass wir in Zukunft den Tag der  Maueröffnung nicht mehr feiern dürfen, weil er gleichzeitig einer der  schrecklichsten Tage des Nationalsozialismus ist? <br />Ich glaube kaum,  dass Sie „meiner Antwort mit Interesse entgegensehen“ und denke, dass  Sie nur versuchen wollen, billiges politisches Kapital mit diesem  Klamauk aus den tatsächlich tragischen Ereignissen des 17. Juni zu  ziehen.<br /> </p>
<p class="bodytext">Dass Sie und Ihre Partei aber auf der Seite der  Arbeiter stehen würden, wage ich doch zu bezweifeln. Ich kann nur  erkennen, dass Sie auf Seiten der Freiheit der Kapitalbesitzer und der  Kapitalnutzer stehen, gegen die sich die Arbeiter auch in der  Stalin-Allee mit Sicherheit empört hätten, wenn in deren Interesse die  Normen heraufgesetzt worden wären. <br />So oder so: Arbeiterkämpfe um  gerechten Lohn sind nun wahrlich nicht die Angelegenheit Ihrer Partei,  und deshalb gedenke ich dem 17. Juni auf meine Art - unbelästigt von  Ihren Vorschriften, die Sie versuchen, anderen zu machen.<br /><br />Mit freundlichen Grüßen<br /><br />Bodo Ramelow</p>
<p class="bodytext"><br /><media 9771>Dubioses Fax von Patrick Kurth an Bodo Ramelow und Bodo Ramelows Antwort als PDF</media></p>]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>DDR-Aufarbeitung</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 12 Jun 2012 15:01:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Gemeinsame Erklärung</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/gemeinsame-erklaerung/</link>
			<description>Am 10.6. fand im Zusammenhang mit der Debatte, die durch den Aufruf  von pax christi  vom...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Am 10.6. fand im Zusammenhang mit der Debatte, die durch den Aufruf  von pax christi&nbsp; vom 22.5. d.J. ausgelöst worden war, ein offenes und  konstruktives Gespräch zwischen Martin Borowsky (Vorsitzender der  Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Erfurt - DIG), Reinhard Schramm  (stellv. Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen), Bodo  Ramelow (Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag) und Albrecht  Schröter (Oberbürgermeister in Jena) statt. Dabei erklärte Schröter: „Es  war und bleibt mein Anliegen, auf eine Kennzeichnung von Produkten aus  besetzten Gebiete hinzuwirken, damit der Verbraucher frei entscheiden  kann, ob er kaufen möchte oder nicht. Einen generellen Boykott  israelischer Waren halte ich nicht für richtig. Ich werde meine  Unterschrift des Aufrufs mit dieser Klarstellung versehen.“ <br /><br />Martin  Borowsky machte deutlich, dass die DIG den Aufruf von pax christ  ablehnt. Gleichzeitig bedauerte er im Namen der DIG, dass die Sachfragen  überlagert worden seien von persönlichen Diffamierungen und Angriffen  auf die Person des Oberbürgermeisters Schröter. Die DIG distanziere sich  davon in aller Form und sei der Auffassung, dass die Gemeinsamkeiten  zwischen ihr und Albrecht Schröter stärker als bisher in den Vordergrund  gestellt werden sollten. <br /><br />Gemeinsam sind die Gesprächspartner  davon überzeugt, dass nur die Einhaltung von Völker- und Menschenrechten  den von allen ersehnten Frieden im Nahen Osten sichern wird. Deshalb  stehen Gewalt – wie der Beschuss israelischer Siedlungen – als auch der  Verstoß gegen internationales Recht - wie die Errichtung illegaler  Siedlungen - dem Frieden und einer Zwei-Staaten-Lösung entgegen. „Nur  der Verzicht auf Gewalt und die wechselweise Anerkennung des  Existenzrechtes eines jüdischen und eines palästinensischen Staates  können Grundlage eines gerechten Friedens sein“, betonte Martin  Borowsky. „Das Glück des einen Volkes hängt vom Glück des anderen ab. Es  kann den Palästinensern nicht gut gehen, wenn es Israel nicht gut geht,  und es kann Israel nicht gut gehen, wenn es den Palästinensern nicht  gut geht“, fügte Albrecht Schröter hinzu.<br /><br />Reinhard Schramm war es  ein besonderes Anliegen, dass es zwischen der Jüdischen Landesgemeinde,  der DIG und der Stadt Jena weitere Aktivitäten gibt, die das Verhältnis  zwischen Juden und Nichtjuden sowie das gute Verhältnis zu Israel, aber  auch zu den Palästinensern stärken. Dazu zählen der kompromisslose  Einsatz gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und  Fremdenfeindlichkeit, die Intensivierung von Kontakten zu Nachfahren  jüdischer Emigranten oder die Suche einer israelischen Partnerstadt für  Jena. Eine besondere Rolle sollten künftig gemeinsame Diskussionsforen  spielen.<br /><br /><br /><br />Martin Borowsky<br />Bodo Ramelow<br />Reinhard Schramm<br />Albrecht Schröter
<br />
<h5>Brief von Martin Borowsky (Vorsitzender der DIG Erfurt) an Herrn Weinthaler (Jerusalem Post)<br /></h5>
Sehr geehrter Herr Weinthal,

auf  dem Weg zu einem &quot;Dreiländertreffen&quot; der DIG, der  Österreichisch-Israelischen Gesellschaft und der Gesellschaft  Schweiz-Israel in Berlin, an dem ich als Präsidiumsmitglied der DIG auf  Einladung von Herrn Robbe teilnehme, erlaube ich mir einen  &quot;Zwischenruf&quot;, da ich den Eindruck habe, dass die Debatte in eine  Schieflage gerät:

Mit  Herrn Ramelow und Herrn Schröter sind wir als DIG seit vielen Jahren im  Kampf gegen den Rechtsextremismus verbunden, der in Thüringen gewiss  nicht einfach, aber auch keineswegs aussichtslos ist. Verbunden sind wir  auch in unserem Engagement für Israel, wobei in der DIG natürlich  unterschiedliche politische Auffassungen herrschen. Einige Worte der  Erklärung: <br />

Bodo  Ramelow ist seit dem Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr  2000 engagiertes Mitglied der DIG. Erst vor kurzem hat er an einer  Podiumsdiskussion mit Professor Dietmar Herz, der derzeit das dann  maßgebliche Werk zur Geschichte des Staates Israel (Beck Verlag)  fertigstellt, und Yakoov Lozowick teilgenommen. Er hat persönlich einen  Besuch von Frau Ben-Chorin nach Thüringen organisiert und mitfinanziert.  Er holt immer wieder seinen Freund Rabbiner Professor Homolka nach  Erfurt. Dies als Ausschnitt. Herr Ramelow ist einer derjenigen Politiker  der Linken, denen es gelingen könnte, israelfeindliche Tendenzen in  jener Partei zu überwinden. Zusammengefasst: Herr Ramelow ist ein  aufrichtiger Freund Israels, der auch von Wolfgang Nossen, dem  Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, sehr geschätzt  wird.

Dies  gilt auch für Hern Schröter, auch wenn er aus unserer Sicht einen  schweren Fehler begangen hat, als er seine Unterschrift unter den  Boykottaufruf von pax christ setzte, den wir - wie auch Herr Ramelow (!)  - strikt ablehnen.

Herr  Schröter hat die Gründung der DIG Jena unterstützt und nimmt seit  langem an den Chanukkahfeiern der Jüdischen Landesgemeinde teil. Er ist  aufrichtig auf der Suche nach einer israelischen Partnerstadt Jenas,  deren renommierte Universität gute Kontakte zu Israel pflegt.

Die  &quot;Gemeinsame Erklärung&quot; ist - natürlich - ein Kompromiss, wobei ich  aufgrund langjähriger Erfahrung als Zivilrichter Kompromisse durchaus  für sinnvoll halte. Uns als DIG - und hierfür hat sich der Vorstand der  DIG Erfurt auf der jüngsten Vorstandssitzung am Dienstag geschlossen  ausgesprochen - ist sehr daran gelegen, die Diskussion ad rem, zur  Sache, und nicht ad personam zu führen.

Sehr geehrter Herr Weinthal, in Thüringen stehen wir vor großen Herausforderungen. 

Es  gilt, das zum Gutteil noch nicht bewältigte Erbe zweier Diktaturen zu  überwinden, die Aufarbeitung steht hier teilweise erst am Anfang, es  gilt, die Ressentiments älterer Bürger gegenüber Israel zu kontern, ein  belastendes Erbe der DDR,<br />

es gilt aktuell, mit dem furchtbaren Versagen in Thüringen in Sachen NSU umzugehen, hieraus Lehren zu ziehen, 

es gilt, den etwa in Südthüringen virulenten Rechtsextremismus zu bekämpfen,

es gilt, die Asymmetrie zwischen Tätern und Opfer zu überwinden, durch Mahnmale, Gedenkzeichen wie die Erfurter DenkNadeln,

und nicht zuletzt gilt es, ein neues, blühendes Leben der jüdischen Gemeinde in Thüringen zu ermöglichen.

In  dieser Situation wäre es aus meiner Sicht kontraproduktiv, ausgerechnet  einen Streit unter den Freunden Israels zu führen, mag es hier auch  vielfältige Nuancen, Schattierungen und Auffassungen geben, es wäre  kontraproduktiv, Menschen wie Bodo Ramelow oder Albrecht Schröter an den  Pranger zu stellen.

Im  Vorstand der DIG Erfurt waren wir uns einig, auch aufgrund mancher  Reaktionen in der Bevölkerung, dass eine Fortsetzung der Kontroverse  letztlich sogar schädlich für unsere Anliegen sein könnte. <br />

Sehr geehrter Herr Weinthal, Sie sind herzlich  eingeladen, etwa bei einer Deutschlandreise, nach Erfurt zu kommen und  mit uns, etwa mit Dietmar Herz (derzeit Staatssekretär im Thüringer  Justizministerium und mein Vorgänger als Vorsitzender der DIG Erfurt)  und Bodo Ramelow oder Walter Homolka, zu diskutieren. Vor kurzem haben  wir etwa Eldad Beck bei uns gehabt.

Ich verbleibe

mit besten Grüßen aus Erfurt - Schalom

Martin Borowsky]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Nahost-Debatte</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 11 Jun 2012 14:07:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Offener Brief  „Schlecker“-Insolvenz darf nicht zur Perspektivlosigkeit führen</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/offener-brief-schlecker-insolvenz-darf-nicht-zur-perspektivlosigkeit-fuehren/</link>
			<description>Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von „Schlecker“,liebe Kolleginnen und Kollegen,nun ist vom...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von „Schlecker“,<br />liebe Kolleginnen und Kollegen,<br /><br />nun ist vom Gläubigerausschuss das endgültige Aus für die Drogeriekette „Schlecker“ und damit für Ihre Arbeitsplätze beschlossen worden. Betroffen sind Sie, Ihre Kolleginnen und Kollegen – bundesweit 25.000 Beschäftigte, viele davon Frauen, darunter nicht wenige Alleinerziehende und Ältere. Wir trauern mit Ihnen um den Verlust Ihrer Arbeitsplätze.<br /><br />Leider ist die Bundesregierung der fatalen Devise gefolgt: „Bei den Banken ist man fix, für die Schlecker-Beschäftigten tut man nix!“ Chancen wurden leichtfertig vertan. Die Regierung und die sie tragenden Parteien CDU, CSU und FDP haben in skandalöser Weise versagt, denn durch sie wurde die Freigabe von Finanzmitteln zur Gründung von Transfergesellschaften verweigert. Zu einem „Rettungsschirm für die Schlecker-Beschäftigten“, wie von der Linkspartei gefordert, ist es nicht gekommen. Es war dabei vor allem die FDP, die aus ideologischen Gründen gegen Ihre Interessen agiert hat, denn Sie gehören nicht zur Zielgruppe dieser „Partei der Besserverdienenden“. Wir bedauern, dass es der Bundeswirtschaftsminister nicht für nötig hielt, mit Ihnen, Ihren Betriebsräten und Ihrer Gewerkschaft über echte Alternativen zu reden und echte Auffanglösungen zu erarbeiten. Die bisherige Vermittlung ehemaliger „Schlecker“-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die Bundesagentur für Arbeit in neue Beschäftigung war leider noch keine Erfolgsgeschichte.<br /><br />Für Thüringen bedeutet das Ende von „Schlecker“ auch einen Raubbau an der Infrastruktur im ländlichen Raum durch die Schließung der oft einzigen noch vorhandenen Verkaufsstellen. Damit verbunden ist eine abnehmende Lebensqualität vor Ort.<br /><br />Die Solidarität der Linkspartei sowie der Linksfraktion im Thüringer Landtag gilt Ihnen, also den Beschäftigten von „Schlecker“, und Ihren Familien. Sie sind Opfer von Misswirtschaft und Ignoranz. Wir bedanken uns ausdrücklich bei Ihnen für Ihre Kraft, mit der Sie um Ihren Arbeitsplatz gekämpft haben. Wir bedanken uns bei Ihnen für Ihre Kraft und das Engagement, welche Sie auch für Ihre Region, für Ihren Ort geleistet haben. Natürlich stehen wir für Gespräche mit Ihnen, mit Betriebsräten, Gewerkschaften, Kommunen, Bürgerinitiativen und potentiellen Investoren zur Verfügung, gern auch als Moderatoren.<br /><br />Wir sehen nach wie vor in der Umwandlung bisheriger „Schlecker“-Filialen in Bürgerläden und andere Möglichkeiten der Nahversorgung vor Ort eine erfolgversprechende Strategie. Sie muss allerdings politisch gewollt sein und finanziell sowie logistisch gefördert werden.<br /><br />Nun bleibt es uns nur, Ihnen ganz fest die Daumen zu drücken, dass Sie wirklich schnell in nachhaltige Beschäftigung vermittelt werden – vielleicht sogar in neuen Stadtteil- und Dörflichen Dienstleistungszentren.<br /><br />&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br /><br />Bodo Ramelow&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag 
<br />
Ina Leukefeld
Sprecherin der Fraktion DIE LINKE&nbsp;im Thüringer Landtag für Arbeitsmarktpolitik]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Wirtschaft</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 04 Jun 2012 15:17:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>DIE LINKE reloaded</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/die-linke-reloaded-1/</link>
			<description>In den letzten Wochen bot die Partei DIE LINKE in der Öffentlichkeit  wahrlich kein Bild der...</description>
			<content:encoded><![CDATA[In den letzten Wochen bot die Partei DIE LINKE in der Öffentlichkeit  wahrlich kein Bild der Geschlossenheit. Überschriften in Zeitungen  deuteten eher auf eine Theaterkompanie als auf eine politische Partei,  die sich die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der  Menschen auf die Fahnen geschrieben hat. „Von der Komödie zur Farce“ war  zu lesen, von „Dramen, die sich wiederholen würden“; mir ging manchmal  durch den Kopf, dass auf dem Spielplan „Warten auf Godot“ oder „Salome“  standen.<br />Als Parteibildungsbeauftragter, der viel Energie in diese vereinigte deutsche Linke gesteckt hat, schmerzt mich dieser Zustand.<br />Die  letzten Tagen erinnern eher an ein Schmierentheater, wenn man weiß,  dass die Fraktions- und Landesvorsitzenden im Dezember vereinbart  hatten, dass Gespräche unter Einschluss von Dietmar Bartsch und Oskar  Lafontaine geführt werden, wobei Oskar Lafontaine zugesagt hatte, dass  Dietmar Bartsch in einer künftigen Parteiführung eine gewichtige Rolle  spielen solle.<br />Monate sind vergangen – Gespräche wurden offenbar  nicht geführt oder wenn, dann ohne Wirkung oder ohne den notwendigen  Ernst, und seit neuestem weiß ich von der Thüringer Regionalkonferenz:  in jedem Fall ohne Klaus Ernst, den Vorsitzenden unserer Partei.<br />Nun hat Oskar Lafontaine sein Angebot zurückgenommen, welches so viel Hoffnung, Zerrissenheit und Unzufriedenheit ausgelöst hat.<br />Zu  hoffen war, dass DIE LINKE als plurale Partei eine Führung präsentiert,  die das Wort kooperativ auch mit Leben ausfüllt und dass dort  ausreichend Platz für Oskar Lafontaine und Dietmar Bartsch wäre. <br />Mein  Vorschlag, gebetsmühlenartig seit über einem Jahr laut vorgetragen,  hieß Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch als Parteivorsitzende sowie  Oskar Lafontaine und Gregor Gysi als Spitzenkandidaten zur  Bundestagswahl. Immer wieder bin ich dafür attackiert oder verlacht  worden. Meine Vorstellung einer pluralen Partei, die auf Erfolgskurs  gehalten werden kann, ist aber, Inhalte und Köpfe zu verbinden und das  Prinzip Solidarität auch im Inneren der Partei zu leben und  auszustrahlen. Hiervon war in den letzten Wochen wenig zu spüren. Die  Begleitmusik der Kakophonie der letzten Wochen war schrill.<br />Während  wir in Schleswig-Holstein vom Wähler aus dem Landtag auf die Strafbank  versetzt wurden, erzielten wir am gleichen Tag in Thüringen den größten  Erfolg unserer Partei, der jemals bei Landrats-, Oberbürgermeister- und  Bürgermeisterwahlen deutschlandweit erreicht wurde. Auch bei der letzten  Landtagswahl hatten wir mit 27,4 Prozent bis heute unangefochten das  beste Ergebnis aller Landesverbände.<br />Der Erfolg in Thüringen basiert  darauf, dass wir Konflikte kulturvoll austragen, Widersprüche beim Namen  nennen und Unangenehmes bei Bedarf auch aussprechen.<br />Doch es gilt,  diese Dinge jeweils rechtzeitig zu thematisieren und sie nicht zu  größeren, unüberbrückbaren Bergen anwachsen zu lassen.<br />Das alles hat  unsere derzeitige Parteiführung nicht geleistet. Klaus Ernst verhielt  sich eher wie ein Pressesprecher oder persönlicher Referent von Oskar  Lafontaine, nicht aber wie ein Parteivorsitzender, und so sind die  Gräben tiefer geworden. Es gilt, das im Vorfeld des Parteitages von  Göttingen zu analysieren, und das dort zu wählende Personal muss das  Verständnis dazu haben, dass niemand als Verlierer vom Platz gehen darf.<br />DIE LINKE kann sich neu erfinden und muss es auch!<br />Dass  DIE LINKE notwendig ist, zeigt sich daran, dass Themen wie der  gesetzliche Mindestlohn von uns auf die politische Agenda gesetzt wurden  zu einem Zeitpunkt, wo selbst Gewerkschaften das noch abgelehnt haben.  Heute überholt uns die SPD und selbst die CDU versucht, unseren  Politikansatz in diesem Punkt zu kopieren. Links wirkt, kann man sagen,  aber leider sind dann auch Themen nicht mehr uns klar zugeordnet, wenn  andere sie aufgreifen. <br />So ist das aber: Wenn man erfolgreich Politik  machen will, wird dann dies nicht mehr automatisch einem zugeordnet,  wenn man den Erfolg in der gesellschaftlichen Debatte erzielt. Hier ist  es notwendig, mehr Ruhe, mehr Gelassenheit, aber auch mehr innere  Kompetenz zur Entwicklung von Themen zu entfalten, damit das Pfund, mit  dem wir wuchern können, unsere Stärke wird. <br />Wir sind im Osten  regionale Volkspartei und im Westen aktive Nischen-Partei. „Nische“  meint nicht irgendeine Ecke, sondern Ergebnisse zwischen drei und sieben  Prozent. Dieses Ungleichgewicht kann aber unsere Stärke sein, wenn wir  lernen, aus den Differenzen Kraft zu entwickeln. <br />Warum sollen wir  mit unserer Ostkompetenz und der regionalen Rückbindung in die  Gesellschaft nicht Themen wie längeres gemeinsames Lernen,  flächendeckende Kita-Betreuung oder gar Gemeindeschwester und  Landambulatorium als Beispiele herausgreifen und so entwickeln, dass  auch im Westen deren Zukunftsfähigkeit akzeptiert wird?<br />Umgekehrt  müssen die sozialen Leitplanken in dieser Gesellschaft für uns stärker  im Vordergrund stehen: der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn, von  dem sich ein Mensch ernähren können muss oder ein soziales  Sicherungssystem, in das alle Menschen einzahlen als bessere Alternative  zum kapitalgedeckten Modell.<br />Aber auch die spürbare Besteuerung von  Vermögen als Antwort auf eine immer skurrilere Sparpolitik wäre ein  Thema, das in West und Ost gleichermaßen wirkt, denn letztendlich ist es  nicht Ostkommune gegen Westkommune – die chronisch unterfinanzierten  Kommunen sind generell ein Problem der Demokratie. <br />Alles das sind  Themen, die in unserer Partei hoch entwickelt sind, die wir uns aber  wechselseitig nicht gestatten, als gemeinsames Erfolgsmodell zu  präsentieren. <br />Unsere Thüringer Antwort auf den Atomausstieg heißt  Energierevolution statt grünem Kapitalismus und ist geprägt von den drei  Kernbegriffen regional, dezentral und regenerativ. Dies – angereichert  durch Energieproduktion in Gemeindewerken, Bürgergenossenschaften und  das Ganze unter Einbeziehung des Stromnetzes in öffentlicher Hand –  wären gesellschaftsverändernde Prozesse, die wieder mehr Kraft in  gesellschaftliche Bewegung und letztendlich mehr Substanz in unsere  Demokratie hineintragen würden. Hier haben wir Antworten, die uns sowohl  von einer SPD unterscheidet, die immer links blinkt und dann scharf  rechts abbiegt, als auch von den Piraten, die die digitale Welt gut  durchdrungen haben, aber auf andere gesellschaftliche Fragen wenige bis  keine Antworten haben. Schwarmwissen ist eben keine Garantie für eine  kluge Antwort, sondern manchmal nur eine Mehrheitsmeinung, weder  gesellschaftsverändernd noch demokratiefördernd.<br />Unser Parteiprogramm  lässt sich zum Thema Netzpolitik und Herausforderungen der digitalen  Welt allemal an den Piraten messen. Da es hierzu aber bei uns keinen  Streit gegeben hat, ist niemandem aufgefallen, dass wir mit unseren  Antworten auf der Höhe der Zeit sind.<br />Unsere BAG Netzpolitik  funktioniert strömungsübergreifend und in ganz Deutschland – aber eben  leider reibungslos, so dass kaum jemand merkt, wie gut wir hier  aufgestellt sind. Dies aber ist von unserer Bundesgeschäftsführung nie  verstanden und von der Parteiführung nie weiter vorangetrieben worden. <br />Trotz  eines komplexen Kommunikationsmodells, das mittels elektronisch  basierter Mobilisierung unserer netzaffinen Mitglieder auch an der  Entwicklung der Partei besser und schneller mitwirkt, fühlen sich junge  Leute bei uns nicht so gut aufgehoben wie bei den Piraten. Vielleicht  wirkt hier der sehr schlechte Umgang mit dem beantragten Mitgliedervotum  zur Entscheidung über Personalfragen nach. Gleichwohl: Auch der Hype  des Protestes wird bei den Piraten durchziehen, und im Moment ist nicht  entschieden, ob die nicht eher als eine Art Staubsaugereffekt zur  Stabilisierung von Schwarz-Gelb wirken.<br />Dies entlastet uns aber nicht  von der Frage, unsere Hausaufgaben zu machen, einen Neustart aus der  Mitte der Partei auf den Weg zu bringen, die Basis einzubinden, endlich  ein höheres Maß an Mitgliederbeteiligung sicherzustellen und aus dem  digitalen Tiefschlag aufzuwachen.<br /><br />DIE LINKE reloaded? <br />Wir arbeiten daran, und Göttingen kann ein gutes Signal dafür werden.<br /><br />Bodo Ramelow]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Partei &amp; Wahlen</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 28 May 2012 18:15:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die digitale LINKE ausbauen</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/die-digitale-linke-ausbauen/</link>
			<description>Antrag an den 3. Bundesparteitag (1. Tagung)
Der Bundesparteitag möge beschließen:Der Wunsch nach...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<b>Antrag an den 3. Bundesparteitag (1. Tagung)<br /></b>
<b>Der Bundesparteitag möge beschließen:</b><br /><br />Der Wunsch nach Transparenz, direkter Beteiligung und mehr Mitbestimmung der Menschen in der Politik bewegt heute viele mehr denn je. Direkte Demokratie, Bürgerbeteiligung an Planungsverfahren oder die Offenlegung von Bezügen von PolitikerInnen finden breite Zustimmung in der Bevölkerung. Klassische Parteienpolitik, Hinterzimmer-Runden und intransparente Entscheidungsfindungen sind dagegen ein Grund für verbreitete Parteienverdrossenheit.<br /><br />Die Kritik richtet sich an die etablierten Parteien. Will DIE LINKE in dieser Auseinandersetzung bestehen, muss sie Forderungen nach Transparenz und Mitbestimmung ernst nehmen, gerade weil die Demokratisierung der Gesellschaft zu ihrem programmatischen Kern gehört. Sie muss daher auch Formen und Wege ihres innerparteilichen Diskussions- und Willensbildungsprozesses neu diskutieren und ganz praktisch ändern. Um in Zukunft mehr Menschen die Beteiligung an Debatten und Entscheidungen zu ermöglichen, sind digitale Orte der transparenten Diskussion und der Entscheidung ein zusätzliches wichtiges Instrument. Liquid Democracy ist eine Idee, mit der DIE LINKE in der Debatte um das neue Parteiprogramm bereits erste praktische Erfahrungen sammeln konnte. Auch die Diskussion um den Stellenwert von Netzpolitik im Parteiprogramm, die von der BAG Netzpolitik und weiteren Mitgliedern angestoßen wurde, hat gezeigt, dass sich DIE LINKE auf den Weg gemacht hat, die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft anzugehen. Damit wir in der Debatte um Netzpolitik und der praktischen Realisierung auch internetbasierter Transparenz und Beteiligung bestehen, brauchen wir umfassende Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, um uns das nötige Handwerkszeug anzueignen. Erfahrene Partner können dabei unserer Partei mit ihren Erfahrungen und Schulungsangeboten zur Seite stehen.<br /><br />Auch die Außendarstellung und Öffentlichkeitsarbeit unserer Partei und aller Gliederungen muss sich noch mehr als bisher den Anforderungen der digitalen Mediengesellschaft und der Verbreitung von Nachrichten und Informationen im Internet und den sozialen Netzwerken stellen. Die digitalen Angebote unserer Partei müssen ständig überprüft, erweitert und ausgebaut werden. Unser Ziel: Mehr LINKS im Netz, mehr Transparenz und mehr Beteiligung.<br /><br />DIE LINKE richtet unter der Federführung der Bundesgeschäftsführung und unter Beteiligung der BAG Netzpolitik sowie weiteren Akteuren, wie zum Beispiel der Linken Medienakademie e.V., der AG Politische Bildung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine offene Projektgruppe zur digitalen Weiterentwicklung unserer Partei ein. Diese wählt eine Arbeitsweise, die es allen Genossinnen und Genossen über Online-Zusammenarbeit ermöglicht, die Arbeit der Projektgruppe zu verfolgen, zu begleiten und sich in die Debatten und Entscheidungen einzubringen. Die Projektgruppe erstellt einen Vorschlag für einen Arbeits- und Maßnahmenplan zur konsequenten Verbesserung unserer (digitalen) Beteiligungs- und Kommunikationsstrategie. Dabei gilt es, strikte Barrierefreiheit bei allen Angeboten und Instrumenten zur Beteiligung zu gewährleisten. Zudem soll auch ein Konzept für konkrete Bildungs-, und Schulungsangebote entwickelt werden. Es ist zwingend erforderlich, dass das Handwerkszeug digitaler Kommunikation schneller, präziser und zielgerichteter als Basisinstrument in die tägliche Arbeit unserer Partei einfließt.<br /><br />Ziel der LINKEN ist es, Möglichkeiten für mehr direkte Beteiligung der Mitglieder und die Einbindung von Nicht-Mitgliedern zu schaffen. Bei allen Maßnahmen für mehr Beteiligung undMitbestimmung muss die Mitgliederstruktur unserer Partei berücksichtig und die Instrumente entsprechend ausgestaltet werden. Auch bereits bestehende Bemühungen auf allen Ebenen der Partei zur stärkeren Einbeziehung von Mitgliedern und BürgerInnen in Debatten und Entscheidungen müssen unterstützt und in die Arbeit integriert werden.<br /><br />Die Projektgruppe erarbeitet konkrete Vorschläge, wie digitale Werkzeuge für die Kommunikation innerhalb der Mitgliedschaft sowie mit interessierten Nicht-Mitgliedern und für die Kommunikation nach außen in allen Gliederungen der Partei noch besser als bisher eingesetzt werden können. Ein Ziel ist es, einen Werkzeugkasten und „Bedienungsanleitungen“ zu schaffen, aus dem sich die Gliederungen der Partei DIE LINKE nach ihren Bedürfnissen bedienen können.<br /><br />Um eine umfassende Beteiligung an der Debatte, der Erarbeitung und eine flächendeckende Umsetzung zu gewährleisten, wird auch die Einrichtung entsprechender Projektgruppen in den Landesverbänden angeregt.]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 25 Apr 2012 15:18:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Nahostreisen 2008 und 2012</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/nahostreisen-2008-und-2012/</link>
			<description>Reisen in den Nahen Osten 2008 und 2012

