Wahlkampf ohne Maß
Berliner Zeitung
Kommentar von Brigitte Fehrle in der Berliner Zeitung: Dieter Althaus (CDU), der Ministerpräsident von Thüringen, hat sich einen sachlichen Wahlkampf gewünscht. Für sich. Er wollte nicht, dass sein “Unfall”, wie er den von ihm verschuldeten, für die Mutter eines einjährigen Kindes tödlichen Zusammenstoß auf der Skipiste nennt, von seinen politischen Gegnern thematisiert wird. Er hat damit recht. Und erfreulicherweise haben sich seine Konkurrenten daran gehalten.
Nicht daran gehalten hat sich Althaus selbst. Er spricht in der Boulevardpresse frei über sein Seelenheil. Er bekennt, dass er täglich für die Tote betet und ihr Grab besucht hat. Und er teilt uns mit, dass er sich nach dem Tod auf der Skipiste nochmal neu in seine Frau verliebt hat. Da macht sich ein Täter zum Opfer, zu einem, der durch die Tat zum besseren Menschen wurde. Das ist ekelhaft. Auch, weil die Läuterung nicht weit reicht. Spätestens vor seinen politischen Gegnern macht sie Halt. Althaus hat nichts dagegen unternommen, dass die Junge Union in Thüringen eine Kampagne gegen den Spitzenkandidaten der Linken angezettelt hat, die mit falschen Tatsachenbehauptungen operierte. Bodo Ramelow musste ein Gericht bemühen, um die wild gewordenen JU-Mitglieder zu stoppen.
So mancher hat sich gefragt, wie ein Politiker, ein Ministerpräsident zumal, nach einer körperlichen, aber vor allem seelischen Krise, und nach so kurzer Zeit, zu einer Normalität zurückkehren kann, in der notgedrungen das banale Wort oder die zugespitzte Provokation zum Alltagsgeschäft gehört, wie er also Wahlkampf machen kann. Althaus hat es uns gezeigt. Indem er das Maß verliert. Und über Leichen geht.