Die Erfurter DIG war Mitinitiator und aktiver Partner bei einer Reihe jüdischer Veranstaltungen, mit denen einerseits eine Brücke zum jüdischen Leben geschlagen wurde und eine lebendige Brücke nach Israel gefestigt werden konnte.
Die 18. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur in Thüringen, veranstaltet vom Förderverein Alte und Kleine Synagoge Erfurt e. V., hatten zwischen dem 31. 10. und dem 17. 11. in acht Veranstaltungsstätten ein pralles Programm von weit über 50 Veranstaltungen. Von Klezmerimprovisationen aus Buenos Aires bis zum Kantorenkonzert in Weimar, von Filmprojekten über Begegnungs- und Vorlesungsabenden. Von Avi Primor bis zum Besuch von Avital Ben-Chorin gab es Begegnungen mit Israel und mit dem Judentum rund um den deutschesten aller Tage, dem 9. November.
Am 9. November versammelten sich Mitglieder der DIG mit der Jüdischen Landesgemeinde und den Vertretern aus Staat und Politik auf dem Erfurter Jüdischen Friedhof und am Abend des 9. Novembers wurde in Erfurt die 5. Gedenknadel vor einem Haus eines ermordeten jüdischen Deutschen errichtet. Die Arbeit und die Inspirationen zu den Gedenknadeln sind im Wesentlichen von Dr. Martin Borowski, dem Vorsitzenden der Erfurter DIG geprägt. Mit ihm zusammen und mit der aktiven Unterstützung des SPD-Oberbürgermeisters der Stadt Erfurt, Andreas Bausewein, und finanzieller Unterstützung durch den Justizminister Dr. Holger Poppenhäger, SPD, gelang es, rund um diese Tage aus Jerusalem Avital Ben-Chorin, eine gebürtige Eisenacherin, nach Thüringen einzuladen. Zu ihren Ehren gab es einen Empfang im Erfurter Rathaus und einen Besuch auf Einladung der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag. Am 12. 11. wurde dann in der Erfurter Synagoge der neue Thüringer Rabbiner Konstantin Pal in sein Amt eingeführt und den ganzen Tag war zu verschiedenen Gesprächen auch der Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs Prof. Dr. Walter Homolka in Erfurt. Der neue Rabbiner ist in Potsdam ausgebildet worden und es ist für die Stadt Erfurt und die Jüdische Landesgemeinde eine große Freude, nach 72 Jahren wieder einen eigenen Rabbiner zu haben.
Da Erfurt sich anschickt, mit seiner jüdischen Tradition und den originalen Orten des jüdischen Lebens sowie dem jüdischen Goldschatz in der alten Synagoge nun auch gemeinsam mit Worms, Speyer und Mainz den Antrag auf Registrierung im Weltkulturerbe zu erhalten, wird deutlich, wie viel jüdisches Leben Erfurt geprägt und mit wie viel Umsicht und Verantwortung heute diesem Thema gewidmet wird. Die dunkelsten Kapitel sind auch auf Erfurter Boden mit Topf und Söhne, dem Krematoriumsbauer der Nazimordmaschine, für das gerade eine Gedenkstätte eingerichtet wurde.
Avital Ben-Chorin nutzte die Gelegenheit, bei sehr vielen Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern über die Zeit der Vertreibung und Vernichtung zu reden, aber auch über die Notwendigkeit des gemeinsamen Dialogs. Darin kamen auch Sichten einer deutschen Jüdin auf das heutige Israel immer wieder zur Sprache und auch ihre Wahrnehmung, wie ungerecht und verkürzt die israelische Sicht im deutschen Alltag transportiert wird. Dazu gab es immer wieder Diskussionen und lebhafte Nachfragen. Gleichwohl wurde immer wieder deutlich, warum Avital Ben-Chorin den Staat Israel als zwingende Voraussetzung sieht, um Jüdin sein zu können, denn immerhin hat man sie in Deutschland faktisch gezwungen, sich zu entscheiden, als Jüdin zu emigrieren oder ermordet zu werden. Juden haben grausam lernen müssen, dass selbst die friedlichste Form des Zusammenlebens umschlagen kann in grausame Verfolgung und auch der Erfurter Goldschatz aus dem Mittelalter ist wunderschön anzusehen, aber Beweis und Beleg der Pogrome Deutscher gegen ihre jüdische Mitbevölkerung.
Ihre Schlussfolgerung lautet deshalb, dass Juden niemals mehr wehrlos sein dürfen und es wurde sehr deutlich, dass Unvergleichliches nicht verglichen werden kann. Fabrikmäßige Ermordung in KZ, ingenieurtechnische Vernichtung a la Topf und Söhne und der alltägliche Antisemitismus und Rassenwahn schwingen immer mit, wenn es solche Begegnungen gibt.
Deshalb ist der 9. November 1989 mit seiner Freude nie ohne den 9. November 1938 zu sehen. Und Avital Ben-Chorin wies darauf hin, dass schon am 1. April 1933 die Judenverfolgung los ging und viele Deutsche wegschauten. Die Verantwortung dafür bleibt und die Veranstaltungen zeigen, wie gut es ist, ein lebendiges Judentum heute wieder unter uns zu haben. Dazu spielt die Jüdische Landesgemeinde eine wichtige Rolle. Der neue Rabbiner ist ein Zeichen der Hoffnung und der Zukunft, aber die Brücke zwischen Deutschland und Israel, zwischen Erfurt und unserer Partnerstadt Haifa wird auch lebendig begleitet von unserer örtlichen Deutsch-Israelischen Gesellschaft.