Auf dieser Seite stelle ich meine umfassenden...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="csc-textpic-text"><div class="csc-textpic-text"><div class="csc-textpic-text"><div class="csc-textpic-text"><h1>Reisen in den Nahen Osten 2008 und 2012</h1>
<h2 class="bodytext"><br /></h2>
Auf dieser Seite stelle ich meine umfassenden Reiseberichte von meinen beiden Reisen in den Nahen Osten im Jahr 2008 und 2012 zum nachlesen zur Verfügung.
Bilder von der <link 34942 - interner-link "Öffnet einen internen Link in diesem Fenster">Israelreise 2008</link> gibt es ebenso in der Bildergalerie wie von der <link 34976 - interner-link "Öffnet einen internen Link in diesem Fenster">Nahostreise 2012</link>.
<h5>Meine Reise 2008<br /></h5>
<h2>Auf dem Weg ins Heilige Land - Freitag, 20. Juni 2008</h2>
<p class="MsoNormal">Heute nun die lang vorbereitete Reise nach Israel.  Anlass dafür ist meine Teilnahme an der Jahrestagung des »International  Council of Christians and Jew« (ICCJ). Als religionspolitischer Sprecher  meiner Fraktion nutze ich gern die Gelegenheit, mich mit dem religiösen  und gesellschaftlichen Pluralismus in Israel vertraut zu machen. Neben  dieser Konferenz wird es aber viele weitere Termine geben. Unter anderen  werde ich den Bürgermeister von Tel Aviv, Ron Huldai und den Minister  für Soziales und Wohlfahrt, Issac Herzog, treffen. Der emotionalste Teil  meiner Reise wird sicher der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad  Vashem.</p>
<p class="MsoNormal">Die erste Station eines anstrengenden  Fluges nach Israel bringt eine Überraschung: In einem wunderschönen  alten Ambiente der hochmoderne Flughafen von Zürich und auf den Wiesen  und Feldern sind im Landeanflug die Zeichen der Fußball EM erkennbar.  Als wir das Flugzeug wechseln, treffen wir auf eine technische  Raffinesse des Züricher Flughafens: Ein führerloses Fahrzeug durchquert  unterirdisch das Flughafengelände, und als wir in die hypermoderne  Kabine steigen, werden wir mit Kuhglockengeläut, Vogelgezwitscher und  Alphornklängen unter dem Flughafen hindurch gefahren. Auf welche Ideen  man doch kommen kann!</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
<h2>Kann man Zeitgeschichte anrufen? - Samstag, 21. Juni 2008<br /></h2>
<p class="MsoNormal">Zürich-Tel Aviv ein routinierter Flug. Der Service  hapert ein bisschen, alle bekommen Essen nur ich nicht, da fängste doch  an zu grübeln. Aber es hellt sich auf: fast alle anderen im Flugzeug  hatten koscher bestellt und mir sagt mal wieder keiner was. Hätte ich  das gewusst hätte ich das doch auch geordert. Beim Chanukka in Erfurt  gibt’s auch immer leckeres koscheres Essen und israelischen Wein aus dem  Norden. (Beides bekomme ich dann am Abend ohne es im Flugzeug ahnen zu  können.)</p>
<p class="MsoNormal">Am Flughafen holt uns ein deutsch  sprechender, toller Taxifahrer ab, er wird uns die Woche begleiten. Auf  der Fahrt von Tel Aviv bis Jerusalem bekommen wir schon mal gute  Erläuterungen. Dort ist eine komplett neue Stadt gebaut worden und da  entsteht ein neues Autobahn-System mit gigantischem Autobahnkreuz. Hier  wird eine riesige ICE-Strecke zwischen den beiden Großstädten gebaut und  mit der neuen Siedlung verbunden und da entsteht gerade mitten in  Jerusalem eine beeindruckende Hängebrücke für den ICE – sehr  futuristisch, aber wohl dringend notwendig. Mein Bild eines Landes in  ständiger Angst weicht einem Eindruck einer völlig aus dem Rahmen  fallenden Landschaft. Hier brummt’s fällt mir dazu ein! Eine  Metropolregion sucht ihre Einbettung.</p>
<p class="MsoNormal">Dann  Ankunft im Zentrum der Liberalen Juden. Ein sehr schönes Zimmer wird uns  eine Woche zur Verfügung stehen. Erster Hammer-Blick aus dem Fenster:  Direkt in der Altstadt und Blick auf das Jaffator und die große  Stadtmauer!</p>
<p class="MsoNormal">Nach dem Frischmachen werden wir von  einem netten jungen Mann abgeholt. Er studiert am Abraham Geiger Kolleg  in Potsdam und will Rabbi werden. Er begeleitet uns zum Sabbat in die  Synagoge.</p>
<p class="MsoNormal">Dort der zweite Hammer: Eine  freundliche ältere Dame, Avital Ben-Chorin (Witwe von Ben-Chorin, dem  Gründer der Synagogengemeinde Har-El/die erste liberale Gemeinde  Israels), begrüßt mich mit der Frage, woher ich denn komme. Ich sage  ihr, dass ich in Erfurt zu Hause bin und schwups bin ich sprach- und  fassungslos. Sie ist in Eisenach geboren, vor 85 Jahren und trägt mir  gleich auf, Grüße an eine gute Seele in der Jüdischen Landesgemeinde zu  bestellen. Sie kennt die Frau in Erfurt schon seit 1986, denn da war sie  eine der wenigen noch Aktiven des jüdischen Lebens in Erfurt. Erst  letztes Jahr ist sie bei der KAS in Erfurt zu einem Vortrag &nbsp;gewesen.  Mit diesen Worten wurde ich gleich so platziert, dass die energische  aber sehr liebevolle Dame mir dann den ganzen Sabbat-Ablauf erklären  konnte. Wieder bei mir was eingestürzt – alles deutlich in deutsch,  damit ich es auch ja verstehe. Meine frühen Besuche in Frankreich habe  ich in diesem Punkt sehr unangenehm in Erinnerung: Deutsch war tabu und  mehrmals Anfang der 70-er musste ich mich als junger Kerl dann in Paris  mal pauschal als Nazi beschimpfen lassen. Hier hatte ich Beklemmungen  und siehe da – falsch! Wirklich Betroffene des Holocaust nehmen uns  freundlich auf und fragen wie es in Deutschland geht und wen ich grüßen  soll!</p>
<p class="MsoNormal">Nun bin ich vorsensibilisiert und rechne  mit Allem. Genau die richtige Einstellung, als nächstes spricht mich ein  freundlicher älterer Herr an und begrüßt mich wiederum auf deutsch. Er  ist mein Gastgeber zum Sabbat-Essen und weiß auch schon, dass ich aus  Thüringen bin. Er ist in Bamberg geboren und war als Kind immer in  Oberhof zum Skifahren gewesen.</p>
<p class="MsoNormal">Auch hier setzt  meine Menschenkenntnis wieder aus. Die Dame hätte ich 70-75 geschätzt  und tatsächlich ist sie 85, den Herrn schätze ich lieber nicht, denn es  stimmt auch nicht. Er fährt uns durch Jerusalem mit seinem Auto und  erklärt sehr viel dazu. Während der Fahrt erfahre ich, dass er 82 und  ein glänzender Kenner deutscher Geschichte ist. Aber er kennt auch jeden  wichtigen oder gewichtigen Vertreter Israels. Viel lässt er sich über  meine Arbeit, unsere neue Partei und die Entwicklung in Deutschland  erzählen. Aber was er zu möglichen Friedensentwicklungen in Israel zu  sagen hat, ist noch spannender, einfach faszinierend. Wenn man mit  jemandem den Abend verbringen darf, der zu den wenigen 1000 Kindern  gehört hat, die mit den Kindertransporten nach England durften und  dessen Eltern dann noch in der Phase des Hitler-Stalinpaktes die kurze  Phase der offenen Grenze zur SU nutzen konnten um über die SU nach China  und von da über Japan noch bis Valparaiso lebend aus der deutschen  Mordmachine rauszukommen. Da sitzt persönliche Betroffenheit am Tisch  und plaudert über Olmert oder Staufenberg! Ich bin berührt über die  Größe solcher Persönlichkeiten! Als Deutscher mit ihm über Frieden und  Friedenshoffnung in Israel genauso reden zu können, wie über Nazis in  deutschen Parlamenten und grassierenden Antisemitismus. Kein erhobener  Zeigefinger, nur sachliche Fragen und wirklich kluge Einwürfe! Ein für  mich überragender erster Abend in Israel!</p>
<p class="MsoNormal">Das  Angebot steht, wenn ich Fragen hätte, bräuchte ich nur anrufen. Aber  kann man einfach so bei einem Zeugen der schimmsten Zeitgeschichte  anrufen? Ist das so einfach? “Mein Onkel war der Gründer der  Angestelltengewerkschaft und er war derjenige, der beim Kapp-Putsch den  Generalstreik ausrief!” Stimmt und in Berlin trägt ein Platz den Namen  des Onkels – der Siegfried-Aufhäuser-Platz in Neukölln! Zeitgeschichte  pur! Er selbst – er heißt übrigens Werner Loval - kümmert sich um junge  Deutsche, die der jüdischen Geschichte mit ihrer ganzen Vielfalt  nachgehen. Dafür hat er eine Stiftung auf den Weg gebracht, einen Preis  ausgelobt und arbeitet so daran mit, das Bewusstsein am jüdischen Leben  in Deutschland wach zu halten.</p>
<p class="MsoNormal">Wieviel solcher  Menschen bräuchten wir, um uns unserer Geschichte und Verantwortung  bewusst sein zu können. Ohne erhoben Zeigefinger! Einfach nur mit großer  menschlicher Ausstrahlung. Für diesen ersten Tag in Israel bin ich tief  dankbar! Eine Tiefe die berührt!</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
<h2>Geschichte macht schlapp! - Sonntag, 22 Juni 2008</h2>
<p class="MsoNormal">Wir werden am Hotel abgeholt von einer  Stadtführerin, die sich nicht nur als wandelndes Geschichtsbuch erweist,  sondern uns so ganz nebenbei auch in die aktuelle politische Situation  des Landes einführt. Ein wirklich kurzer weg durchs Jaffa Tor, führt uns  direkt in die Altstadt. Dann ein stundenlanger, aber nicht ermüdender  Weg durch 3000 Jahre pure Geschichte! Der Weg führt durch das armenische  Viertel und den Gedanken an den Genozid am armenischen Volk in den  Jahren 1915 bis 1917. Im Viertel hängen überall Plakate, die an dieses  Schicksal erinnern. Unsere kundige Begleiterin erläutert uns, dass auch  in Israel um dieses Thema Verwicklungen entstanden, als ein  Bildungsminister diesen Punkt in die Geschichtsbücher des Landes  aufnehmen ließ. Es erhob sich Protest und als der Minister nicht mehr im  Amt war, verschwand dieser Teil der Geschichtsbeschreibung wieder.</p>
<p class="MsoNormal">Die  Türkei ist ein wichtiger Partner Israels, was sich beispielsweise  aktuell bei den extrem wichtigen Verhandlungen mit Syrien zeigt. Aber  auch ansonsten gibt es gute und hoch entwickelte wirtschaftliche  Beziehungen zwischen beiden Staaten. So ist es wohl zu erklären, dass  ausschließlich die türkische Auslegung der Ereignisse im Raum stehen  bleibt, dass es sich um eine sehr bedauerlichen Teil des Krieges aber  nicht um einen Völkermord gehandelt habe. Mir kommt das alles sehr  bekannt vor, ich habe die Emotionsbeladene Debatte vor einem Jahr  hautnah erlebt. Das armenische Volk hat sein großes Leid mit in die Welt  hinaus genommen und keine Chance diesen Schmerz zu bearbeiten. Auch  weil man hier offenkundig auf jede offene Wunde der Welt trifft. Die Via  Dolorosa entlang kann man auf den jüdischen, christlichen und  muslimischen Schmerz treffen.</p>
<p class="MsoNormal">Unsere  Stadtführerin überrascht, weil Sie als gebürtige Ungarin fließend  ungarisch, deutsch, hebräisch und – wie wir hören können – auch arabisch  spricht. Da redet sie mit den Arabern und tauscht Freundlichkeiten aus,  aber man spürt, dass das nicht nur Belanglosigkeiten sind. Sie hat nach  dem Sechs-Tage-Krieg absichtlich arabisch gelernt, um den eigenen Traum  vom Frieden durch eigenes Handeln zu ermöglichen. „Wie soll sich der  Frieden im Großen entwickeln, wenn es keine Harmonie im Kleinen gibt“  ist ihre Devise.</p>
<p class="MsoNormal">Und so lernen wir auch die  kleinen Nadelstiche kennen, die das Leben in Jerusalem so angespannt  sein lässt. Muss man da eine Wohnung im arabischen Viertel nehmen, wenn  man weiß, dass man damit provoziert? Muss man dann mitten im arabischen  Teil freitags laut feiern und singen, wenn das die Nachbarn verärgert?  Wir stehen auf dem Dach des österreichischen Spitals über der Via  Dolorosa und hören den Muezzin, nein die Muezzine: Mittagsgebet! Dann  bekommen wir die Stationen des Leidens Jesu erklärt und gezeigt. Weiter  in die Grabeskirche, wo der bizarre Streit von mindestens sechs  christlichen Kirchen über den Anspruch auf deren Oberhoheit,  symptomatisch ist, für die Verirrung und Verwirrung darüber, wer denn  nun der oberste und wahre Hüter des Glaubens sei! In der untersten  Kapelle dann den Felsen von Golgota zu berühren hat wieder etwas  Erhabenes. Der Fels ist stark und fest, aber der Streit, wer denn die  wahre Deutungshoheit über den Glauben und welche Kirche oder Religion  die einzige Kirche oder Religion ist – angesichts auch des nahen  Tempelberges und der sehr greifbaren aber auch tödlichen Spannungen  zwischen Juden und Muslimen – zeigt, wie brüchig eine Friedensbotschaft  der heiligen Bücher ist, wenn sie durch Machtgelüste entwertet wird. Da  eilen orthodoxe Juden ganz entspannt durch den arabischen Teil zur  Synagoge und das christliche Viertel ist genauso lebendig, wie das  jüdische. Da sind am Freitag bei den einen die Geschäfte zu und nebenan,  bei den anderen, am Samstag oder an der nächsten Ecke am Sonntag. Da  teilt sich jeder Glauben noch mal in mehrere Richtungen und alle  zusammen beruhen doch auf Abraham bzw. den gleichen Quellen! Das  Gemeinsame erkenne ich da leider eher im Trennenden. Gleichwohl eine  wunderschöne Stadt mit noch mehr interessanten Menschen, Menschen die  vergeben können und wissen, dass Vergebung die Grundvoraussetzung für  Frieden ist.</p>
<p class="MsoNormal">Nach einem wunderbaren Essen bei  einem freundlichen Araber geht’s dann im Auto rund um Jerusalem. Auch  ein Besuch in Ost-Jerusalem, wo gerade die heftig umstrittenen Wohnungen  gebaut werden und ein Blick auf die seltsam befremdliche neue Mauer  quer durch die Menschen. Immer mit Erläuterungen unserer Führerin, die  nicht &nbsp;verletzen oder verharmlosen, sondern die erklären und die  Sichtweise der arabischen Mitmenschen und Nachbarn immer mit beinhalten!  Da wird mir die Hoffnung nicht vergehen, solange solche Menschen einen  Traum vom Frieden leben und nicht nur träumen! Aber es wird auch sehr  deutlich – angesichts der Gewehre und der greifbaren Militarisierung der  ganzen Region, dass es auch eine Hoffnung und Chance ist mit der Türkei  einen Partner zu haben, der Vermittler zwischen Orient und Okzident  ist. Wie wichtig es doch ist, endlich mehr über Chancen zu sprechen, die  mit Annäherung verbunden sind.</p>
<p class="MsoNormal">Nach Stunden  laufen und fahren, bin ich schlapp und müde aber glücklich. Schon wieder  einen tollen Menschen kennengelernt. Wie kann man nach dem Holocaust so  freundlich sein? Nur mit Vergebung und nicht mit Vergessen.</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
<h2>Warten wegen Sarko - Montag, 23. Juni 2008<br /></h2>
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<p class="MsoNormal">Der  Tag beginnt gemütlich. Verabredung mit Walter Homolka, dem Chef des  Potsdamer Abraham Geiger Kollegs zum Frühstück im Bet SHMUEL! Wir  besprechen den gestrigen Abend und reflektieren noch einmal die  Einführungsreferate der Konferenz. Das Podium war hochrangig besetzt mit  den Repräsentanten des religiösen Lebens in Jerusalem: Rabbi David  Rosen(AJC), H. B. Michel Sabbah (Emeritus Latin Patriarch of  Jerusalem)und Quadi Muhammed Zibdi (Quadi of Jerusalem). Die Vertreter  der abrahamitischen Religionen haben ein gemeinsames Netzwerk gebildet  und es wird über den Stand der Arbeit berichtet, Gemeinsames aufgezeigt  und Trennendes deutlich ausgesprochen. Da sind sie wieder, die kleinen  und größeren Verletzungen! Da berichtet der katholische Vertreter über  die offene Wunde Tempelberg und der muslimische Vertreter ergänzt die  Frage der Rückführung der Palästinenser in die Dörfer, die es oft gar  nicht mehr gibt. Da fragt der Moslem, warum denn nur ein Haus auf einem  muslimischen Friedhof gebaut werden soll und der jüdische Vertreter  sagt, dass die Gräber vor dem Goldenen Tor auch eine immerwährende Wunde  seien!</p>
<p class="MsoNormal">Diese Äußerungen erinnern mich an die  Grabeskirche, wo schon sechs christliche Kirchen miteinander tief  zerstritten sind und seit 160 Jahren nicht klären können, wer denn nun  die stehengebliebene Leiter über dem Portal abnehmen darf. Also bleibt  sie und verrottet als Sinnbild für diesen sinnlosen Streit! Aber zur  Grabeskirche gab es wohl vor über 100 Jahren eine grandiose Idee: alle  Christen dürfen sinnlos streiten, aber den Schlüssel zur Kirche bewahrt  eine arabische Familie! Dort müssen jeden Morgen die Streithammel  warten, bis das Tor aufgeschlossen wird. Es funktioniert –  seltsamerweise – und ich denke wunderbar!</p>
<p class="MsoNormal">Der  Lateinische Patriarch kann so offen und klar sprechen, wie er sagt, weil  es sein erster Abend als Privatmensch ist. Der neue Patriarch wurde  gerade am selben Morgen in der Grabeskirche ins Amt eingeführt. Da sagt  er einen Satz der unter die Haut geht: Erst wenn der Palästinenser mit  den Augen des Juden schaut und umgekehrt, dann wird es eine Hoffnung auf  Frieden geben. Denn die Zusammenarbeit der Religionen steht am Anfang  und Religion darf nicht Teil des Problems sein, sondern muss Teil der  Lösung werden. Noch haben wir nicht die Vision vom Frieden, aber die  Pflicht genau diese Vision zusammen zu erarbeiten! Große Worte umrahmt  vom zustimmenden Nicken der anderen Mitdiskutanten!</p>
<p class="MsoNormal">Während  wir im Auto sitzen und zu unserem Veranstaltungszentrum quer durch  Jerusalem fahren wollen, haben wir auf einmal sehr viel Zeit über das  gehörte des vergangen Tages zu sprechen. Sarkozy blockiert unsere  Aktivitäten und gibt uns Zeit zum gemeinsamen Reflektieren im Rückstau.  Der Französische Staatspräsident fährt genau in dem Moment los, an dem  wir auch starten wollen, unser Quartier liegt direkt neben der  französischen Botschaft und unterhalb des Hotels in dem der Präsident  bei diesem Staatsbesuch wohnt. Da wir aus der Einbahnstraße raus wollen  und die Polizei die Prioritäten von Staatsbesuchen anders gesetzt hat,  müssen wir eben warten!</p>
<p class="MsoNormal">Macht aber nichts. So  kann ich Walter Homolka erzählen, wie unser Besuch in Yad Vashem war.  Der Hinweis auf die Gedenksteine für all die verlorenen Gemeinden in  Europa kam von ihm. Da kann ich nur danken, es war ein wichtiger Teil  der Reise. An dem Stein der ermordeten Erfurter Juden stellvertretend  Blumen niederzulegen, war mir wichtig und zeigt unsere Verbundenheit. Es  wird in Yad Vashem deutlich, dass nicht nur die Juden ermordet wurden,  sondern unsere Europäische Kultur mitzerstört wurde. Das Europäische  Judentum war Teil unserer eigenen Kultur. Es war nicht nur  unbegreiflicher Massenmord, sondern auch Kulturbarbarei. Yad Vashem  macht nicht nur betroffen, sondern zeigt unsere Geschichte. Während aber  Juden den Schmerz fühlen, spüren wir leider nicht genug, wie viel von  uns selber mitermordet wurde. Unsere besondere Verantwortung und  Solidarität ist hier dauerhaft gefragt!</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
<h2>So viel Verbindendes, so viel Trennendes - Dienstag, 24. Juni 2008<br /></h2>
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<p class="MsoNormal">Mit Sarko begann  der Tag im Stau und siehe da, mit Sarko endet er auch. Der französische  Präsident wohnt direkt neben uns im berühmten King David Hotel. Als wir  nach einem schönen arabischen Essen noch einen Abendspaziergang machen,  den Blick auf die atemberaubende Altstadt auf uns wirken lassen und die  kleinen Gassen in den Parkanlagen durchwandern, kommen wir schließlich  auf die Hauptstraße. Dort gibt es um 23 Uhr ein Hupkonzert und wir haben  erstmal keine Erklärung. Fußball? Nein, ist heute nicht und wer sollte  in Jerusalem auch für wen hupen. Was dann? Ganz einfach, Sarko kommt ins  Hotel zurück und alle Seitenstraßen sind gesperrt. Da hupt der erboste  Jerusalemer, weil irgendwie nicht klar ist, warum man auf einmal 20  Minuten sinnlos festgehalten wird. Gut, dass wir zu Fuß sind und schnell  am Chaos vorbei kommen, ab ins Bett.</p>
<p class="MsoNormal">Aber es  sind schon die unvorhergesehenen Begegnungen, die diese Reise prägen.  Gestern lauschte ich noch dem Lateinischen Patriarchen Michel Sabbha,  quasi an seinem ersten Tag nach seiner Amtszeit und heute drücke ich ihm  die Hand und erzähle ihm von der Thüringer Zeitung, die heute über ihn  berichtete. Dann kommt noch der neue Patriarch dazu, wir sind beim  katholischen Empfang und ich stehe zwischen Juden, Muslimen und  wahrscheinlich allen Vertretern sämtlicher christlicher Kirchen:  Koppten, Armenier, Syrer, Griechische und Russische Orthodoxe Christen  und natürlich meiner eigenen Kirche, den Protestanten, Lutheranern und  Anglikanern. So viele Kirchen, so viel Religion, doch ein Glauben an  einen großen Gott, der uns alle wollte. Das alles an diesem Ort:  Jerusalem!</p>
<p class="MsoNormal">Nach dem Stau am Morgen nahm ich  zuerst an einem Workshop über die jüdisch-palästinensische  Zusammenarbeit teil. Dort lausche ich aufmerksam dem Vortrag über Hans  J. Morgenthau, dem Begründer der Schule des radikalen Realismus – nicht  zu verwechseln mit dem fast gleichnamigen ehemaligen US-Finanzminister,  der seltsame Pläne für Nachkriegsdeutschland plante. Gott sei Dank kam  der eine Morgenthau nicht zum Zuge und der andere war ein radikaler  Kritiker des Vietnamkrieges. Der ließ sich von dem Gedanken leiten, dass  nicht die Unkenntnis über den “Anderen” das Problem darstellt, sondern  die Geringschätzung über die Handlungszwänge des “Anderen”, die dann  immer wieder zum Krieg führt. Man muss die Mechanismen der Macht kennen  und die Zwänge des anderen kennen, um dagegen eine Friedenslogik zu  entwickeln. Spannend!</p>
<p class="MsoNormal">Danach stehe ich auf dem  Dach von Tantur, dem Ökumenischen Zentrum Jerusalems – ein Zeichen der  Hoffnung gegen die Unlogik der Trennungen. Von Paul XI. initiiert, nach  einem Besuch auf diesem Bergrücken zwischen Jerusalem und Bethlehem!  Eine Heimstatt für alle Christen (katholisch, protestantisch, orthodox,  ..) und offen für Juden und Muslime. Von dort oben schaut man auf  Bethlehem und auf der gegenüberliegenden Seite Jerusalem. Zwischen den  bedeutenden Orten entsteht die umstrittene Siedlung Ha Chomar, fast eine  ganze Stadt und 1500 Wohnungen sollen jetzt noch dazu gebaut werden.  Eine Handbreit daneben dann die neue martialische Mauer! Hinter dieser  Mauer leben aber die arabischen Christen. Die, die von allen Akteuren in  diesem Konflikt immer vergessen, ausgegrenzt und geringgeschätzt  werden. Diese Mauer soll mit schwäbischer Betontechnik errichtet worden  sein und am Abend versichert mir eine Kennerin, dass die  Überwachungstechnik auch deutsch sei! Manchmal wünscht man sich nicht,  an jedem Export beteiligt zu sein. Aber es ist leider nicht die einzige  Mauer in der Gegend, nur die bekannteste. Zwischen Gaza und Ägypten  steht wohl eine ähnliche, nur eben nicht von den Israelis gebaut,  sondern vom Brudervolk!</p>
<p class="MsoNormal">Dieser Ort Tantur ist  ein Schlüssel der Christen zu sich selber, zu den eigenen Wurzeln und  offen für die Abrahamitischen Religionen. Ein Ort der Besinnung und der  Studien – mit einem Blick auf eine Mauer, die schmerzt. Aber auch dem  Wissen von arabischen Familien die sagen: „Gut, nun wissen wir, dass  unsere Söhne nicht mehr von der Hamas geholt werden, nicht mehr den Weg  als Märtyrer gehen.“ Für mich schwer zu verdauen.</p>
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<h2>Es gibt mehr als einen Weg jüdisch zu sein - Mittwoch, 25. Juni 2008<br /></h2>
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<p class="MsoNormal">Auch  der heutige Tag steckte voller Ereignisse, aber auch überraschenden  Wiedersehen. So traf ich Prof. Paul Liptz wieder, den ich Anfang des  Jahres, zusammen mit Vertretern der Führung der Union for Reform Judaism  U.S.A. (URJ), in Berlin empfangen hatte. Ihn traf ich im Garten des  Hotel, wo er sich mit kanadischen Jüdinnen und Juden unterhalten hatte.  Ebenso kam es zu einem überraschenden Wiedersehen mit Monsignore Norbert  Hofman, zuständig für religiösen Dialog beim Vatikan. Wir kannten uns  vom Besuch der kirchen- bzw. religionspolitischen SprecherInnen der  Fraktionen im Vatikan. Er kam strahlend auf mich zu und wir führten am  Rande der Konferenz ein intensives und spannendes Gespräch über soziale  Gerechtigkeit und das Auseinanderbrechen der europäischen Gesellschaften  in Ultra-Reiche und Ultra-Arme. Sehr schnell waren wir uns einig, dass  die Fundamente der Gesellschaft gestärkt werden müssen und dass dabei  Begriffe wie Solidarität und Gerechtigkeit wichtige Elemente sind.  Darüber kamen wir zu einer Überlegung von Gregor Gysi über die Bedeutung  und die Glaubwürdigkeit von Religion und Glauben in einer Welt, in der  die Idee des Sozialismus großen Schaden genommen –&nbsp; aber  auch angerichtet hat. Trotzdem kann ich von meiner Vision eines  demokratischen Sozialismus einfach nicht ablassen. Gemeinsam verabreden  wir, dass wir eine Audienz im Vatikan für Gregor Gysi arrangieren  sollten und werden.</p>
<p class="MsoNormal">Ein interessantes Thema der  heutigen Konferenz war u. a. die mediale Berichterstattung zum  Nahost-Konflikt. Neben einem Vertreter des Projektes IPCRI, welches sich  für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt, nahm  ebenso ein Journalist der Haaretz sowie des Religous News Service teil.&nbsp;  Das Spannungsverhältnis westlicher Demokratie-Standards und der  religiösen Verbindung des israelischen Standards war ebenso Bestandteil  der konstruktiven Diskussion, wie der illegale Siedlungsbau oder auch  die Gründe für das Erstarken der Hamas. Einigkeit bestand bei allen  darin, dass es wichtig ist, eine säkulare, aufgeklärte Berichterstattung  neben einer professionellen auch religionskundlich fundamentierten zu  fördern. Ebenso die Hamas nicht weiter zu ignorieren, sondern sich mit  ihr auseinanderzusetzen.</p>
