Politisches

Alptraum vom christlichen Sozialismus

WELT am SONNTAG
In der protestantischen Kirche werden bisweilen Träume geträumt, die man seit dem Zusammenbruch der DDR eigentlich für erledigt gehalten hätte.

Alpträume nach Art der “Kirche im Sozialismus”, wie sie im Osten Deutschlands installiert werden sollte - mit Hilfe vieler williger Vollstrecker auch im Innern der Kirche selbst. Ein Vorfall, der sich jetzt in Thüringen ereignete, beleuchtet grell die nicht nur klammheimliche Linksnostalgie einer protestantischen Amtsträgerin. Die Erfurter Pröpstin Elfriede Begrich hatte auf dem Neujahrsempfang der Linkspartei im Erfurter Augustinerkloster Kommunisten und Christen eine “ursprungsalte Affinität” zugesprochen und von einem “Menschheitstraum” geredet, “der durch die Jahrhunderte nie ausgerottet werden konnte”. Daß es dieses Amalgam aus völlig Gegensätzlichem tatsächlich immer wieder gegeben hat, wer würde das bestreiten?

Vor allem die in Südamerika so populäre Befreiungstheologie stellt eine, allerdings höchst fragwürdige und brisante, oft mit revolutionärer Gewalt exekutierte Verbindung von sozialrevolutionären und christlich-emanzipatorischen Zielen dar. So bezog sich die Theologin in ihrer Rede denn auch folgerichtig auf den kubanischen Diktator Fidel Castro, der die Befreiungstheologie immer offen unterstützt habe.

Das zentrale Bekenntnis der Pröpstin stammt aber von dem Sozialdemokraten Adolf Grimme, der vor hundert Jahren gesagt hatte, ein Sozialist könne Christ sein, aber ein Christ müsse Sozialist sein. Es empörte nicht nur viele Gläubige in Erfurt, sondern vor allem auch den evangelischen Landesbischof Christoph Kähler, der sich von diesen Äußerungen sogleich distanzierte. Auch CDU-Fraktionschefin Christine Lieberknecht, selbst eine ehemalige Pastorin, nutzte die Chance, der PDS-nahen Pröpstin “politische Instinktlosigkeit” und eine Verhöhnung “der Opfer sozialistischer Diktaturen” vorzuwerfen.

Am treffendsten und für Elfriede Begrich wohl am schmerzlichsten formulierte Ehrhart Neubert, früherer Bürgerrechtler und vor allem bekannt geworden durch seine Recherchen auf den Spuren von Manfred Stolpes Stasi-Verwicklung, sein Verdikt.

Die Erfurter Pröpstin, schrieb Neubert in seinem Beschwerdebrief an den Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, verstoße mit ihrer Sympathieerklärung für den Kommunismus gegen die Barmer Theologische Erklärung, nach der die Kirche neben dem Wort Gottes “keine anderen Mächte, Gestalten und Wahrheiten anerkenne”. Der Kommunismus könne im übrigen heute nicht mehr gedacht werden ohne seine blutige und verbrecherische Geschichte, zu der auch die Verfolgung von Christen gehöre.

Bischof Noack erwägt nun kirchenrechtliche Schritte gegen seine Mitarbeiterin.

Artikel erschienen am 22. Januar 2006 in WELT am SONNTAG

Sonntag, 05. Februar 2006
Schlüsselwörter: Religion & Kirche
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