<p class="MsoNormal">Am Nachmittag kam es  dann zu einer sehr interessanten Begegnung mit Frau Anat Hofman,  Direktorin des Israel Religion Action Center (IRAC). Bei IRAC handelt es  sich um den menschenrechtlichen und damit politischen Arm der Welt  Union Progressiver Juden (WUPJ).&nbsp; Diese setzt sich sehr für die  BürgerInnenrechte und darüber hinaus für gleiche Rechte aller Bürger in  Israel ein. Hofman betonte das IRAC jede Woche eine Petition bei einem  israelischen Gericht einreicht. Diese Woche ging es um die Durchführung  des Gay-Pride am Donnerstag in Jerusalem. IRAC versucht hierbei vor  Gericht durchzusetzen, dass diese stattfinden kann. IRAC sieht sich  dabei in einer wichtigen Rolle, denn, so Hofman, es sei sehr wichtig,  dass die Unterstützung für die Gay-Communitiy auch von einer religiösen  Institution kommt, ebenso wie von der Opposition. Das Motto der  Veranstaltung, das mir gut gefällt, lautet: „Es gibt mehr als einen Weg  jüdisch zu sein.“</p>
<p class="MsoNormal">Dieses Motto sei wirklich  revolutionär, so Frau Hofman. Es war das Leitgeschehen in Deutschland  vor dem Holocaust und wurde in den Gaskammern mit ermordet. Nun müssen  sich die Juden es wieder hart erarbeiten und hier in Israel zäh  erkämpfen. Da gehen mir ganze Kronleuchter auf. Welche Rückendeckung  hier in Israel dieser Kampf um ganz normale Bürgerrechte hat, gerade  durch die liberalen, progressiven Juden aus den USA.</p>
<p class="MsoNormal">Gleich  im Anschluss traf ich den Präsidenten der Weltunion Progressiver Juden  (WUPJ), Rabbiner Uri Regev. Ein wirklich sehr charismatischer Mann mit  einer unglaublich positiven Ausstrahlung. Die WUPJ besteht in über 44  Ländern und beherbergt die größte Anzahl an religiös gebundenen Juden  weltweit. Rabbiner Regev betonte, wie wichtig die Werte der Bibel für  die Arbeit der WUPJ sind. Denn als Gott Abraham als die Quelle des  Segens “auserwählte”, schaffte er diese Quelle für die gesamte  Menschheit. Sich im täglichen Leben für Gerechtigkeit einzusetzen, ist  daher Aufgabe aller abrahamitischen Religionen. Sich stattdessen aus  einem Baukasten das rauszusuchen, was man für richtig hält, um dann  damit seine eigene Zielen rücksichtslos durchzusetzen kann niemals  Lösung der vielen bestehenden Konflikte sein. Dabei ist die Allianz  zwischen den Religionen auf Basis gemeinsamer Werte, nicht der richtige  Weg um zu einer Konfliktlösung konstruktiv beizutragen?</p>
<p class="MsoNormal">Den  krönenden Abschluss bildet ein unaussprechlich gutes Abendessen bei  Hess! „Hess dick im Rennen“ war eine Schlagzeile in der  Schweizerboulevardzeitung Blick. Es meinte den Schweizer Metzger und  Gastronom Hess, der im Baseler Stadtrat 8 Jahre als Abgeordneter saß.  Heute ist er ein Jerusalemer Geheimtipp für koschere Bratwurst. Da  schlage ich als Thüringer zu und bin begeistert. Mit Lammfleisch oder  Kalb, mit oder ohne Kümmel! Ich bin schon satt, bevor der noch bessere  Hauptgang kommt. Da Herr Hess wissen willm was ich so mache und für wen,  kommen wir ins Bratwurst-Fachsimpeln. Er erklärt mit großem Stolz für  die Baseler Fleicherinnung (älteste Innung der Welt) der einzige  Außenrepräsentant zu sein. Ich schwärme, dass man in Erfurt eine  koschere Außenstelle vom Jerusalem Hess eröffnen sollte. Der Thüringer  Bratwursthimmel hätte eine echte Bereicherung!</p>
<p class="MsoNormal">Der  Abend vergeht wie im Flug mit vielen Gesprächen mit den Studenten vom  Abraham Geiger Kolleg, die alle mindestens ein Jahr hier in Jerusalem  auf Ihre Rabbi-Ordinierung vorbereitet werden. Das werden alles deutsche  Rabbis denke ich und spüre, dass es mich mit Stolz erfüllt, das erleben  zu dürfen. Deutschland bekommt einen wichtigen Teil seiner Kultur  wieder und progressive Juden gehören zu einer wahren Bereicherung auch  in der inner-israelichen Entwicklung! Wenn Fundamentalisten sich  zusammentun und eine offene Welt bekämpfen, wenn Steine gegen Lesben und  Schwule fliegen, wenn palästinensische Schwule sich nach Israel retten  müssen und trotzdem muslimische mit jüdischen Orthodoxen gemeinsam  Steine gegen die Gay Pride werfen, wenn Frauen unter Polizeischutz  gestellt werden müssen, weil sie singend ihrem Gott Ehre erweisen  wollen, dann ist der Satz wirklich revolutionär, dass es viele Wege gibt  ein Jude zu sein! So gesehen: Lasst uns durch die Brille des anderen  schauen, um Lösungen zu erkennen!</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
<h2>„Kämpfer“ für den Tempel - Donnerstag, 26. Juni 2008<br /></h2>
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<p class="MsoNormal">Ein Schrecken  besonderer Art ereilt uns heute: sprachlos beobachten wir eine seltsame  und auf uns makaber wirkende Prozession von jüdischen Kindern. Wir  schätzen es müssen wohl Zweitklässler sein, die da unter lautem Singen  und Rufen zur für Juden heiligen Westmauer ziehen. Erst hatten wir die  in Zweier-Reihen aufgestellten Kinder im jüdischen Viertel der Altstadt  getroffen, wo sie sich für den demonstrativen Marsch aufstellten. Da wir  die Hebräischen Schilder nicht deuten konnten, dachten wir, es wäre ein  lustiger und kostümierter Ausflug der Schule zum Klassenabschluss –  lächelnde Kinder, fröhlich und unschuldig. Dann unser Schock und  Entsetzen, als uns unser sehr kundiger israelischer Guide (hat in Köln  Kath. Theologie studiert und versteht sich selber als säkularer Israeli)  erklärt, dass er sie für Fanatiker halte. Wir fragen nach: FANATIKER?  Ja, diese jüdischen Gläubigen wollen den dritten Tempel erbauen und  somit den Felsendom und die al-Aqsa-Moschee vernichten!</p>
<p class="MsoNormal">Die  Kinder werden für diese Provokation missbraucht, empfinde ich. Unser  Stadtführer sagt, dass an dieser Stelle vor und am Tempelberg ständig  der Wahnsinn zuschlagen könnte. Man müsste immer wachsam sein, denn die  Fundamentalisten aller Seiten wären wohl jederzeit bereit die Büchse der  Pandora an diesem Ort zu öffnen. Wir reden lange darüber und ich  verstehe es besser, als er sagt, dass der Status Quo in Jerusalem wohl  das Beste sei, was derzeit zu haben wäre! Angesichts der fröhlichen  Kinderaugen und dem Abgrund, an den Sie geführt werden, verstärkt sich  mein ablehnendes Misstrauen gegen Fanatiker und Fundamentalisten.</p>
<p class="MsoNormal">Aber  ich treffe auch wieder auf Gesprächspartner, die meinen Optimismus  beflügeln. Da begegne ich in der Knesset einem israelischen Abgeordneten  arabischer Herkunft und der sagt: die Friedensbewegung von zu Israel  stärken, müsse &nbsp;die Devise sein. Ein erstaunlicher  Mandatsträger, der Mohammad Barakeh von der Democratic Front For Peace  And Equality, unserer Partnerpartei in Israel. Ich frage auch danach,  was wir in oder aus Deutschland tun sollten. Er antwortet, um&nbsp; klären zu  können, mit wem unsere Partei über Friedensfragen reden kann – ob sogar  mit der Hamas oder der PLO – sollten wir dies mit Machmut Abbas, also  dem Palästinensischen Präsident besprechen. Er möchte uns da keinen Rat  geben oder gar Vorschriften machen. Er erklärt, dass seine Partei steht  der Hamas inhaltlich ablehnend gegenüber steht und es trotzdem für  falsch halte, dass nach der Wahl der Hamas die Gelder der EU sofort  gestrichen wurden. Das waren die völlig falschen Signale an die  Zivilbevölkerung im Gaza, so schürt man erst richtig Feindschaften und  schafft eine falsche Reputation für die Hamas. Es bewirkt also das  Gegenteil vom gewünschten Ziel! Mit Arabern, Muslimen muss der Weg  zusammen gegangen werden, sagt er, aber die Zivilbevölkerung muss wieder  aktiver eingreifen. Deshalb muss die israelische Friedensbewegung  erstarken.</p>
<p class="MsoNormal">Der Höhepunkt der Reise am heutigen  Tag war aber zweifach spannend. Ich sitze in der Knesset und verfolge  gespannt das Misstrauensvotum gegen Premierminister Olmert. Er spricht  ruhig und erläutert seine Sicht. Dann der Oppositionsvertreter, der  scharfe Attacken reitet. Es erhebt sich ein Geschrei unglaublicher Art,  vorherige Mitstreiter des Oppositionsführers schreien, gerade er solle  doch still sein, seine Taschen wären wohl voll und ähnliches. Es geht  drunter und drüber. Der amtierende Parlamentspräsident hat seine Last,  rudert, wird laut, überschreit und ich wundere mich, dass es nicht  handgreiflich wird. Aber dann geht es ganz schnell: elektronisch, mit  großer Wandanzeige, innerhalb von 10 Sekunden abgestimmt und fertig; 44  für und 34 gegen Olmert. Schluss, basta und Ruhe!</p>
<p class="MsoNormal">Am  Rande erfahre ich, dass die Regierung Olmert wegen der  Friedensgespräche eine Schonfrist bekommen habe, aber falls es eine  Anklage wegen Bestechlichkeit vor dem zuständigen Gericht gäbe, dann  wäre zumindest Olmert&nbsp; nicht mehr als Premierminister zu halten.</p>
<p class="MsoNormal">Ein  weiterer Lebenskreis von mir schließt sich wenige Minuten später, noch  in der Knesset. Wir sind verabredet mit Isaac Herzog, Minister für  Soziales und die Menschen in der Diaspora. Sein Vater war nicht nur  israelischer Staatspräsident, sondern auch der englische Kommandeur in  Bremen und Braunschweig nach dem zweiten Weltkrieg. Die von ihm  kommandierten Truppen haben Bergen-Belsen befreit. Mein gerade  verstorbener Freund Andrja Bubalo aus Split wurde von diesen Truppen in  Bergen-Belsen befreit. Er war im KZ Dora Häftling und wurde noch auf den  Todesmarsch geschickt, nur durch Zufall kam er in Bergen-Belsen lebend  an. Dort wurde er vom Vater Herzog und den englischen Truppen befreit.  Jetzt sitze ich bei seinem Sohn und er fragt mich vieles über unsere  Partei. Aber er gibt mir auch Einblicke in die Sichtweise der Regierung:  Keine fröhliche Verharmlosung der Mauer rund um Jerusalem, sondern die  Einsicht, dass dieses ungeliebte Bauwerk lieber heute als morgen  verschwinden muss. Doch setzt es den Willen zum friedlichen  Zusammenleben auf beiden Seiten voraus. Wie wahr und wie kompliziert!</p>
<p class="MsoNormal">Er  muss los zur Abstimmung. Ich bin ja in der Plenarzeit bei Ihm und kenne  diese Zwänge gut. Trotzdem verblüfft er mich mit einer in Frageform  verpackten Behauptung, die mich grübelnd zurücklässt: „Seid ihr nicht in  Deutschland mit der neuen Partei – an sozialen Zielen gemessen –  eigentlich die alte Sozialdemokratie?“ Ich denke im Sinne von&nbsp; Willy  Brandt, mehr Demokratie wagen, statt mit den Taten von Gerhard Schröder,  mehr Volkswagen! Basta, wie der Herr zu sagen beliebte, als er Hartz IV  einführte, mit dem dann aber für Arbeitslose nur noch weniger  Volkswagen möglich war.</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
<h2>Träumen wird man ja noch dürfen - Samstag, 28. Juni 2008<br /></h2>
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<p class="MsoNormal">Nun  nähert sich die Reise dem Ende. So viele Anregungen, so viel zum  Nachdenken und die Verabredungen für gemeinsame Projekte und konkrete  Hilfe. Der Morgen beginnt mit einer Aufregung im Frühstücksraum.  Turbulent geht es zu. Wo sonst fröhliche junge Menschen aus aller Welt  sich tummeln, befindet sich heute eine größere Gruppe älterer Damen. Sie  umringen heftig gestikulierend und auch laut rufend einen Herrn. Er  schaut lächelnd, aber hilfesuchend um sich. Bis ich verstehe, es ist  mein Gesprächspartner mit dem ich zum Frühstück verabredet bin. Shimon  Shetreet der vormalige Religionsminister Israels und langjähriges  Knesset Mitglied. Seine Vita liest sich wie das „Who is Who“ der  Israelischen Politik. Mehrere Ministerämter in unterschiedlichen  Kabinetten. Er besucht mich zum Frühstück und löst wegen seiner  Popularität die Tumulte aus. Er lächelt bescheiden und holt sich das  Frühstück am Buffet, wie alle andern auch.</p>
<p class="MsoNormal">Israels  Politiker sind hemdsärmlig und sehr praktisch. Ein solcher Staat mit  dieser Entstehungsgeschichte kann wohl auch keine anderen gebrauchen.  Wir sprechen über das Verhältnis Staat und Religion. Bei der spürbaren  Dominanz der Orthodoxen und der für mich verwirrenden Regelung, dass  viele Fragen nicht vor staatlichen sondern vor geistlichen Gerichten  abgehandelt werden, formuliere ich mein Unverständnis über diese  Widersprüchlichkeiten. Herr Shetreet war es, der staatliche Zuschüsse in  den Haushalt aufnahm um Flüge zum Heiraten nach Zypern mit zu  bezuschussen. Es gibt kein staatliches Standesamt und keine Zivilehe in  Israel. Unbegreiflich! Da leben Hunderttausende Staatsbürger und werden  aus religiösen Gründen am Heiraten oder an der Scheidung gehindert. Wer  religiös nicht als Jude gilt, darf nicht in Israel heiraten. Das  Ober-Rabbinat bestimmt wer Jude ist und wer es eben nicht ist. Für mich  unbegreiflich und auch völlig inakzeptabel. Die Trennung von Staat und  Kirche sind für mich Wesensmerkmal eines aufgeklärten Staates, aber auch  notwendig als Orientierungsmerkmal für eine Parlamentarische  Demokratie. Kein Gottesstaat sondern Bürgerstaat, daraus leitet sich der  aktive Staatsbürger ab.</p>
<p class="MsoNormal">Aber genau über solche  Fragen reden wir ganz offen und Herr Shetreet erläutert mir die  konstituierenden Bedingungen die zur Staatsgründung Israels eben auch  gehören. Die religiöse Akzeptanz in ihrer Vielfältigkeit. Die  Katholiken, Protestanten, Koppten, Orthodoxen. Christen in jeder  Vielfältigkeit klären und richten ihres, die Muslime Ihres und eben die  Juden das Ihrige. Da besticht eben so eine Zahlenreihe der christlichen  Kirchen in Jerusalem. 33 unterschiedlichste und konkurrierende Kirchen,  17 Bischöfe und immerhin noch 6 Patriarchen. Dies alles ist Erbe in dem  Staatsgebiet, welches als Heiliges Land bezeichnet wird. Ähnliches  vollzieht sich bei Muslimen, Bahei und wer immer auch an diesem Fleck  heiliger Erde residiert. Da wollte und konnte man kein Zivilgesetz an  Stelle der religiösen Selbstbestimmung stellen.</p>
<p class="MsoNormal">Das  Ober-Rabbinat ist als Regelungsinstanz schon unter der Türkischen  Herrschaft eingeführt worden und steht eben nicht so einfach zur  Disposition. Aber wer selbst als Jude nicht einer Orthodoxen Gemeinde  angehört und es auch nicht will, sondern der konservativen oder  progressiven Gemeinde sich zugehörig fühlt, der hat Pech gehabt! Wer  aber als Israeli sekular ist, hat Oberpech. Wer angeheiratet ist und  einem anderem Glauben angehört, sitzt zwischen allen Stühlen. Unfassbar!  Es lohnt, sich mit den unterschiedlichsten Strömungen des Judentums zu  beschäftigen, denn da wird ein wichtiger Schlüssel auch für den Frieden  und die Offenheit der Israelischen Gesellschaft liegen. Ich ahne, dass  die sozialistisch geprägten Träume der Gründer und ersten Siedler, von  einem Israel für alle Juden, sich nicht vereinbaren lassen würde mit dem  Bild eines jüdischen Staates unter der Hoheit des Ober-Rabbinats.</p>
<p class="MsoNormal">Weil  heute die „Gay Pride“ in Jerusalem stattfindet, geht es mir durch den  Kopf, das die Steine fundamentalistischer Muslime gemeinsam mit  orthodoxen Juden als größter gemeinsamen Nenner gegen Lesben und  Schwulen ein Anzeichen dafür sind, dass zu einem modernen aufgeklärten  Staat Toleranz und Schutz auch gegen anders Lebende gehören muss. Da  sind die Initiativen von Uri Regev und Anat Hofman genau die Richtigen.  Also muss es auch in Israel möglich sein, auf die verschiedensten Arten  Jude sein zu können!</p>
<p class="MsoNormal">Da erinnere ich mich an die  Holzleiter an der Front der Grabeskirche (160 Jahre Krach und Streit).  An den offenen Streit, den der Staat Ägypten mit Israel führt, wegen dem  vermeintlichen Recht der Koppten, die Gebäude auf der Grabeskirche zu  nutzen. Ein Gebäude in denen die Äthiopischen Christen seit Jahrzehnten  wohnen und die Ägyptische Forderung, die Kontrolle über die Grabeskirche  ausüben zu wollen (angeborenes Recht der Koppten, was allerdings sowohl  die Griechisch Orthodoxen, als auch die Armenischen Christen total  bestreiten). Erinnere mich an einen verschwundenen goldenen Nagel in  Bethlehem, der den Krimkrieg ausgelöst hat. Dann wird klar, warum der  Staat Israel gut beraten ist, sich aus all dem herauszuhalten.</p>
<p class="MsoNormal">Warum  im arabischen Teil die Araber entscheiden, wer die Sanierung der Mauern  ihres Viertels vornimmt. Kein Jude darf das, nur Araber! Warum es klug  ist, den Schlüssel für die Grabeskirche von einem Araber verwalten zu  lassen. Sehr klug! Die Christen können sich nicht einigen, wer die vor  160 Jahren stehen gelassene Leiter herunterholt, also passt eine  Arabische Familie auf den Schlüssel der Christen auf. Sehr gute Idee!  Vielleicht sollte man diesen Gedanken weiterführen. Ein Großjerusalem  unter der Oberaufsicht von Hindu’s? Es zeigt mir aber, dass mehr zu  bedenken ist. Die abrahamitischen Religionen müssen sich respektieren  und aushalten. Wir müssen lernen mit den Augen des anderen zu sehen, wie  es der Lateinische Patriarch am Anfang der Konferenz gesagt hat. Aber  dabei auch das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren, das moderne  aufgeklärte Staatsbürger auch einen solchen Staat brauchen. Das gilt für  die Israelis und die Palästinänser gleichermaßen. Der unheiligen  Allianz der Fundamentalisten muss sich eine Allianz friedensbewegter  Liberaler, Sozialdemokraten, Kommunisten, Konservativer, Juden,  Christen, Muslime, Araber, Europäer, Asiaten, Israelis, Amerikaner,  Russen entgegen stellen.</p>
<p class="MsoNormal">Erst wenn die „Gay  Pride“ ohne Angriffe in Jerusalem aber auch in Gaza marschieren könnte,  wenn jeder der will, in Israel heiraten oder sich auch scheiden lassen  kann, wenn gläubige Frauen an der Klagemauer singen dürfen, wenn der  Tempelberg für alle Gläubigen offen ist ,ohne das als Vorbedingung die  Moscheen geschleift werden, wenn Platz ist für alle Menschen, alle  Gläubigen in Jerusalem, aber auch die Leiter von der Grabeskirche auf  bitten der Christen von einem Bahei heruntergenommen wird, dann nähern  wir uns dem, was mich in meinem Glauben bewegt. Etwas, was höher ist als  ein Stein, eine Leiter, Gräber, Felsen, Olivenbäumen, ein Berg, eine  Synagoge, Kirche oder Mosche. Bei meinem Gott ist für alle Platz. Aber  überhaupt kein Platz, um in seinem Namen anderen Menschen das Leben zu  nehmen!</p>
<p class="MsoNormal">Habe ich jetzt das Jerusalemsyndrom? Aber träumen wird man ja noch dürfen, bei so einer Reise nach Jerusalem.</p>
<p class="MsoNormal"><br /></p>
<h2>Da bin ich wieder - Sonntag, 29. Juni 2008<br /></h2>
<div class="news-single-img-videos"></div>
<p class="MsoNormal">Deutschland hat  mich wieder. Vorher hatte ich einen erhellend letzten Tag in Israel, mit dem Besuch einer wichtigen Institution. “Agudah” ist eine  Organisation, die seit 1975 in Israel den Kampf gegen die alltägliche  Diskriminierung von Schwulen und Lesben führt. Da wird mir in Tel Aviv  noch ein großer Stein in mein Reisegepäck geladen. Hatte diese  Organisation anfänglich den Kampf gegen alltägliche Benachteiligungen  geführt, wurde es zwischenzeitlich auch ein Schutzraum für akut  gefährdete Menschen. Palästinenser können sich gar nicht erlauben sich  zu „outen“, das wäre mörderisch – im wahrsten Sinne des Wortes.  Anfänglich konnten Israelis und Palästinenser zusammenleben und bei  Agudah auch Schutz vor übergriffen erhalten. Mit der zweiten Inifada  änderte sich das schlagartig. Früher genügte der Mitgliedsausweis der  Agudah um israelische Sicherheitsbehörden daran zu hindern, Araber  abzuschieben. Heute hilft das leider nicht mehr. Während in Polen die  Katholische Kirche gegen diese Menschen Stimmung macht und zweifelhafte  Psychlogen einsetzt, wird in den arabischen Gebieten kurzer Prozess  gemacht. Jetzt gelten Schwule nicht nur als Ausgestoßene und irgendwie  abartig oder sündhaft, sondern der bisherige Schutzausweis der Agudah  wird zur tödlichen Falle.</p>
<p class="MsoNormal">Da wird es für mich  konkret und die Bedrohung sehr ernst. Es wird mir eindrucksvoll  geschildert, dass Schwule im arabischen Raum als Kollaborateure der  Israelis angesehen werden. Es ist nicht nur einmal passiert, dass  Abgeschobene dann gelyncht wurden, aufgeknüpft oder gesteinigt als  Antwort auf ein selbstbestimmtes Leben. Es beeindruckt mich, wie diese  israelische Organisation heute Schutz für Palästinenser organisiert und  uns in Deutschland um dringliche Hilfe bittet. Diese Araber sind jetzt  zwischen alle Fronten geraten. Deshalb hat man sich auch an die  zuständigen Stellen der UN gewendet. Die verweisen auf die zuständige  Stelle in der Türkei und die wiederum bearbeitet jährlich 1-2% aller  eingehenden Anträge. Mörderische Langsamkeit der Bürokratie! Die EU  könnte etwas tun. Statt Israel immer zu kritisieren, statt immer nur  Geld zu geben oder zu streichen für die palästinensischen Institutionen,  könnte hier schnell und unbürokratisch ein vorübergehender Status für  wirklich bedrohte Flüchtlinge erteilt werden. Die Israelischen  Sicherheitskräfte nehmen – durch den psychologischen Druck – keine  Rücksicht mehr und die palästinensischen Kräfte betrachten diese  Menschen entweder als Verräter oder als abartig. Eine tödliche Falle!</p>
<p class="MsoNormal">Ich  notiere mir einige Fälle und sage zu, mit meinen bescheidenen  Möglichkeiten Hilfe zu versuchen. Was ich nicht erwartet hätte, wie  konkret Israelis Arabern helfen und wie wenig ein Leben wert ist, wenn  im arabischen Teil Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung als  anstößig betrachtet werden. Als Schwuler ist es besser illegal in Israel  als legal in Palästina zu sein. Menschenrechte gelten nicht, jedenfalls  nicht überall oder gleichermaßen! Da verstehe ich den Satz, den der  Leiter von Agudah sagt. Immerhin gehört er auch unserer Partner-Partei  Meretz an und verblüffte uns in dem Gespräch mit der Formulierung, die  Mauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten ist ein Sieg der  Linken. Anfänglich wollte ich mich diesem Statz verweigern, aber am  Beispiel der Bedrohten, Verfolgten und Gejagten macht er erstmals Sinn.  Eine Mauer<br />trennt nicht nur, sondern sie übt auch Schutz aus. Wer  also gegen die Mauer in Israel protestiert, muss im Gegenzug für Schutz  sorgen für Verfolgte und Bedrängte, sagt er. Außerdem ist diese  Ummauerung begonnen worden auf der “Green Line”. Da haben die Orthodoxen  und ultrakonservativen Israelis getobt. Das ist nämlich der Beginn  einer realen Teilung, die aber notwendig ist, um zwei Staaten entstehen  zu lassen. Da hatte ich wieder eine Lektion gelernt und das in den  letzten Stunden in Israel. Unerwartete Einsichten, aber auch das  Versprechen mich an die Bundeskanzlerin zu wenden, um wenigstens in ein  oder zwei Fällen Hilfen zu erbitten. Ein solcher Brief eines  Abgeordneten könnte helfen, einen Aufschub für Bertoffene zu erlangen.  Zum ersten Mal, dass ich spüre, das einige Zeilen von mir auf einem  offiziellen Briefkopf für Menschen im Zusammenspiel mit einer  israelischen Organisation für arabische Menschen Hilfe bedeutet.  Mithilfe anderer ist erbeten, Informationen werde ich schnellstens  weitergeben. Wir bleiben in Kontakt mit Agudah, versprochen!</p>
<p class="MsoNormal">Zum  Abschluss noch der Besuch beim Bürgermeister von Tel Aviv und gemeinsam  mit unserer Vertreterin der Rosa Luxemburg Stiftung in der  Stadtverwaltung und in einem Bildungszentrum. Gemeinsam waren wir schon  bei Agudah und nun besprechen wir die bürokratischen Hürden zur  Zulassung unser Stiftung. Aber Frau Dr. Timm ist glücklich gerade die  Mail mit der Mitteilung über die Registrierung bekommen zu haben. Jetzt  kann es hoffentlich bald losgehen mit der Arbeit unserer Stiftung in  Israel. Da beschließe ich meine Reise mit einem Angebot auf  Zusammenarbeit zwischen dem Bildungszentrum und der RLS. Mal sehen, ob  was daraus wird. Toi toi toi!</p>
<p class="MsoNormal">Eine spannende  Woche ist zu Ende. Der Rasen im Garten wartet. Der Ministerpräsident  Althaus wird 50 und ich soll vor der Kamera noch was  Freundliches/Freches sagen. Der MDR eröffnet seinen Musiksommer. Da  treffe ich die Fraktionsvorsitzenden Wulf Gallert aus Sachsen Anhalt und  meinen Thüringer Vorsitzenden Dieter Hausold. Wulf erzählt von seiner  Israelreise und Dieter davon, dass er schon von meinen Aktivitäten in  Sachen des Bildungszentrums in Jaffa gehört habe. Aha, so klein ist die  Welt. Ein Stein ist ins Wasser gefallen und zieht Kreise. Sehr schön!</p>
<p class="MsoNormal">Lieben Dank Ruti, Walter und Hartmut, aber auch Benni. Gute Arbeit und eine aufregende Woche habe ich Euch zu verdanken.</p>
<h5 class="MsoNormal">MEine Reise 2012<br /></h5>
<h2 class="bodytext">Wieder Israel – Donnerstag, 5. Januar 2012</h2>
<div class="csc-textpic-text">Ich werde zügig nach Berlin und zum Flughafen gebracht. Da nichts los war auf der Autobahn, bin ich sogar überpünktlich, vor Schalteröffnung, angekommen. Die große Delegation der LINKEN fällt auf. Klaus Ernst wird mehrfach angesprochen auf welchem Weg wir sind. Die Reise nach Jerusalem wurde also bemerkt.</div>
<p class="bodytext">Ausnahmsweise ohne entnervende Kontrollen kommen wir  gut durch und wir sind wieder im Bet Shmuel untergebracht (Ich war ja  bereits 2008 in Israel und bin mit vielen Eindrücken wieder zurück  gekehrt. Hier geht’s zum <link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/tagebuch_bis_4_februar_2011/detail_tb/archiv/2008/juni/browse/1/zurueck/alte-tagebuch/artikel/auf-dem-weg-ins-heilige-land/ _top external-link "Öffnet einen Link in diesem Fenster">ersten Tagebucheintrag meiner Israelreise 2008</link>.).  Es ist schön,fast vertrautes Gelände zu betreten und einen solch  freundlichen Empfang zu erleben. Der Blick aus dem Fenster,auf die  Altstadt und das Jaffa Tor stimmen mich auf das Bevorstehende ein. </p>
<p class="bodytext">Da vergesse ich glatt übermüdet zu sein und halte  Andrea auch nicht für eine Generalsekretärin, sondern weiß, es war ein  Sturmtief - ein echter Sturm eben und keiner im Wasserglas. :-D </p>
<p class="bodytext">Unsere Reiseroute wird uns diesmal unter anderem  nach Yad Vashem, Jerusalem, Ramallah, Hebron und Tel Aviv führen. Wir  werden dabei auch mit Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde  und dem israelischen Parlament reden. </p>
<p class="bodytext">Seit meinem letzten Besuch hat sich viel verändert.  Der „Arabische Frühling“ hat begonnen. In Syrien herrscht eine  katastrophale Situation. Im Iran verschärft sich die Situation. <br /> </p>
 Innenpolitisch gibt es starke Auseinandersetzungen  mit den orthodoxen  Juden, die den anderen Juden im eigenen Land ihre  Regeln aufzwingen  wollen. Frauen werden von vorderen Busplätzen  vertrieben und selbst vor  Angriffen Kinder wird nicht halt gemacht. Das  ist das Gegenteil von  Toleranz und befördert nur die Spirale der  Gewalt.<br /> 
Darin eingebettet sind unsere Gespräche und ich bin gespannt, mit welchen Eindrücken ich dieses mal zurückkehren werde.
<br />
<h2 class="bodytext">70000 Menschen einfach Schachfiguren? - Freitag, 6. Januar 2012<br /></h2>
<p class="bodytext">Der  Tag beginnt mit einem Stadtrundgang. Altstadt, Jaffa Tor, Tempelberg,  Grabeskirche und einiges mehr stehen auf unserer Liste. Dann fahren wir  aber durch die palästinensischen Stadtteile von Ostjerusalem. Mit dem  Bus entlang der Sperranlagen. Mal Mauer, mal Zaun wechseln sich ab.  Dabei lernen wir zwei Stadtgebiete Jerusalems kennen, die mit rund  70.000 Einwohnern erst 1967 im Zuge des 6 Tagekrieges dem neuen,  erweiterten Stadtgebiet von Jerusalem zugeschlagen wurden. Diese wurden  nun faktisch bei der Errichtung der Sperranlagen einfach hinter die  Mauer verbannt. </p>
<p class="bodytext">Das Qualandia Camp und den Stadtteil Kafr'Aqp  besuchen wir auf der Tour mit einem Jüdischen Vertreter der Organisation  &quot;ir amim&quot;. Diese setzt sich für Verständigung ein. </p>
<p class="bodytext">Der Palästinensische&nbsp;Busfahrer zeigt uns sein Haus  und weist dann auf das Gebäude jenseits der Mauer, in dem sein Bruder  wohnt. Ein Steinwurf entfernt und doch so weit. Stunden Umweg und das  passieren eines martialischen Grenzsystems sind notwendig um einfach  mal&nbsp;zur Familie&nbsp;seines&nbsp; Bruder zu kommen. </p>
<p class="bodytext">Zwischen Ar Ram und Hizma macht die Sperranlage  einen weiten Bogen in das Gebiet der West Bank hinein. Unser Begleiter  nennt das, das Neusiedlungsgebiet. Man trennt also zwei palästinensische  Siedlungen durch eine massive jüdische Neusiedlung und erweitert damit  sogar das Stadtgebiet Jerusalems. </p>
<p class="bodytext">Der Sicherheitszaun hat Jerusalem und Israel zwar  tatsächlich vor Selbstmordanschhlägen bewahrt. Er führt aber leider  dazu, dass für die Israelis die palästinensichen Nachbarn mehr und mehr  aus Blickfeld und Bewusstsein rücken. </p></div>
<p class="bodytext">Ein  besonders trauriges Symbol für die Situation ist ein Basketballfeld im  Schatten der Mauer. Dieses Basketballfeld wurde unter dem legendären  Bürgermeister Teddy Kollek (1911-2007) erbaut. Es sollte ein Platz für  die Kinder und Jugend zum gemeinsamen Sport sein. Palästinensische  Kinder von Ar Ram und jüdische Kinder von Neve Ya'akay. Der Platz heißt  deshalb Friedensplatz. Und so wie der Frieden im Nahen Osten heute  aussieht, so sieht leider auch der Platz aus. Traurig und gespenstisch.    </p>
<p class="bodytext">Wir begreifen, dass der Schlüssel&nbsp;des Friedens in Jerusalem liegt. </p>
<p class="bodytext">Am Nachmittag besuchen wir in Ostjerusalem&nbsp;die  Radiostation &quot;all for Peace&quot;.Ein Palästinensische/israelisches  Gemeinschaftsprogramm mit zwei Frequenzen und Sendungen in beiden  Sprachen.Es erinnert mich an Radio Frei oder Radio Lotte bei uns.  Mitmachproduktion, Gewerkschaftsthemen, Lebensrealitäten der normalen  Menschen. Es wird aber auch über Schikanen berichtet. Die Hebräische  Frequenz darf terrestrisch z. Zt. nicht abgestrahlt werden. Hebräisch  darf außerhalb des Israelischen Staatsgebiet nicht gesendet werden.  Ramallah, der Sendeort, liegt nun mal genau hinter der Mauer und der  Produktionsort in Ostjerusalem liegt kurz davor. Der Sender klagt gerade  vor dem höchsten Gericht um die volle Sendeberechtigung wieder zu  bekommen.  </p>
<p class="bodytext">Ein ehemaliger Israelischer Botschafter, der lange  im diplomatischen Dienst war, ist so ein ehrenamtlicher Mitarbeiter  dieses Senders. Er erläutert uns seine Motivation hier im Sender  mitzuarbeiten. Er hatte jüdische Eltern aus Deutschland. Sein Vater war  ein kommunistischer Jungaktivist. Er wurde dann von der Gestapo  geschnappt. Er kam drei Jahre in das NS-Gefängnis  Moabit, dann ein Jahr  in das KZ Buchenwald und nur durch einen Zufall sind seine Eltern aus  Deutschland noch lebend raus gekommen. Er selber war als junger Mensch  glühender Zionist. Erst Militärdienst und Kriegseinsätze und dann später  diplomatischer Dienst. Heute ist er Radioaktivist bei &quot;all for Peace&quot;  und setzt sich für die Verständigung zwischen Juden und Palästinensern  ein. Jede Woche produziert er eine Stunde Gespräche mit Palästinensern,  die er regelmäßig in der West Bank besucht und dort vor Ort die  Gespräche aufzeichnet. Zum Team gehört auch der ehemalige israelische  Direktor von Green Peace. Es gibt also auch überall Zeichen der Hoffnung  und der Verständigung. </p>
<h2 class="bodytext"><br /></h2>
<h2 class="bodytext">Schwere Kost im heiligen Land – Samstag, 7. Januar 2012</h2>
<p class="bodytext">Sehr  früh verabschieden wir uns von Jerusalem und verlassen das Beit Shmuel.  Die ersten zwei Abende verbrachten&nbsp;wir&nbsp;ja im Bildungszentrum der  Weltorganisation der liberalen Juden. Dem Ort an dem die Studierenden  des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs auch einen Teil ihrer Ausbildung  durchlaufen. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen und wie Freunde  behandelt. Natürlich geht es unter uns auch um die Errichtung einer  jüdischen Fakultät in Brandenburg oder Thüringen. Meine Amtsschwester  Kerstin Kaiser ist ja auch in der Delegation und so gibt es mehrere  Ebenen des intensiven Gesprächs speziell zu diesen Thema. In einem Punkt  sind wir uns aber absolut einig: Es muss nun konkret werden und voran  gehen mit der Bildung der Fakultät.</p>
<p class="bodytext">Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker und es geht in die  West Bank, den besetzten Gebieten. Schon auf der Busfahrt bekommen wir  umfassende Infos über die Struktur des Besatzungsregimes. Es geht um die  Unterteilung in A, B und C Zonen, Erläuterungen zu den Wohnrechten in  den Ansiedlungen, Benutzungsrechte der Straßen, wer Wasser und Strom in  den jeweiligen Ansiedlungen bekommt, wer und wer nicht nach israelischem  Recht illegal ist und wer damit rechnen muss ohne Papiere beim  aufgreifen durch die Sicherheitsbehörden einfach vertrieben zu werden.  Das sind sehr viele, komprimierte Informationen in kurzer Zeit, aber als  wir dann die durch die Straßen fahren und alle paar Kilometer die  Kontrollpunkte erleben steigt die Verwirrung und wir fragen uns: Wer ist  aus- und wer ist eingesperrt?</p>
<p class="bodytext">Unsere erste Station ist eine Ansiedlung Namens  Susiya. Es sind beduinische Landbewohner, deren Vorfahren hier seit  Jahrhunderten leben und dem wirklich kargen Boden am Rande des Negev  ihre Ernte abringen. Dort sprechen wir mit den Bewohnern über ihre  aktuellen Probleme. Für alle Kinder dieser Landbevölkerung hat ein  schwedisches Hilfsprogramm eine kleine Schule errichtet. Unscheinbar,  aber mit Toiletten, Photovoltaik-Anlage und Wasserversorgung. Hier  ist&nbsp;gerade die iusraelische Armee vorstellig geworden und hat die  Abrissverfügung übergeben. Es sei ein illegaler Bau, da er 1967 noch  nicht&nbsp;gestanden hätte. Selbst die neu eingefassten und über 150 Jahre  alten Zisternen, sollen weg. Auch die von Deutschland finanzierte  PV-Anlage zwischen den beduinischen Zelten droht zu verschwinden. Das  mit der Zisterne ist besonders hart, da das Wasser für die Bauern für  ihre kleinen Ackerstückchen und das Vieh überlebensnotwendig ist.  Brunnen bohren dürfen sie nach dem gültigen Besatzungsrecht in der  C-Zone nicht und das Wasser welches sie käuflich erwerben, kommt vom  israelischen Wasserbetrieb, der hier alleine zuständig ist.</p></div>
<div id="c94955" class="csc-default"><p class="bodytext">Ungefähr 500 Meter entfernt, genau gegenüber sehen  wir ein neu erbautes Dorf. Davor ein Wachturm und eine Asphaltstraße  führt dahin. Mit fließend Wasser und natürlich Strom. Das ist eine  israelische Neusiedlung, weit hinter Jerusalem und schon in Sichtweite  der jordanischen Berge. Nach internationalen Recht sei diese illegal,  sagen unsere Begleiter. Mit dem jüdische Siedlungsbau soll&nbsp;der Ring um  Jerusalem geschlossen werden.</p>
<p class="bodytext">Die Bauern berichten, dass man wolle, dass sie  gehen, aber sie gehören in keine Stadt oder gar in feste Häuser. Sie  gehören auf ihr Stück Land und zu ihrem Vieh. Diesen Gegensatz nehmen  wir als ungelöstes Problem in unser Herz auf. Was soll man sagen, wenn  Menschen von einem solch kargen Boden vertrieben werden und ihren  Kindern unter fadenscheinigen Gründen das Schuldach über dem Kopf  genommen werden soll? Wir sagen zu, darüber im Bundestag zu berichten.  Immerhin war der Dorfälteste mit seinen 75 Jahren bei der Berlinale in  einem Dokumentarfilm vertreten und wurde vom Außenminister empfangen. Da  können wir doch wenigstens mit Öffentlichkeitsarbeit im Bundestag  nachhelfen. Die Hoffnung stirbt zum Schluss sagen sie uns zum Abschied.</p>
<p class="bodytext">Beim gehen treffen wir noch zwei Vertreter einer  NGO. Ich erkenne das Wappen am Ärmel sofort und freue mich riesig. Der  Hahn und das Kreuz, vom&nbsp;<link http://www.eappi.org/ _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">EAPPI Programm</link>  des Weltkirchenrats. Wir haben ja gerade von Pfarrer Martin Rambow  seine Fotodokumentation zu seiner ehrenamtlichen Arbeit für dieses  Projekt in Bethlehem im Thüringer Landtag. Gestern berichtete ich in der  Reisegruppe darüber und heute stehen uns ein Schweizerin und ein  Norweger gegenüber. Man trifft sich - Inschallah.</p>
<p class="bodytext">Apropos Hoffnung: Am Nachmittag sind wir stundenlang  in Hebron. Dieser Rundgang durch die Altstadt macht uns richtig ratlos.  Wem gehört die Ibrahimi Mosche? Wem gehört das Grab Abrahams? Wer trägt  die Verantwortung für die absolut blutige Vertreibung der gesamten  jüdischen Bevölkerung 1929? Wer trägt die Verantwortung für 17 aus  Fanatismus ermordete Menschen? Was wir sehen deprimiert uns, was wir  hören macht uns traurig, aber was wir spüren ist gleichwohl der Wunsch  nach Normalität. Aber davon ist man hier sehr weit entfernt. Hebron,  eine Stadt die wohl schon seit über 5.000 Jahren existiert. Eine Stadt  in der alle abrahamitischen Religionen ihre blutigen Spuren hinterlassen  haben. Die christlichen Vertreter haben auch mal kurzerhand blutig  Vertrieben, Gotteshäuser abgerissen, die Grabstätten für sich okkupiert  und mal schnell die eigene Kirche darauf gebaut. Eine irre  Traditionslinie der Ermordung und Vertreibung.  </p>
Der Abend endet beim Araber in Ramallah und Ramelow  trinkt mit Klaus Ernst noch einen Arrak und wir prosten auf den  Weltfrieden. &nbsp;;-))
P.S.: Es ist aber nicht alles nur schwarz. Es gibt  auch Lichtblicke. Z.B.  die palästinensich-israelisch-jordanische  Initiative &quot;<link http://www.foeme.org/ _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">Friends of the Earth  Middle East</link>&quot;. Diese setzt sich aktiv vor Ort für Frieden ein und sie wurde im November in der Dormitio  ausgezeichnet.
<p class="bodytext"><br /></p></div>
<h2 class="bodytext">Wenn Wasser zur Waffe wird - Sonntag, 8. Januar 2012<br /></h2>
<p class="bodytext">Der  ganze Sonntag ist geprägt von Gesprächen und Debatten mit den  unterschiedlichsten Vertretern aus Palästina. Vertreter der  Jugendbewegung, der Frauenbewegung, politische Aktivisten und auch  Beauftragte der Boykott Kampagne (BDS-Kampagne und der PACBI). Die  Qualität der Informationen war sehr unterschiedlich und die Argumente  z.B. der Boykott Vertreter war für mich nicht wirklich überzeugend.  Vieles hörte sich in meinen Ohren eher nationalistisch und leider sehr  undifferenziert an. An diesem Punkt waren die Überzeugungen zwischen  unsere Delegation und der Aktivisten wohl weit auseinander. Den  Ausgangspunkt all dieser vorgetragenen Fakten, Analysen und Sorgen  teilen wir, wenn wir auch die Schlussfolgerungen und Konsequenzen  teilweise nicht mitgehen würden. Auffallend ist aber, dass kein einziger  Vertreter der palästinensischen Seite mehr an einen gemeinsamen Weg zum  Frieden oder an ein&nbsp;gemeinsames, friedliches Zusammenleben im gleichen  Territorium glaubt. Die täglichen Erfahrungen in den besetzten Gebieten  lehrt die Menschen eine andere Sicht und verstärkt den tief sitzenden  Frust in der palästinensischen Bevölkerung.</p></div>
<p class="bodytext"> </p>
<p class="bodytext">Am Abend haben wir dann ein Abendessen mit dem  Leiter der palästinensischen Wasserbehörde Herrn Shaddad Attili. Er ist  auch ein Fachmann für Hydrogeologie, der in München geboren ist und nun  seit 14 Jahren hier lebt und die Wasserversorgung der Westbank plant.  Herr Clemens Messerschmid teilt uns eine <link http://dokumente.linksfraktion.de/drucksachen/19162_1702943.pdf _top external-link-new-window "Öffnet einen Link zum Herunterladen der PDF">kleine Anfrage der Linken Bundestagsfraktion</link> aus (<link http://dokumente.linksfraktion.de/drucksachen/19162_1703129.pdf _top external-link-new-window "Öffnet Link zum herunterladen der PDF">Die Antwort der Bundesregierung</link>)  und berichtet über Dichtung und Wahrheit bei der Beantwortung. Hier  können wir uns mal vor Ort über unsere eigene praktische Arbeit  erkundigen. Dieser Teil des Abendessen schlägt uns auf den Magen. Haben  wir im laufe des Tages über politische Wertungen, Deutungen und  Schlussfolgerungen gesprochen und auch unterschiedliche Bewertungen  ausgetauscht, so endet der Tag mit bitteren Fakten. Amnesty  International hat dazu gerade eine Studie vorgestellt (<link http://www.amnesty-koeln-gruppe2415.de/Main/Informieren-Aktuelles?action=download&upname=Wassernoete.pdf _top external-link-new-window "Öffnet einen Link zum herunterladen der PDF">Die von &quot;Amnesty International Köln&quot; ins deutsche übersetzte Version der Studie.</link>)  und Herr Messerschmid erläutert als Projektleiter die Fakten aus seiner  Sicht. Nur jede Zahl, jeder Fakt den er vorträgt ist wie ein Schlag vor  den Kopf und wirkt bei mir wie ein Schlag in die Magengrube. Gerade die  Beduinenansiedlung die wir am Vortrag besucht haben, liegt im  wasserärmsten Gebiet. Das durchschnittliche Wasserangebot in dem Gebiet  entspricht der Menge, die Menschen nach Erdbeben im Durchschnitt zur  Verfügung haben. Hier wird offenkundig die Dauerkatastrophe organisiert  und bei mir breitet sich die Frage aus ob es vorsätzlich gemacht wird.  Uns wird die Bedrohung klar unter der die Menschen leben, die wir  gestern besucht haben. Wenn die Zisterne der Beduinen abgerissen wird,  obwohl sie seit 150 Jahren dort ist, dann werden die Menschen mit der  Waffe Wasser vertrieben. Wenn die Palästinenser kein Recht haben, selber  Tiefbrunnen zu bohren, dann wird das Wasser künstlich verknappt. Auf  den Bergen auf denen die palästinensischen Städte liegen, dort regnet es  regelmäßig und es versickert zügig in dem felsigen Kalkkaarst Gebirge.  Es sammelt sich unterirdisch im Jordantal und dort wäre es mit  ordentlichen Brunnen systematisch zu erschließen. Herr Messerschmid  führt aus, dass es genug Grundwasser in der Westbank gibt. Nur das  mögliche Erschliessungsgebiet für diese Brunnen, liegt im C-Gebiet und  deshalb hat die israelische Armee den absoluten Daumen drauf.   </p>
<p class="bodytext">In Oslo haben die Palästinenser mit den Israelis  Verträge abgeschlossen und vereinbart das die Wasserversorgung deutlich  verbessert und ausgebaut wird. Tatsächlich aber hat die Bevölkerung der  Westbank heute pro Kopf weniger Wasser, als vor Oslo zur Verfügung. Pro  Kopf hat jeder Israeli 260 Liter Trinkwasser und jeder Palästinenser 54  Liter zur Verfügung. Nur zum Vergleich: Jede und jeder Deutsche  verbraucht im Durchschnitt 122 Liter am Tag. </p>
<br />
<h2 class="bodytext">Klare Worte für die Zweistaatlichkeit – Montag, 9. Januar 2012<br /></h2>
<p class="bodytext">Heute  besuchen wir das Israelische Parlament, die Knesset und den zentralen  Gedenkort Yad Vashem, an dem das deutsche Verbrechen an dem jüdischen  Volk dokumentiert ist und an dem den ermordeten Juden gedacht wird. </p>
<p class="bodytext">Am Anfang steht ein interessantes Gespräch mit dem  Vizepräsidenten der Knesset, Herrn Shlomo Molla von der Kadima Partei.  Er ist äthiopischer Jude und damit dunkelhäutig. Er beschreibt seinen  Weg in die israelische Gesellschaft und aus dieser Erfahrung wählt er  sehr deutliche Worte gegen Rassismus. Seine Ausführungen gehen klar und  eindeutig zur Zweistaatlichkeit. Die Palästinenser brauchen ihren  eigenen Staat. Der Arabische Frühling zwingt die ganze Region endlich  eine Gesamtlösung für alle Palästinenser zu finden. Herr Molla führt  weiter aus, dass sechs Millionen Palästinenser leben im arabischen Raum  außerhalb Israels, der Westbank und Gaza's. In den arabischen Staaten,  wie Libanon oder Jordanien, in denen die Palästinenser leben, haben sie  keine staatsbürgerschaftlichen Rechte. Es geht um Staatsangehörigkeit,  um Zivil- und um Menschenrechte. Israel muss sich zur Zweistaatlichkeit  nicht nur verbal bekennen, nein, die Besatzung muss aufgegeben werden,  so seine deutlichen Ausführungen. Aber auch die aktuellen  innerisraelischen, undemokratischen Prozesse beschreibt er. Er erklärt,  wie versucht wird massiv Einfluss auf Mitte/Links zu nehmen und er dies  als eine Bedrohung des inneren Friedens wahrnimmt.</p></div>
<p class="bodytext">Er spricht Sätze die mich elektrisieren: Der  Zionismus von einst, wollte und musste den Staat Israel errichten. Der  Zionismus von heute muss die Grenzen endlich errichten und die  Zweistaatlichkeit erreichen. Es muss endlich den palästinensischen Staat  geben. Dazu muss die militärische Besatzung beendet und die illegalen  Siedlungen geräumt werden. </p>
<p class="bodytext">Er spricht auch über das Bedrohungsszenario durch  das Iranregime und die Erwartung der Israelis, dass die Weltgemeinschaft  nicht schweigt,wenn der iranische Präsident die Vernichtung Israels  verlangt. </p>
<p class="bodytext">Unsererseits sprechen wir die Wasserproblematik an. Wir erläutern das <link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/post/2012/01/08/schwere-kost-im-heiligen-land/ _top external-link "Öffnet einen Link in diesem Fenster">gehörte vom Vorabend und das Gesehene von unserem Besuch bei den Beduinen</link>. Herr Mulla erklärt, dass die Militärbesatzung beendet werden muss um hier zufriedenstellende Lösungen zu finden. </p>
<p class="bodytext">Klaus Ernst verabredet sich daraufhin mit den  Knesset Abgeordneten, da sie in den nächsten Wochen in Berlin weilen  werden. Man kommt überein, dass dann das Gespräch freundschaftlich  fortgesetzt werden soll. </p>
<p class="bodytext">Es schließt sich der Besuch im israelischen  Außenministerium an. Wir werden herzlich begrüßt vom stellvertretenden  Außenminister Danny Ayalon. Bas erstaunt sind wir, als er schon am  Anfang erwähnt, das die Bundesregierung, vertreten durch Dirk Niebel,  mit Israel kooperiert um Wasserquellen zu erschließen. Leider nicht in  der Westbank, sondern in Ghana. Wir denken, dass diese Aufgabe vor Ort  viel wichtiger zu erfüllen wäre. Wir sprechen auch hier gezielt die <link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/post/2012/01/08/schwere-kost-im-heiligen-land/ _top external-link "Öffnet einen Link in diesem Fenster">Schule von Susiya und die Zisternen</link>  an. Er sagt zu, die angesprochenen Themen überprüfen zu wollen. Er  erläutert dann mit klaren Worten das Thema der illegalen Siedlungen. Er  verweist auf das israelische Trauma, als man Siedlungen und den  Gazastreifen geräumt habe. Im Ergebnis dieser Räumungsaktion verschärfte  sich die innenpolitische Situation in Israel und in Gaza übernahm die  Hamas die Kontrolle. Seit dem werden die Städte Israels mit  Qassam-Raketen beschossen. Er führt dann aus, dass immerhin alle Siedler  in Gaza geräumt wurden. Dass Arafat erlaubt wurde mit der PLO nach  Ramallah zu kommen und die Bewaffnung seiner Sichheitsleute erhalten  geblieben ist und dass nach der PLO Vertreibung aus den anderen  arabischen Exilländern 100.000 Menschen der Zuzug ermöglicht wurde. Es  ist eben nicht einfach nur eindimensional. Hier hilft nur ein  Gesamtpaket für die ganze Region weiter. Er sichert uns zu, bis zum  Besuch von Dirk Niebel in drei Wochen dass von uns vorgetragene  Wasserthema zu überprüfen. Wir sind gespannt und bleiben auf jeden Fall  an dem Thematik dran. </p>
<p class="bodytext">Der Nachmittag und Abend ist dann tief geprägt durch  den Besuch in Yad Vashem. Mir fehlen jedes mal die Worte, wenn ich die  Gedenkstätte besuche und die Bilder in mein Herz lasse. Deshalb ist es  ein sehr stiller Besuch. Wir legen in der Gedenkhalle gemeinsam einen  Kranz nieder und im Tal der Gemeinden legen wir für jede ausgelöschte  jüdische Gemeinde unserer Heimat eine Rose nieder. Ich begebe mich zur  Inschrift Erfurts und innerlich lächele ich, weil ich mich freue das es  den Nazis nicht gelungen ist die jüdische Gemeinde Erfurt für immer zu  vernichten. Nein sie lebt und das nach der Shoah. Das lebendige jüdische  Leben Erfurts ist ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht. Das  Vernichtungswerk an 6 Millionen jüdischen Menschen ist unfassbar, aber  die Überlebenden haben hier in Yad Vashem sich auch auf die lebendige  Zukunft ausgerichtet.Hier verstehe ich den Satz: Wir wollen Nie mehr  wehrlos sein! Shalom. </p>
<p class="bodytext"><br /></p>
<div class="csc-textpic-text"><h2><link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/post/2012/01/11/gespraeche-mit-der-plo/>Gespräche mit der PLO - Dienstag, 10. Januar 2012 - Teil 1<br /></link></h2>
<p class="bodytext">Wir  starten in den Tag mit einem spannende Gespräch mit dem PLO  Generalsekretär Yasser Abed Rabbo, der auch Leiter der „Palestinian  Peace Coalition“ ist. Er verweist am Anfang auf die gestern in Amman  stattgefunden Gespräche zwischen Israel und den palästinensischen  Vertretern, auf Einladung des Nahost Quartetts.<br />Während wir dort in  Amman sprechen, so erzählt er uns, dringen Militärs in das  Beduinengebiet ein, umzingeln die dort seit Jahrhunderten lebenden  Bauern und wollen die Menschen vertreiben. So werden leider Fakten  geschaffen. So soll Ostjerusalem planvoll mit illegalen Siedlungen  umzogen werden und die Beduinen aus der C-Zone der Westbank vertrieben  werden. Stück für Stück sollen so unumkehrbare Fakten geschaffen werden.<br />Wir  reden aber auch über die Hamas und deren Amtsausübung im Gazastreifen,  das Einparteiensystem, Demagogie, Heilsversprechen des Islams,  Einschränkung von Frauen- und Menschenrechten und die Unterdrückung der  freien Meinungsäußerung. Das kennzeichnet leider auch die Politik der  Hamas, genauso wie das Soziale,sich kümmern und Nachbarschaftshilfe.</p>
<p class="bodytext">Es gibt nur eine Entscheidung die man treffen muss  sagt Rabu Rabbo: Entweder man geht den Weg von Erdogan (den Türkischen  Weg) oder den der Taliban!<br />Er berichtet dann noch über Syrien und wie  er den derzeitigen Zustand einschätzt. Gerade Heute wird eine Rede von  Assad erwartet. Er hat jedoch nicht wirklich Hoffnung etwas Neues zu  hören. Er ist und bleibt eben ein Autokrat und was in Syrien passiert,  hat auch viel mit der palästinensischen Bevölkerung zu tun. Egal was  passiert, es wird massive Auswirkungen auf den Libanon und auf Jordanien  haben, aber eben auch auf das was uns als Palästinenser betrifft. Er  zeigt uns auf, dass man hier vor Ort auf einmal mit dem Konfliktherd der  gesamten Region konfrontiert ist. Wird Assad vertrieben,was kommt dann?  Werden die Islamisten dann das Kommando übernehmen? Werden die  einheimischen arabischen Christen dann vertrieben werden, wie schon im  Irak? Werden die Palästinenser vertrieben? Werden Schiiten und Suniten  sich einen mörderischen Bruderkrieg liefern?</p></div>
<p class="bodytext">Ich verstehe auf einmal den Satz von ihm viel  besser, ob Taliban oder Erdogan der Weg ist. Denn selbst wenn Assad weg  ist, ergibt sich daraus kein Automatismus für Demokratie oder von  Menschen- und Bürgerrechten. <br /></p>
<p class="bodytext">Aber zurück zu seinen  Erläuterungen: Die PLO kennt den Spannungsbogen in allen Nachbarländern,  denn überall dort leben palästinensische Flüchtlinge. Das Ziel ist,  endlich das Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes zu  erreichen. Darauf zielt die Arbeit und sie basiert auf Verhandlungen,  Diplomatie und Gewaltverzicht. Genau deshalb muss die Spaltung der  palästinensischen Befreiungsbewegung überwunden werden. <br />Abed Rabbo  berichtet weiter, dass die Unterschiede zur Hamas bekannt sind, aber für  das gemeinsame, große Ziel der Staatsgründung dürfe man nicht weiter  gegeneinander arbeiten und so die Kräfte schwächen. Ein gemeinsames Dach  muss geschaffen werden. Dabei sind Inhaltliche Differenzen auszuhalten,  die erst mit Wahlen geklärt werden können, bei denen alle Palästinenser  selber entscheiden können, ob der Weg Erdogan oder der Taliban der Weg  des Volkes sein soll. Für die PLO ist die Entscheidung klar und heißt  Erdogan, aber was sie Mehrheit der Palästinenser möchte, müssen die  Bürger eines palästinensischen Staates in einer freien und geheimen Wahl  entscheiden. Aber das setzt einen Staat und damit verbunden, eine  Staatsbürgerschaft, voraus.<br />Was erwartet die PLO derzeit konkret? Gut  wäre zum Beispiel eine Nahostkonferenz der Europäischen Gemeinschaft um  die notwendigen Verhandlungen einzubetten in ein Klima der  Gleichberechtigung.</p>
<p class="bodytext">Zu den Verhandlungen mit Israel hat die PLO zwei  Bedingungen: 1. Stopp des Siedlungsbaus 2. Anerkennung der  Zweistaatlichkeit durch Israel.<br />Diese beiden Grundpositionen müssen  durch Israel unzweideutig anerkannt und nachprüfbar bis zum 26.01.  zugesagt werden, dann kann in ernsthafte Friedensverhandlungen  eingetreten werden.<br /></p>
<p class="bodytext">Eigentlich denke ich, dass dies doch  erfüllbare Erwartungen sind. Auch erschien mir das gehörte durchaus  flexibel und moderat, entgegen vieler Postionen der PLO die ich noch in  Erinnerung habe. Zweistaatlichkeit als Prinzip und die &quot;Green Line&quot;,also  der Waffenstillstandslinie von 1967, als Ausgangspunkt um eine  gemeinsame Grenze zweier Staaten per Verhandlungen zu erzielen, das gibt  doch Hoffnung, denke ich.<br /></p>
<p class="bodytext">Da wir schon in der Nähe des  Präsidentenpalastes sind, gehen wir noch an das Grab von Yassir Arafat .  Immerhin liegt hier der Träger des Friedensnobelpreis und eine großen  Person der Zeitgeschichte.<br /></p>
<p class="bodytext">Nachdenklich fahren wir von Ramallah  zurück nach Israel.Wir kreuzen eine Grenze,die keine ist, weil ja  Grenzen nur Staaten trennen könnten. Aber das eine ist der Staat Israel  und das andere ist ein militärisch besetztes Gebiet. </p>
 Am Abend erreicht uns noch ein Hoffnungszeichen,denn <link http://www.sueddeutsche.de/politik/israels-bekanntester-journalist-geht-in-die-politik-schrecken-aller-rechten-und-religioesen-1.1254036 _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">Yair Lapid hat seine Kandidatur angekündigt</link>. Die Staatsbürger Israels müssen sich bei Wahlen entscheiden, welchen Weg das Land Israel zukünftig gehen wird.<br /><br />Und  noch eine Wortmeldung (auf englisch) der „World Union for Progressive  Judaism&quot;, die die innerisraelischen Probleme aufzeigen. Auch die  liberalen Juden machen sich große Sorgen um den Weg Israels. Wenn  Bürgersteige und Busse in Männer und Frauen geteilt werden,dann geht  etwas schief:<br /><link http://wupj.org.il/News/NewsItem.asp?ContentID=509 _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">A Progressive Response to Recent Ultra Orthodox Activities in Israel and around the World</link>
<br />
<h2><link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/post/2012/01/11/gespraeche-mit-der-plo/>Stunden intensiver Israeldebatte - Dienstag, 10. Januar 2012 - Teil 2</link></h2>
<h2><link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/post/2012/01/12/stunden-intensiver-israeldebatte/></link></h2>
<div class="csc-textpic-text"><p class="bodytext">Da der Dienstag so intensiv und voller Informationen war, habe ich mich dazu entschlossen ihn zu teilen.</p>
<p class="bodytext">Nun also der zweite Teil vom Diensttagnachmittag und Abend.<br />Begonnen  hat dieser mit einem Gespräch mit Frau Professorin Naomi Chazan,  Politologin, ehemalige Knessetabgeordnete der Partei Meretz und zur Zeit  Präsidentin des New Israel Fund. Sie analysiert den inneren Zustand der  Israelischen Gesellschaft. Zugespitzt beschreibt Sie einige Facetten  von Israel: </p>
<p class="bodytext">a) Institutionelle Ungleichheit kennzeichnet den Zustand der Sicherheitspolitik.<br />b) Alles jenseits der grünen Linie (67'er Waffenstillstandsgrenze) ist eindeutig und unbestreitbar eine demokratiefreie Zone.<br />c)  Wenn laut aktuellen Umfragen 80% der Israelis für Demokratie sind, aber  70% einen starken Führer wollen, dann läuft es ihr eiskalt den Rücken  herunter.</p></div>
<p class="bodytext">Auf  ein Frage aus unserer Delegation ob man die Zustände in Israel oder  durch Israel ausgelösten Zustände als Apartheid bezeichnen könne, sagte  Sie, dass dies nicht ihre Sprache sei. Als Professorin arbeitet sie u.a.  an afrikanischen über diese Zeit der Apartheid in Südafrika. Ja, man  findet Elemente von Apartheid in oder durch die derzeitige israelische  Politik. Sie würde es trotzdem nicht als Apartheid bezeichnen und immer  versuchen im Gespräch Erklärungen zu geben. </p>
<p class="bodytext">Warum sie sich eigentlich seit über 40 Jahren für  Israel engagiert wollten wir wissen. Sie kämpfe nicht für ein rein  physisches Überleben des Staates Israel, sondern für die Seele des  Staates! Wenn wir als Israelis scheitern, zerstören wir die Zukunft  unserer Kinder und Enkel in einem lebendigen Israel. Am Schluss bittet  sie uns freundlich lächelnd und eindringlich, dass wir nicht die  Hoffnung für unser Land verlieren sollen und uns weiterhin für ein  lebens- und liebenswerte Israel begleiten sollen. Ohne Besatzung, ohne  Diskriminierung, ohne Raketen und Bomben und mit zwei real existierenden  Staaten die in Frieden verbunden sind.<br /> </p>
<p class="bodytext">Danach kommt Herr Dov Khenin zu uns ins Büro der  RLS, er war Oberbürgermeister Kandidat von Tel Aviv und hat immerhin 35%  der Stimmen bei der letzten Wahl gewonnen. Er ist Knesset Abgeordneter  für die Chadasch Partei und er war auch im Parlament, als wir zufällig  Zeuge wurden, wie eine Abgeordnete der Siedler einem Abgeordneten der  arabischen Minderheit einfach ein Glas Wasser ins Gesicht schleuderte.  Alleine das mit ansehen zu müssen hat uns als deutsche Parlamentarier  tief erschüttert. Es mag nur Wasser gewesen sein, aber in dieser  Handlung war auch Hass, Verachtung und Rassismus deutlich erkennbar.<br /> </p>
<p class="bodytext">Deshalb waren seine Eingangssätze für uns auch Schlüsselsätze:<br />„Ihr  Besuch ist nicht nur für uns ein Zeichen der Solidarität, sondern er  ist vor allem auch wichtig für Sie selber. Wenn uns der Konflikt um die  Ohren fliegt, dann wird das nicht ohne Wirkung auf Sie in Deutschland  sein. Wir müssen gemeinsam an der Lösung dieses Problems arbeiten, denn  es ist unser aller Problem.“<br /> </p>
<p class="bodytext">Weiter führt er aus, das er fest davon überzeugt  ist, dass die derzeitige Regierung extremistisch und militaristisch ist.  Alle ergriffenen Maßnahmen, die nach Innen wirken, führen zu massivem  Demokratieabbau (Siehe dazu die sehr interessante <link http://www.bodo-ramelow.de/fileadmin/bodoramelow/Dokumente/Israel_Kontrovers_Nr10.pdf - - "SONSTIGES, Israel Kontrovers Nr10, Israel_Kontrovers_Nr10.pdf, 277 KB">Online-Publikation „Israel Kontrovers“ Nr. 10</link>.) und gegenüber den Palästinensern zu Einschüchterung und Schikanierung.</p>
 Er bittet uns zu helfen, am Frieden zu arbeiten und  zu unterscheiden zwischen dieser Politik die zu immer mehr Gewalt führt  und ihren Aktivitäten die auf ein friedliches Konzept der  Zweistaatlichkeit hinarbeitet. Die Mehrheit der Israelis lehnt die  Besatzung der Westbank ab, aber das setzt sich leider nicht in  Wählerstimmen um. Die Protestbewegung im November war beeindruckend,  aber die Regierung macht einfach weiter. Es wird also noch viel mehr  zusammenkommen müssen, damit mehr in Gang kommt. Wir werden als Deutsche  und als Linke von allen Beteiligten aufgefordert uns weiter zu  engagieren und den Prozess mit unseren Mitteln aktiv zu begleiten.
<br />
<h2><link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/post/2012/01/13/nachdenkliches-zum-schluss/>Nachdenkliches zum Schluss - Mittwoch, 11. Januar 2012</link></h2>
<div class="csc-textpic-text"><p class="bodytext">Die  intensive Delegationsreise, die auch sehr kräftezehrend war, nähert  sich dem Ende. Hatten wir als Delegationsmitglieder das Gefühl,  irgendwann auch noch einmal Luft holen zu können, so bekamen wir am  Schluss noch einmal die „volle Ladung“ an Diskussionen und  Informationen.</p>
<p class="bodytext">Der Vormittag vollzieht sich über einen Intensiv-  und Schnellkurs zum zivilgesellschaftlichen Diskussionsprozess innerhalb  der Israelischen Gesellschaft. Man könnte fast sagen, es handelt sich  um ein Speed-Dating in Sachen Politik. </p>
<p class="bodytext">Zwei Vertreter, Stav Shaffir und Jonathan Cohen, der  sozialen Protestbewegung erläutern uns die November-Demonstrationen  sowie die Bewegung der Zeltstädte in ganz Israel.   </p>
<p class="bodytext">Deutlich wird aber, dass es sich um die  Protestbewegung der israelischen Mehrheitsgesellschaft handelt, denn der  anwesende Vertreter der israelischen Palästinenser merkte schon  skeptisch an, wie schwer es fällt, auf einmal mit jungen Menschen  zusammen in der Protestbewegung zu stehen, die ansonsten oder noch vor  kurzer Zeit mit der Waffe in der Hand an einem der Checkpoints gestanden  haben.</p>
<p class="bodytext">Rina  Shapira von der feministischen Organisation der russischsprachigen  Einwanderer gibt uns einen Einblick in das, was die zweitgrößte  Zuwanderer- bzw. Minderheitsgruppe innerhalb Israels betrifft. Man muss  sich im Klaren sein, dass - wahlberechtigt und mit israelischer  Staatsangehörigkeit ausgestattet - 20 Prozent der Gesamtbevölkerung der  arabischen Minderheit angehören, aber dass die russischen Zuwanderer  mittlerweile auch 16 bis 18 Prozent der Gesamtgesellschaft ausmachen. </p></div>
<p class="bodytext">Alleine bei den russischen Zuwanderern sind  mittlerweile schon 50.000 Kindern in Israel geboren worden. Diese 50.000  Kinder der russischen Zuwanderer haben eine schlechtere Schulbildung  als ihre eigenen Eltern.</p>
<p class="bodytext">Die Frage, warum russische Zuwanderer häufig  jenseits der Grünen Linie angesiedelt sind, beantwortet sie mit der  Frage, ob wir uns im Klaren sind, wie das größte Immigrationspotenzial  innerhalb der israelischen Gesellschaft verarbeitet wird. </p>
<p class="bodytext">Die größte staatliche Organisation, die sich um  Migranten und um deren Integration in die israelische Gesellschaft  kümmert, sei eben die Armee. Kaum landen sie, werden sie faktisch fast  vom Flughafen weg in die Armee angeworben. Diese Zuwanderergruppen haben  vom Sozialismus oder dem, was man darunter in der Sowjetunion hat  verstehen müssen, die „Nase gestrichen voll“, und sie haben vom  sozialistischen Zyonismus in Israel überhaupt keine Ahnung. Meistens  haben sie auch vom jüdischen Glauben wenig bis keine Ahnung. Hier  vollzieht sich eine doppelte Militarisierung im Sinne einer  gesellschaftlichen Integration in ein militärisches Verteidigungssystem,  das gleichzeitig allerdings auch extrem repressiv aufgestellt ist. Die  Siedlungen, die man diesen Zuwanderern anbietet, die wir auch in den  C-Gebieten sehen konnten, ähneln deshalb mehr einem Wehrdorf als denn  wirklich einer zivilisatorischen Besiedlung von unbenutztem Land.  Tatsächlich wird hier ein altes Recht aus dem osmanischen Reich, dass  unbenutztes Land nach einigen Jahren der Nichtnutzung neu verteilt  werden könne, missbraucht, denn das Leben der Beduinen wird einfach als  Nichtnutzung des Landes angesehen.</p>
<p class="bodytext">Uns wird klar, dass eine Anzahl von 20 Prozent in  der Bevölkerung, die der arabischen Minderheit angehören, und fast 18  Prozent, die russische Zuwanderer sind, eine Gesellschaft fragmentiert  wie wohl an keinem anderen Ort auf der ganzen Welt. Wenn man dann auch  noch zur Kenntnis nimmt, welche Binnenauseinandersetzungen aktuell in  der israelischen Gesellschaft selber stattfinden, wenn man spürt, wie in  Jerusalem die Spannung steigt, wenn Frauen nicht mehr auf den normalen  Bürgersteigen gehen dürfen, sondern von den männlichen Orthodoxen auf  eigene Gehsteige verwiesen werden oder eigene Buslinien sogar  existieren, in denen die orthodoxen Männer vorne und die orthodoxen  Frauen hinten im Bus sitzen.</p>
<p class="bodytext">Erst vor wenigen Tagen kam es zu einer großen  Protestkundgebung gegen die religiöse Intoleranz, die von diesen  israelischen Vertretern ausgehen, die im Herzen den Staat Israel  ablehnen.</p>
<p class="bodytext">Worin unterscheidet sich dann noch der arabische  Bürger, dem man seine staatsbürgerschaftlichen Rechte nicht gewährt -  denke ich - von dem, der die gesamten israelischen Rechte in Anspruch  nimmt und den Staat Israel abgrundtief ablehnt? Am  Radikalisierungspotential jedenfalls unterscheidet sich das nicht mehr.</p>
<p class="bodytext">Während immer mehr in die militärische Option und  den repressiven Charakter dieser militärischen Option investiert wird,  steht immer weniger für sozial umzuverteilende Projekte zur Verfügung.  Der Wohnungsbau lahmt zugunsten eines aggressiven Siedlungsbaus. Die  Schulbildung lahmt zugunsten eines Staatshaushaltes, der immer mehr Geld  in die Durchführung der Besatzung investiert. </p>
<p class="bodytext">Das Beispiel der vielleicht 800 Siedler in Hebron,  die von einigen Tausend Soldatinnen und Soldaten rund um die Uhr  beschützt werden, fällt uns wieder ein. </p>
<p class="bodytext">Aber eben auch die Frage: Wie soll man urteilen,  wenn in Jerusalem Frauen nicht über den gleichen Bürgersteig gehen  dürfen und in Hebron die Palästinenser ebenso einen eigenen Teil einer  Straße zwangsweise zugeordnet bekommen und über bestimmte Straßen in der  Altstadt gar nicht mehr gehen dürfen?</p>
<p class="bodytext">Einer der Vortragenden an diesem Vormittag erläutert  noch einmal, dass die zentralen Werte der israelischen Gesellschaft in  der Aufbauphase Zyonismus kombiniert mit Sozialismus war. </p>
<p class="bodytext">Wolfgang Gehrcke (Ich verweise an dieser Stelle gerne auf <link http://www.waehlt-gehrcke.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=101&Itemid=162 _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">seinen Reisebericht von der Nahostreise</link>.)  aus unserer Delegation verweist auch noch einmal auf den starken  Einfluss jüdischer Kommunisten bei der Entstehung der Sowjetunion, der  jüdischen Oblast Birobidschan und den Kampf innerhalb der  kommunistisch-sozialistischen Internationalen, dass es auch einen  starken linken Zyonismus gegeben hat, der zu einer ganz anderen  Entscheidung vor 1933 hätte führen können. </p>
<p class="bodytext"> Mit der Shoa - mit dem Holocaust - ist aber etwas im  Massenbewusstsein der jüdischen Bevölkerung auf der ganzen Welt  eingetreten, was bis in die heutige Zeit wirkt wie eine posttraumatische  Gesellschaft. Eine der jungen Frauen sagt: „Was uns zusammenhält, ist  die Angst auf Grund unserer jüngeren Geschichte“ und ergänzt dann, dass  die große soziale Protestbewegung im November abrupt endete, als in  Eilat das Blutbad passierte und andererseits der Raketenbeschuss aus dem  Gaza-Streifen und aus dem Libanon-Gebiet kam.</p>
<p class="bodytext">Geistig-moralisch war auch die Protestbewegung auf  einmal wieder in den Bunkern und Schutzräumen angekommen. Diese sind  aber nicht nur die aus Beton gebauten, sondern sich auch in den Seelen  befindenden Bunker und Schutzbauten, die zu einem sehr abrupten Ende der  Protestbewegung geführt haben. Trotzdem gibt es den Protest, und  gleichwohl haben wir am Vortag mit Dov Khenin von der Hadash Partei  erlebt, dass es auch wirksame Kandidaturen gibt, mit denen man  Kristallisationspunkte des Umsteuerns erreichen kann. </p>
<p class="bodytext">Dass der Vater des entführten Soldaten nun für die  Arbeitspartei kandidiert und dass am Vortag der berühmteste  Fernsehjournalist seine Kandidatur zum Präsidentenamt angekündigt hat,  zeigt, dass Bewegung auf der Tagesordnung steht. </p>
<p class="bodytext">Am Nachmittag besuchen wir in Süd-Tel Aviv noch  einen Stützpunkt der Frauenorganisation „Achoti“, die sich um soziale  Brennpunkte kümmert und die auch an mehreren Stellen in Tel Aviv Läden  und Betreuungsstrukturen unterhält. </p>
<p class="bodytext">Mit der Leiterin gehen wir in das älteste Lokal in  Israel, das von iranischen Juden seit vielen Jahrzehnten betrieben wird.  Das Essen kann ich hier nicht beschreiben, nur erwähnen, dass mir das  Wasser schon beim Schreiben wieder im Mund zusammenläuft. Die  Kombination aus arabischer und jüdischer Küche ist hier vortrefflich. </p>
<p class="bodytext">Warum kann man das Essen so schmackhaft und mit so  vielen Gewürzen so lecker zusammenstellen, ohne dass es in trennende  Komponenten zerfällt? Warum gelingt es nicht, das Patchwork im Nahen  Osten zur Harmonie zu bringen, um in der Unterschiedlichkeit das  eigentlich Neue und Hoffnungsvolle für die Welt zu kreieren? </p>
<p class="bodytext">So nachdenklich gehen wir in den Abend, bei dem wir  einen Empfang geben im Journalistenclub von Tel Aviv, und wir treffen  viele Freunde, die wir im Laufe der Reise kennengelernt haben. Ich  persönlich treffe allerdings auch Freunde, die ich schon aus Deutschland  kannte, und noch einmal den Botschafter, der in der Woche zuvor schon  die Delegation unserer Ministerpräsidentin, Frau Lieberknecht, betreute. </p>
<p class="bodytext">Mit ihm spreche ich über den aktuellen Stand zur  Jüdischen Fakultät in Erfurt, und er grinst still vor sich hin, als ich  ihm den aktuellen Stand des Gesprächs in Erfurt erläutere, das ja nur  wenige Stunden vorher in der Staatskanzlei in Erfurt stattgefunden hat. </p>]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Nahost-Debatte</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 16:31:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Wortmeldung an den Parteivorstand der LINKEN bezüglich eines Mitgliedervotums zur Personalfindung</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/wortmeldung-an-den-parteivorstand-der-linken/</link>
			<description>Bodo Ramelow wendet sich bezüglich eines Mitgliedervotum zur Personalfindung an den Parteivorstand...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<media 6842>Brief als PDF herunter laden.</media>
--------------------------<br />
Liebe Gesine, <br />lieber Klaus, <br />liebe Genossinnen und Genossen,<br /><br />zum Jahresanfang noch einen herzlichen Gruß und uns allen viel Kraft für ein kämpferisches Jahr 2012.<br /><br />Zur Vorbereitung der nächsten PV-Sitzung möchte ich Euere Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ich lange vor dem Erfurter Parteitag beim Parteivorstand und bei der Bundesgeschäftsstelle nachgefragt hatte bzw. nachfragen hatte lassen, inwieweit mit der vorbereiteten Beschlussempfehlung zum Erfurter Parteitag ein Mitgliederentscheid als Mitgliedervotum zur Personalfindung, z.B. unserer Doppelspitze, möglich und zulässig sei.<br />Gerade da begleitend zu den Mitgliedervoten eine Ordnung erlassen werden sollte, war es für mich als Parteitagsdelegierten von Interesse, ob ich einen entsprechenden Antrag noch dem Parteitag zuleiten müsste, damit das höchste aller Gremien - nämlich der Bundesparteitag - selber darüber befinden kann, ob ein solches Mitgliedervotum zulässig sei und in welchem Rahmen es ermöglicht werden kann. Politisch - und da verweise ich gern auf meine mehrfach getätigten öffentlichen Äußerungen - habe ich mich für ein Mitgliedervotum engagiert, und zwar ausdrücklich unabhängig von den jeweiligen Kandidaten, Strömungen oder regionalen Herkünften.<br /><br />Ich bin schon vor dem Rostocker Parteitag vehement für eine Geschlechterdoppelspitze eingetreten und vertrete diese Ansicht nach wie vor, denn sehr schnell verliert DIE LINKE ihr weibliches Gesicht, wenn sie nicht auf bestimmte Mindeststandards achtet. Im Alltag droht dies sehr schnell unterzugehen und genau hier hilft eine geschlechtsspezifische Doppelspitze, die weibliche Sicht nicht im Alltag aus dem Blick zu verlieren.<br />Da ich von einer geschlechtsspezifischen Doppelspitze ausgegangen bin und mir sehr gut vorstellen kann, dass ein Mitgliedervotum gleichfalls eine große Kampagne sein kann, um innerhalb der Partei mehr Genossinnen und Genossen zu aktivieren, um sich auch mit Führungsfragen und Führungspersönlichkeiten auseinanderzusetzen, wollte ich die Frage nach einem Mitgliedervotum vor dem Erfurter Parteitag geklärt wissen.<br /><br />Der Geschäftsführende Parteivorstand hat dazu eine eindeutige Auffassung vertreten und ein Mitgliedervotum gemäß § 2 Abs. 8 unserer Ordnung für zulässig bewertet.<br />Da es nie um eine Urwahl ging, habe ich mich mit dem Parteienrecht nicht auseinandersetzen müssen, denn eine Urwahl hat eine andere Bindewirkung wie ein Mitgliedervotum. Im Vertrauen auf die Auskunft, die der Geschäftsführende Parteivorstand im Rahmen einer Parteivorstandssitzung gegeben hat, habe ich von einer Antragstellung zum Parteitag abgesehen.<br /><br />Wenn Ihr Euch gemeinsam daran erinnert, hat zumindest in meiner Wahrnehmung niemand der Sicht des Geschäftsführenden Parteivorstands vehement widersprochen, sondern es gab jeweils nur politische Abwägungseinschätzungen dazu.<br />Man kann die Frage des Mitgliedervotums auch völlig anders beantworten. Dies halte ich für legitim und im politischen Diskurs für zulässig. <br /><br />Wenn aber ein Minderheitenrecht mit einem 25-Prozent-Quorum ausgestattet ist, sollte nicht hinterher mit juristischen Winkelzügen das konterkariert werden, was das Parteiführungsgremium vorher als zulässig und als legitim ausgeführt hat. Unabhängig von der Frage, ob oder welche politischen Auffassungen der einzelne Repräsentant im Parteivorstand hat, bleibt die Frage der Verlässlichkeit einer Auskunft, die das höchste Führungsgremium zwischen den Parteitagen gegeben hat. <br /><br />Vor der Elgersburger Runde hat der Geschäftsführende Parteivorstand dann - wenn ich es richtig verfolgt habe - in einer Abstimmung von 4:2 Mitgliedern Prof. Morlock einen Auftrag zu einem Gutachten diesbezüglich gestellt.<br /><br />Da ich als Parteibildungsbeauftragter mit Prof. Morlock sämtliche Schritte der Parteibildung jeweils gutachterlich erörtert habe, habe ich volles Vertrauen darauf, dass Prof. Morlock qualifiziert gutachterlich antworten wird. Ich hoffe nur, dass die erteilte Auskunft des Geschäftsführenden Parteivorstandes, der im Parteivorstand nicht widersprochen wurde, Grundlage des Gutachten-Auftrages geworden ist, dass nämlich die Parteigremien selber von der Zulässigkeit eines Mitgliedervotums ausgegangen sind.<br /><br />Die gutachterliche Bewertung einer Urwahl ist nicht notwendig, da ein solcher Antrag weder beabsichtigt war zu stellen noch zwischenzeitlich gestellt wurde. <br />Ich bitte deshalb die Mitglieder des höchsten Führungsgremiums, sich daran zu erinnern, dass erteilte Auskünfte auch zur Geschäftsgrundlage für Antragsteller zum Parteitag wurden oder umgekehrt zur Nichtantragstellung geführt haben. Dies sollte bei weiteren Bewertungen, wenn es um die Zulässigkeit des gestellten Antrags von Mecklenburg-Vorpommern geht, mit ins Kalkül gezogen werden, denn ein erreichtes Quorum, das Satzung und Ordnung festschreibt, kann nicht durch Mehrheitsbeschluss außer Kraft gesetzt werden. Lediglich wenn Nichtigkeitstatbestände zu dem gestellten Antrag vorliegen würden, gebe es eine andere Bewertungsgrundlage.<br />Wir sollten deshalb gemeinsam ein Interesse daran haben, dass dies nicht zu einer strömungspolitischen Frage wird, denn es geht prinzipiell um die Glaubwürdigkeit im Umgang von Mehrheiten und Minderheiten.<br /><br />Erinnern möchte ich allerdings daran, dass andere Parteien Mitgliedervoten schon praktiziert haben, ohne dass dort das Parteien-, Vereins- oder Satzungsrecht entgegen gestanden hätten. Mitglieder, die damals in einer solchen Partei selber aktiv waren, sollten sich auch daran erinnern, dass zumindest die juristischen Fragen noch auf der gleichen Substanz zu beantworten sind. Ansonsten würde man instrumentell mit zweierlei Maß messen, was dem Umgang mit politischer Kultur nicht gut tun würde.
<br />In diesem Sinne vertraue ich auf eine weise Beurteilung bei der Zulässigkeitsprüfung für das Mitgliedervotum und würde mich politisch freuen, wenn es mehr als nur einen Kandidaten bei Wahlen gebe und auch in unserer Partei das Wort Wahlen von Auswählen abgeleitet werden könnte.<br /><br />Mit herzlichsten Grüßen<br /><br />Bodo Ramelow<br />Parteitagsdelegierter, Mitglied des Kreisverbandes Erfurt (Basis), eine der drei Vertrauenspersonen des beantragten Mitgliedervotums des Landesvorstandes Mecklenburg-Vorpommern<br /><br /><i>nachrichtlich:</i><br />Steffen Bockhahn und<br />Landesgeschäftsführer Kay Spieß, Mecklenburg-Vorpommern]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Partei &amp; Wahlen</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 14:13:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Erfurter Wortmeldung von Knut Korschewsky und Bodo Ramelow</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/erfurter-wortmeldung-von-knut-korschewsky-und-bodo-ramelow/</link>
			<description>
Hier die &quot;Erfurter Wortmeldung&quot; als PDF herunter laden.
Das PDF Dokument beinhaltet...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<hr  />
<media 5590>Hier die &quot;Erfurter Wortmeldung&quot; als PDF herunter laden.</media><br />
Das PDF Dokument beinhaltet neben den unten stehendem Text ebenfalls das &quot;<b>Erfurter Programm von 1891</b>&quot; sowie die &quot;<b>Erfurter Erklärung vom 9. Januar 1997</b>&quot;.<br />
<hr   />

<i>Liebe Genossinnen und Genossen, </i> 
<i>liebe Delegierte der 2.Tagung des 2. Parteitages der Partei DIE LINKE,</i>
<br /> 
wenn eine Partei in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt einen Bundesparteitag abhält und wenn dies noch unsere eigene Partei DIE LINKE ist, werden sehr schnell Parallelen und historische Bezüge zu einem Parteitag deutlich, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist und ein wesentliches Fundament für die deutsche ArbeiterInnenbewegung und für den Aufbruch einer jungen, damals nach Selbstdefinition noch marxistisch-sozialistischen Partei darstellt, der SPD.
<br /> 
Während des »Erfurter Parteitages« von 1891 wurde geschickt der Spannungsbogen zwischen den Ansätzen der SPD-Theoretiker Karl Kautsky und Eduard Bernstein austariert, um auf der Basis der Marx’schen Lehre Alltagstauglichkeit und Visionäres in der Programmatik der ersten deutschen Arbeiterpartei zu verankern. Heute, 120 Jahre später, trifft sich nach langen Irrungen und Wirrungen, nach vielen Brüchen, vielen Spaltungen und noch mehr Niederlagen der sozialistischen Bewegung wieder eine Partei in Erfurt, die sich aufmacht, die Achse der gesellschaftlichen Debatten nach links zu verschieben.
<br /> 
Erfurt ist nicht nur wegen dieses geschilderten historischen Bezugs ein gut gewählter Ort für unseren Parteitag, sondern auch weil die ArbeiterInnenbewegung hier zwischen Eisenach, Gotha und Erfurt bereits vor 120 Jahren ihren Herzschlag spürte. Zudem gibt es im Stammland der Reformation auch den Spannungsbogen zwischen den Theologen Martin Luther und Thomas Müntzer. Bei aller Unterschiedlichkeit im Wirken der beiden einte sie ein Aufbegehren gegen eine Obrigkeit, die ihre Untertanen dumm und ungebildet halten wollte. Die lateinische Bibel ins Deutsche zu übersetzen, war eine bedeutende Tat, die – verbunden mit den Möglichkeiten des Gutenberg’schen Buchdrucks – das mit auslöste, was später zur Aufklärung führte.
Thüringen ist aber auch das Land der Reformpädagogik und einer umfassenden Volksbildung. Der Kindergarten als Ort der frühkindlichen Bildung, der inzwischen weltweit diesen Namen trägt, ist mit dessen Erfinder Friedrich Fröbel verbunden. Der Ort Bad Blankenburg, Ausgangspunkt dieser Institution, hat heute übrigens einen Bürgermeister mit unserem Parteibuch.
<br /> 
Und die in Jena entstandene Reformpädagogik trägt ihre regionale Herkunft im Namen, und es ist sicher kein Zufall, dass wir uns als Partei diesem pädagogischen Vermächtnis verbunden fühlen: Das Prinzip des längeren gemeinsamen Lernens und das Konzept einer Schule, die Lern- und Lebensort ist, sind Elemente eines umfassenden Bildungskonzeptes, das wir in Thüringen vertreten. Wir treten dafür ein, dass der Schulhort ein Element des pädagogischen Konzeptes einer ganztagsorientierten Schule ist. Gebührenfreie Bildung – von der Kita über die Schule mit dem Schulhort bis zur Hochschule – sowie ein kostenloses Mittagessen für alle SchülerInnen gehört dazu.
<br /> 
In Thüringen ist mit der 1923 gebildeten Koalitionsregierung aus SPD und KPD unter Ministerpräsident August Frölich die erste und einzige reformsozialistische Landesregierung nach den Verheerungen des ersten Weltkrieges entstanden – eine frühere Koalition von SPD und USPD war hier von der KPD bereits toleriert worden. Sie hatte sich genau diesem Bildungsansatz verschrieben. Thüringen wurde in der Folge mit der »Reichsexekution« belegt, die Reichswehr marschierte unter blutigen Übergriffen ein.
<br /> 
Hier in Erfurt war es später die PDS gemeinsam mit dem DGB, die seit nunmehr 21 Jahren immer wieder auf solche Zusammenhänge hingewiesen hat . Eingebettet auch in diese Aktivitäten gab es in Thüringen und insbesondere hier in Erfurt erstaunliche Entwicklungen, darunter die mittlerweile traditionelle gemeinsame 1.-Mai-Feier von Gewerkschaften, PDS/DIE LINKE, SPD und Grünen. Die »Erfurter Erklärung« von 1997 war das erste bundesweite Signal, das politisch die drei Parteien SPD, Grüne und PDS mahnte, das Trennende zu überwinden, um gemeinsam die Ära des Helmut Kohl zu beenden. Kohl hatte verstanden. Er nannte auf einem CDU-Parteitag sowohl die »Erfurter Erklärung« als auch die gemeinsamen Maiveranstaltungen die »Volksfront von Erfurt«, vor der er vehement warnte. Dass bei einem wie Kohl und seinen alten und neuen Brüdern im Geiste die Gefahr stets von links kommt, verwundert keinen.
<br /> 
Mit dem Betriebsrätebündnis »5 vor 12 – Thüringen brennt« hatten Gewerkschaften und die PDS bereits 1992/1993 ein ganzes Jahr lang gemeinsam mit den Belegschaften gegen die verheerende Deindustrialisierungs- und Vernichtungspolitik der Treuhandanstalt gekämpft. Unsere Solidarität mit den im Arbeitskampf stehenden Kalikumpeln von Bischofferode war gelebte und praktizierte politische Arbeit. Im Jahr 2007 galt unsere Solidarität der Belegschaft der Firma »Bike Systems« in Nordhausen, die dort ihren von Schließung bedrohten Betrieb besetzte und selbst Fahrräder (»Strike Bike«) produzierte. Trotz des Scheiterns wurde hier die wichtige Erfahrung gemacht, dass es möglich ist, selbst aktiv zu werden und ohne Hierarchien zu arbeiten, wie Heinz Bierbaum in seinem lesenswerten Aufsatz über die »Renaissance der Belegschaftsbetriebe« (Luxemburg, 3/2011) schrieb. Das kalte Vernichten von Bischofferode nähert sich nun seinem traurigen 20-jährigen Jubiläum. Es wird Zeit, sowohl den bis heute geheimen Kali-Fusionsvertrag endlich ans Licht der Öffentlichkeit zu holen als auch »die nackte Fratze des Kapitalismus«, wie der damalige Ministerpräsident von Thüringen, Bernhard Vogel (CDU), die damaligen Vorgänge umschrieb, wieder zu thematisieren.
<br /> 
Im Juli 2005 fand ebenfalls in Erfurt unter reger Beteiligung der gerade entstandenen Linkspartei.PDS das erste deutsche Sozialforum statt. 2006 trafen sich hier in Erfurt Vertreter von WASG und Linkspartei.PDS im Festsaal des Rathauses, um die Partei DIE LINKE als gemeinsames Projekt auf den Weg zu bringen. Heute treffen sich die Delegierten unserer Partei, um das erste gemeinsame, aus der Mitte der Partei entstehende Programm zu beschließen. Es ist wünschenswert, dass die historische Mischung aus Frühsozialisten wie Wilhelm Weitling und Moses Heß, aus Theoretikern der Arbeiterbewegung wie Kautsky, Bernstein und Rosa Luxemburg, aus Pragmatismus und Vision unter Berücksichtigung der Marx’schen Analyse unsere kraftvolle Handschrift ausmacht.
<br /> 
Thüringen war aber auch nationalsozialistischer »Mustergau«. Das oberhalb von Weimar gelegene KZ Buchenwald ist das Thüringer Symbol für Terror und Massenmord an JüdInnen, DemokratInnen, Sinti und Roma, Behinderten, der ArbeiterInnenbewegung, Kriegsgefangenen und sogenannten Asozialen, die nicht ins Weltbild des Faschismus passten. Der Schwur von Buchenwald mahnt uns und ist uns Verpflichtung: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.« Ein bis heute aktueller Auftrag angesichts wöchentlicher Aufmärsche von Neonazis, rassistischer Überfälle, Angriffen auf Partei- und Wahlkreisbüros und der großen und kleinen Sarrazins im Alltag.
<br /> 
Wir benötigen aber auch eine Zielbestimmung, einerseits das Parteiprogramm – in dem unsere Vorstellung eines demokratischen Sozialismus skizziert wird – und andererseits Klarheit darüber, wofür wir im Alltag stehen. Wollen wir Teil des gesellschaftlichen Projektes sein, mit dem wir Mehrheiten anstreben, um unsere Inhalte nicht nur besser zu formulieren, sondern sie auch alltagstauglich durchsetzen zu können, dann müssen wir uns die Frage nach unserer Funktion stellen. Es wäre deshalb sinnvoll und richtig, zehn gesellschaftliche Hauptprojekte in den Mittelpunkt zu rücken, um an solchen Hauptlinien auch mögliche gesellschaftliche Bündnispartner messen zu können. Diese zehn Punkte könnten sein:
<br /> 
<br /> 
<ol><li><p>Ein einklagbares und 	durchsetzbares Recht auf Arbeit, bei dem es neben der Verankerung 	als Verfassungsgebot einer entsprechenden gesetzlichen Richtschnur 	bedarf – auch als Antwort auf die asoziale Logik der 	Hartz-Gesetze. Dadurch sollen alle am Arbeitsmarkt zusammenwirkenden 	Komponenten daraufhin ausgerichtet werden, dass ein Mensch, der 	arbeitslos wird, nicht den aus seiner gelebten Erwerbsbiographie 	erwachsenen Schutz verliert. Nach einer kurzen und überschaubaren 	Zeit muss ihm immer die Rückkehr in eine bezahlte und 	sozialversicherte Arbeit gesetzlich ermöglicht werden.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="2"><li><p>Ein flächendeckender, 	einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn, der nach französischem 	bzw. britischem Modell, ohne Unterscheidung nach Geschlecht oder 	nach West und Ost sowie ohne jede Brancheneinschränkung 	auszugestalten ist, denn der Wert der menschlichen Arbeit darf nicht 	zerstört werden. Zehn Euro ist unsere Forderung für den 	gesetzlichen Mindestlohn, eine Untergrenze, die endlich die 	Schmutzkonkurrenz am Arbeitsmarkt wirksam unterbinden würde.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="3"><li><p>Ein armutsfestes und 	generationengerechtes Sozialversicherungssystem, darunter eine 	Rentenversicherung, die sämtliche Erwerbsquellen (einschließlich 	der derzeitigen Sonderversorgungssysteme bis hin zum 	Beamtenversorgungssystem) integriert. Wichtig und zentral ist, dass 	dies eine absolute Absage an jedes kapitalgedeckte System sein muss 	und dass die Armutsfestigkeit auch unter Zuhilfenahme von 	Steuermitteln garantiert werden muss. Keinem Menschen darf nach 	einem vollen Erwerbsleben zugemutet werden, in der Rentenphase als 	Bittsteller bei Sozialbehörden vorstellig werden zu müssen.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="4"><li><p>Die Umstellung der konkurrierenden 	Krankenkassen sowie die Einbeziehung des Pflegebereiches in ein 	einheitliches Versicherungssystem, das als moderne 	Bürgerversicherung so aufgebaut ist, dass aus jeder Einkommensart 	eines Bürgers ein Beitrag in diese moderne Bürgerversicherung 	für Gesundheit und Pflege eingezahlt werden muss. 	Beitragsbemessungsgrenzen sind genauso aufzuheben wie die 	Privilegierung durch Privatvorsorge oder Ausnahmetatbestände bei 	Selbstständigkeit.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="5"><li><p>Das Bildungssystem der 	Bundesrepublik Deutschland muss in seinen Hauptentwicklungslinien 	stärker angeglichen werden (wobei der Bildungsföderalismus gar 	nicht im Weg steht, wenn die Entwicklungsziele gemeinsam festgelegt 	und standardisiert sind). Längeres gemeinsames Lernen bis zur 	Klasse 10 unter Einbeziehung eines Hortangebotes sowie einer 	vorschulischen Betreuung, bei der pädagogische Konzepte schon im 	Kindergarten ansetzen. Das Prinzip »Auf den Anfang kommt es an« 	setzt ein anderes Bildungsverständnis voraus (das finnische 	Bildungssystem kann hierbei Pate stehen). Das Bildungssystem muss 	selbstverständlich gebührenfrei und staatlich ausfinanziert 	sein, 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – in der Verfassung 	verankert – sind jährlich nötig, um ein gut funktionierendes 	Bildungssystem zu realisieren . Zu diesen Investitionen zählen 	auch sämtliche Personalkosten für Lehrer, Erzieher, 	Schulpsychologen, Hausmeister, Küchenpersonal, den Menschen im 	Schulsekretariat oder auch in der Schulbibliothek. Die Schule als 	»Lern- und Lebensort« ist die Zielprojektion für diesen 	pädagogischen Aufbruch.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="6"><li><p>Das Studium an Universitäten, 	Fachhochschulen und Berufsakademien, Forschung und Entwicklung etc. 	müssen gebührenfrei sein, aber auch der innere Prozess an den 	Hochschulen, die Verbindung von Forschung und Lehre müssen sich 	wieder mehr am Humboldt’schen Bildungsideal als an der Verschulung 	durch den Bologna-Prozess orientieren.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="7"><li><p>Eine Demokratie lebt von der 	Vitalität ihrer Gemeinden und der sozialen Beziehung im 	ländlichen Raum. Gemeinden und Städte müssen in ihrer 	kommunalen Autonomie gestärkt werden, und durch 	Gemeindewirtschaftsrecht sowie den systematischen Auf- und Ausbau 	von Gemeinde- und Stadtwerken muss es zu einer Stärkung der 	kommunalen Ebene kommen. Das Steuerrecht, die Steuereinnahmen und 	die Steuerverteilung müssen so reformiert werden, dass zuerst das 	Fundament einer Demokratie, die kommunale Ebene, auskömmlich 	finanziert ist.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="8"><li><p>Der Atomausstieg muss mit den 	Prinzipien »regional, dezentral und regenerativ« ein völliges 	Umdenken in der Energieproduktion und -verteilung, beim 	Energiesparen und in der Energieeffizienz auslösen. Jede Region, 	jedes Dorf, jede Gemeinde muss soviel Energie und Wärme 	produzieren, wie in der eigenen Region verbraucht wird. Für das 	Einsparen von Energie muss es Anreizmodelle geben, soziale 	Ausgrenzungstatbestände gilt es, z.B. durch 	Genossenschaftsmodelle, zu überwinden.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="9"><li><p>Die künstliche Trennung zwischen 	ambulant und stationär im Gesundheitsbereich muss nachhaltig 	überwunden werden. Börsennotierten Anbietern im Gesundheitswesen 	ist der Markt zu entziehen. Wir brauchen im regionalen Bereich 	wieder mehr aufeinander abgestimmte Akteure im Gesundheitswesen 	unter Einschluss der Allgemeinmediziner, der Landärzte, der 	Gemeindeschwestern, aber auch im aktiven Zusammenwirken mit den 	Pflegeberufen. Ziel ist, dass nicht die Krankenhauskonzerne 	profitorientiert ihre Effizienz steigern, sondern der Patient oder 	der zu Pflegende in seinem sozialen Kontext den tatsächlichen 	Schwerpunkt ausmacht.</p> </li></ol>
<br /> 
<ol start="10"><li><p>Ein einheitliches Arbeitsrecht, 	bei dem Trennungen zwischen Arbeitern, Angestellten und Beamten 	konsequent überwunden werden und das vereinheitlicht sowie für 	jeden anwendbar und durchschaubar ausgestaltet wird. Die 	Atomisierung der Arbeitsverhältnisse und die »Miniaturisierung« 	von Großkonzernen führen dazu, dass Mitbestimmung und 	Mitgestaltung nicht einmal mehr den Namen wert sind. Ein 	selbstbewusster Arbeitnehmer, der Rechte hat, diese kennt und auch 	anwenden kann, ist Teil einer gelebten Demokratie. Emanzipation und 	Partizipation müssen der rote Faden sein, der sich durch all diese 	Anforderungen zieht, die wir als Partei an den gesellschaftlichen 	Veränderungsprozess stellen.</p> </li></ol>
<br /> 
Diese zehn Punkte sind beispielhaft aufgezählt, um daraus in Verbindung mit unserem Grundsatzprogramm abzuleiten, wofür unsere Partei steht und wofür wir als Mitglieder dieser Partei gemeinsam kämpfen. Die Frage, die wir uns stellen müssen und die wir uns ehrlich beantworten müssen, lautet: Wollen wir mit unseren Forderungen und Zielen als einem inhaltlichen Kompass Mehrheiten im gesellschaftlichen Diskurs erreichen? Wenn ja, dann müssen wir diese Strategie auch in den Mittelpunkt unserer politischen Arbeit stellen. Zu diesen Mehrheiten gehören dann auch Mehrheiten in den Gewerkschaften, Mehrheiten bei Arbeitskämpfen, Mehrheiten bei Kommunalwahlen, Mehrheiten bei Landtags- und Bundestagswahlen. Abstrakter und komplizierter wird es sicherlich auf der europäischen Ebene. Auf der lokalen Ebene müssen wir immer wieder sagen, wofür wir stehen, damit diejenigen, mit denen wir Bündnisse schließen können – sei es auf Zeit, sei es punktuell oder sei es in der Bewegung –, uns als verlässliche Partner erkennen, damit wir mit gemeinsamer Kraft den gesellschaftlichen Diskurs nach links verschieben.
<br /> 
Lasst uns nicht »im eigenen Saft schmoren«! Es wäre fatal, wenn wir am Schluss den Kampf nur noch untereinander führen. Es geht nicht darum, die Partei weiter nach links zu verschieben, sondern die Gesellschaft.
<br /> 
In diesem Sinne freuen wir uns, Euch in Erfurt zu Gast zu haben, in einer Stadt, in der unsere Partei alle vier direkt in den Landtag gewählten Abgeordneten und die Bürgermeisterin stellt, in einem Bundesland, in dem wir kommunalpolitisch fest verankert sind. Lasst uns gemeinsam aus Erfurt einen Aufbruch in eine kraftvolle Gesellschaftsdebatte wagen!
<br /> 
<i>Mit sozialistischen Grüßen,</i>
<i>Knut Korschewsky (Vorsitzender DIE LINKE. Thüringen und Mitglied des Thüringer Landtages)</i>
<i>und  </i>
<i>Bodo Ramelow (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Thüringer Landtag)</i>
<i>21. bis 23. Oktober 2011 in Erfurt</i>]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Politisches</category>
			<category>Partei &amp; Wahlen</category>
			<category>Grundsätze</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 14:28:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Solidaritätsschreiben für Lothar König</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/solidaritaetsschreiben-lothar-koenig/</link>
			<description>Lieber Lothar,liebe Menschen aus und von der Jungen Gemeinde, fast  drei Wochen nun liegt die...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Lieber Lothar,liebe Menschen aus und von der Jungen Gemeinde,&nbsp;fast  drei Wochen nun liegt die skandalöse Aktion der Dresdner  Staatsanwaltschaft und der sächsischen Polizei bereits zurück. Eine  Aktion staatlicher Repression und Verfolgung, die sich nicht nur gegen  einen seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagierten Menschen richtete,  sondern gleichzeitig Symbol für die Kriminalisierung eines legitimen  Widerstandes gegen Neofaschismus ist. Die Durchsuchungsaktion reiht sich  aber auch ein in eine Reihe von Angriffen der Dresdener  Staatsanwaltschaft und Polizei auf grundlegende politische Freiheits-  und Bürgerrechte, die nicht erst mit der millionenfachen Speicherung von  Handy-Verbindungsdaten begann.&nbsp;Viele  Reaktionen auf das insgesamt skandalöse Vorgehen sächsischer Behörden  aus der Zivilgesellschaft, aber auch aus Parteien, Gewerkschaften und  Kirchen waren ermutigend, solidarisierten sich mit Dir und Euch und  kritisierten das Vorgehen scharf. &nbsp;Bereits  in zwei Sitzungen wurde im Thüringer Landtag das Vorgehen und die  Verantwortlichkeit Thüringer Behörden bei der Durchsuchungsaktion  debattiert, bislang meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit und  unterer besonderen Verschwiegenheitspflichten. Eine Geheimhaltung, auch  der Informationen zur Thüringer Beteiligung an der skandalösen  Hausdurchsuchung in besonders geschützten Diensträumen, ist einer  notwendigen Aufklärung alles andere als zuträglich. Aus diesem Grund  bereiten wir derzeit eine parlamentarische Initiative für die nächste  Sitzung des Thüringer Landtages vor, um umfassende Aufklärung in der  Durchsuchungsaffäre zu erreichen. Denn Transparenz und Öffentlichkeit  sind Voraussetzung auch zur Vermeidung von Wiederholungsfällen. &nbsp;Lieber Lothar,&nbsp;ich möchte Dir und Euch die Solidarität und Unterstützung der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag versichern.&nbsp;Mit solidarischen Grüßen&nbsp;<br />Bodo Ramelow]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Politisches</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 30 Aug 2011 14:54:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Soviel jüdisches Leben in Erfurt gab es seit Jahrzehnten nicht</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/soviel-juedisches-leben-in-erfurt-gab-es-seit-jahrzehnten-nicht/</link>
			<description>Der Text ist in der Zweiten Ausgabe des DIG (Deutsch-Israelische Gesellschaft) Magazins vom Jahr...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Die Erfurter DIG war Mitinitiator und aktiver Partner bei einer Reihe jüdischer Veranstaltungen, mit denen einerseits eine Brücke zum jüdischen Leben geschlagen wurde und eine lebendige Brücke nach Israel gefestigt werden konnte.
Die 18. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur in Thüringen, veranstaltet vom Förderverein&nbsp; Alte und Kleine Synagoge Erfurt e. V., hatten zwischen dem 31. 10. und dem 17. 11. in acht Veranstaltungsstätten ein pralles Programm von weit über 50 Veranstaltungen. Von Klezmerimprovisationen aus Buenos Aires bis zum Kantorenkonzert in Weimar, von Filmprojekten über Begegnungs- und Vorlesungsabenden. Von Avi Primor bis zum Besuch von Avital Ben-Chorin gab es Begegnungen mit Israel und mit dem Judentum rund um den deutschesten aller Tage, dem 9. November.
Am 9. November versammelten sich Mitglieder der DIG mit der Jüdischen Landesgemeinde und den Vertretern aus Staat und Politik auf dem Erfurter Jüdischen Friedhof und am Abend des 9. Novembers wurde in Erfurt die 5. Gedenknadel vor einem Haus eines ermordeten jüdischen Deutschen errichtet. Die Arbeit und die Inspirationen zu den Gedenknadeln sind im Wesentlichen von Dr. Martin Borowski, dem Vorsitzenden der Erfurter DIG geprägt. Mit ihm zusammen und mit der aktiven Unterstützung des SPD-Oberbürgermeisters der Stadt Erfurt, Andreas Bausewein, und finanzieller Unterstützung durch den Justizminister Dr. Holger Poppenhäger, SPD, gelang es, rund um diese Tage aus Jerusalem Avital Ben-Chorin, eine gebürtige Eisenacherin, nach Thüringen einzuladen. Zu ihren Ehren gab es einen Empfang im Erfurter Rathaus und einen Besuch auf Einladung der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag. Am 12. 11. wurde dann in der Erfurter Synagoge der neue Thüringer Rabbiner Konstantin Pal in sein Amt eingeführt und den ganzen Tag war zu verschiedenen Gesprächen auch der Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs Prof. Dr. Walter Homolka in Erfurt. Der neue Rabbiner ist in Potsdam ausgebildet worden und es ist für die Stadt Erfurt und die Jüdische Landesgemeinde eine große Freude, nach 72 Jahren wieder einen eigenen Rabbiner zu haben.
Da Erfurt sich anschickt, mit seiner jüdischen Tradition und den originalen Orten des jüdischen Lebens sowie dem jüdischen Goldschatz in der alten Synagoge nun auch gemeinsam mit Worms, Speyer und Mainz den Antrag auf Registrierung im Weltkulturerbe zu erhalten, wird deutlich, wie viel jüdisches Leben Erfurt geprägt und mit wie viel Umsicht und Verantwortung heute diesem Thema gewidmet wird. Die dunkelsten Kapitel sind auch auf Erfurter Boden mit Topf und Söhne, dem Krematoriumsbauer der Nazimordmaschine, für das gerade eine Gedenkstätte eingerichtet wurde.
Avital Ben-Chorin nutzte die Gelegenheit, bei sehr vielen Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern über die Zeit der Vertreibung und Vernichtung zu reden, aber auch über die Notwendigkeit des gemeinsamen Dialogs. Darin kamen auch Sichten einer deutschen Jüdin auf das heutige Israel immer wieder zur Sprache und auch ihre Wahrnehmung, wie ungerecht und verkürzt die israelische Sicht im deutschen Alltag transportiert wird. Dazu gab es immer wieder Diskussionen und lebhafte Nachfragen. Gleichwohl wurde immer wieder deutlich, warum Avital Ben-Chorin den Staat Israel als zwingende Voraussetzung sieht, um Jüdin sein zu können, denn immerhin hat man sie in Deutschland faktisch gezwungen, sich zu entscheiden, als Jüdin zu emigrieren oder ermordet zu werden. Juden haben grausam lernen müssen, dass selbst die friedlichste Form des Zusammenlebens umschlagen kann in grausame Verfolgung und auch der Erfurter Goldschatz aus dem Mittelalter ist wunderschön anzusehen, aber Beweis und Beleg der Pogrome Deutscher gegen ihre jüdische Mitbevölkerung.
Ihre Schlussfolgerung lautet deshalb, dass Juden niemals mehr wehrlos sein dürfen und es wurde sehr deutlich, dass Unvergleichliches nicht verglichen werden kann. Fabrikmäßige Ermordung in KZ, ingenieurtechnische Vernichtung a la Topf und Söhne und der alltägliche Antisemitismus und Rassenwahn schwingen immer mit, wenn es solche Begegnungen gibt.
Deshalb ist der 9. November 1989 mit seiner Freude nie ohne den 9. November 1938 zu sehen. Und Avital Ben-Chorin wies darauf hin, dass schon am 1. April 1933 die Judenverfolgung los ging und viele Deutsche wegschauten. Die Verantwortung dafür bleibt und die Veranstaltungen zeigen, wie gut es ist, ein lebendiges Judentum heute wieder unter uns zu haben. Dazu spielt die Jüdische Landesgemeinde eine wichtige Rolle. Der neue Rabbiner ist ein Zeichen der Hoffnung und der Zukunft, aber die Brücke zwischen Deutschland und Israel, zwischen Erfurt und unserer Partnerstadt Haifa wird auch lebendig begleitet von unserer örtlichen Deutsch-Israelischen Gesellschaft.]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Religion &amp; Kirche</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 17 Aug 2011 16:53:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Energierevolution statt Grüner Kapitalismus</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/energierevolution-statt-gruener-kapitalismus/</link>
			<description>
Tagbucheinträge zum Thema
Beiträge von Bodo Ramelow mit dem Stichwort &quot;Energiepolitik&quot;...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<hr  />
<h2>Tagbucheinträge zum Thema</h2>
<link http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/?tx_t3blog_pi1[blogList][category]=144&cHash=60b75cef52445ee77883f355bed7c086 _top external-link "Öffnet einen Link in diesem Fenster">Beiträge von Bodo Ramelow mit dem Stichwort &quot;Energiepolitik&quot;</link> (Unter anderem zur Energietour und zur Energiekonferenz aber auch darüber hinaus.).<br />
<h2><br /></h2>
<h2>LINKE nächste Woche auf Energietour<br /></h2>
Nachdem die Linksfraktion mit großer öffentlicher Resonanz ihr  Energiekonzept vorgestellt und in einer ersten Runde mit  Experten diskutiert hatte, wird sie nun – wie schon länger geplant und  angekündigt – mit Akteuren vor Ort in Betrieben und Einrichtungen  beraten.<br />In diesem Zusammenhang hat die LINKE eine einwöchige  Thüringer Energietour vom 8 bis 12. August vorbereitet mit Stationen  bspw. in Sömmerda, dem Unstrut-Hainich-Kreis, Eisenach, Nordhausen,  Meiningen und Gera. Teilnehmer sind u.a. der Vorsitzende der Fraktion  DIE LINKE im Thüringer Landtag Bodo Ramelow, der wirtschaftspolitische  Sprecher Dieter Hausold, der energiepolitische Sprecher Manfred  Hellmann, die Bundestagsabgeordneten Ralph Lenkert und Frank Tempel.<br />Anspruch  der Linksfraktion ist es dabei weniger, die vielfältigen Möglichkeiten  Thüringens zu erleben, über die die Abgeordneten durch ihre Aktivitäten  in den Regionen einen guten Überblick haben. Sie wollen vor allem  erfahren, an welchen Stellschrauben für eine nachhaltige&nbsp; Energiewende –  sprich „Energierevolution“ – konkret gedreht werden muss. Entsprechende  Überlegungen sollen in eine überarbeitete Fassung des LINKEN  Energiekonzeptes einfließen.<br />An der Auftaktpressekonferenz zur LINKEN  Energietour nehmen teil: Fraktionsvorsitzender Bodo Ramelow,  Wahlkreisabgeordneter Ralf Hauboldt und der Vertreter der Sömmerdaer  Energieversorgung Holger Harting.<br /><br /><b>Ort: Sömmerda, Rathaussaal,  Marktplatz 3<br />Zeit: Montag, 8. August, 10 Uhr</b><br /><br />Wir würden  uns freuen, Sie zu unserer Pressekonferenz begrüßen zu können. <br />Im  Abschluss beginnt die Tour bei der Sömmerdaer Energieversorgung (11.30  Uhr) sowie der Fertigungs- und Entwicklungs GmbH (FEG) in Sömmerda (15  Uhr).
<ul><li><media 4615>Stationen während der Energietour</media></li></ul>
<hr   />
Die bei einem Pressegespräch mit Fraktionschef Bodo Ramelow und dem  energiepolitischen Sprecher Manfred Hellmann am Dienstag erstmals  vorgestellte Konzeption der LINKEN „Energierevolution statt Grüner  Kapitalismus“ wurde interessiert aufgenommen, schließlich ist die  Energiewende in aller Munde. Der Linksfraktion geht es um einen  „geordneten Ausstieg, der Einstieg ist in einen dauerhaften Umstieg in  eine dezentrale, regionale und regenerative Energieerzeugung und  -versorgung“, wie Bodo Ramelow betonte. Er sprach von einer  Energierevolution, die in Thüringen bereits in den nächsten Jahren  25.000 Arbeitsplätze generieren könnte. Unser Bundesland habe die besten  Voraussetzungen dafür, das erste zu werden, das sich aus 100 Prozent  erneuerbaren Energien versorgt. 
<br />Manfred Hellmann, auch  ehrenamtlicher Bürgermeister der Solarkommune Viernau, unterstrich, dass  es der LINKEN dabei auf ein Energiesystem ankomme, das einen für alle  Bürger „erschwinglichen Strom erzeugt“. Er bezeichnete die  Energiekonzerne als „Dinosaurier der Energiegeschichte“.
<h2>Präsentationen auf der Energiekonferenz am 18.6.2011</h2>
<ul><li><media 4366>Margit Jung - Energiewende in Deutschland</media> </li><li><media 4368>Petra Enders - Energieautarkes Großbreitenbach</media></li><li><media 4367>Ralph Lenkert - Atomausstieg in 4 Jahren</media><br /></li></ul>
<h2><strong><strong>Publikationen und Positionspapiere</strong></strong></h2>
<ul><li><media 4365 - external-link-new-window>Energiekonzept  &quot;Energierevolution statt Grüner Kapitalismus&quot; herunterladen</media></li><li><link http://www.die-linke-thl.de/nc/themen/positionspapiere/detail/zurueck/positionspapiere/artikel/martina-renner-demokratie-statt-kriminalisierung/ _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">13.12.2010: Demokratie statt  Kriminalisierung</link></li><li><link http://www.die-linke-thl.de/nc/themen/positionspapiere/detail/zurueck/positionspapiere/artikel/masterplan-fuer-eine-energiewende-in-thueringen/ _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">06.08.2009: Masterplan für eine  Energiewende in Thüringen</link><br /></li><li><media 4364 _top external-link-new-window>07.03.2009: Thüringer Energieoffensive -  ein Plan für die Zukunft</media></li></ul>]]></content:encoded>
			<category>Grundsätze</category>
			<category>Texte</category>
			<category>Politisches</category>
			<category>Wirtschaft</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 31 May 2011 15:59:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Nach vorn! Gemeinsam.</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/nach-vorn-gemeinsam/</link>
			<description>Unter dem Titel &quot;Nach vorn! Gemeinsam.&quot; haben die Vorsitzenden der Landtagsfraktionen der LINKEN...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein politischer Zwischenruf</h3>
<br />Unsere Partei braucht eine neue politische Kultur der Auseinandersetzung und Debatte, sie braucht ein Miteinander in der offenen Auseinandersetzung mit der Gegenwart und bei allen Differenzen gemeinsam gegangene mutige Schritte nach vorn. Auf diesem Weg könnten wir aus der jetzigen Krise finden. Die Botschaft der letzten geringen Wahlerfolge an DIE LINKE heißt für uns: Ändert euch, damit ihr stark bleiben könnt. Politische Stärke erweist sich nicht im internen Schlagabtausch und Machtkampf, politische Stärke zeigt sich besonders in der Fähigkeit, aus schwierigen Situation heraus zu finden.<br /><br /><i>Solidarische Politik – Kultur der Solidarität:</i> Als im zurückliegenden Jahrzehnt die Sorgen und die Empörung über die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der damaligen Bundesregierungen sprunghaft wuchsen, stieg zugleich der Druck auf alle politischen Kräfte, die dem Widerstand entgegensetzen wollten und nach einer neuen sozialen Idee suchten, dieser Kritik politischen Ausdruck und Wirksamkeit zu verschaffen. Linke unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Erfahrungen in Deutschland schlossen sich zusammen, bildeten gemeinsam die Partei DIE LINKE und traten solidarisch und vereint an die Seite der Bürgerinnen und Bürger. Trennendes und ungelöste Fragen waren zurück gestellt, weder erledigt noch vergessen, aber die Partei um das offenkundig Verbindende herum organisiert worden. Was für den Moment des Beginns richtig war, führt in Stillstand, politische Blockaden und engstirnige Machtkämpfe, wenn es nicht durch eine produktive Debatte aufgelöst und zusammen geführt wird. Deswegen brauchen wir jetzt ein neues, solidarisches Miteinander – ein gemeinsamen Aufbruch auf der Basis des Erreichten, über Trennendes hinweg und hin zu Antworten auf die Fragen von heute und morgen. In unserer pluralistischen Partei hat nicht eine oder einer, nicht eine Generation oder eine Gruppierung allein die einzig mögliche Lösung. Wir können sie nur in fairem, respektvollen Umgang miteinander aushandeln und finden – anhand gemeinsamer Kriterien, anhand gemeinsamer Grundwerte von Demokratie und Menschenwürde.<br /><br /><i>Offene Auseinandersetzung mit der Gegenwart:</i>&nbsp; Die noch lange nicht ausgestandene Weltfinanzkrise, der schärfer und bald komplizierter werdende Streit um die Energiewende und der nötige sozialökonomische und –ökologische Strukturwandel, die Fragen nach der sozialen Beherrschung der Globalisierung oder auch die neuen, starken Momente demokratischen Engagements machen deutlich: Das Feld konkreter gesellschaftspolitischer Herausforderungen ist breit, theoretisch einleuchtende Antworten sind noch längst keine politischen. Die inakzeptablen Antworten der Schröder-Regierung auf einen Teil der Fragen&nbsp; sind heute eben auch nur noch ein Teil des Problems. Die Wiederholung alter Grundsätze allein genügt jetzt nicht. Gefragt sind die auf die Höhe der Zeit gebrachten Fähigkeiten, die DIE LINKE in der Auseinandersetzung mit der rot-grünen Reformpolitik stark gemacht haben: die Zeichen der Zeit zu erkennen, Organisation und Debatten konsequent auf politische Handlungsfähigkeit auszurichten.<br /><i><br />Mutige Schritte nach vorn:</i> Die heutigen Herausforderungen brauchen dringend aktuelle linke Antworten – auch als praktikable, überzeugende und mobilisierende Angebote zur politischen Gestaltung in Gegenwart und Zukunft. Der Mut einer Partei erweist sich nicht darin, dass sie sich mutig nennt, sondern in der politisch und gesellschaftlich spürbaren&nbsp; Kraft zum Aufbruch hier und heute. Keine Herausforderung dieser Zeit ist zu groß, als dass selbst eine kleine Partei wie DIE LINKE sich vor ihr drücken dürfte. Kein die Menschen bedrückendes Alltagsproblem ist zu klein, als dass eine engagierte Partei wie DIE LINKE es ignorieren dürfte. Wir wollen zum Motor gesellschaftlicher Veränderungen werden – das ist der Anspruch. Der Motor aber erfüllt seine Aufgabe ja nicht allein und für sich, sondern erst wenn er ein ganzes Fahrzeug mit vielen Passagieren in Bewegung setzt. Vor allem aber muss er gestartet werden, ehe die Reise beginnt – und nicht im Leerlauf bleiben. Sonst kommt niemand ans Ziel. <br /><br /><b>Es ist Zeit zu handeln.</b> Es mangelt derzeit nicht an Deutungsversuchen zum Zustand unserer Partei. Es mangelt nicht an Kritik gegenüber Zuständen und Personen. Es mangelt nicht an Rufen nach Verbesserung. Es mangelt nicht einmal mehr an Bereitschaft zur Veränderung in den eigenen Reihen. Jetzt wollen und dürfen wir nicht weiter Zeit verlieren.<br /><br />Drei Schritte stehen jetzt auf der Tagesordnung:<br /><br />Erstens: Den Aufbruch organisieren. Die Vorstände von Bundespartei, Landes- und Kreisverbänden sind hier gemeinsam gefordert. Darum muss es gehen, wenn ihre Vertreter in den nächsten Tagen und Wochen zusammen treffen. Schuldzuweisungen sind keine Analysen, Selbstrechtfertigung darf nicht mit Bewahrung der Identität der Partei verwechselt werden. Was zum Verständnis von Parteientwicklung und Wahlverhalten auf dem Tisch liegt, muss für politische Schlussfolgerungen über Organisation, Struktur und thematische Aufstellung der LINKEN aufbereitet werden. Entscheidungen gehören dann in die dafür statuarisch verantwortlichen Gremien.<br /><br />Zweitens: Die in der Programmdebatte doch erkennbare Vitalität, die Ideen Vieler in der Partei müssen genutzt werden. Die abschließende Phase des Meinungsstreits ist auch eine große Chance, das Gedankengut der LINKEN bekannt zu machen, dafür zu werben und in einem öffentlichen Dialog auch dabei und daraus zu lernen. Wer schon Angst vor der Verbesserung eigener Textentwürfe erkennen lässt, setzt sich zwangsläufig dem Argwohn aus, er sei erst recht zu schwach für tatsächliche politische Veränderung.<br /><br />Drittens: Einstieg in die Strategie-Debatte – jetzt. Bei Wahlen die Reihen zu schließen bedeutet doch nicht die Aufforderung an Parteien zur Intransparenz – im Gegenteil. Die Berlinerinnen und Berliner, die Bürgerinnen und Bürger in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen haben doch einen Anspruch darauf zu erfahren, was DIE LINKE aus der derzeitigen Stagnation gelernt hat. Die noch ausstehenden Wahlkämpfe sind zudem eine gute Gelegenheit, mit Wählerinnen und Wählern über ihre Erwartungen an unsere Partei zu diskutieren. Die abschließende Phase der Programmdebatte sollte ohnehin organisch mit der Frage verbunden werden, was denn die ausgearbeiteten Grundsätze für die politische Aufstellung der LINKEN bedeuten.<br /><br />Lasst uns also diese drei Schritte miteinander zügig gehen, um bundesweit weiter wirkungsvoll in die Politik einzugreifen. Wir - DIE LINKE – tragen einen großen Teil Verantwortung dafür, dass die neue soziale Idee mehr ist, als eine unerfüllbare Hoffnung.<br /><i><br />19. April 2011 - Kreszentia Flauger (Niedersachsen) / Kerstin Kaiser (Brandenburg) / Willi van Ooyen (Hessen) / Bodo Ramelow (Thüringen) </i>]]></content:encoded>
			<category>Texte</category>
			<category>Grundsätze</category>
			<category>Politisches</category>
			<category>Partei &amp; Wahlen</category>
			<category>Politisches</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 20 Apr 2011 14:49:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Ramelow: Ich lasse mich nicht als Ihr Feigenblatt benutzen!</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/ramelow-ich-lasse-mich-nicht-als-ihr-feigenblatt-benutzen/</link>
			<description>In einem heute veröffentlichten offenen Brief kritisiert Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender der...</description>
			<content:encoded><![CDATA[In einem heute veröffentlichten offenen Brief kritisiert Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Thüringer Landtag, die sogenannte &quot;Extremismus-Theorie&quot; und den &quot;Kampf gegen die demokratische Linke&quot; durch Politikwissenschaftler wie zum Beispiel Prof. Dr. Eckhard Jesse von der Universität Chemnitz. Ihnen wirft Ramelow vor, sich auf einem &quot;Kreuzzug&quot; gegen DIE LINKE zu befinden, zugleich das Agieren der extremen Rechten zu verharmlosen und geschichtsklitternde Thesen zu vertreten. Jesse hatte den Politiker Ramelow jüngst gebeten, eine Besprechung des Verfassungsschutzberichtes für seine Zeitschrift &quot;Jahrbuch Extremismus &amp; Demokratie&quot; zu verfassen. Mit dem offenen Brief lehnte Ramelow dies nun ab. Darin heißt es unter anderem: &quot;Ich verweigere mich dem Versuch, mich als Ihr Feigenblatt benutzen zu lassen, um Ihrer Arbeit einen pluralen und objektiven Anstrich zu geben.&quot;
<link http://www.freitag.de/politik/1113-ich-m-chte-daf-r-nicht-das-feigenblatt-sein _blank external-link-new-window "Öffnet einen externen Link in neuem Fenster">Tom Strohschneider im &quot;Freitag&quot;: Ich möchte dafür nicht das Feigenblatt sein</link>
<br />
<h2 class="anreisser"><strong>Dokumentiert: Offener Brief von Bodo Ramelow an Prof. Dr. Jesse, 30. März 2011</strong></h2>
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Jesse, sehr geehrte Damen und Herren,<br /><br />Ihrer Bitte, eine Besprechung des Verfassungsschutzberichtes des Jahres 2009 des Bundesamtes für Verfassungsschutz für Ihr Jahrbuch „Extremismus &amp; Demokratie“ zu verfassen, werde ich nach reiflicher Überlegung nicht nachkommen. Denn das von Ihnen gemeinsam mit Prof. Dr. Uwe Backes und Prof. Dr. Alexander Gallus seit 1989 herausgegebene Jahrbuch ist kein geeigneter Ort, um mich kritisch und aus einer demokratischen Perspektive mit der Arbeit des Verfassungsschutzes auseinanderzusetzen. Um es gleich deutlich zu sagen: Ich verweigere mich dem Versuch, mich als Ihr Feigenblatt benutzen zu lassen, um Ihrer Arbeit einen pluralen und objektiven Anstrich zu geben.<br /><br />Seit Jahren muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Sie als ein Vertreter der „Totalitarismustheorie“ und als sogenannter „Extremismusexperte“ linke Positionen mit rechtsextremer und gar neonazistischer Hetze gleichsetzen. Zugleich unterstellen Sie meiner Partei, einen „weichen Extremismus“ zu vertreten, der politisch gefährlicher sei als der „harte Extremismus“ der NPD, erst unlängst bei einer Veranstaltung des Landesamtes für Verfassungsschutz in Erfurt.<br /><br />Mit der von Ihnen und in Ihrem „Jahrbuch“ vertretenen „Extremismustheorie“ verharmlosen Sie Rassismus, Neonazismus und rechtsextreme Gewalt. Dabei ist Ihre Theorie in der Wissenschaft höchst umstritten. Der renommierte Historiker Prof. Dr. Wolfgang Wippermann nannte sie einen „Politologentrug“ und schrieb: „Extremismus ist nicht nur kein Rechtsbegriff, er ist ein politischer Begriff für ein real gar nicht existierendes Phänomen, das von einigen Politologen erfunden wurde, die diese ihre Erfindung auch noch völlig unzureichend begründet haben“. Mit dem politisch motivierten Kampfbegriff des Extremismus behindern Sie die notwendige Analyse rechter Ideologien, anti-egalitäre Einstellungsmuster in anderen politischen Strömungen und der gesellschaftlichen „Mitte“ und leugnen damit gleich auch noch die historische Verantwortung der konservativen Eliten am deutschen Faschismus. Politische Einstellungen der „Mitte“ können in Ihrer Definition nicht „extremistisch“ sein, denn nicht menschenverachtende und antiegalitäre Haltungen sind Gegenstand Ihrer Forschung, sondern allein der durch Sie selbst definierte „Extremismus“. Dabei wird der auch in der „Mitte“ der Gesellschaft virulente Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus, wie ihn die Studien der Universitäten Jena („Thüringen Monitor“) und Bielefeld („Deutsche Zustände“) immer wieder feststellen, vollkommen ignoriert. Leider hat die überholte „Totalitarismus-“ und „Extremismustheorie in den letzten Jahren wieder eine Aufwertung in der öffentlichen Debatte erfahren.<br /><br />Politisch unerträglich ist es, wie Sie Kritik an der „Extremismustheorie“ zurückweisen und den Kritikern unterstellen, selbst mit dem Verfassungsstaat auf Kriegsfuß zu stehen. Damit entziehen Sie sich einer kritischen Auseinandersetzung und machen all diejenigen, die nicht Ihren Ansatz teilen, zu „Extremisten“. Die Wissenschaftler Prof. Dr. Alex Demirovic und Paulina Bader kritisierten im „Freitag“ diese Auffassung als demokratiegefährdend: „Diejenigen, welche die gegenwärtige Form der Demokratie für unzureichend halten, werden als Extremisten mit den Rechten gleichgesetzt und von den braven Demokraten geschieden.“ Mit Ihrer Logik sind Sie Stichwortgeber für die Bundesfamilienministerin Schröder und die „Antiextremismuserklärung“, die Gesinnungsschnüffelei zur Grundlage der Förderpolitik bei den so bitter notwendigen Programmen gegen Rechtsextremismus und für Demokratie macht.<br /><br />Durch Ihre Arbeit zieht sich der rote Faden des staubigen und antidemokratischen Antikommunismus des „Kalten Krieges“. Während Sie die Gefahr der extremen Rechten<br /><br />kontinuierlich klein reden, betreiben Sie mit Ihrem „Jahrbuch“ einen Kreuzzug gegen die PDS bzw. DIE LINKE. Immer wieder rücken Sie in Ihren Vorträgen und Aufsätzen meine Partei in die Nähe zu rechtsextremen und neonazistischen Organisationen. In einem Atemzug nennen Sie ungeniert Die Republikaner oder die NPD mit der LINKEN. „Sowohl die PDS als auch die REP wurzeln in extremistischem Grund. Beide Parteien verbindet vor allem ihr Extremismus“, schrieb beispielsweise der Autor Harald Bergsdorf in einem skandalösen Artikel in Ihrem „Jahrbuch“. Die seien gar politische „Geschwister“. Als untrügerisches Kennzeichen für politischen Extremismus gilt ihm, dass die PDS den Kapitalismus „diskreditiere“. Extremist ist also, wer den Kapitalismus zu kritisieren wagt.<br /><br />In Thüringen sind 2010 und 2011 bislang 26 Anschläge und Attacken auf Wahlkreisbüros demokratischer Abgeordneter sowie auf Büros demokratischer Parteien verübt worden. Erstes Ziel der offenbar fast ausschließlich rechtsextrem motivierten Taten ist DIE LINKE und ihre Abgeordneten – 15 Attacken galten allein meiner Partei. Und vor wenigen Wochen stellte Thüringens Innenminister Jörg Geibert (CDU) die aktuellen Zahlen politisch motivierter Gewalt im Jahr 2010 vor. Von 1403 Fällen waren 1002 explizit „rechtsextrem“ motiviert - das sind mehr als 71 % der gezählten Taten. Keinem politischen Spektrum konnten 105 Fälle zugerechnet werden, 20 % werden vom Innenministerium als „linksextrem“ gewertet. An diesem Punkt teile ich wirklich die Auffassung des Thüringer Innenministers. Er stellte vor dem Hintergrund der Zahlen erneut fest, die „Hauptgefahr“ für die offene und demokratische Gesellschaft gehe von Rechtsextremen aus. Gerade hier in Thüringen, im Schatten des KZ Buchenwald und auf dem Gebiet des ehemaligen NS-Mustergaus, stehen Demokraten in der historischen Verantwortung, jeder Relativierung antidemokratischer Bestrebungen einen Riegel vorzuschieben. Antifaschismus ist für mich daher eine Verpflichtung und nicht wie für Sie Synonym für Verbrechen.<br /><br />Ihre kontinuierliche Verunglimpfung der Partei DIE LINKE als „extremistisch“, Ihre feste Verankerung bei den Verfassungsschutzämtern, den politischen Stiftungen von CDU und CSU sowie im direkten Umfeld der Sächsischen CDU-Landesregierung offenbart Ihre politischen Ziele, die Sie wissenschaftlich verbrämen. Offen haben Sie bei der Gründung Ihres „Jahrbuches“ eingeräumt, mit Ihrer Arbeit explizit auf „Praktiker (Politiker, Ministerialbeamte, Sicherheitskräfte, Pädagogen)“ abzuzielen und ihnen „Impulse“ für ihr Handeln zu geben. Für Sie fällt auch eine Koalition auf Landesebene von SPD und PDS / DIE LINKE unter das Problem des „Extremismus“. Zur Koalition der Parteien in Mecklenburg-Vorpommern ab 1998 schrieben Sie: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ist eine demokratische Partei eine Koalition mit einer extremistischen Partei eingegangen.“ Damit sei „der Linksextremismus hoffähig gemacht“ worden. So mischen Sie sich mit Ihrer durch Steuergelder subventionierten und symbiotisch mit den Innenbehörden verknüpften Arbeit in konkrete Politik ein. So wird man schnell zum Haus- und Hoftheoretiker und Stichwortlieferanten der CDU und der Sächsischen Landesregierung. Und das ist es, weswegen Ihre Arbeit und die Forschung des von der CDU-Landesregierung gegründete „Hannah-Arendt-Instituts“ unter der stellvertretenden Leitung von Herrn Backes bis heute immer wieder im Fokus der Kritik von Wissenschaftlern steht. „Munitionsfabrik gegen die PDS“ (taz, 28.02.2002), „Das Hannah-Arendt-Institut im Griff der Politik“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2001) oder „Verknöcherung bei den Forschungsthemen“ (Die Welt, 05.12.2010) – das sind die Schlagworte, wenn über die gut ausgestattete Forschungseinrichtung berichtet wird.<br /><br />Auf der einen Seite warnen Sie in alarmistischem Ton vor der Linken und gefallen sich als Vordenker des Anti-Antifaschismus. Auf der anderen Seite verharmlosen Sie die extreme Rechte. So warnten Sie vor „Alarmismus“ in der Debatte über die NPD, lehnten als Gutachter im NPDVerbotsverfahren ein Verbot der neonazistischen Partei ab, beklagten Kritik am Antisemitismus schon mal als „hysterische Reaktion“, diffamierten in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (06.05.2010) friedliche Sitzblockaden gegen Neonaziaufmärsche als undemokratisch, sehen in den „Verhaltensweisen von Repräsentanten des Judentums“ einen Grund für das Erstarken des Antisemitismus und halten die extrem rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ „im Kern des demokratisch-konservativen Spektrums“ angesiedelt. Und Sie glauben sogar, dass „jüdische Organisationen … Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung [brauchen], um für ihre Anliegen Gehör zu finden (…)“. Eine unglaubliche Behauptung.<br /><br />In Ihrem „Jahrbuch“ finden sich in den vergangenen Jahren gleich mehrere ausgesprochene Vertreter der extremen Rechten als Autoren. 1990 boten Sie Harald Neubauer, bis August 1990 bayerischer Landesvorsitzender der offen rassistischen Partei Die Republikaner, Mitglied des Europäischen Parlaments für die Partei und zuvor Mitglied der NPD und Funktionär der DVU, ein Forum dafür, seine Partei gegen antifaschistische Kritik zu verteidigen und als „verfassungstreu“ darzustellen sowie Position „gegen Überfremdung“ zu beziehen. Auch der „neu rechte“ Autor Rainer Zitelmann, der CDU-Rechtsausleger mit Sympathien für Rechtsextreme Hans-Helmuth Knütter sowie der Chef der Republikaner, Rolf Schlierer, fanden in Ihrer Publikation Platz. Schlierer konnte dort sogar behaupten, die Kritik an rechtsextremer Hetze diene nur dazu, „eine Herrschaft weniger Parteien (zu) zementieren“. Für diese angeblich „leisen Nebentönen“ in seinem Beitrag wurde Schlierer von Ihnen sogar noch gelobt! Entsetzt stellte der Journalist Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ während der NPD-Verbotsdebatte fest, dass Sie, Herr Jesse, immer wieder durch „Bagatellisierung des Rechtsextremismus“ auffallen (06.02.2002).<br /><br />&nbsp;<br /><br />Besonders deutlich wurde Ihr geschichtspolitisches Ziel mit dem Sammelband „Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus“, das Sie 1990 gemeinsam mit Herrn Backes und dem „neu-rechten“ Rainer Zitelmann herausgaben. Der Band wurde zu einem der Leitwerke einer jungen Generation junger, „neu-rechter“ Historiker und Politologen, die nach der Vereinigung einer Nationalisierung deutscher Politik das Wort redeten und eine neue Lesart deutscher Geschichte etablieren wollten. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte das Buch ein „Standardwerk des gemäßigten Geschichtsrevisionismus“. Der Nationalsozialismus galt hier als „Modernisierungsschub“ und dessen Verbrechen wurden eine &quot;Historisierung&quot;, nichts anderes als einer Bagatellisierung, unterworfen: „Die Rituale einer falschen Unterwürfigkeit müssen überwunden werden“, hieß es. „Wertneutral“ müsse diese Epoche deutscher Geschichte nun betrachtet werden. In diesem Zusammenhang kritisierten Sie auch die Indizierung von Schriften, die die Verbrechen des NS relativieren. Der Historiker Prof. Dr. Wolfgang Wippermann, Sie hätten sich an den rechten und revisionistischen Bestrebungen einiger neurechter Ideologen beteiligt, „die Schrecken des Dritten Reiches durch Betonung seiner angeblich modernen, progressiven und insgesamt eben »auch guten Seiten« zu relativieren“.<br /><br />Sehr geehrter Herr Dr. Jesse, in Ihren Schriften, Vorträgen und in Ihrem Agieren finden sich so viele Belege dafür, dass Sie zumindest ein „ziemlich unkritisches Verhältnis zur rechten politischen Szene“ (Heribert Prantl) pflegen – ich habe hier nur einige beispielhaft genannt. Sie werden verstehen, dass ich Ihren Kampf gegen die demokratische Linke nicht unterstützen möchte. Ihr „Jahrbuch“ ist für mich kein geeigneter Publikationsort. Ihre Beschwichtigungen gegenüber der neonazistischen NPD sind skandalös, Ihre Nähe zur Rechten offenbar. Dass auch zahlreiche demokratische und seriöse Wissenschaftler, Publizisten und Experten in Ihrem „Jahrbuch“ publizieren, ist mir bekannt. Ich möchte meinen Namen dennoch nicht in die Autorenliste Ihrer Zeitschrift einreihen, zwischen führenden Aktivisten der extremen Rechten, Vertretern der „Extremismustheorie“ oder Verfassungsschützern, die mich seit Jahrzehnten fortgesetzt zu Unrecht und ohne jede Erkenntnisse meine Person betreffend beobachten.<br /><br />Mit freundlichen Grüßen, Bodo Ramelow
<br />
<media 3822>Der Text als PDF.</media><br />]]></content:encoded>
			<category>Demokratie</category>
			<category>Texte</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 31 Mar 2011 12:52:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Im Geist des kalten Krieges –  Im Namen der &quot;Streitbaren Demokratie&quot;</title>
			<link>http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/artikel/im-geist-des-kalten-krieges-im-namen-der-streitbaren-demokratie/</link>
			<description>Bundesverwaltungsgericht: Verfassungsschutz-Beobachtung Bodo Ramelows (MdB) und der Linkspartei ist...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der Geist des Kalten Kriegs ist auch 20 Jahre nach dessen Ende noch immer nicht überwunden. Diese Erkenntnis bestätigt ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG), das im Juli 2010 für Aufsehen und ungute Erinnerungen sorgte. Die Staatsschutzsprache dieses Urteils erinnert jedenfalls stark an das KPD-Verbotsurteil aus dem Jahre 1956. Jetzt ist einmal mehr das Bundesverfassungsgericht gefordert.
<br /> 
Das Gerichtsverfahren, das nun vorläufig vor dem Bundesverwaltungsgericht endete, hatte Bodo Ramelow, früherer Gewerkschaftsfunktionär in Hessen, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der Thüringer Linksfraktion, mit seiner Klage gegen das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Gang gesetzt. Sein Ziel: die Rechtswidrigkeit seiner über zwei Jahrzehnte langen geheimdienstlichen Beobachtung gerichtlich feststellen zu lassen. In den ersten beiden Instanzen vor dem Verwaltungsgericht (VG) Köln (Az. 20 K 5429/07–20 K 3077/07) und dem Oberverwaltungsgericht Münster (OVG NRW; Az. 16 A 845/08) hatte er persönlich weitgehend Recht bekommen: Das Gericht hielt seine nachrichtendienstliche Ausforschung als Abgeordneter der Linkspartei nach einer einzelfallbezogenen Rechtsgüterabwägung für rechtswidrig, weil diese gezielte Verfassungsschutz-Maßnahme – obwohl nicht grundsätzlich unzulässig – gegen den Verfassungsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit verstoße: Es liege eine unverhältnismäßige «Dauerbeobachtung vor, wenn sich nach umfassender Aufklärung durch eine mehrjährige Beobachtung der Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen nicht bestätigt hat und die für die Beobachtung maßgeblich tatsächlichen Umstände im Wesentlichen unverändert geblieben sind».
<br /> 
Gleichzeitig aber ließ das OVG – ungeachtet des Parteienprivilegs nach Art. 21 GG – die Beobachtung der Linkspartei zu, weil es «tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen innerhalb der Partei» gebe. Die Linkspartei bilde, so das Gericht, einen «Nährboden» für verfassungsfeindliche Bestrebungen, die auf eine Veränderung der bestehenden Machtverhältnisse («sozialistische Revolution»), auf eine «sozialistisch-kommunistische Gesellschaftsordnung» und damit auf die Beseitigung von Verfassungsgrundsätzen (durch eine «Diktatur des Proletariats im klassisch marxistisch-leninistischen Sinne») abzielten (§ 4 II BverfSchG).
<br /> 
<b>STIGMATISIERUNG ALS VERFASSUNGSFEIND ZUR RETTUNG VON REPUBLIK UND DEMOKRATIE</b>
<br /> 
Die Sache ging in Revision vor den 6. Senat des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG). Dort aktualisierte der Anwalt des Verfassungsschutzes (VS), Prof. Wolfgang Roth, sein erklärtes Feindbild «Linkspartei»: Deren «absolute Aversion», den Ex-Stasi-Unterlagenbeauftragten Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten zu wählen (2010), zeuge von ihrer extremistischen Gefährlichkeit. Ihre mangelnde Distanzierung von der DDR, ihre ausdrückliche Solidarisierung mit Kuba und die Annäherung an extremistische Organisationen im In- und Ausland (etwa DKP oder PKK) kämen, so schon das OVG, verschärfend hinzu. Angesichts solcher Laster hält der VS-Anwalt eine politische Stigmatisierung der Linkspolitiker, die eine VS-Beobachtung objektiv auslöst, für unerlässlich und segensreich, denn: Hätte es damals 1933, als Hitler die Macht ergriff, schon eine «positive Stigmatisierung» verfassungsfeindlicher Parlamentarier gegeben, wie jetzt im Fall der Linken, «dann hätte vielleicht die Republik und die Demokratie gerettet werden können».
<br /> 
Dieses Mal sollen Republik und Demokratie offenbar vor dem Aufstieg der Linkspartei und ihren Abgeordneten gerettet werden, um künftig eine Rückkehr des Sozialismus zu verhindern. Tatsächlich urteilte das BVerwG am 21.07.2010 (Az. 6 C 22.09) überraschenderweise komplett zu Ungunsten des Klägers Bodo Ramelow, hob die Urteile der Vorinstanzen insoweit auf und wies seine Klage in vollem Umfang ab. Die systematische Informationserfassung über die gesamte politische Betätigung des «Spitzenfunktionärs» sei verhältnismäßig und damit rechtmäßig – obwohl er längst keinerlei Parteifunktionen mehr innehat. Das Schutzziel, «verfassungsfeindliche Bestrebungen innerhalb der Partei DIE LINKE aufzuklären», ließe sich «ohne eine Beobachtung des Klägers als einer ihrer Spitzenfunktionäre nicht ebenso effektiv erreichen»; das heißt: «Die Gefahrenabschätzung wäre nicht in gleicher Weise möglich» (Rndr. 86). Schließlich rundeten erst Erkenntnisse über das Verhalten von Spitzenfunktionären der Partei das «Gesamtbild der Partei» ab (Rdnr. 88, 105).
<br /> 
Selbst eine Dauerbeobachtung sei in diesem Fall zulässig: «Die Erhebung von (weiteren) Informationen über den Kläger ist nicht deshalb ungeeignet, weil sie sich über zehn Jahre erstreckt und fortdauert, ohne beim Kläger selbst verfassungsfeindliche Bestrebungen aufgedeckt zu haben.» Denn: «Der Kläger betätigt sich nach wie vor politisch in einer Partei, bei der auch aktuell tatsächliche Anhaltspunkte für gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Bestrebungen vorliegen» (Rnr. 85).
<br /> 
Fazit des Gerichts aus dieser Zweckmäßigkeitserwägung: Ramelows Beobachtung «war und ist erforderlich» (S. 42), obwohl diese Dauerüberwachung sich längst zu einer Gefahr für die rechtsstaatlich verfasste Demokratie ausgewachsen hat. Der auch dem Gericht als verfassungstreu geltende Kläger dürfe selbst in seiner Funktion als Abgeordneter gezielt und vorsorglich ausspioniert werden, ebenso andere Bundes- und Landtagsabgeordnete – und die gesamte pluralistische Linkspartei mit ihren 80.000 Mitgliedern und mehr als fünf Millionen Wählern ohnehin.  
<br /> 
<b>EIGENTLICHES BEOBACHTUNGSZIEL: DIE LINKE</b>
<br /> 
Und genau hier ist der springende Punkt: Das eigentliche Beobachtungsobjekt ist DIE LINKE, denn sie sei in ihrer Zielsetzung von linksextremistischen innerparteilichen Strömungen wie der Kommunistischen Plattform, dem Marxistischen Forum oder der Linksjugend `solid erheblich beeinflusst, so das Gericht in Anlehnung an die insoweit revisionsfeste Vorentscheidung des OVG, die allerdings diesbezüglich ohne Beweise auskam. Diese Gruppierungen, obgleich nicht mehrheitsfähig, hätten innerhalb der «innerlich zerrissenen» Partei angeblich «Einfluss von nennenswertem Gewicht», weshalb die Gesamtpartei zu Recht unter scharfe Beobachtung gestellt werde – und damit alle ihre Mitglieder unter Generalverdacht.  
<br /> 
Die weit gefassten Ermächtigungsnormen des Bundesverfassungsschutzgesetzes machen offenbar eine solch ausgedehnte VS-Beobachtungstätigkeit möglich – zumindest dann, wenn sie gerichtlich nicht wirksam begrenzt, sondern auch noch uferlos ausgelegt werden. Die Bundesverwaltungsrichter beziehen sich bei ihrer höchstrichterlichen Rechtfertigung dieser Vorfeldpraktiken auf das herrschende Präventiv-Prinzip der «Streitbaren Demokratie» (Rnr. 24), in deren Namen im Laufe der Jahrzehnte schon viel Unrecht geschehen ist – erinnert sei nur an die exzessive Kommunistenverfolgung der 1950er und 60er Jahre durch Geheimdienste, Polizei und Justiz (vgl. dazu u.a. Gössner, Die vergessenen Justizopfer des Kalten Kriegs, Berlin 1998).
<br /> 
Das Bekenntnis einzelner Gruppierungen innerhalb der Linkspartei zu einer Gesellschaftsordnung, «in welcher die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft und der Mensch nicht länger ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist», hält das Bundesverwaltungsgericht für in hohem Maße verdächtig, weil es sich um das Bekenntnis zu einem «Sozialismus im Marx’schen Sinne» handele (Rnr. 41). Auch die dort gehegte «Hoffnung auf das Entstehen einer revolutionären Stimmung in Deutschland» lässt bei Gericht die Alarmglocken schrillen: Wer den «Kampf um eine gerechtere Welt schwerpunktmäßig außerhalb der Parlamente» betreiben wolle, sei, so sinngemäß, antiparlamentarisch und damit verfassungsfeindlich. (Rdn. 43, 48).
<br /> 
<b>UNVERDÄCHTIG – ABER NAIV UND GEFÄHRLICH WIE ÜBERZEUGUNGSTÄTER</b>
<br /> 
Und so dürfen nun also alle Funktionäre der Linkspartei zeitlich fast unbegrenzt geheimdienstlich ausgeforscht werden, egal, ob ihnen selbst «Verfassungsfeindliches» vorgeworfen oder angedichtet wird, oder – wie im Fall Ramelow – eben nicht. Denn in den Augen der Richter unterstützen selbst über jeden Verdacht erhabene Spitzenfunktionäre «objektiv letztlich auch die Kräfte in der Partei, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind» (kurz: fdGO; Rdnr. 87). Nach dieser ehrverletzenden Konstruktion des «nützlichen Idioten» gibt es keine «Unverdächtigen». Denn ebenso gefährlich wie Personen, die der fdGO feindlich gegenüberstehen oder sie beseitigen wollen, «können Personen sein, die selbst auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen, jedoch bei objektiver Betrachtung durch ihre Tätigkeit verfassungsfeindliche Bestrebungen fördern, ohne dies zu erkennen … Eine derartige Person, die nicht merkt, wofür sie missbraucht wird, kann für den Bestand der freiheitlichen demokratischen Grundordnung genauso gefährlich sein wie der Überzeugungstäter» (BVerwGE, S. 35, Rndr. 69, mit Verweis auf BVerwGE 122, 182 ff, 191).
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Zwar berge die nachrichtendienstliche Beobachtung von Abgeordneten, so sind sich die Richter durchaus bewusst, «erhebliche Gefahren im Hinblick auf ihre Unabhängigkeit und auf die Mitwirkung der betroffenen Parteien bei der politischen Willensbildung und damit für den Prozess der demokratischen Willensbildung insgesamt» (PM 64 des BVerwG 21.07.2010); schließlich geht es beim verfassungsrechtlichen Schutz des freien Mandats auch um die Funktionsfähigkeit des Parlamentes sowie darum, dass Wähler/innen Kontakt zu Abgeordneten aufnehmen können, ohne dabei fürchten zu müssen, selbst zum Objekt heimlicher Beobachtung zu werden. Doch sei das Gewicht der stigmatisierenden Nachteile für einen Abgeordneten dadurch gemindert, so das Gericht, dass das BfV sich im Fall Ramelow (angeblich) auf offene Beobachtung beschränke, also keine geheimen Mittel anwende, und den Kern parlamentarischer Arbeit ausnehme. Die verbleibenden Nachteile seien für den Betroffenen zumutbar, schließlich werde er auch nicht in seiner persönlichen Lebensführung betroffen (Rnr. 103 ff.). Da hilft dann auch kein Verweis mehr auf das Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts (Rdnr. 98), das auch eine offene Informationsbeschaffung als nachteilig für die politische Betätigung bewertete: «Wer sich beobachtet weiß und damit rechnen muss, dass seine Worte gesammelt und ausgewertet werden, verhält sich beispielsweise bei politischen Äußerungen oder der Unterschrift unter Aufrufe möglicherweise zögerlich oder ängstlich», könne sich jedenfalls in seiner politischen Arbeit gehemmt fühlen und auf die Wahrnehmung von Grundrechten verzichten (BVerfGE 65, 1 ff., 43) – ganz abgesehen davon, dass eine öffentlich bekannte VS-Beobachtung regelmäßig Ausgrenzungsreflexe von Politikern anderer politischer Couleur und der Öffentlichkeit gegenüber den betroffenen «Zielpersonen» auslöst.
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<b>IM ZWEIFEL CONTRA FREIHEIT UND PERSÖNLICHKEITSSCHUTZ</b>
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Solche verfassungsrechtlichen Einwände hinsichtlich der verunsichernden oder gar (selbst-)zensurierenden Folgen einer Beobachtung und Datenerfassung haben offenbar dann keine argumentative Chance, wenn für die Rechtmäßigkeit der Beobachtung die «existentielle Bedeutung» und das «besondere Gewicht des Schutzes der freiheitlichen demokratischen Grundordnung» in die Waagschale geworfen wird sowie «der Umstand, dass der Kläger ein führender Funktionär der Partei» sei (was im Übrigen längst nicht mehr stimmt; d.V.): Deshalb dürfe die «erforderliche Erhebung von Informationen durch den Verfassungsschutz auf den Kläger als eines ihrer herausgehobenen Mitglieder erstreckt werden» (Rnr.13). Auch der Grundsatz des freien Mandats und die Statusrechte des Abgeordneten (Art. 38 GG) stünden dem nicht entgegen – selbst wenn in diesem Fall das Kontrollprinzip «Legislative kontrolliert Exekutive» praktisch ins Gegenteil verkehrt wird. Der «zusätzliche Erkenntnisgewinn» über extremistische Strömungen in der Linkspartei stehe, so der Vorsitzende Richter, «in einem angemessenen Verhältnis zur Belastung für den Abgeordneten», der sich somit alle innerparteilichen Strömungen zurechnen lassen muss. Im Übrigen müsse auch Beachtung finden, dass die Tätigkeit des Verfassungsschutzes «verfassungsrechtlichen Rang» habe, da er institutionell (Art. 87 Abs. 1 Satz 2 GG) und mit seinen Aufgaben (Art. 73 Abs. 1 Nr. 10 b GG) im Grundgesetz Erwähnung finde (Rdnr. 72).
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Der selbst als verfassungstreu geltende Bodo Ramelow wird auf diese Weise vom «Virus» der Verfassungsfeindlichkeit erfasst, darf also instrumentalisiert und verdachtsunabhängig ausgespäht werden, um Erkenntnisse über die Linkspartei zu gewinnen: Wie entwickeln sich die radikalen Kräfte, in welche Richtung bewegt sich die Partei und könnte sie sich künftig gar zu einer verfassungsfeindlichen Organisation mausern? Und wie verhält sich Ramelow gegenüber den antikapitalistischen und sozialistischen Parteigruppierungen, in denen etwa über die Verstaatlichung wichtiger Wirtschaftszweige debattiert wird – während, am Rande bemerkt, Bundeskanzlerin Merkel und ihre Regierungsmehrheit die Verstaatlichung so genannt notleidender, aber als systemrelevant geltender Banken längst in die Tat umgesetzt haben. Wobei im Übrigen der Kapitalismus ohnehin nicht zu den verbrieften Kernelementen und den zu schützenden Verfassungswerten gehört, zumal Art. 15 GG die Vergesellschaftung von Grund und Boden, Naturschätzen und Produktionsmitteln ausdrücklich zulässt. Solche Forderungen der Linken oder anderer politischer Kräfte stellen daher – anders als etwa die nach einer sozialistischen «Diktatur des Proletariats» – keinen Verstoß gegen die «freiheitliche demokratische Grundordnung» dar, genauso wenig wie Kapitalismuskritik und antikapitalistische Politik.  
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<b>VERFASSUNGSBESCHWERDE IN EINEM FALL VON BESONDERER BEDEUTUNG</b>
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Bodo Ramelow zog inzwischen vor das Bundesverfassungsgericht, um dieses nachrichtendienstlicher Logik verfallene Staatsschutzurteil zu kippen und dem Geheimdienstspuk sowie seinen stigmatisierenden, ausgrenzenden und domestizierenden Wirkungen ein Ende zu bereiten. In der Verfassungsbeschwerde vom 5.10.2010 haben sein Anwalt Dr. Peter Hauck-Scholz und der Staatsrechtler Prof. Dr. Hans-Peter Schneider (Universität Hannover) deutlich gemacht, dass das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts den Beschwerdeführer Bodo Ramelow in seinen Grundrechten und grundrechtsgleichen Rechten aus Art. 2 I GG (Informationelle Selbstbestimmung) in Verbindung mit dem Willkürverbot (Art. 3 I) und dem Rechtsstaatsprinzip (Art. 20 III, 28 I) sowie aus Art. 38 I GG (Abgeordnete als unabhängige Volksvertreter, die nur ihrem Gewissen unterworfen sind) verletzt. Das Urteil enthalte fehlerhafte Wertungen und Abwägungen zwischen widerstreitenden Verfassungsgrundsätzen des freien Mandats und der streitbaren Demokratie, die willkürlich, denkgesetzlich nicht nachvollziehbar und damit rechtsstaatswidrig seien. So werde dem Beschwerdeführer ein effektiver Rechtsschutz versagt. Im Übrigen verstießen die einschlägigen Eingriffsnormen des Bundesverfassungsschutzgesetzes mangels Normklarheit und bereichsspezifischer Regelung gegen das Rechtsstaatsprinzip nach Art. 
20 III, 28 I GG.
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Das Bundesverfassungsgericht hat nun in dieser Angelegenheit von grundsätzlicher verfassungsrechtlicher Bedeutung die Gelegenheit, dieses staatsschützerische Unwerturteil mit Abschreckungseffekt im politischen Meinungskampf zu kippen, dem Persönlichkeitsrecht und der Informationellen Selbstbestimmung von Bodo Ramelow, der freien Meinungsäußerung und dem freien Mandat des Abgeordneten sowie dem Parteienprivileg wieder volle Geltung zu verschaffen. Das höchste Gericht hätte damit wieder einmal, wie schon so oft in den vergangenen Jahren, die Möglichkeit, die grassierende Relativierung von Grundrechten und Verfassungswerten im Geheimdienst- und Staatsschutz-Interesse zu unterbinden; das Gericht sollte dem Verfassungsschutz dabei endlich auch klarmachen, «dass es die DDR nicht mehr gibt» (Gregor Gysi) und der Kalte Krieg seit über 20 Jahren zu Ende ist.  
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Dr. Rolf Gössner wurde selbst fast vier Jahrzehnte vom Bundesamt für Verfassungsschutz und anderen Verfassungsschutzbehörden beobachtet. Sein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Köln gegen die Bundesrepublik Deutschland steht Anfang 2011 in erster Instanz kurz vor dem Abschluss. Rolf Gössner ist Vizepräsident der Internationalen Liga für Menschenrechte (Berlin; www.ilmr.de). Er lebt als Rechtsanwalt, Publizist und parlamentarischer Berater in Bremen. Seit 2007 stellvertretendes Mitglied des Bremischen Staatsgerichtshofs der Freien Hansestadt Bremen sowie Mitglied/stellvertretender Sprecher der Deputation für Inneres der Bremischen Bürgerschaft (Landtag) und der Stadtbürgerschaft. Sachverständiger in Gesetzgebungsverfahren des Bundestags und von Landtagen. Mitherausgeber des jährlich erscheinenden «Grundrechte-Report. Zur Situation der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland» und als solcher mit der Theodor-Heuss-Medaille 2008 ausgezeichnet. Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher zum Thema Demokratie, «Innere Sicherheit» und Bürgerrechte, zuletzt: Menschenrechte in Zeiten des Terrors. Kollateralschäden an der «Heimatfront», Hamburg 2007. Internet: <link http://www.rolf-goessner.de/>www.rolf-goessner.de</link>
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«Die Akte Gössner und andere Geheimdienst-Geheimnisse»  
Rolf Gössners Überwachungsgeschichte  
«Verfassungsschutz in Aktion» ist nachzulesen in:  
Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik/Kultur/Wirtschaft,   
Nr. 22 v. 30.10.2010   
www.sopos.org/aufsaetze/4cd2964854b77/1.phtml 
www.ossietzky.net oder www.sopos.org/ossietzky/  
Verlag Ossietzky GmbH , Weidendamm 30 B, 30167 Hannover  
Tel. 0511 1234777, Fax 0511 2155126, ossietzky@interdruck.net
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<b>IMPRESSUM  </b>
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STANDPUNKTE wird herausgegeben von der  
Rosa-Luxemburg-Stiftung und erscheint unregelmäßig  
Redaktion: Marion Schütrumpf-Kunze   
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Fax -122 · m.schuetrumpf@rosalux.de · www.rosalux.de
ISSN 1867-3163 (PRINT), ISSN 1867-3171 (INTERNET)
<br />
<b>LITERATUR/DOKUMENTE:</b>  
Bommarius, Ein miserables Urteil, in: Frankfurter Rundschau  
22.07.2010, S. 13.  
Bundesverwaltungsgericht vom 21.07.2010 (Az. 6 C 22.09) un-
ter: www.bverwg.de/enid/510d6c5aa4bb5b1d016930ade0edde
45,6c12b1655f76696577092d0964657461696c093a096d-
6574615f6e72092d09393839093a095f747263696409
2d093133333232/Entscheidungen/Entscheidung_8n.html   
Bundesverwaltungsgericht, Pressemitteilung Nr. 64 vom  
21.07.2010  
Gössner, Verfassungsschutz in Aktion, in: Ossietzy»   
Nr. 22/30.10.2010; Auszüge daraus: Gössner, Unter Dauer-
beobachtung, in: Junge Welt 1.11.2010 (Thema), S. 10 f.  
Hirsch, Der Abgeordnete Ramelow und das Bundesamt für   
Verfassungsschutz, in: Grundrechte-Report 2011, Frankfurt/M.  
(Mai) 2011  
Kutscha, Verfassungsschutz tut Not, in: Blätter für deutsche und  
internationale Politik Nr. 9/2010, S. 21 ff.  
Möllers, Anmerkung zum BVerwG-Urteil vom 21.07.2010,   
in: JZ (JuristenZeitung) 1/2011, S. 48 ff.  
Wogawa, Die Akte Ramelow. Ein Abgeordneter im Visier   
der Geheimdienste, Berlin 2007]]></content:encoded>
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			<pubDate>Wed, 16 Feb 2011 14:29:00 +0100</pubDate>
			
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